Jensen Brothers

 • Publiziert vor 16 Jahren

Pozo vor der Haustür und Björn Dunkerbeck als Schulkamerad – Vidar und Orjan Jensen hatten kaum eine andere Chance als Windsurf-Profis zu werden. Ein Portät der norwegischen Überflieger.

Sie sprechen perfekt Spanisch, essen am liebsten Tapas und nennen Gran Canaria ihr Zuhause. Aber eigentlich stammen Vidar und Orjan Jensen aus dem Land der unzähligen Fjorde und Wikinger. Das Leben ihrer Mutter verschlug die Norweger mit sechs und vier Jahren 30 Breitengrade weiter südlich auf besagte Vulkaninsel mitten im Atlantik. Fern ab der Heimat, als Lehrerin an einer skandinavischen Schule, sollte Frau Jensen im Auftrag der norwegischen Regierung ein halbes Jahr lang den blonden Sprösslingen von ausgewanderten Nordländern deren Muttersprache beibringen. Aus einem halben Jahr wurde ein ganzes Leben. Mittlerweile sind Vidar und Orjan 32 und 30 Jahre alt und können sich einen anderen Wohnort als Gran Canaria nicht mehr vorstellen. Wobei ihre Berufswahl mit Sicherheit eine entscheidende Rolle spielt, denn beide fahren seit über zehn Jahren erfolgreich im Worldcup mit und haben mit den Spots der Kanaren die besten Trainingsplätze vor der Haustür.

Ein Schulfreund namens Björn brachte die sportlichen Jungs Anfang der 80er zum Windsurfen. Er lud sie ein, mal in der Windsurfschule seines Vaters vorbeizuschauen, und nachdem der erste Wasserstart saß, gehörte das blonde Duo bald zu den Dauergästen an Eugen Dunkerbecks Windsurfing Center am Playa Aquila. Orjan begleitete seinen ehemaligen Schulkamaraden mehrere Jahre als Caddy, bevor er selbst ins Worldcup-Geschehen eingriff. Damals träumten die Brüder davon, einmal so gut zu werden wie ihr Freund und sportliches Vorbild Björn Dunkerbeck.

Eine Dekade später haben sie es geschafft und zählen heute zu den radikalsten Fahrern unter den Profis. Der einhändige Frontloop machte Vidar 2001 bekannt. Nur knapp verpasste er damals die Weltmeister-Krone in der Welle. Mittlerweile dreht der Norweger mit spanischem Temperament einhändige Doppelloops. Trotzdem sprang er auch 2003 wieder knapp am Titel vorbei und wurde hinter Josh Angulo und Björn Dunkerbeck Dritter in der Waveriding-Rangliste. Doch der sympathische Norweger aus Spanien weiß, dass er das Zeug zum Sieger hat und trainiert ehrgeizig für jede neue Saison. Vielleicht hat er dieses Jahr das Glück, das ihm in der Vergangenheit fehlte.

Aber auch der kleine Bruder hat mittlerweile was zu melden und könnte Vidar den Titel streitig machen. Mit dem sechsten Platz im Wave-Ranking 2003 ist Orjan ein ernst zu nehmender Gegner geworden. surf hat die Doppelloop-Brüder getroffen und neben vielen Gemeinsamkeiten auch gravierende Unterschiede zwischen den beiden festgestellt.

Wie stark ist die Konkurrenz unter euch beiden?

VIDAR: Zwischen uns herrscht eine normale Rivalität. Wenn wir zusammen rausgehen, dann pushen wir uns ganz ordentlich, aber wir müssen den anderen nicht ständig übertrumpfen.

Und der Zusammenhalt? Auf Sylt hatte Vidar ernsthafte Chancen, den Weltmeistertitel zu holen. Orjan, hättest du absichtlich für ihn verloren, wenn ihr in einem Heat aufeinander getroffen wärt?

