Redaktion

Interview mit Gunnar Asmussen

  • Manuel Vogel
01.08.2016

Dass Gunnar Asmussen ziemlich schnell surfen kann, ist nichts Neues. Dass er aber als Speedsurf-Greenhorn auf Anhieb in die absolute Weltspitze vorrast, hätte wohl niemand erwartet. Außer ihm selbst.

Mit knapp 50 Knoten durch den Sandsturm von La Franqui: Gunnar Asmussen in Aktion.

Der Kampf gegen die Uhr und den inneren Schweinehund wird immer beliebter – unzählige Wettkampfformate für speedsüchtige Hobbysurfer haben sich in den letzten Jahren etabliert. Auch Racing- und Slalom-Ass Gunnar Asmussen tauschte das Slalombrett gegen die Speedneedle – und raste direkt in die Weltspitze vor. Im Interview verrät er alles über seine neue Leidenschaft, die Leiden schafft.

Gunnar, einer deiner ersten ernsthaften Speedsurf-Versuche endete mit Top-Zeiten, aber auch Schmerzen. Wie lautet dein Zwischenfazit? Seit ich 2010 mal ohne Training Deutscher Speedsurf-Meister auf Fehmarn geworden war, wollte ich an einen echten Speedspot. Jetzt war ich im Rahmen des Defi-Rennens zum zweiten Mal in Südfrankreich unterwegs und habe am Spot La Franqui Blut geleckt. Derzeit liege ich mit einem 10-Sekunden-Durchschnitt von 46,48 Knoten (86,08 km/h) auf Platz drei der internationalen Rangliste bei GPS-Speedsurfing.com, nur knapp hinter den Top-Fahrern wie Jacques van der Hout und Hans Kreisel. Mit meinem Speed war ich also absolut zufrieden, nur leider hab ich mir wieder die Bandscheibe lädiert und konnte hinterher nicht mal mehr Auto fahren. Zum Glück hat Andy Laufer mich nach Hause chauffiert. Jetzt muss ich sehen, dass ich schnell wieder fit werde und mir nicht die gesamte Saison ruiniere. Am Nähtisch (Gunnar arbeitet als Segelmacher, die Red.) kann ich derzeit nur mit großen Schmerzen sitzen.

Dass auch Andy Laufer (im Foto rechts) sauschnell ist, weiß man nicht erst seit seinem Sieg beim Speedkini 2015.

Dass du schnell surfen kannst, hast du im Slalom- und Formula-Racing oft bewiesen. Wie sehr unterscheidet sich Speedsurfen davon? Die technischen Unterschiede sind schon groß und ich musste erstmal weg von meiner alten Denkweise: Beim Slalom versucht man immer, das größtmögliche Material zu fahren und der Start ist die halbe Miete. Beim Speedsurfen fährt man hingegen das kleinstmögliche Material und muss dann eben die Böe des Tages erwischen und ein Gefühl für den sogenannten "Slingshot" bekommen.

Was genau ist ein Slingshot? Der Kurs in La Franqui liegt für Rekorde zu sehr auf Halbwind. Man versucht daher erstmal maximalen Speed zu sammeln und sich nahe am Strand zu positionieren. Irgendwann kommen die Böen, an diesem Tag hatten die etwa 40 bis 55 Knoten. Man sieht schon vorher wie Wasser und Sand komplett abheben, also festhalten, dann nochmal ein, zwei Sekunden beschleunigen und schließlich voll abfallen auf tiefen Raumwind. Dadurch beschleunigt man noch mal extrem. Das Adrenalin schießt ins Blut und man muss für ein paar Sekunden alles geben, das ist wie im Rausch. Das Problem ist, dass man schnell weit weg vom Strand in den Chop kommt. Solange man voll dichthält, fliegt man komplett über die Chops, sobald man vom Gas geht, trifft man aber auch die Wellentäler und die Gefahr, sich mit knapp 50 Knoten zu überschlagen, wird entsprechend groß.  

Wenn dort solche Geschwindigkeiten möglich sind, wozu braucht man dann noch den Retortenspot Lüderitz? Das Problem in La Franqui ist, dass der Winkel dort nicht passt, es ist sicher zehn bis 15 Grad zu sehr Halbwind. Man kann durch Abfallen kurz auf 50 Knoten kommen, aber kommt dann schnell nach Lee in den Chop. Dann wird’s gefährlich. Die Weltrekorddistanz ist aber 500 Meter, das ist in La Franqui nicht machbar. International etabliert hat sich daher eine Wertung, die sich aus dem Durchschnitt der fünf besten Zehn-Sekunden-Runs eines Tages ergibt. Wie oft man an einem Tag fährt, ist also egal, es zählt der Durchschnitt der fünf besten Läufe. Mein Runs waren an diesem Tag immer konstant über 46 Knoten, auf 100 Metern sogar über 49 Knoten, da sieht man das Potenzial, was in Laborbedingungen möglich wäre.

