Interview mit Toni Wilhelm: Olympia Depression?

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 4 Jahren

Vier Jahre lang hat Windsurfer Toni Wilhelm alles gegeben, um sich seinen großen Traum zu erfüllen – eine Medaille bei den Spielen in Rio. Er kehrte als Sechster zurück, mit leerem Kopf und ausgelaugt, aber auch voller Vorfreude auf die Zunkunft und einen neuen Lebensabschnitt.

Interview mit Toni Wilhelm: Olympia Depression?

Um Medaillen kämpfen, das war Toni Wilhelms großes Ziel bei den olympischen Spielen in Rio. Doch nach seinem 4. Platz bei den Spielen in London verpasste Toni mit Rang 6 auch am Zuckerhut knapp einen Platz auf dem Podium. Im surf-Interview blickt er zurück auf  das Abenteuer Olympia, aber auch vo­raus in eine Zukunft zwischen Ungewissheit, neuen Strukturen und der Vorfreude auf die neue Freiheit.

Toni, vier Jahre Trainingslager, Wettkämpfe und Qualen, um in Rio endlich eine Medaille zu gewinnen. Am Ende hat es nicht ganz gereicht. Was überwiegt derzeit: Der Stolz auf Platz sechs oder die Enttäuschung über die verpasste Medaille? Ich bin selber noch hin- und hergerissen. Einerseits wusste ich um die Stärke der anderen Fahrer und hab mich im Vorfeld nicht hingestellt und gesagt, dass ich es auf jeden Fall packe. Andererseits ist die Enttäuschung nicht zu leugnen, die Medaillen, wie schon bei meinem vierten Platz in London 2012, wieder knapp verpasst zu haben. Letztlich hat jeder Sportler den Traum, mal eine Olympiamedaille um den Hals hängen zu haben. Dieser Traum ist nun geplatzt. Das ist bitter, aber man muss auch anerkennen, dass Andere besser waren. Die Jungs, die vor mir lagen, waren auch in den vergangenen Jahren einfach besser und ich kann mir nichts vorwerfen.

Was hat am Ende den Ausschlag gegeben, dass es nicht ganz gereicht hat? Der Sieg beim Worldcup in Weymouth zuvor hatte ja Hoffnung gemacht. Insgesamt hatte ich eine gewisse Streuung in meinen Platzierungen. Es gab Ausreißer nach unten wie Platz 19, anderseits konnte ich auch einen Lauf gewinnen, was von London 2012 bis Rio 2016 in allen olympischen Läufen zusammen lediglich fünf unterschiedlichen Fahrern gelungen ist. Das Rennen um Platz drei war sehr, sehr eng. Teilweise haben die Bedingungen entschieden, teilweise – und da muss man ehrlich sein – auch eigene Fehler. Gleich im dritten Lauf des ersten Tages hatte ich aber auch einfach viel Pech: An Position zwei liegend bin ich in einem Windloch hängengeblieben und habe elf Plätze verloren. Das wirft einen zurück. Die Bedingungen waren extrem schwierig, es gab Rennen, da hatten wir Windlöcher mit null Knoten und Böen mit 20, dazu starke Winddreher. Dann gibt es einfach Situationen, wo du innerhalb von einer Sekunde entscheiden musst, "nehme ich für die Kreuz die linke oder rechte Seite des Kurses". Es ist unmöglich zu antizipieren, wann an welcher Stelle des Kurses die besten Böen durchziehen und man braucht eben auch ein wenig Glück. Mitunter hat mir das gefehlt und hinterher ist man dann schlauer – kann sich aber eigentlich nichts vorwerfen.

Nach drei Olympiateilnahmen macht Toni Wilhelm erstmal Schluss mit RS:X. Auf der Regattabahn wird man ihn wohl trotzdem bald wiedersehen – beim Deutschen Windsurf-Cup plant er ein Comeback.

Inwiefern kann man überhaupt von würdigen Siegern sprechen, wenn die Bedingungen derart schwanken? Das hört sich eher nach Lotterie an? Ich finde, dass wir extrem geile Bedingungen hatten! Es gab von allem etwas, ich hätte erwartet, dass es weniger Wind haben würde. Letztlich hatten wir Läufe mit 2-5 Knoten und Läufe mit 20 Knoten. Diejenigen, die am Ende vorne standen (der Niederländer Dorian van Rijsselberghe gewann Gold, der Brite Nick Dempsey Silber, Pierre Le Coq aus Frankreich sicherte sich Bronze, die Red.), haben bei allen Bedingungen geliefert und sind absolut verdiente Sieger. Auch mir als Allrounder liegen wechselnde Bedingungen eigentlich gut, aber es ist eben an anderen Dingen gescheitert. Dazu gehören auch individuelle Fehler. Ich bin sicher niemand, der es auf die Bedingungen schieben würde.

