Interview mit Flo Jung

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 6 Jahren

Flo Jung ist keine typische Contest-Maschine. Er tourt trotzdem seit Jahren um die Welt und wird für seine Reisen an die schönsten Spots bezahlt. Wir haben Flo Jung an einem grauen, kalten Märztag für eine gemeinsame Session auf die Ostsee geschleppt und hinterher, bei heißem Tee, gefragt, wie man es schafft, fürs Reisen bezahlt zu werden und welche Zweifel ihn beschleichen, wenn er in krisengeschüttelten Ländern wie Angola auf Wellensuche geht.

Vielleicht wegen seiner zuückhaltenden Art manchmal etwas im Hintergrund - Flo Jung. 

Flo, wie froh bist du nach einem Tag wie heute, mit fünf Grad Lufttemperatur und hüfthohen Wellen, dass du Profi geworden bist und dir so etwas nicht allzu oft antun musst? Ehrlich gesagt habe ich einen anderen Background als man vielleicht denkt. Ich komme aus Saarbrücken und seit ich vor 20 Jahren meinem Onkel ein Bier aus seinem Keller geholt habe und dabei über ein altes Hifly Surfboard stolperte, hat sich mein Leben verändert. Surfen konnte ich die ersten Jahre nur auf dem Rhein oder auf dem Windskater und umso mehr genieße ich heute jeden Tag, den ich auf Reisen sein kann. Deshalb gehe ich immer raus, egal wo und wann, weil ich weiß, dass die Zeit, die ich das so machen kann, auch mal zu Ende geht. Wenn du weißt, wie schwer es ist, als Binnenländer aufs Wasser zu kommen, stundenlang im Auto zu sitzen und auf Wind zu warten, dann lernst du jeden Tag zu schätzen. Von daher hatte ich heute auf jeden Fall meinen Spaß!

"ich will nicht mein Leben lang um Punkte kämpfen".

Wie hast du dich aus dem Binnenland rausgekämpft? Ich traf irgendwann mal einen Mitarbeiter von Gun Sails am Wasser, die Firma ist ja auch in Saarbrücken angesiedelt. Dann bewarb ich mich dort für ein Schulpraktikum und arbeitete zwei Jahre lang in den Ferien im Lager. Segel für den Versand fertig machen und so. Ich hatte einen Traum – mir damit die Maui Ocean Academy zu finanzieren. 

"ich träumte jahrelang von der Maui Ocean Academy. Als ich da war, war es die totale Enttäuschung."

Was ja geklappt hat! Für jeden jungen Surfer ist dies ein einziger Traum. Morgens Schulbank, nachmittags Hookipa... Ehrlich gesagt war ich am Anfang total enttäuscht! Ich dachte, jetzt geht’s los: Surflehrer, Videotraining, das ganze Programm. Totaler Quatsch. Wir hausten in winzigen Zimmern, Videotraining oder Coaches gab es keine. Wir waren ziemlich auf uns alleine gestellt. Das Gute war, dass ich dort viele Leute kennenlernte und wir uns ungemein pushten. Ich wohnte mit Robby Swift und Alex Mussolini zusammen. Als ich 2001 zurück nach Deutschland kam, wusste ich: Ich will Profi werden!

Deine Eltern waren sicher begeistert. Das war mir egal. Ich war 18, mit der Schule fertig und wollte auf eigenen Füßen stehen. Ich hab’ sogar noch angefangen, Sport zu studieren, bin aber aufgrund meiner vielen Fehlzeiten immer aus den Kursen geflogen. In Saarbrücken hat man für Windsurfen kein Verständnis. Es war eine Entweder-oder-Frage. Also habe ich angefangen, um die Welt zu reisen und Contests zu fahren.

Egal ob Oman, Peru oder Alaska - Flo liebt das Besondere. 

Trotz vieler Jahre auf der Tour warst du bei Contests bisher nie richtig erfolgreich. Woran liegt’s? Ich habe nie nur auf Contests gesetzt. Meine Sponsoren haben von Anfang an gesagt: ,Es ist uns egal, was du machst, am Ende des Jahres wollen wir was sehen’. Gemeint war natürlich Coverage in den Magazinen. Und da habe ich überlegt wie man das anstellen könnte. Option eins – Contests gewinnen – schied eher aus, also habe ich versucht besondere Bilder zu liefern. Dazu habe ich ein Carbongehäuse für die Kamera gebaut, damals gab es noch keine kleinen Action-Cams. Das Teil wog ein paar Kilo und ich habe versucht, mit dem schweren Brocken am Segeltopp herumzuspringen. Heraus kam mein erstes Cover beim surf Magazin.

