„Selber machen, das ist meine schweizerische Mentalität“

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor einem Monat

Die Marke Patrik erweitert Stück für Stück ihr Portfolio mit Riggs, Wings, Foils und Zubehör. Hinter den Entwicklungen steckt das schweizerische Duo Patrik Diethelm und Karin Jaggi. Im Interview verrät Patrik, wieso er manchmal mit der Schere am Strand sitzt und warum er am Ende immer alles selber machen will.

Patrik, wir erwischen dich in Westaustralien, wo du mit deiner Familie lebst. Nachdem ihr euch lange auf Boards konzentriert habt, wurde das Patrik-Portfolio zuletzt umfangreich erweitert. Was sind die Hintergründe?

Wenn man nur Boards anbietet, ist es heutzutage deutlich schwieriger geworden, im Vertrieb gegen die großen Marken zu bestehen. Gleichzeitig haben wir bereits viele Kunden, die Patrik-Boards aus tiefer Überzeugung fahren. Weil sie von der Performance und Qualität bereits überzeugt sind, lag es nahe, dass sie auch andere Produkte von uns nutzen würden.

Aber neue Produkte müssen auch entwickelt, designt und getestet werden – viel Arbeit für dich und Karin, oder?

Absolut! Als wir vor elf Jahren die Marke Patrik gestartet haben, waren Karin und ich beide aktive Regattafahrer. Wir wollten surfen, reisen und hatten uns ein Arbeitslimit gesetzt, um das alles überhaupt miteinander vereinbaren zu können. Nach dem Ende unserer Worldcup-Karrieren und mit Schulanfang unseres Sohnes haben wir gemerkt, dass uns hier aus Australien der Kontakt zum wichtigen europäischen Windsurfmarkt etwas verloren ging. Da wir jetzt selber weniger unterwegs waren, haben wir Marketing- und Verkaufsaufgaben in Europa an Tine Slabe, Ex-Worldcupper und langjähriger Weggefährte, übertragen und die eigene Zeit komplett in die Produktentwicklung gesteckt. Es ging mir letztlich nicht um Geld oder Expansion der Marke, aber mich treibt ein starker Ehrgeiz an, der mich immer wieder auf die Suche nach den allerbesten und innovativsten Windsurfdesigns schickt. Ich vermisse die Wettkämpfe und somit ist mein neuer Ehrgeiz, der wohl erste kompletteste Windsurf-Designer der Branche zu werden, der in der Lage ist, jegliche Windsurfprodukte auf allerhöchstem Niveau zu entwickeln.

Patrik Diethelm und Karin Jaggi beim Testen in Australien

Wie weit war der Weg, eine eigene Segelmarke ins Leben zu rufen?

Ich hatte jahrelang versucht, eine etablierte Segelmarke als festen Kooperationspartner zu finden. Letztlich ist es immer an unterschiedlichen Vorstellungen gescheitert. Es ist jedoch auch nicht einfach, mit mir als Perfektionist und Sturkopf zusammenzuarbeiten! Irgendwann sprach ich mit unserem Mitarbeiter Tine darüber und er sagte: „Mach die Segel doch einfach selbst!“ Ich lachte und erklärte ihm, dass ich das noch nie gemacht habe. Er sagte nur: „Dann lerne es doch, du willst doch eh am liebsten immer alles selber machen!“

Mal so eben lernt man das Designhandwerk vermutlich nicht, oder?

Zu Beginn hatte ich folgendes Problem: Ich konnte zwar aufgrund meiner Testerfahrung sofort sagen, „hier mehr Kurve, da mehr Profil“, aber welche Nähte ich exakt verändern musste, das sollte ich erst lernen. Parallel habe ich dann eine geeignete Produktionsstätte ausgewählt. Sie haben dort das Know-how, auch anderes Rigg-Zubehör exakt nach meinen Vorgaben zu fertigen. Ich kann alles aus einer Hand bekommen. Das vereinfacht Entwicklung, Qualitätskontrollen und Lieferungen. Wir nutzen zudem eine gemeinsame Segel-design-Software, was die Zusammenarbeit zwischen Designteam und Produktion weiter vereinfacht und mir ermöglicht, immer direkt produktionsbereite Designs zu testen.

