Redaktion

Interview mit Worldcupper Sebastian Kördel

  • Andreas Erbe
22.11.2019

Sebastian Kördel hat einen Lauf. 2018 holte er sich im Wolrdcup den Vize-Weltmeister-Titel in der Disziplin Foiling und wenig später gewann er auf den Azoren seinen ersten großen internationalen Event in dieser neuen Disziplin. In der kommenden Saison wird er damit vom Jäger zum Gejagten. Wir sprachen mit ihm über die Faszination des Foilens und die Explosion in der Materialentwicklung.

Die letzten Jahre ging es für Sebastian Kördel nur nach vorne. Zumindest was die Weltrangliste im Slalom angeht. 2017 erreichte der lange Kerl vom Bodensee die Top-Ten der Jahreswertung im PWA-Worldcup und war dabei einer der jüngsten Fahrer unter den besten Slalom-Piloten. Mit der Disziplin Foil eröffneten sich für den 27-Jährigen als sehr guter Formula-Racer ganz neue Herausforderungen. Und die meisterte er in der ersten Saison, in der Foiling als offizielle Disziplin im Worldcup gefahren wurde, meisterlich – oder zumindest vize-meisterlich. Beim letzten Event auf Sylt schob er sich, fast unbemerkt, noch auf den zweiten Rang der Gesamtwertung hinter seinem Trainingspartner Gonzalo Costa Hoevel. Genau genommen war er sogar punktgleich mit dem Champion, doch der Argentinier konnte einen Sieg mit in die Wertung nehmen, was ihn vor Kördel brachte. Im Slalom lief es dagegen 2018 alles andere als rund und er rutschte auf den 23. Gesamtrang ab. Seine überragenden Flugfähigkeiten stellte Kördel dann zum Saisonabschluss noch einmal bei der mit 40000 Euro dotierten „Windsurf Foil Open Challenge“ auf den Azoren unter Beweis. Dort schlug er Größen wie Antoine Albeau und holte sich seinen ersten großen internationalen Sieg im Foiling. Wir erwischten ihn kurz nach dem Event in Tarifa.

Wo geht’s hin mit der Disziplin Foiling? Sebastian Kördel ist sich beim Blick in die Zukunft sicher, dass sie rosig wird – auch für ihn persönlich.

Was macht für dich die Faszination des Foilens aus?

Für mich ist es die unglaubliche Effizienz, die das Material hat. Ich vergleiche das gerne mit einem Rennrad, das extrem effizient ist. Wenn du mit dem Rennrad dahinrollst, da bekommst du relativ entspannt enorme Geschwindigkeiten drauf, ohne dich extrem anstrengen zu müssen. Das ganze Gerät ist auf Effizienz getrimmt. Und so ist es für mich auch beim Foilen. Wenn ich sehe, bei wie wenig Wind ich welche Geschwindigkeiten erreichen und vor allem welche Kurse ich fahren kann, dann ist das der Wahnsinn. Wenn ich dabei nicht das Letzte wie im Wettkampf herauspressen will, ist das relativ entspannt. Man kann die Küste rauf und runter cruisen, ohne sich sehr anstrengen zu müssen. Mit dem Foil kann ich auch mal vier Stunden am Stück ohne Pause surfen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das jemals mit Slalommaterial gemacht habe.

"Beim Foilen stehen dir gefühlt 1000 PS bei acht Knoten zur Verfügung. Die Effizienz des Materials ist heute schon unglaublich. Das fasziniert mich extrem."

Ist die Belastung also auch im Rennen anders als beim Slalom?

Zunächst einmal ist ein typisches Slalomrennen zeitlich nur halb so lang wie ein Foilrennen. Das bedeutet, das Herz-Kreislauf-System wird beim Foilen alleine deshalb mehr belastet. Allerdings würde ich sagen, dass die Intensität beim Slalom höher ist. Das ist ganz gut mit einem Sprint zu vergleichen, wobei ein Foilrennen eher wie ein Mittelstreckenlauf zu werten ist. Allerdings kommt beim Foilen noch dazu, dass man trotz der ganzen Anstrengung noch klar und schnell denken muss, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nur so kann man Rennen gewinnen.

Azores Foil Days 2018

Ihr fahrt mittlerweile absolutes Spezialmaterial. Die Masten und die Fuselages der Foils sind über einen Meter lang, die Bretter sind speziell und vor allem die Segel haben sich komplett verändert. Sie haben deutlich längere Masten und sind speziell fürs Foilen designt. Bewegt sich diese Entwicklung nicht komplett vom Normalsurfer weg und auch vom Grundgedanken, mit dem Foil bei wenig Wind mit kleineren Segeln fahren zu können?

Ich weiß, dass diese Meinung besteht, aber ich würde dem widersprechen. Ich glaube, wenn ich jemandem, der schon ein bisschen Foilen kann, mein Material geben würde, dass der danach nichts anderes mehr fahren möchte. Natürlich sind die Racefoils, die ich zurzeit benutze, sehr auf Performance aus, aber die Kontrolle ist mindestens genauso wichtig. Niemand von uns möchte mit einem zickigen Foil unterwegs sein. Der Druck muss gleichmäßig verteilt sein, damit man entspannt darauf stehen kann.

Das Material spielt zurzeit noch eine große Rolle im Foilen. Die PWA versucht aber durch Beschränkungen eine Materialschlacht, wie es sie in den 90er-Jahren gab, zu vermeiden.

Die Segel sind doch zum „normalen“ Windsurfen gar nicht mehr geeignet.

