Jim Drake ist tot

  • Christl Borst-Friebe
 • Publiziert vor 8 Jahren

Im Alter von 83 Jahren ist Jim Drake, der eigentliche Erfinder des Windsurfens, in seiner Heimat Kalifornien gestorben. Ulrich Stanciu, Gründer und erster Chefredakteur des surf Magazins, war ein enger Freund von Jim Drake. Er erinnert noch einmal an diesen großartigen, visionären Menschen, der unser aller Leben beeinflusst hat.

Die Nachricht über den Tod von Jim Drake hat mich tief erschüttert. Wir haben einen großartigen Freund und einen genialen Erfinder verloren. Er war für mich als damaligem Chefredakteur des surf Magazins ja nicht nur ein Idol, nämlich der wahre Erfinder des Windsurfens, dieser großartigen Sportart, sondern er war auch ein väterlicher Freund, mit dem ich viele Stunden interessante Diskussionen geführt habe, mit dem ich viele Surf-Urlaube – auf Hawaii, auf den Bahamas, auf Sardinien und am Gardasee –  verbracht habe. Jim war ein außerordentlich gebildeter, geistreicher, humorvoller Amerikaner aus Kalifornien, der nicht nur über Aero- und Hydrodynamik, sondern auch über die Geschichte und die politischen Verhältnisse vieler Länder der Welt bestens Bescheid wusste. Das lag unter anderem an seinem Beruf – er war eigentlich “aeronautical engineer”, also Flugzeug-Designer, aber seine Kompetenzen gingen weit darüber hinaus. In den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts war er bei seinem Arbeitgeber North American Aviation hauptverantwortlich für die Entwicklung der Bell X 15. Das erste Raketenflugzeug, das die Atmosphäre verlassen konnte.

Mit dieser Maschine machten die Amerikaner etwas später hochauflösende Luftbilder der Erde, vor allem natürlich aus militärischen Gründen von der Sowjetunion und dem Ostblock. Sie waren später die Grundlage für die Idee eines militärischen Konzepts, das letztlich mithalf, den Ostblock in die Knie zu zwingen: Es war das Cruise Missile, eine Rakete, die anhand der topografischen Daten von der X 15 punktgenau ein militärisches Ziel treffen konnte. Als ich Jim einmal fragte, wie er denn als Erfinder des Windsurfens, also der friedlichsten Sportart der Welt, so eine tödliche Waffe entwickeln konnte, sagte er entwaffnend: “ Because I love my country”.

Den Namen Jim Drake las ich erstmals, kurz nachdem wir 1977 das surf Magazin gegründet hatten. Wir hatten damals schwer zu kämpfen mit dem Patent, das Jims früherer Kompagnon Holyle Schweitzer mit harter Hand verwaltete. Hoyle setzte damals den europäischen Markt mit horrenden Lizenzgebühren auf den Gabelbaum unter Druck und anfangs erschien es allen so, als sei er der Erfinder. Und Hoyle widersprach dem nicht, sondern stellte sich selbst als den Vater des neuen Sports dar. Doch als wir uns bei den redaktionellen Recherchen die Patentschrift einmal genau ansahen, entdeckten wir dort einen zweiten Namen: James R. Drake. Dabei stand auch seine Adresse in Santa Monica. Wer war das? Damals, noch ohne Internet, bekam ich seine Nummer über die Telefonauskunft und rief dann natürlich sofort in Kalifornien an. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Jim Drake. Ja, er sei der Erfinder des Windsurfens, er habe das Patent ehemals zusammen mit seinem Nachbarn Hoyle Schweitzer angemeldet und ihm dann die Geschäfte überlassen, weil er selbst zu beschäftigt war mit den Entwicklungen für das Pentagon. Aber er würde ja bald zur Windsurfer-Weltmeisterschaft nach Sardinien kommen und dort könne er mir die ganze Geschichte erzählen. Wow, das war natürlich eine Super-Story für das junge surf Magazin – investigativer Journalismus.

Im Juli 1978 traf ich dann Jim Drake auf Sardinien, ein sympathischer, offener Typ, mit umfassenden technischen und aerodynamischen Kenntnissen, der seine Zuhörer sofort in den Bann zog. Er erzählte, wie er in seiner Garage das erste Rigg zusammenbaute, sich aus starken Edelstahlteilen einen gelenkigen Mastfuß baute, den Gabelbaum aus Teakholzleisten zusammenleimte, das Board bei dem Surfboard-Shaper Con Colburn laminieren und das Segel bei dem Segelmacher Bob Broussard schneidern ließ. Die entscheidende Frage, warum er denn eigentlich das Windsurfen erfunden hatte, beantwortete er so: „Ich war Skifahrer und Segler, beides begeisternde Sportarten. Skifahren hatte den entscheidenden Vorteil, dass es kaum Aufwand machte – Ski ins Auto, ab ins Skigebiet, klack, klack in die Bindung und los geht’s. Beim Segeln war das was anderes: Bis man da das Boot am Strand aufgeriggt hatte, dauerte es fast einen halben Tag, und der Transport des Schiffes war auch so eine Sache. Ich wollte nun die Faszination des Segelns mit dem geringen Aufwand des Skifahrens kombinieren. Doch wie?