ORJAN: Nein, absichtlich verloren nicht, vielleicht wäre ich mit angezogener Handbremse gefahren. Aber wir haben vorher schon abgemacht, dass auf dem Wasser sich jeder selbst der Nächste ist. Da gibt es keine brüderliche Kollegialität.

Ihr seid mit Björn zur Schule gegangen. Ist er mehr Freund oder Idol?

JENSEN: Beides, aber heute mehr Freund. Er hat uns motiviert, zum Windsurfen zu gehen. Wir haben ihn bewundert, und wollten auch so gut werden wie er. ORJAN: Sicherlich hat er unsere Laufbahn entscheidend geprägt, aber als mein Idol würde ich ihn nicht bezeichnen. Er war mehr ein sportliches Vorbild und davon abgesehen ein guter Freund.

Orjan, Worldcup-Profi und Familienvater. Wie vereinbart man das?

ORJAN: Es ist nicht immer einfach, und meine Familie muss oft zurückstecken. aber wenn ich zu Hause bin, verbringe ich sehr viel Zeit mit den Kindern und meiner Frau. VIDAR: Orjan ist ein sehr disziplinierter Mensch, der hart arbeitet. Er steht immer um 7:30 Uhr auf, geht windsurfen, arbeiten und kümmert sich anschließend um die Familie. Ich respektiere ihn sehr dafür. Ich könnte das nicht. ORJAN: Nein, Vidar steht meistens so um 14:00 Uhr auf, schaut ob Wind ist, und wenn nicht, dann geht er eine Runde auf den Golfplatz. VIDAR: Ganz so ist es auch nicht, aber es ist sicherlich richtig, dass ich einen weniger stressigen Alltag habe als Orjan.

Orjan, beneidest du ihn darum?

ORJAN: Nein, ich liebe mein Leben genau so wie es ist. Ich versuche Vidar eher davon zu überzeugen, auch mal ein wenig früher aufzustehen und etwas disziplinierter zu sein.

Du lebst also ein Junggesellenleben, Vidar? VIDAR: Nein, ich habe eine feste Beziehung und bin seit zwei Jahren glücklich mit meiner Freundin.

Ist der Alltag der einzige Unterschied zwischen euch beiden oder gibt es da noch mehr?

VIDAR: Wir sind uns ansonsten ziemlich ähnlich. Beide etwas schüchtern und ruhig, aber sehr offen, wenn wir neue Leute kennen lernen.

Habt ihr gemeinsame Hobbies? ORJAN: Wir machen häufig Mountainbike-Touren zusammen oder gehen auf den Golfplatz.

Was ist so faszinierend am Golfen? VIDAR: Der Sport hat einen hohen Suchtfaktor und ist ein idealer Flautensport.

Ihr seid beide wegen eurer hohen und radikalen Sprünge bekannt und seid berüchtigte Tequilla-Vernichter. Tragt ihr da das gleiche verrückte Gen in euch?

VIDAR: Könnte schon sein (lacht), aber ich glaube, dass es mehr an unserem Homespot Gran Canaria liegt. Wenn man hier surfen lernt, wird man ein bisschen härter als andere Windsurfer. Und wenn man aus Skandinavien kommt, verträgt man eben ein bisschen mehr Alkohol als andere Leute.

Was sind eure nächsten Ziele? Der Trippelloop? VIDAR: Nein, den sollen lieber andere machen. Dafür bin ich vielleicht doch schon zu alt. Obwohl ich glaube, noch nie in so guter Form gewesen zu sein wie jetzt. Deswegen werde ich in dieser Saison voll angreifen. ORJAN: Und ich werde ihm die Stirn bieten.

Text/Interview: Katharina Uhr, Fotos: Reinhard Müller, Niels Geiselbrecht

Vidar Jensen

Orjan Jensen

Vidar Jensen „Mr. Loop": „Wenn man auf Gran Canaria windsurfen lernt, wird man ein bisschen härter als andere Windsurfer."

Orjan ist der Strengere von beiden, aber seine Moves sind äußerst lässig.


Lesen Sie die SURF. Einfach digital in der SURF-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag