Redaktion

Interview mit Julian Salmonn: Auf dem Weg an die Worldcup-Spitze

  • Manuel Vogel
21.07.2019

Julian Salmonn war 15 und Hobbysurfer, als er seine Zelte in Deutschland abbrach, um alleine auf die Kanaren zu gehen. Sein Ziel: Am Meer leben. Vier Jahre später ist aus dem Jungen aus Giessen ein Top-20-Fahrer im Worldcup geworden. Hier ist seine Geschichte.

Die haben alle eine deutsche Segelnummer, wie sich die Ostsee im Winter anfühlt, weiß von denen aber keiner“, so die landläufige Meinung zur illustren Riege der Deutsch-Kanarios. Was für die Kösters, Stillrichs und Mauchs stimmen mag, trifft im Falle von Julian Salmonn (19) nicht wirklich zu. Vor gerade mal vier Jahren surfte­ er allenfalls in der Ferien, Wellen kannte er nur vom Hörensagen. Seine Heimatstadt Gießen ist einer der Orte in Deutschland, der rein geographisch wohl am weitesten von allen Meeren entfernt liegt. Doch Julian Salmonn wollte sich mit einem Leben als Landratte nicht abfinden. Mit 15 packte er seine Sachen und ging nach Teneriffa. Vier Jahre später ist er angekommen – in seiner neuen Heimat und im Worldcup. Dort wird er die Saison, wenn alles nach Plan läuft, wohl wieder in den Top-20 beenden, vielleicht besser. Wie er es geschafft hat, in so kurzer Zeit zu einem Gegner zu werden, gegen den kein Worldcupper gerne antritt, wa­rum die Judges heute viel kritischer sind als früher und wie schwer es war, seine Zelte in Deutschland so früh abzubrechen, verrät er im surf-Interview, zu dem wir ihn während des Worldcups in Pozo getroffen haben.

Julian, du bist hier beim Worldcup Pozo auf den 17. Platz gekommen. Zufrieden?

Ja, eigentlich schon. Ich hatte einige gute Heats, vor allem mit den Sprüngen bin ich happy. Beim Wellenabreiten habe ich aber erkannt, dass ich noch dazulernen muss.

Du machst 360er in allen Variationen, Goiter, Takas. Was kann man da bitte noch dazulernen?

Es geht im Heat in erster Linie darum, die Tricks auf der Welle nicht isoliert zu machen, sondern in einen längeren Wellenritt zu integrieren. Wenn du einen fetten Frontside-360er machst, bekommst du hier vielleicht 3,5 Punkte, das hilft dir kaum weiter.

Bescheidenes Auftreten an Land, kraftvolle Turns auf dem Wasser – Julian Salmonn hat sich innerhalb kurzer Zeit den Respekt der Szene erarbeitet.

Sind die Judges heute kritischer als früher?

Auf jeden Fall. Das Level der Fahrer steigt ständig und damit auch die Ansprüche der Judges. Ein perfekter Double Forward gab vor ein paar Jahren eine Zehn, heute vielleicht eine Acht. Früher hast du einen 360er gemacht und warst der King, heute geht es mehr darum, eine gute Setwelle zu erwischen, und diese dann mit einer Mischung aus Front- und Backsideturns sowie eben Moves auf der Welle abzureiten. Diese Verknüpfung hat mir noch gefehlt, das versuche ich beim nächsten Mal besser zu machen. Insgesamt hat es hier aber mega Spaß gemacht. Die Bedingungen waren perfekt und das Level auf dem Wasser ging komplett durch die Decke.

Vor einigen Jahren reichte ein guter Doppelloop noch fürs Podium, heute ist er Grundvoraussetzung, um es überhaupt in die Top-10 zu schaffen. Wie ist bei dir der Stand?