Zurück zum Ursprungsproblem: Wer hat dir erklärt, wie Segeldesign funktioniert?

Wie gesagt, ich hatte schon viel Know-how aus meiner jahrzehntelangen Testarbeit als Profi. Als ich vor längerer Zeit unser Lager in der Schweiz aufräumte, lagen da „tonnenweise“ Segel herum, die schon damals in Teilen meine Handschrift trugen. Viele davon fand ich schon damals klasse. Einige davon waren eine gute Basis für unsere ersten Prototypen, auch wenn es natürlich viele Anpassungen geben musste. Auch für die Segel gilt bei mir: Ich will es bis zu den Wurzeln verstehen und das geht nur, wenn man es selber macht und systematisch vorgeht.

Wie läuft Segeldesign bei dir ab?

Eigentlich wie bei den Boards. Ich versuche jeden Parameter möglichst isoliert zu testen: Wie verhält sich das gleiche Segel nur mit anderem Lattenwinkel, nur neuer Vorliekskurve oder verschiedenen Camberlängen? Ich war damals der Erste, der Hartschaumplatten in Boards eingebaut hat, um direkt am Strand Shape-Anpassungen machen zu können. Dieses Prinzip habe ich auch auf das Testen von Segeln übertragen. Ich habe Segel mit zusätzlichen Materialien und Nähten so vorbereitet, dass ich in wenigen Minuten Veränderungen vornehmen konnte. Mit diesem Prinzip konnte ich schnell lernen, welchen Einfluss die einzelnen Faktoren auf das Fahrverhalten haben. Schon damals, als ich am Strand mit Generator, Handmaschinen und Werkzeugen Änderungen an Board-Prototypen vorgenommen habe, wurde ich belächelt und heute ist es bei den Top-Marken ein normaler Vorgang. Nun lachen sie wieder, wenn ich mit der Schere am Segel etwas wegschnipsle! Es ist wirklich spannend, was sich hinter einem Segeldesign verbirgt und eine kleine Veränderung kann gleich mehrere Shapedetails des beweglichen Segelkörpers beinflussen. Es gibt Segel, bei denen die Camber butterweich rotieren, obwohl sie einen hohen Anpressdruck am Mast haben. Bei anderen Segeln sitzen die Camber locker, sie rotieren aber trotzdem nicht! Ich wollte verstehen, wieso das so ist und das Optimum für unsere Segel finden. Bei jedem Modell haben wir letztlich viele Prototypen in einer Größe gebaut, die sich immer nur in einem Aspekt unterschieden. Meine Besessenheit führte zu genau 62 Wave-Prototypen und 82 Cambersegel-Protos, bis mich die Produktion bremste und sagte, dass ich endlich mal die finalen Designs abgeben solle.

Welche Philosophie verfolgst du beim Segeldesign?

Ich versuche, alle Aspekte des Segeldesigns zu hinterfragen und hatte dabei auch den Mut, in die Vergangenheit zu schauen. Welche Segel haben mir eigentlich in meiner ganzen Karriere am besten gefallen und vor allem wieso? Wie kann ich das Feeling meines Lieblingssegels von damals mit den heutigen modernen Anforderungen kombinieren? Dabei bin ich auch unbequeme Wege gegangen und habe akribische Testprogramme durchgeführt, mit denen ich jahrzehntelange Annahmen endlich verifizieren konnte. Einer davon betrifft die Vorliekskurve: Segel mit weniger Mastbiegung im Topp fühlen sich erst mal leicht an, aber sind im Chop schlechter kontrollierbar. Segel mit viel Vorliekskurve sind in Summe hingegen schneller, weil das Topp freier twisten kann. Gleichzeitig wird das Handling jedoch schwieriger, weil sich der Schwerpunkt durch mehr Mastbiegung nach hinten verlagert. Somit designe ich unsere Slalomsegel wohl als einzige Marke nicht mit einer fixen Mastbiegekurve – also entweder Flex-Topp, Constant Curve oder Hard-Topp – sondern mit allen. Die Vorliekskurve ändert sich: Große Größen sind gerader designt und damit leichter manövrierbar. Die kleineren Größen haben dann mehr Kurve für mehr Speedpotenzial.

