Jason Polakow

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 6 Jahren

Eigentlich ist Jason Polakow seit seiner Abkehr vom Contest-Surfen ein Profi im Ruhestand. Doch statt Business und einem entspannten Leben auf Maui wandert Jason bei seinen Big-Wave-Abenteuern regelmäßig auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Im surf-Interview spricht Jason über die neue Generation, seine Nische Big-Wave-Surfen und das harte Training, um beim nächsten Waschgang nicht wieder fast zu ertrinken...

Big-Wave-Surfer John Polakow

Es gibt Dinge, die ändern sich nie! So darf es ernsthaft bezweifelt werden, dass sich Jason Polakows latent hyperaktive Art jemals legen wird und vermutlich wird der "godfather of waveriding" auch mit 70 noch stilvoll Wellen abreiten. Und auch sonst hält Jason scheinbar nicht allzu viel von Veränderung, denn während andere Windsurf-Ikonen wie Naish, Goya, Teboul oder Angulo nach ihrem Ausstieg zu erfolgreichen Businessmännern und Besitzer eigener Windsurf-Marken wurden, hat Jason eine andere Nische für sich entdeckt. Er wird dafür bezahlt, die größten Wellen rund um den Globus zu jagen.

Jason, du bist im Big-Wave-Surfen eine Legende. Wann warst du das letzte Mal einfach nur Freeriden? Puh, du stellst Fragen. (überlegt) Das muss vor 15 Jahren gewesen sein...

Jason Polakow surft Teahupoo

Auch in der Wahlheimat Maui sind nicht immer Wellen. Was macht Jason Polakow, wenn es flach ist? Ich lebe hier, und seit drei Jahren habe ich eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Einerseits ist das schade, weil meine Familie in Australien lebt und ich sie nur ein, zwei Mal im Jahr sehe, andererseits ist Maui natürlich gesegnet mit guten Bedingungen. Meine Tage hier auf Maui beginnen eigentlich immer gleich: Frühstücken und dabei die Swellkarten checken. Wenn irgendwo ein großer Swell auftaucht, werde ich hektisch und versuche da hinzu- kommen, das heißt Mails schreiben, organisieren, planen. Wenn die Karten wenig verheißen, ist Maui nicht der schlechteste Ort, um einen Tag rumzubekommen. Dann gehe ich ins Fitnessstudio und mache mein spezielles Training, danach entweder Motocrossfahren oder Stand-up-Paddeln, Biken und am Nachmittag meist noch eine Runde Windsurfen in Hookipa, Abendessen, Film – das war’s dann.

Genießt du die Freiheit, das zu tun, was du möchtest? Zu deinen Contest-Zeiten hattest du ja sogar mal Motocross-Verbot von ganz oben. Zu viele Verletzungen, zu viele verpasste Contests... (lacht) Ja, das stimmt. Mein Boss bei JP war damals nicht sonderlich angetan von meinem Motocross-Wahn und ich hatte in meinem Vertrag ein Motocross-Verbot stehen. Auch meine Oma hat drei Kreuzzeichen gemacht, sie war es ja gewesen, die mir damals Windsurfen als Ersatzsport schmackhaft gemacht hat. Aber Verletzungen gehören nunmal dazu, ich habe mir im Laufe meiner Karriere so viele Knochen gebrochen, nicht nur beim Motocross. Aber es war den Spaß wert! Wenn ich die Wahl hätte, würde ich wieder alles genauso machen. (lacht) Früher war es mein Antrieb Contests zu gewinnen, aber jetzt bin ich vor allem deshalb glücklicher, weil ich meine Nische gefunden habe. Ich muss nicht mehr in Pozo bei kleinen Wellen und Sturm herumspringen, sondern kann die besten und schönsten Wellen auf der ganzen Welt reiten. Das ist ein Traum.

Auch für die Sicherheitscrew ist Jaws manchmal kein Zuckerschlecken.

Verfolgst du die aktuellen Geschehnisse auf der Worldcup-Tour noch? Auf jeden Fall! Das Level ist heute so hoch wie nie zuvor und wenn man sieht, was die Fahrer heute so machen, ist das unbeschreiblich gut. Mich hat es vor allem gefreut, dass Marcilio Browne Wave-Weltmeister geworden ist, er hat es mehr als verdient, weil er bei allen Bedingungen absolut top ist. Aber auch Philip Köster und viele andere sind beeindruckend. Und weil die Organisatoren so langsam kapieren, wie man einen Contest gut vermarktet, ist mir um den Sport auch nicht mehr bange...

Du spielst auf Live-Streaming und dergleichen an? Genau, das ist mittlerweile in anderen Sportarten wie Surfen oder Snowboarden einfach Standard und es ist absolut wichtig, dass man es schafft, den Sport wieder in die Wohnzimmer zu bringen. Das Aloha Classic im letzten Jahr habe ich am Flughafen live gesehen, das war toll.