Die Idee kam mir dann bei einer Autofahrt nach San Bernardino auf dem Freeway – gelenkiger Mastfuß kombiniert mit einem Gabelbaum, der nicht nur das Segel spannt, sondern mit dem man das Segel auf beiden Seiten führen konnte. Zurück zuhause machte ich eine technische Zeichnung, dann ging ich in die Garage und baute die Teile mit den bescheidenen Mitteln, die ich zur Verfügung hatte“. Am 21. Mai 1967 war es dann soweit: Jim packte sein Board und das Rigg auf sein Auto, fuhr zum Hafenbecken der Marina del Rey, baute alles zusammen und ging aufs Wasser. Natürlich machte er dabei eine ähnlich lächerliche Figur wie alle Surf-Anfänger, die zum ersten Mal auf dem Brett stehen. Das zeigt ein Super-8-Film, den seine Frau Wendy aufnahm. Sie maß dieser verrückten Idee vermutlich keine große Bedeutung bei, denn am Ende des Films hielt sie vielmehr ihre Kinder beim Ballspielen auf dem Zelluloid fest.

Erst etwas später, bei einer Gartenparty, zeigte Jim seinen Nachbarn – einer davon war Hoyle Schweitzer – das neue Wassersportgerät. Hoyle war interessiert, fragte, ob er das mal probieren dürfe und selbstverständlich lieh Jim ihm das Brett. Hoyle, damals ein recht sportlicher Typ, kam ganz gut zurecht mit der Sache und schon bald konnte er bei drei bis vier Windstärken surfen. Hoyle war es auch, der Jim dann drängelte ein Patent anzumelden. Jim stimmte zu, die beiden teilten sich die Kosten. Nachdem Jim in der Folgezeit immer häufiger nach Washington ins Pentagon reisen musste, überließ er Hoyle immer mehr die Vermarktung seiner Idee, „with benign neglect“, wie er später mal formulierte, mit gütiger Nachlässigkeit. Hoyle, der damals mit einer eigenen Firma für Rechnungsstellung von Anwaltskanzleien Schiffbruch erlitten hatte, konzentrierte sich dann ganz auf die Vermarktung von Jims Idee – und fand tatsächlich einen Hersteller, der bereit war, ein solches Gerät zu bauen, den holländischen Segeltuch-Hersteller Ten-Cate. Sofort danach drängte Hoyle darauf, dass Jim ihm seine Hälfte des Patents verkaufen solle. Jim stimmte aus Freundschaft schließlich zu, ohne jedoch zu wissen, dass Hoyle schon einen Hersteller gefunden  hatte. Das hatte Hoyle ihm nicht erzählt. Hoyle zahlte Jim die Summe von 30000 Dollar für die Hälfte des Patents – und nahm später über das Patent schätzungsweise 50 Millionen Dollar ein. Es war die typische Geschichte eines genialen Erfinders, den andere um die Früchte seiner Idee bringen. Jim versuchte später zumindest einen Teil der Lizenzeinnahmen einzuklagen, hatte damit jedoch keinen Erfolg.

Natürlich konnte ich als Journalist nicht nur auf die vielen Informationen von Jim Drake selbst zählen, sondern musste die Story über die Berichte anderer Leute in der Umgebung von Jim und Hoyle wasserdicht machen. Also flog ich ein gutes halbes Jahr später nach Los Angeles und trieb alle Beteiligten auf, unter vielen anderen den Boardshaper Con Colburn, den Segelmacher Bob Broussard, Jims Kollegen bei der RDA, Fred Payne, seinen Nachbarn, den Psychologie-Professor Alan Parducci, der es stellvertretend für alle anderen auf den Punkt brachte: „Jim ist das Genie des Windsurfens“.

Das hatte Jim Drake natürlich nicht nur in den frühen Tagen des Windsurfens bewiesen, sondern auch in den vielen Jahren danach: Mit mir zusammen meldete er in den 80er-Jahren ein Patent an auf seine Idee des Flügelriggs, einem Vorläufer der heutigen Kites. Später war er der treibende Geist bei Starboard hinter der Entwicklung der breiten Frühgleit-Boards und den langen Finnen für mehr Stabilität auf dem Wasser. Sein Ratschlag war bei allen  Surf-Designern begehrt.

Also: Jims Story war echt. Ich schrieb 1979 einen großen Artikel darüber im surf Magazin, der in der Windsurf-Welt Aufsehen erregte. Jim und ich befreundeten uns danach immer mehr, er war dankbar, dass die wahre Geschichte nun endlich ans Licht gekommen war. Angesprochen auf seine Gefühle in der Sache und auf die entgangenen Millionen, lächelte er bescheiden: „Ich bin jetzt zufrieden mit dem intellektuellen Einkommen.“ Und er machte mir aus Dankbarkeit das schönste Geschenk, das ich mir vorstellen könnte – er übergab mir den allerersten Mastfuß, den er in seiner Garage in Santa Monica gebastelt hatte. Das wertvolle Stück hat bis heute einen Ehrenplatz in meiner Vitrine und wenn ich es jetzt in die Hand nehme, kullern mir die Tränen…..

Uli Stanciu

Genial einfach, die Konstruktionszeichnung des "Ur-Windsurfers".

 

Jim Drake hat nicht nur den Ur-Windsurfer erfunden, sondern war später auch maßgeblich an der Entwicklung des ersten modernen, breiten Freerider, dem Starboard Go, beteiligt.

Themen: Jim Drake


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