Du bist seit vielen Jahren auch im sogenannten Fiat Freestyle Team. Was hat es damit auf sich? Das Team besteht aus Extremsportlern unterschiedlicher Bereiche, wie beispielsweise Snowboarder Christoph Schmidt oder Skate-Europameister Jürgen Horvath. Auch einige Musiker, wie etwa Blumentopf, sind mit dabei. Im Prinzip haben wir dort alle Freiheiten, ich muss keine Contests fahren wenn ich das nicht will. Nur meine Knöllchen werden mir vom Lohn abgezogen (lacht). Jeder muss sich seine eigene kleine Nische suchen und schauen, was kann ich, was andere nicht bieten können. Letztendlich muss man links und rechts schauen, außerhalb der Windsurf-Branche und irgendwann kommen Agenturen und Zeitschriften auf dich zu und es wird einfacher. Die Sachen mit Men’s Health sind keine Aufträge auf die ich scharf bin, aber es gehört dazu.

Trotzdem – träumt nicht jeder Profi davon Wettkämpfe zu gewinnen? Klar, jeder Surfprofi will erfolgreich sein. Das Problem ist, dass man sein ganzes Training darauf abstimmen müsste. Beim aktuellen PWA Worldcup-Tourkalender würde dies bedeuten: Den Sommer über in Pozo abhängen und auf die entsprechenden Bedingungen einfahren. Du musst jeden Sprung 1000-mal wiederholen, damit er im Contest sitzt. Für mich geht da der Spaß verloren. Klar, im Nachhinein hätte ich vielleicht mehr aus meiner Karriere machen können, aber ich habe auch früh erkannt, dass ich eben nicht die gleichen Voraussetzungen habe wie Philip Köster und andere Jungs, die auf Gran Canaria aufwachsen. Daher hab ich mir kreative Wege überlegt. Jeder Mensch ist anders und ich bin keine Contest-Maschine. Ich will mich frei fühlen und nicht mein Leben lang um Punkte kämpfen. Rückblickend war es richtig so, ich hab’ viele tolle Orte und Menschen kennengelernt, war surfen vor den Gletschern Alaskas. Aber abgesehen davon, habe ich ja noch ein bisschen Zeit.

Auch das gehört dazu - für "Mens Health" zehn Grad auf Sylt nach Sommer aussehen lassen. 

Hast du eine Ahnung, in wie vielen Ländern du schon warst? Ich war noch nicht am Nord- und Südpol, aber ansonsten habe ich viele Länder auf allen Kontinenten gesehen. Aber trotzdem habe ich noch ein paar Länder, in die ich unbedingt noch reisen möchte...

Zum Beispiel? Definitiv nach Indonesien und Angola, da gibt es tolle Wellen.

Wie geht man eine Reise in ein Land wie Angola an? Du sagst, es gäbe dort eine tolle Welle, es gibt dort aber vor allem Menschen, die unter furchtbaren Zuständen leiden – Bürgerkrieg, Armut, Dreck. Muss man als Windsurfer das Talent haben, all dies auszublenden und mit einem prall gefüllten Boardbag in die Windsurfblase eintauchen? Wir alle haben unterschiedliche Chancen bekommen und sind einfach nur verdammte Glückspilze, dass wir in Europa leben können. Wenn man in solche Länder kommt und Leute sieht, die nie eine Chance in ihrem Leben hatten, macht man sich natürlich Gedanken. Ich versuche, nicht in dieser Windsurfblase zu leben. Wenn ich reise, hänge ich nicht nur am Strand ab, sondern gehe auch in die Städte und versuche das Leben dort in mich aufzusaugen. Viele Reisende haben unterschwellig Angst vor anderen Kulturen und meiden die Kontaktaufnahme, weil sie denken ‚Ich bin reich, der ist arm‘. Das einzige, was du als Reisender machen kannst, ist den Kontakt suchen und dich für die Welt und Probleme der Leute interessieren. Im Oman habe ich Fischer getroffen, die waren bettelarm. Der eine erzählte mir, dass er kürzlich eine unbekannte Frau geheiratet hatte und jetzt, nach der Hochzeit, festgestellt hat, dass es tatsächlich die perfekte Frau für ihn ist. Der Typ hat sich so gefreut, damusste man sich einfach mitfreuen. Und in solchen Momenten merkt man, dass viele Menschen trotz ihrer Armut glücklich sind. Und wenn du diese Freude mit ihnen teilst, ist es egal, dass du reich und er arm ist.