Das geht schon, ich bin sie auch schon auf dem Slalombrett gefahren. Aber der Fokus ist beim Foilsegel natürlich ein anderer. Da haben wir eine hohe Ratio (längerer Mast, kürzere Gabel). Man möchte beim Foilen vor allem ein neutrales Segel haben, das nach vorn zieht und besonders leicht ist.

Aber glaubst du nicht, dass ihr euch weg vom Markt entwickelt?

Nein, das glaube ich nicht. Wie gesagt, für mich ist das Faszinierende die unglaubliche Effizienz, die wir bereits jetzt in der Entwicklung erreicht haben. Dir stehen gefühlte 1000 PS bei acht Knoten zur Verfügung. Und ich glaube nicht, dass sich diejenigen, die das Foilen gelernt haben, auf Dauer damit zufrieden geben, ohne Trapez relativ langsam dahin zu fliegen. Ich denke, dass diejenigen schnell dahin kommen, mehr Leistung haben zu wollen.

Sebastian Kördel

Wird es im Worldcup trotzdem Materialbeschränkungen geben?

Ja, es gibt bei den Boards eine Beschränkung auf 91 Zentimeter Breite und bei den Segeln auf zehn Quadratmeter. Bei den Foils auf 1,10 Meter lange Masten, 1,20 Meter lange Fuselage und einen Meter breite Frontflügel. Wichtig ist, dass alles Material vor der Saison angemeldet werden muss. Wir hatten in diesem Jahr schon gesehen, dass Leute wie Albeau im Laufe des Jahres schon mehrere Generationen Prototypen innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung hatten. Auch ich hatte durch meine Entwicklungsarbeit für Starboard und Gaastra eine gute Auswahl an Material – zumindest gegen Ende der Saison. Aber wir wollen verhindern, dass es wie noch zu Dunkis Zeiten wird, in denen es nur drei, vier Leute gab, denen Dutzende Boards zur Verfügung standen.

Durch viel Entwicklungsarbeit für Starboard ist Sebastian gut gerüstet für alles.

In der letzten Worldcup-Saison war es noch so, dass Foil-Wettbewerbe nur in Verbindung mit Slalom-Events veranstaltet werden durften. In diesem Jahr wird es aber reine Foil-Contests geben.

Im Moment sieht es so aus, als wenn Foil-Racing im nächsten Jahr die größte Disziplin im Worldcup werden wird. Sie werden vermutlich auch einige Slalom-Events kannibalisieren. Aber für den Veranstalter bietet Foil fast die Garantie, dass er ein Ergebnis bekommt. Und wir haben bewiesen, dass wir mit dem Foil bei jedem Wind fahren können. Die Range ist unglaublich groß.

Sebastian Kördel

Versetzt Foilen dann eventuell dem Slalom den Todestoß?

Ich hoffe nicht, weil ich unglaublich gerne Slalom fahre! Ich denke Slalom wird sich halten. Bei den richtigen Bedingungen ist das einfach eine super Show! Aber für einen Veranstalter ist es halt enorm wichtig, dass es ein Ergebnis gibt, und das ist beim Foilen nahezu garantiert.

Aber Slalom ist zuschauerfreundlicher.

Ich glaube, da kann man beim Foilen zum Beispiel mit GPS-Trackern vor allem im Livestream noch viel machen. Und wir sind bei den Kursen nicht festgelegt, das heißt, wir können auch Slalomkurse legen, bei denen man sofort sieht, wer vorne ist. Obwohl ich die Kreuz sehr liebe, weil ich mir da taktische Vorteile erarbeiten kann.

"Beim normalen Fahren halte ich Foilen nicht für gefährlich, aber im Wettkampf sind wir alle ziemlich Testosteron-gesteuert und sehr dicht beiei­nander. Da sind Helm und Prallschutzweste sinnvoll."

Dein Vize-Titel auf Sylt kam für viele ein wenig überraschend, weil du vorher noch auf Platz vier lagst.

Für mich war das nicht so überraschend, weil ich noch ein schlechtes Ergebnis in der Wertung hatte, das ich nach Sylt streichen konnte. Und da ich sonst nur einen zweiten und dritten Platz in der Wertung hatte und alles sehr eng war, wusste ich, dass es noch weiter nach vorne gehen kann. Dass ich nachher punktgleich mit Gonzalo war, war natürlich unglaublich. Zumal mir Gonzalo vor drei Jahren das Foilen beigebracht hat und mich sehr protegiert hat. Meine erste Foilsession hatte ich auf seinem Material, seither trainieren wir viel zusammen in Tarifa.

Sebastian Kördel

Im Vergleich zum Foilen lief’s in diesem Jahr im Slalom nicht so gut. Warum?

Ich habe vielleicht in diesem Jahr die Abstimmung von Segel und Brett nicht so gut hinbekommen. Das äußerte sich darin, dass ich ein bisschen langsamer war als letztes Jahr und dieses bisschen an weniger Speed hat mich an der ersten Halsentonne nicht knapp vor die anderen Jungs gebracht, sondern mit allen anderen zusammen. Wenn du im Pulk bist, ist es einfach unglaublich schwer und es passieren schnell Fehler oder Kollisionen. Aber ich liebe den Slalom über alles, vor allem, wenn es richtig windig und anstrengend ist. Und ich glaube, dass ich da im nächsten Jahr auch wieder da ansetzen kann, wo ich vor dieser Saison war und noch viel Potenzial habe.

Beim hoch dotierten Foilevent auf den Azoren holte sich Sebastian nach elf Rennen den Löwenanteil des Preisgeldes von 40000 Euro vor Antoine Albeau und Nicolas Goyard.


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