Der Doppelloop steht defintiv auf meiner To-do-Liste. Ohne einen guten Double sind die Top-10 quasi unerreichbar. Ich hab’ ihn schon vor längerer Zeit probiert, aber das waren eher Hauruck-Aktionen, meine Frontloop-Technik war damals einfach noch zu schlecht. Ich hatte immer das Problem, vor dem Eindrehen nicht kompakt genug zu sein. Deshalb habe ich mich zuletzt erst mal darauf konzentriert, die Technik zu verbessern. Zum Glück ist es so, dass hohe, verzögerte Frontloops von den Judges auch wieder honoriert werden. Ich finde, das ist richtig, denn ein Stalled Forward bei 40 Knoten Wind ist eine schwierige Sache.

Ein Move, der alle glücklich macht: Julian selbst, Worldcup-Fotograf John Carter und die gekonnt in Szene gesetzten Sponsoren.

Ein wichtiger Aspekt im Contest ist die Psyche. Es gibt Pros, denen wird vor Heats regelmäßig schlecht, sie bekommen die Flatter, wenn’s ums Eingemachte geht. Bist du vor der grünen Flagge der gleiche Ruhepol wie immer?

Vor meinem ersten Heat in der Double Elimination gegen Arthur Arutkin war ich ziemlich nervös, meistens fühle ich mich aber O.k. Ich bin zum Glück niemand, der sich zu viel Druck macht.

Viele Fahrer haben ihre Rituale vor dem Heat. Adam Lewis absolviert ein immer gleiches Dehnprogramm, Marcilio Browne schottet sich mit dicken Kopfhörern von der Außenwelt ab. Wie gehst du einen Heat an?

Ein festes Ritual habe ich nicht. Ich mach‘ mich warm und spreche nochmal mit Dani (Bruch, die Red.). Wir reden über die Taktik, darüber wo die besten Wellen laufen und am Ende pack ich die Kopfhörer drauf und schotte mich ein wenig ab. Im Heat versuche ich – und das würde ich jedem empfehlen, der einen Contest surft – immer erst die Sprünge einzutüten. Wenn man zuerst die Wellenritte macht, läuft man Gefahr, bei einem Crash sofort in Lee der Contest-Zone zu landen. Außerdem kostet das Abreiten viel Kraft, weil man ja längere Zeit ausgehakt surft. Dadurch steigt auch die Fehlerquote bei den Sprüngen.

Seit dieser Saison hast du mit GunSails eine deutsche Marke als Segelsponsor. Wie kam’s?

Ehrlich gesagt fand ich GunSails als deutsche Marke immer interessant und als Flo Jung (Teamfahrer bei GunSails, die Red.) mich beim Wintertraining in Südafrika angesprochen hat, ob ich nicht Lust hätte, ins Team zu kommen, habe ich nicht lange überlegt.

Ist die deutsche Tour ein Thema?

Ich werde auch sicher mal im Deutschen Windsurf-Cup mitfahren, die Tour scheint sehr gut zu sein.

Du wirst oft in einen Topf mit anderen Deutsch-Kanarios wie Philip Köster, Alessio Stillrich oder Moritz Mauch geworfen. Dabei hast du fast deine komplette Jugend im hessischen Binnenland verbracht...

Stimmt. Als ich mit 15 nach Teneriffa kam, konnte ich gerade mal erste Wellenritte und Spinloops der Kategorie „Rückenklatscher“ (lacht). Loops hatte ich kurz vorher auf der „Loop Challenge“ an der Ostsee das erste Mal ausprobiert. Der Spot auf Teneriffa hat mich also erst mal etwas überfordert (lacht).

Wie muss man sich das vorstellen? Hast du als Teenager irgendwann deinen Eltern präsentiert, dass du jetzt in die große weite Welt hinausziehst?

Ja, so ungefähr (lacht). Aber es war auch ein wenig Glück dabei. Wir hatten zuvor in einem Teneriffa-Urlaub eine Familie kennengelernt, die dort wohnt und deren Kinder auf die Deutsche Schule gingen. Dieser Kontakt hat geholfen und sie haben mich bei sich aufgenommen. Am Anfang war es natürlich schwer, so alleine wegzugehen und Freunde und Eltern zurückzulassen, auch weil ich kaum ein Wort Spanisch konnte. El Medano ist zum Glück ziemlich international, mit Englisch oder Deutsch kann man hier schon durchkommen. Aber ich hatte schon als kleiner Junge den Traum, am Meer zu leben und zu surfen, von daher war ich nie unglücklich. Eigentlich war der Plan, nach einem Jahr zurückzukommen, aber dann habe ich am deutschen Gymnasium auf Teneriffa den Abschluss bis zur Mittleren Reife gemacht. Jetzt bin ich schon vier Jahre hier und will erst mal bleiben.