Jason at his best! Mit seinem einzigartigen Wellenreit-Style prägte er eine ganze Windsurf-Generation.

Hat’s dich da nicht in den Fingern gejuckt. Die Surfwelt hatte gehofft, dass neben Robby Naish auch du nochmal in den Ring steigst... Doch, es hat gejuckt, aber ich war auf Mauritius und hatte leider keine Zeit. Aber 2014 bin ich wieder dabei!

Du hast deinen Fokus von Contests hin zu Big-Wave-Abenteuern verschoben. Wie bereitest du dich darauf vor? Ich habe ein spezielles Programm, das ein Freund aus Australien für mich ausgearbeitet hat, es dauert eineinhalb Stunden und ich mache es mehrmals die Woche. Die erste Hälfte funktioniert – kurz zusammengefasst – so, dass man sich körperlich anstrengt und dabei nicht atmet. Ich hole also Luft, tauche unter und mache unter Wasser bestimmte Aufgaben und trainiere so mein Lungenvolumen und vor allem, die Ruhe zu bewahren. Meist mache ich dies gemeinsam mit einem Freund, der alles überwacht und im Blick hat. Im zweiten Teil atme ich komplett aus, bevor ich untertauche und meine Übungen mache. Oft rolle ich mich klein zusammen und werde im Kreis gedreht, damit lässt sich trainieren, ohne Sauerstoff bei einem Vollwaschgang die Ruhe zu behalten. Wenn man das konsequent ein paar Wochen jeden Tag durchzieht, kann jeder sein Lungenvolumen deutlich steigern. Das Wichtigste ist jedoch der mentale Aspekt: Wenn du weißt, dass du gut vorbereitet bist, behältst du länger die Ruhe, Panik verbraucht zu viel Sauerstoff.

Cloudbreak, die  legendäre Welle auf Fidschi, gehört neben Jaws zu Jasons absoluten Lieblingsplätzen.

Wenn man sich die ersten Jaws-Videos aus den 90ern anschaut, sieht man dich und Robby Naish in Board- shorts in Jaws surfen. Kein Savety- Equipment, kein Jetski, kein spezielles Training – war das aus heutiger Sicht ein Himmelfahrtskommando? (lacht) Oh ja! Verrückt! Das waren Cowboy-Zeiten. Wir haben uns nichts dabei gedacht. Bei meinem erstem Mal bin ich mit Mark Pettersen und Dave Kalama einfach bei großem Swell die sieben Kilometer von Hookipa aus runtergesurft, ohne Boot oder Jetski. Wir surften gigantische Wellen einfach nur in Shorts und Trapez und man begriff erstmal gar nicht, was man da gerade tut. Alles war ein großes Abenteuer.

Wie gefährlich es da draußen ist, sah man vor zwei Jahren. Damals hattest du längst ein gutes Sicherheitspaket mit Rettungsweste und Jetski und bist trotzdem fast ertrunken... Ja, ich hatte viel Glück. Ich surfte in Jaws und die Welle, die mich abräumte, war nichtmal sonderlich hoch (die Welle war rund zehn Meter hoch, Jason misst einfach in anderen Maßstäben, die Red.), aber ich war an einem schlechten Punkt. Das Riff in Jaws ist recht flach, dahinter wird es aber nochmal tief. Irgendwie war ich in einer Blase gefangen und hatte trotz Rettungsweste keinen Auftrieb. Es fühlte sich an wie im Vakuum. Kurz bevor ich auftauchen konnte, kam die zweite Welle im Set, drückte mich wieder runter, nach der dritten Welle war ich so tief unten, dass es um mich herum Schwarz war, ich muss etwa 15 Meter tief unten gewesen sein. Als ich mir die Hand vors Gesicht hielt und sie nicht sehen konnte, dachte ich "das war’s, ich sterbe gerade!" Mein Atemreflex setzte ein, man kann den Drang des Körpers Luft zu holen also nicht mehr kontrollieren und atmet Wasser ein. Plötzlich sah ich etwas Licht und Farbe über mir, das war der Moment als ich begriff: "Hey, ich bin noch nicht tot." Als ich auftauchte, war ich 1:10 Minuten unter Wasser gewesen, das war ziemlich knapp. Seitdem versuche ich akribischer als zuvor mein Lungenvolumen zu erhöhen und vor allem mein Sicherheits-Equipment zu verbessern.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne – Jason kommt selten mit heilem Stuff an Land.

Welche Möglichkeiten gibt es beim Equipment? Das Problem damals in Jaws war ja auch, dass die zweite Welle mir die Auftriebsweste einfach vom Körper gerissen hatte und ich nichts mehr hatte, was mich nach oben zog. Deshalb habe ich ein System mit der Neo-Marke Patagonia entwickelt, es ist eine Auftriebsweste, die man unter dem Neopren trägt und die sich über vier CO2-Ampullen aufblasen lässt. Früher musste man nach einem Waschgang also erstmal zum Strand, jetzt sind vier Vollwaschgänge möglich.

