Redaktion

Der Weg zur Weltklasse: Adam Lewis

10.04.2019

Kann der Flügelschlag des Schmetterlings einen Sturm entfachen? Vor dem Hintergrund von Adam Lewis’ Geschichte könnte man diesen Eindruck tatsächlich gewinnen. Welche Kleinigkeiten jene Naturgewalt entfesselt haben, die 2017 fast über die gesamte Wave-Elite hereinbrach, lest ihr im surf-Interview.

Solide – dieses Attribut wäre in anderen Metiers eine Auszeichnung. Im Spitzensport wird es meist dann bemüht, wenn Athleten beschrieben werden sollen, die unbestritten würdige Vertreter ihres Fachs sind – ehrliche Arbeiter, von denen man weiß was man bekommt – aber eben keine Spitzenkräfte.

Auch der 30-jährige Brite Adam Lewis war so ein „solider“ Typ gewesen – seit 2011 im Worldcup dabei und mit Platzierungen zwischen 26 und 14 durchaus respektabel unterwegs, einer der von allen Top-Fahrern ernstgenommen und geschätzt, am Ende aber doch besiegt worden war.

2017 wurde aus „solide“ plötzlich „Weltklasse“ – Adam Lewis fegte wie eine Naturgewalt durchs Feld der Top-Favoriten und verwüstete mit Siegen gegen Alex Mussolini, Marcilio Browne, Jaeger Stone oder Ricardo Campello gleich mehrere WM-Träume.

Der Einstieg 2011 in den Worldcup war schwer. Ohne große Sponsoren war das Reisebudget knapp, zu Beginn nächtigte er auf dem Boden im Apartement von Kumpel Ben Proffitt.

Im surf-Interview spricht er über die Angst vor dem Heat, den endlosen Weg zum perfekten Doppelloop und darüber, wie Kleinigkeiten das große Ganze lenken.

26, 13, 14, 15, 14, 14 – das sind nicht die Zusatzzahlen vom Samstagslotto in diesem Jahr...

(Lacht) Ich nehme an, das sind meine Platzierungen am Ende der letzten Jahre seit ich im Worldcup dabei bin.

Bei den letzten Ziehungen 2017 und 2018 stand da die 5 und die 6. Einfach mal Glück gehabt? Oder was steckt hinter dem Aufschwung?

Gute Frage (überlegt lange): Wahrscheinlich weil ich mich Anfang des Jahres 2017 verletzt habe.

Das klingt nicht ganz logisch!

Ich hatte mir Anfang 2017 zwei Brüche zugezogen sowie einige Bänder im Knöchel gerissen und heute glaube ich, dass dies ein Wendepunkt in meiner Karriere gewesen ist. Ich habe dadurch Vieles überdacht, wurde aus meinem Trott rausgerissen und habe mir auch unbequeme Fragen gestellt: Wo will ich als Sportler hin? Reicht es mir, weiterhin zwischen Platz zehn und 20 rumzudümpeln? Bin ich wirklich konkurrenzfähig mit den Besten? Die Antwort war „Nein“!

Reden wir hier von körperlichen oder psychologischen Dingen?

Von beidem. Bezüglich der physischen Vorbereitung wurde mir irgendwann klar, dass es nicht reicht, zwei Monate vor den Events mal ins Fitnessstudio zu rennen. Nach meiner Verletzung habe ich mir mit Cornwall High Performance einen Spezialisten an die Seite geholt, normalerweise trainieren die Rugby- und Football-Profis. Nun trainiere ich dauerhaft, auch an den Flautentagen während der Events.

Adam Lewis steht auf Roadtrips, auch im Winter: Einsame Spots, tolle Kulissen ...

Das Training auf dem Wasser lässt sich nicht wirklich simulieren und du kannst im freien Surfen stundenlang am Stück draußen sein. Warum muss man in die Muckibude, um fit für einen 12-Minuten-Heat zu sein?

Wenn ich mein Level beim freien Surfen betrachte, hat sich durch das regelmäßige Krafttraining nicht viel geändert. Fakt ist aber, dass das Level auf der Tour so hoch wie nie ist. Aus den Top-16 kann jeder jeden an einem guten Tag schlagen. Bei einem 12-Minuten-Heat hast du nicht viele Chancen, einen guten Score zu machen und machmal ist es Spitz auf Knopf: Du machst einen 360er und steckst im Weißwasser fest und dann entscheidet es sich: Kannst du jede Faser deines Körpers anspannen, dein Rigg rauswuchten und den Move beenden? Dann bewerten die Judges es hoch. Schaffst du es gerade so nicht, ist es eben auch auf dem Zettel nur ein Versuch. Das gleiche bei den Sprüngen – im Extremfall kann der gleiche Sprung einen Meter höher oder niedriger über Weiterkommen oder Ausscheiden entscheiden. Und natürlich bekommst du mit jedem bisschen mehr Power auch etwas mehr Selbstvertrauen. Es geht darum, die kleinen Puzzleteile zusammenzufügen, um ein großer Wettkämpfer zu werden.

Bist du heute auch im Kopf besser vorbereitet als früher? Du wirkst vor deinen Heats extrem gelassen.