"Viele Reisende haben unterschwellig Angst vor anderen Kulturen."

Mit der Toleranz und Offenheit von Windsurfreisenden ist es ja manchmal so eine Sache. Da wird dann in Kapstadt das schwarze, lachende Kind fürs nächste Surfvideo geknipst, am besten noch im Vorbeifahren. Dann wird beim Pick-up auf die Tube gedrückt und ab zum Strand, schließlich kommt ja gleich der Wind. Ist Windsurfen noch nicht bereit für den Blick hinter die Prospekt-Kulissen? Windsurfen verkauft auch immer einen Traum. Kapstadt ist dafür das perfekte Beispiel, jedes Jahr kommen Tausende von Surfern dorthin, es entstehen Bilder und Videos en masse. Meistens wollen alle nur surfen, die Problematiken der Menschen werden ausgeblendet. Wenn ich nach Peru reise, kann ich perfekte Wellen fotografieren oder zugemüllte Strände und in der Regel sind es Bilder von perfekten Wellen,n die die Menschen sehen wollen. Ich kann mich davon gar nicht frei machen und behaupte nicht, die Welt zu retten, nur weil ich öfter mal mit Einheimischen den Kontakt suche. Vielleicht ist unser Mon Coeur Projekt ein kleiner Beitrag für ein paar Leute.

Was hat es damit auf sich. (Kramt in seiner Tasche und holt ein kleines Armband hervor). Mit meiner Freundin habe ich ein Non-Profit Unternehmen in Südafrika gegründet. Die Bänder werden in einem Township Südafrikas produziert, der Verkauf kommt einer Schule zugute. Es läuft jetzt seit fünf Jahren und entwickelt sich prächtig.

Mit dem Ocean Jump - eine Cheese Roll aus dem Kreuzhang - hat Flo sogar einen eigenen Move erfunden.

Stichwort "Freundin". Ist man beziehungstauglich, wenn man acht bis zehn Monate im Jahr unterwegs ist? Sie ist glücklicherweise selbstständig und kann auch viel von unterwegs arbeiten. Andererseits kann es auch gesund sein, wenn jeder seine Freiheiten hat. Am Ende ist das Gras immer auf der anderen Seite grüner. Ist man viel unterwegs, vermisst man eine feste Basis, ist man zuhause, will man am liebsten wieder losziehen. Am Ende sind das alles Luxussorgen und man muss sich das immer wieder vor Augen halten. Ich habe es mir so ausgesucht und so lange es geht, mache ich so weiter. Doch meine Verletzungen haben mir gezeigt, dass es auch schnell mal vorbei sein kann.

Dich hat’s in letzter Zeit gleich drei Mal erwischt... Stimmt, ich hatte drei schwere Verletzungen in den letzten drei Jahren. Erst hab’ ich mir auf den Kapverden den Knöchel gebrochen, dann haben wir meinen Film begonnen zu drehen und aus irgendwelchen Gründen haben wir ihn "Don’t let go" genannt, was ja soviel wie "Gib nicht auf" bedeutet. Es war in gewisser Weise ein schlechtes Omen, den danach war ich andauernd verletzt. Kreuzbandriss in Klitmøller, als ich gerade wieder fit geworden war, brach ich mir das andere Bein in Marokko. Es war ein Jahr in dem ich mehr den Kraftraum von innen gesehen habe als das Wasser, ich habe mit einem Trainer fünf Stunden am Tag trainiert. Aber diese Zeiten machen dich stark und es ergeben sich andere Möglichkeiten. Dabei konnte ich mein Sportmarketing-Studium beenden und bin gerüstet für den Fall der Fälle. Aber bis dahin nutze ich jeden Tag so gut es geht. Wann wird es heute dunkel?

So gegen 7! Dann könnten wir ja eigentlich nochmal raus, oder? Wind is’ ja noch...

Filmen für "Don't let go". 

Themen: Flo JungFlorian JungInterview


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