Backloops springt Julian mittlerweile haushoch und in allen Variationen. Was noch zum großen Durchbruch fehlt, ist ein solider Doppelloop – aber den will Julian bald angehen.

Es gibt viele junge Surfer, die davon träumen, am Meer zu leben. Was kannst du diesen raten?

Man muss es einfach versuchen, es gibt immer einen Weg. Egal ob Schüleraustausch, Praktikum oder sonst was, wenn man erst mal dort ist, ergeben sich immer Wege. Auch die von der PWA organisierten Youth Events wie hier beim Worldcup Pozo oder auf Teneriffa sind gute Möglichkeiten, um erste Wettkampfluft zu schnuppern und vor allem mit Gleichaltrigen aufs Wasser zu kommen. Welches Level man hat, ist nicht so wichtig, davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Es geht eher darum, Spaß zu haben und Kontakte zu knüpfen. Auch ich habe bei solchen Junioren-Wettbewerben angefangen. Profi zu werden, war allenfalls ein „Kleiner-Junge-Traum“, das hat sich erst viel später so ergeben. Letztlich muss man sich bewusst sein, dass es als Windsurf-Profi schwierig ist. Viel Geld kann man nicht verdienen, es sei denn, man schafft es in die Top-5. Ich mache mir da jetzt keinen Stress, und weiß, dass ich einen Backup-Plan brauche. Trotzdem werde ich die nächsten zwei Jahre als Vollprofi Gas geben und sehen was kommt.

Auch die Zeiten in denen Pros nur fürs Surfen bezahlt wurden, sind vorbei. Was muss man heute als junger Fahrer bringen, um Erfolg zu haben.

Zunächst mal bedeutet Windsurf-Profi viel mehr als nur zu surfen. Ohne zusätzliches Training geht es heute kaum noch. Deshalb trainiere ich zwei Mal pro Woche Ausdauer auf dem Rad und zwei Mal mit Trainer und nach einem festen Plan im Studio. Da geht es dann um Sachen wie Koordination und Kraft, vor allem, um die Verletzungs-anfälligkeit zu reduzieren.

Sponsor und Mentor Dani Bruch (oben) dürfte dabei auch als Trainingspartner gefragt sein.

Auch abseits des Wassers scheint Dani Bruch dein Trainingspartner und Mentor zu sein. Ist er auch dein Vorbild?

Zuerst mal ist er ein Freund, Trainingspartner, als Wettkämpfer aber auch ein Vorbild. Er ist sehr fokussiert und schafft es, taktisch gut zu surfen und seine Wavemoves mit klassischen Turns zu verknüfen. Aber auch andere Surfer faszinieren mich: Philip Köster, weil er so gnadenlos „auf den Punkt“ seine beste Leistung bringt, Moritz Mauch für seinen Flow auf der Welle und Jaeger Stone wegen seines Styles beim Wellenabreiten. Wenn man solchen Fahrern zusieht, erkennt man, dass man noch so viel lernen kann.

Dani Bruch ist ja selbst Shaper, er baut dir deine Boards. Was muss ein gutes Board in deinen Augen können?

Mir ist wichtig, dass meine Boards guten Griff auf der Kante haben. Ich mag es nicht, wenn Bretter unkontrolliert bouncen oder beim Cutback wegsliden, ohne dass ich es will. Deswegen sind mir klassische Shapes mit Thrusterfinnen und einem Pintail (spitz zulaufendes Heck, die Red.) am liebsten.


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 9/2018 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .Bescheidenes Auftreten an Land, kraftvolle Turns auf dem Wasser – Julian Salmonn hat sich innerhalb kurzer Zeit den Respekt der Szene erarbeitet.

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