Was gibt es zu den Wavesegeln zu sagen?

Das Profil unserer Wavesegel ist eher flach. Mit einem überdimensionierten Vorlieks-Panel und einer cleveren Materialauswahl kontrollieren wir den Segeldruck. Ein weicheres Material generiert Power und ein steiferes Material verhält sich neutraler. Die Segelmacherei musste ich geradezu zwingen, meine nicht vorprofilierten Wavesegel zu bauen: „Patrik, bist du sicher? Keine Marke macht das so!“ lautete der Kommentar der Produktion. Unsere Wavesegel haben auch kaum eingeschneidertes Loose Leech und sind somit sehr effizient. Die nötige Kontrolle erreiche ich durch mehr Vorliekskurve, wobei sich der Mast mehr vertwisten kann. Gleichzeitig ergibt sich so ein riesiger Trimmbereich von sechs Zentimetern an Vorliek und Schothorn. Das gab es vielleicht zuletzt 1990.

Welche Vorteile siehst du darin?

Damit bei Manövern und Schothorn-voraus-Fahrt das Segeltopp weniger schwingt, fahren Freestyler ihre Segel komplett ohne Loose Leech, dafür aber eine Nummer kleiner. Das macht in bestimmten Wave-Bedingungen auch Sinn. Damit die Latten in einem solchen Trimm trotzdem soft umschlagen, sind diese beim 4-WAVE vorne am Mast minimal gekürzt. Mit dem enormen Trimmbereich kann ich auch richtig flachziehen, wenn ich zum Beispiel Kontrolle bei Starkwind benötige.

Wieso war es interessant für dich, auch eigene Finnen zu machen?

Ich war schon zu meinen F2-Zeiten für die passenden Finnen verantwortlich. Ich entwickelte diese Finnen zunächst mit North Shore Maui und arbeitete nebenbei für Deboichet. Später habe ich Choco Fins für F2 ins Leben gerufen. Mit Gründung meiner Marke Patrik, bin ich dann eine Kooperation mit MB Fins eingegangen und habe ihre G10-Finnen entwickelt. Warum also nicht gleich alles selbst und für uns machen? Mein Problem damit war nur, dass man endlose Stunden vor der Design-Software verbringt – ich hasse das. Glücklicherweise haben wir mit Fabio Canella einen weiteren fähigen Mitarbeiter gefunden, der viel Know-how aus dem Automobildesign mitbringt und perfekt mit verschiedensten 3-D-Programmen umgehen kann.

Ist Finnenentwicklung sehr aufwändig?

„Theorie ist gut, aber testen ist besser“ ist meine Devise. Ich habe mit G10-Finnen begonnen, weil sie CNC-gefräst werden und man sie nicht mit hohem Zeitaufwand in einer Form bauen muss. Es ist ohnehin sehr zeitaufwändig, eine komplette Finnenlinie von Wave bis Freerace auf die Beine zu stellen. Mit fünf verschiedenen Profilen, zwei Outlines, zwei Dicken und mehreren Größen bei sieben Modellen hat es sich auf 356 Prototypen aufsummiert. Nachdem man so im Detail getestet hat, versteht man auch da die Wurzeln des Finnendesigns.

Wie motivierst du dich, immer wieder Neues auszuprobieren?

Ich muss mich – nach wie vor – nicht motivieren, um nächtelang an neuen Ideen zu tüfteln und ich trage diese schweizerische Präzision in mir. Meine Ansprüche sind sehr hoch, was unsere Marke leider auch oft in Schwierigkeiten bringt. Meine nicht endenden Testreihen und Qualitätsprüfungen haben schon oft zu Produktionsverzögerungen oder sogar Produktionsstopps geführt. Fürs Business ist das schlecht, aber der surfende Kunde kann sich umso mehr freuen, wenn das ganze Paket perfekt harmoniert.

Infos unter www.patrik-windsurf.com

Themen: InterviewPatrik


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