Es gab ja im Vorfeld viele Befürchtungen wegen der schlechten Wasserqualität und möglichen Infekten. Wurdest du wenigstens hiervon verschont? Aufgrund einer starken Erkältung konnte ich den kompletten Wettkampf nur mit Medikamenten absolvieren und bin jeden Morgen mit dickem Schädel aufgewacht. Am Tag vor dem Medal Race hab ich mir dann ’nen Magen-Darm-Infekt eingefangen und lag die Nacht mit Fieber im Bett. Vielleicht hat deshalb in den letzten Rennen etwas die Kraft zum Pumpen gefehlt. Letztendlich wäre Platz drei durchaus dringewesen, aber es hat nicht sollen sein. Mit meinen Leistungen bin ich zufrieden und auch die Vorbereitung hat voll gepasst. Ich war pünktlich zu den Spielen in meiner besten Verfassung, daher bin ich mit mir im Reinen.

"Beim Medal Race dachte ich bei jeder zweiten Welle, ich müsste kotzen." Toni Wilhelm

Konntest du nach deinen Wettkämpfen noch etwas Olympia-Atmosphäre aufsaugen? Auf jeden Fall. Ich hab erstmal zwei Tage gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen, aber dann hab ich mir auch andere Wettkämpfe angesehen. Auch das Leben im olympischen Dorf war toll.  Der Austausch und das Zusammenleben    mit so vielen Sportlern ist super. Alle teilen einfach dieselbe Passion für den Sport und irgendwie ist alles dort wie in einer großen WG.

In den Medien wurde viel über die vermeintliche "Unsportlichkeit" der brasilianischen Fans diskutiert. Wie hast du es empfunden? Persönlich hab ich es nicht erfahren müssen, aber als ich beim Beachvolleyball zugeschaut habe, war das schon krass. Dass Sportler anderer Nationen so ausgebuht werden, hab ich bei Wettkämpfen noch nie so erlebt. Das war schon sehr unsportlich! Dass die Stadien oft halbleer waren, kann man verstehen, wenn man bedenkt, dass das Land wirtschaftlich am Abgrund steht. Dass es unter diesen Umständen etwas an Begeisterung fehlt, kann man verstehen. Zumal wurden nach der Fußball-WM jetzt wieder innerhalb kurzer Zeit Milliarden für ein großes Sportereignis ausgegeben.

Einen der vielen Läufe zu gewinnen, haben seit 2012 nur fünf verschiedene Fahrer geschafft. Toni Wilhelm ist einer von ihnen. 

Wie geht es jetzt weiter? Kommt jetzt das große Loch, in das Leistungssportler oft nach dem Karriereende fallen? Nach Rio fiel erstmal unglaublich viel an emotionalem Druck ab und es ist schon schwer, seiner Leidenschaft goodbye zu sagen. Und auch die festen Strukturen mit Training und Vorbereitung fallen jetzt erstmal weg. Vier Jahre lang hat man auf einen Moment hingearbeitet, dann ist es plötzlich vorbei und man steht vor der Frage "Wie geht’s jetzt weiter?" Noch bin ich tatsächlich in einer kleinen postolympischen Depression (lacht), aber zum Glück hab ich meine beruflichen Ziele schon vorher konkretisiert. Ich möchte im Sportmanagement bzw. Sportmarketing arbeiten, dort hab ich ja auch meinen Master an der Uni gemacht. Ich weiß nicht, wie es mir in zwei Jahren geht und ob ich dann plötzlich einen Motivationsschub bekomme und sage: "Ich greife noch mal an!" Derzeit ist das aber überhaupt kein Thema.

Lehrst du jetzt den Etablierten im Deutschen Windsurf-Cup das Fürchten? Ich habe große Lust im Slalom oder Racing einige große Events in der Schweiz oder auf Sylt und Norderney mitzufahren. Oder das Defi-Rennen in Frankreich.

Besonders der Start ist beim RS:X-Surfen entscheidend. 

Endlich wieder frei surfen? Du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue! Erst gestern hab ich mir Wave-Videos im Netz angeschaut. Surfen ohne Hintergedanken, Trainingspläne, Testaufträge – einfach Gas geben auf dem Wasser, das ist es, was ich will.

Danke Toni und bis bald auf dem Wasser!

"Endlich wieder surfen ohne Druck, Trainingspläne und irgendwelche Hintergedanken. Das ist es, worauf ich mich am meisten freue." – Toni Wilhelm  

Toni Wilhelm

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Themen: OlympiadeRioToni Wilhelm


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