Mr. Konstant: Gunnar kratzte beim Top-Speed regelmäßig knapp an der 50-Knoten-Marke. 

Ein, zwei Knoten Unterschied zur Weltspitze hören sich wenig an, sind aber genau genommen doch eine Welt, oder? Man muss immer die Zeiten bei gleichen Bedingungen vergleichen. An diesem Tag war Jacques van der Hout, einer der besten Speeder der Welt, nur 0,2 Knoten schneller, beim Ein-Sekunden-Top-Speed lag ich sogar vorne. Das macht mir Hoffnung, dass da noch mehr geht. Ich brauche nur gute Bedingungen und einen gesunden Rücken.

"Fat is fast" lautet ein Vorurteil gegenüber Speedsurfern. Stimmt das? Wir hatten Wind zwischen 35 und 45 Knoten, mit Böen bis zu 60 Knoten, wobei das schon brutal und eigentlich nicht mehr fahrbar war. Man kommt an seine Grenzen und vor allem der Weg Amwind zurück zum Strand ist die Hölle und harte Arbeit. Viele der weniger trainierten Jungs laufen den Weg zurück, sonst wären die nach zwei Runs völlig fertig (lacht). Auch die zusätzlichen sechs Kilo, die ich mit zu meinen 99,9 Kilo Kampfgewicht umgeschnallt habe, machen sich extrem bemerkbar. Alles wird doppelt so anstrengend und zunehmend schmerzhaft. Wahrscheinlich ist mein Rücken deshalb so lädiert. Der Unterschied beim Fahrkönnen macht sich bemerkbar, wenn es choppy wird. Ich komme damit gut klar, weil ich es seit Jahren vom Slalomfahren kenne.

Mit knapp 50 Knoten durch den Sandsturm von La Franqui...

Wie groß ist der Materialfaktor? Vom Material her ist Speedsurfen relativ simpel. Bei mir waren das ein 5,6er und ein 5,0er North Warp, ein 44 cm breites Starboard Speedboard und eine 21er Hurricane Finne. Die Feinheiten bezüglich Trimm und Set-up habe ich auch noch nicht herausgefunden, ich hab’s ja erst angefangen und in erster Linie versucht, Spaß zu haben.

Hat Speedsurfen Suchtpotenzial? Wir waren an diesem Tag sechs Stunden lang draußen, quasi ohne Pause. So viel zum Thema Suchtpotenzial (lacht). Für mich macht das ähnlich viel Spaß wie eine geile Session in der Welle und man sieht ja, dass viele Hobbysurfer das genauso erleben. Speedsurfen ist unkompliziert, nachvollziehbar und wird daher immer beliebter. Im Prinzip kann man auch mit altem Equipment Rekorde fahren. Ein Segel, ein Brett und eine Finne reichen. Auch das Auswerten der GPS-Files am Abend ist super spannend. Wir haben viel gelacht, weil Andy Laufer aus Versehen mein GPS ausgewertet hatte und schon völlig von den Socken war. Er hat gleich alles auf Facebook gepostet und viele Glückwünsche erhalten. Ich war bis dahin bloß mit meinen Rückenschmerzen beschäftigt und hatte es noch nicht ausgewertet. Irgendwann bemerkten wir dann den Fehler, das war der Lacher des Tages (lacht). Aber Andy ist davon abgesehen auch sauschnell und wird bald weit vorne mitfahren.

Wer Rekorde will, muss nach Lüderitz! Wirst du dort mal an den Start gehen? Ja, ich denke schon. Leider ist die Sache nicht billig. 50 Knoten werde ich auch so bald knacken, da mache ich mir keine Sorgen, vielleicht auch auf einem Priel in Holland.  

Nach den Ritten auf der Speedstrecke waren therapeutische Maßnahmen nötig.

Gunnar Asmussen

In Südfrankreich traf Gunnar mit Andrea Baldini auch eine der Ikonen der Speedszene.

Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 7/2016 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen – die Print-Ausgabe ist leider vergriffen.

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