Wie sehr beschäftigt dich die Frage nach dem Tod? (überlegt) Ich hoffe, dass es da draußen nie soweit kommt, aber möglicherweise wird es eines Tages passieren. Wichtig nach solch kritischen Momenten ist, dass du schnell wieder aufs Pferd steigst, sonst trägst du diese Erfahrung wie einen Ballast mit dir rum und hast den Kopf nicht frei. Eine Woche nach meinem Unfall kam der nächste große Swell nach Hawaii und ich ritt mit Robby (Swift, die Red.) ein paar Wellen. Das war wichtig, um den Kopf frei zu bekommen.

Ohne Adrenalin geht’s scheinbar nicht – egal ob beim Klippenspringen, Bungee jumpen oder auf dem Motocross-Bike, Jason ist für jeden Spaß zu haben. 

Mittlerweile surfen viele Leute in Jaws und an anderen Big-Wave-Spots, bei dir hat man im Gegensatz zu vielen anderen das Gefühl, dass du extrem risikoreich fährst. Ist ein Surftag ohne Vollwaschgang und kaputtes Material kein guter Tag? Klar, im Prinzip kann an einem Pointbreak jeder große Wellen irgendwie abreiten, ohne Risiko oder mit. Eigentlich bin ich niemand, der extremes Risiko geht, selbst beim Motocross fahre ich heute mit mehr Hirn als früher. Ich denke, das ist das Alter (lacht). Auf dem Wasser kenne ich mich ganz gut und versuche natürlich jede Welle ein bisschen radikaler und näher am brechenden Teil zu surfen. Es gibt Tage da stürze ich nie, beim letzten Jaws-Tag war ich allerdings so unachtsam, dass ich aus einer Welle gehalst bin, ohne mich vorher umzusehen. Dann kam der "große Bruder" und ich war am Arsch, weil ich es nicht mehr in den Channel geschafft habe. Natürlich musst du immer ein Ersatz-Kit dabeihaben. Dieses Jahr habe ich nicht sonderlich viel kaputtgemacht. Ich hoffe das ändert sich bald, denn das würde bedeuten, dass wieder mehr gute Tage kommen. (lacht)

Man hat den Eindruck, dass du extrem gut vernetzt bist, wenn du auf Reisen gehst. Das stimmt. Mittlerweile habe ich ein ausgeprägtes Netzwerk auf der ganzen Welt und kann überall innerhalb von ein paar Stunden einen Jetski und eine Filmcrew auftreiben. Das ist wichtig für mich, weil ich so immer am richtigen Fleck sein kann und mein Sponsor Red Bull natürlich gute Aufnahmen sehen will.

Auf dem Jet Ski in die Welle.

Andere Surf-Legenden aus deiner Zeit, wie Robby Naish oder Francisco Goya, sind heute erfolgreiche Unternehmer. Auch du hattest mal eine eigene Boardmarke. "Hatte" ist das richtige Wort, aber meine letzten Anteile an der Marke habe ich schon vor Jahren verkauft. In den ersten Jahren hat mein Vater mir viel geholfen, die Marke zu führen, alles zu organisieren und zu sehen, dass der Laden läuft. Ich bin ehrlich gesagt ein ziemlich mieser Business-Typ, ohne meinen Vater hätte ich es nie geschafft. Irgendwann schlug ihm der ganze Stress auf die Gesundheit und wir haben uns entschlossen, alles zu verkaufen. Im Nachhinein war das genau richtig, die Marke ist erfolgreich, ich bekam einen guten Preis für meine Anteile und wusste, dass sie in guten Händen ist. Jetzt muss ich wenigstens nicht in einem Büro verschimmeln, während es draußen windig ist...

Lach- und Schießgesellschaft: Kauli Seadi, JP-Boss Martin Brandner und Jason (links, v.l.n.r.).

Themen: Jason Polakow


Lesen Sie die SURF. Einfach digital in der SURF-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
  • Jason Polakow Chronicles: Cloudbreak Fiji

    28.05.2015

  • Robby Naish und Jason Polakow verkaufen Segel für den guten Zweck

    28.04.2016

  • Video-Weihnachtsgrüße von Jason Polakow

    22.12.2016

  • Big Waves: Jason Polakow surft in Nazaré

    05.05.2016

  • Jason Polakow Chronicles: Windsurfing in Lanes

    08.08.2017

  • Jaws - der legendärste Windsurfspot der Welt

    15.05.2016

  • Jason Polakow Chronicles: Windsurfing Jaws on an El Niño Swell

    04.07.2016

  • Jason Polakow

    08.08.2014