Früher war ich vor meinen Heats ex­trem aufgewühlt. Regelmäßig war mir schlecht vor Aufregung. Besonders als ich 2014 ins internationale Team von Fanatic und North gewechselt bin, habe ich mich extrem unter Druck gesetzt. Ich wollte es allen beweisen, dass ich es verdient hatte, dabei zu sein. Heute weiß ich, dass man mir vertraut, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Mittlerweile habe ich vor dem Surfen ein kleines Ritual etabliert: Kopfhörer drauf und stretchen! Dadurch schotte ich mich ab und bin körperlich von der ersten Minute voll da.

Welche Mucke kommt bei dir vor dem Heat auf die Ohren?

Das ist komplett unterschiedlich. Alles von Adele bis Black Sabbath.

Auch der Double Forward ist ein Trumpf den du mittlerweile spielen kannst. Ist auch dies ein Puzzleteil deines Aufstiegs?

Fest steht: Der Double ist noch immer der Move, der den Unterschied macht, er gilt immer als „Hau-ruck-Move“, den man sich nur trauen muss. Wenn man aber mal ehrlich ist, gibt es weltweit bis heute nicht mal eine Handvoll Surfer, die ihn wirklich beherrschen. Fernandez, Campello, Brawzinho und natürlich Köster. Danach kommt eine größere Gruppe von Fahrern, zu der ich mich auch zähle: An guten Tagen stehe ich zehn von zehn, an schlechten Tagen nur fünf von zehn – und ich habe keine Ahnung warum das so ist (lacht).

Adam Lewis in Aktion

Was macht den Sprung so schwer?

(Überlegt lange) Ich dachte viel zu lange, es käme nur darauf an, maximal dichtzuziehen und sich einfach zu trauen, nach der ersten Rotation weiter festzuhalten. Wenn man da so rangeht, ist der erste Doppelloop nicht so schwer – konstant stehen wird man ihn so aber nicht, denn es passiert in der Luft noch viel mehr. Die Kunst ist es, den Körper genau in die passende Position im Verhältnis zur Segelkraft zu bekommen. Die besten Fahrer passen sich in der Luft immer an die jeweilige Situation an. Der Doppelloop ist technisch und psychologisch extrem schwierig.

Aktuell stehen einige Fahrer vor dir im PWA-Wave-Ranking. Worum beneidest du diese?

Philip Köster würde ich gerne seine Doppelloops klauen! Er kann sie über einen Chop oder mit einem 6er-Segel, das ist der Wahnsinn. Victor Fernandez und Jaeger Stone bewundere ich für ihren Flow, die Art wie sie Manöver und Turns so flüssig miteinander verbinden – etwas, das ich nicht so kann. Brawzinho hat in meinen Augen den meisten Style auf der Welle. Er macht unglaubliche Sachen. Genau genommen macht er ziemlich viele Sachen, die ich nicht kann (lacht). Noch dazu kann er alles beidseitig.

Du warst lange ein Teneriffa-Local, jetzt hat es dich zurück nach Cornwall verschlagen. Warum?

Nach dem College war ich kein sonderlich guter Windsurfer, dafür aber umso motivierter einer zu werden. Ich bin damals nach Teneriffa, weil ich dort beim heutigen TWS (Tenerife Windsurf Solutions, Center in El Medano, die Red.) arbeiten konnte. Das hab ich dann einge Jahre gemacht, hab für Point-7 getestet und auch für englische Magazine. Dabei habe ich viel darüber gelernt, was ich selbst gerne fahre. Dann habe ich eine Wildcard für den PWA-Event auf Teneriffa bekommen und die Super Session gewonnen. In diesem Moment war klar: Ich muss es als Pro versuchen. Jetzt lebe ich wieder in Cornwall. Die Vielfalt der Bedingungen fasziniert mich mehr als die Kanaren-Spots. Dadurch bin ich ein besserer Allrounder geworden. Hinzu kommt, dass meine Freundin auch in UK lebt, es machte also Sinn zurückzukommen.

Home sweet home – die warme Sonne Teneriffas hat Adam gerne gegen die erlesenen Bedingungen vor seiner Haustüre in Cornwall oder im nahen Irland eingetauscht.

Was hat dich am Testen für Marken und Magazine fasziniert?

Testen bringt nochmal eine völlig neue Facette ins Windsurfen. Man probiert viel aus und lernt, was auch für einen selbst Sinn macht. Und man versteht, dass es eine echte Herausforderung ist, ein gutes Board zu bauen.

In der Welle sieht man dich meist mit dem Stubby-Waveboard. Überzeugung?

Je mehr ich es gegen andere Boards fahre, desto mehr mag ich es. Die parallelen Rails haben sehr viel Grip, egal wie viel Druck man gibt. Besonders in Bedingungen wie auf Sylt, mit Strömung und Shorebreak, hat es aufgrund seines breiten Hecks große Vorteile.

Fährst du Customs oder Serienboards?

Ich fahre fast nur Serienbretter. Nur wenn ich eine Zwischengröße fahren will, nutze ich ein Custom. Letztlich ist aber jedes Brett, welches für mich und andere Teamfahrer gebaut wird, ein Prototyp für zukünftige Serienboards. Fanatic baut keine extremen Designs nur für Teamfahrer, die sowieso nie in Serie kommen. Alles ist ein einziger, großer Entwicklungsprozess.

Endlose Wellen und nach der Session ein Absacker in einem Pub – so sieht für Adam Lewis und Kumpel Finn Mullen der perfekte Surftag aus


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 5/2018 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .

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