• Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit des 1965 geborenen John Carter: Als der Junge mit einem Namen, der in England ungefähr soviel kreatives Potenzial hat wie im deutschen Raum ein Johann Maier, die Schule beendet, findet er eine Anstellung auf dem Postamt seiner Heimatinsel Isle of Wight und verkauft Einheimischen und Touristen Briefmarken. Irgendwie befriedigt dieser erste Job den Abenteurer in ihm nicht so recht, und als Freund Nigel Howell alles hinschmeißt um nach Australien zu gehen, kommt der damals 21-Jährige kurzerhand mit. Dass das der Start einer bis heute nicht endenden Weltreise sein sollte, ist ihm zu dem Zeitpunkt noch nicht klar.
  • Die Versicherung weigerte sich, den Schaden zu ersetzen, weil Herr Carter die sprichwörtliche ehrliche Haut ist und zugab, den Schlüssel für etwaige Langfinger im Tankdeckel hinterlegt zu haben. 1997 wurde er dann vom brasilianischen Zoll an seinem Job als Worldcup-Fotograf gehindert: Die endlich wieder komplette, zweite Ausrüstung blieb irgendwo am Flughafen hängen. Da blieb ihm nur, auf seiner tonnenschweren Canon StarWriter Berichte über den Event zu tippen und an die Magazine zu faxen. Solche oder ähnliche Geschichten kann John Carter zur Genüge erzählen, aber lachen darüber – das kann er erst im Nachhinein.
  • John blieb daraufhin ein Jahr in Australien, um dann genauso lang durch die USA zu reisen, und 1989 erstmals auf Maui zu landen. „Ein kleiner Schritt für JC, ein großer für die windsurfende Menscheit“, fällt dem surf-Leser dazu wohl ein. Seine Eindrücke hielt John auf Reisen stets auf Film fest und so überredete er mit der ihm eigenen Frechheit prompt ein britisches Surfmagazin, ihn auf die Honorarliste zu setzen – jetzt da er doch die Weltelite vor der Linse hatte! Das war erst einmal der Startschuss zu seiner Karriere als Profi-Fotograf, aber fast ein Jahrzehnt soll es noch dauern, bis der schon zitierte Nachweis „Carter/PWA“ bescheinigte, dass er zu den Besten und Bestbezahlten seiner Zunft gehört. Ein Jahrzehnt der sporadischen Jobs hier und da: Über sechs Monate machte der angehende Fotograf den Tellerwäscher bei Charlie’s oder den Gärtner in Spreckelsville, begleitet von seinem Leidensgenossen und angehenden Windsurf-Profi Rich Foster.
  • Gemeinsam kam ihnen die Idee, ihre Dienste unter dem Namen „RAF“ feil zu bieten – in Deutschland wäre das wohl nicht so gut angekommen, aber Mauis Reichen und Schönen kam der „Hausbesorgungsdienst Royal Air Force“ wie gerufen. Damit hielten sich die beiden drei europäische Winter auf Hawaii über Wasser. Der Glaube ans eigene Können und der Wunsch, das Hobby zum Beruf zu machen – ein roter Faden, der sich durch das Leben einiger „Stars“, egal welcher Branche, zieht. Heute trägt John auf seinem Wandplaner Fotoshoots für Starboard ein, begleitet die besten Windsurfer der Welt um die Welt und gibt den Leibfotografen von McKercher, Goya und Angulo.
  • Für manche mag er künstlerisch nicht der Ansprechendste oder Kreativste sein, aber den Titel des meistbeschäftigten Fotografen der Windsurfszene kann ihm 2004 schon keiner mehr absprechen. Höchstens zwei Wochen durchgehend sei er zwischen seinen Jobs zuhause, auf „seiner“ Isle of Wight, bei Frau Suzanne und den beiden kleinen Kindern. Suzanne dankt er gänzlich ungefragt dafür, dass sie sein Globetrotter-Leben mitmacht und ihn nicht einfach vor die Tür setzt. Diese Woche noch England, nächste Woche schon Mauritius mit den Moreno-Twins, danach zum Worldcup auf Sylt – und „dabei war er 2005 schon mit drei Weltmeistern unterwegs“, meint er. Das sagt er mit echter Ehrfurcht in der Stimme. Er komme ja wieder und wieder an die gleichen Plätze und sehe immer wieder dieselben Leute, aber: „To go to a new place like Chile with the possibly best wave sailor in the world (damit ist Francisco Goya gemeint; Anm.d.Red.) was just fantastic and worth all the rest.“
  • Muss ein gefragter Wassersport-Fotograf denn eigentlich auch ein guter Windsurfer sein? „No, that’s two separate things“, er sei bestenfalls ein „ambitionierter Anfänger“. Obwohl Carter die Hälfte des Jahres an den Top Spots dieser Welt verbringt, hatte er für die Powerhalse noch nicht genügend Zeit und Muße – besonders seit er neben einem Golfplatz wohnt... Das überrascht natürlich, wo er doch eng mit vielen der Worldcupfahrer befreundet ist. Besonders mit den britischen Topfahrern verbindet ihn nicht nur der Beruf: Nigel Howell, Rich Foster, Timo Mullen – einer der wilden „Motley Crew“, die gemeinsam gern Englands Küsten unsicher macht –, Dave White oder John Skye wurden irgendwann zu so etwas wie einer zweiten Familie. Den Respekt der anderen Profisurfer gewann Carter zuallererst durch seine Furchtlosigkeit. Ohne Helm, den er „ständig vergesse“, in Hookipa nur mit dem Wassergehäuse und einem Paar Flossen bewaffnet an den Start zu gehen, ist kein Spaziergang und mindestens so gefährlich wie in den brechenden Vier-Meter-Teilen zu surfen. Wobei John selbst einen anderen Spot viel schlimmer findet: „In Pozo fühlst du dich als ob du zu Fuß in der Mitte einer vierspurigen Autobahn herumstehst!“ Glauben wir gerne.
  • Einiges an Respekt hat sich JC auch in der allwöchentlichen „Asshole“-Runde (ein  artenspiel; Anm.d.Red.) erspielt, die er mit seinem langjährigen Freund Richie Foster vor bald zwanzig Jahren gegründet hatte und zu der im Lauf der Zeit auch Scott McKercher und Annemarie Reichmann stießen. Gespielt wird auf Gran Canaria oder Maui – „wo man sich halt gerade über den Weg läuft.“ Ohne preiszugeben, wie oft Herr Carter am Ende des Spiels den Thron bestieg oder den Idiotenhut zu tragen hatte, bestätigen vertrauenswürdige Quellen, dass die trockensten Sprüche und die durstigste Kehle immer noch bei JC zu finden waren. Sein beachtlicher Durst führte – zwar seltener als angenommen aber doch – zu eindrucksvollen Begebenheiten: Die erste und letzte Begegnung mit Jack Daniels und ein anschließender Filmriss auf dem JFK Flughafen in New York, der bis London anhielt, oder die nette Überraschung, als er von einem dienstbeflissenen Kellner spätabends in der Hotelbar mit einer 800 Dollar-Rechnung überrumpelt wurde, nachdem er Hongkong-Preise fatalerweise mit philippinischen gleichgesetzt hatte.
  • Bei den Après-Surf-Parties gehören Presse und Organisations-Crew immer voll dazu – aber manchmal fühle Carter sich schon im Abseits, gerade wenn alle Pros total stoked vom Wasser kommen und er den Adrenalinrausch hinter der Linse nicht in gleicher Weise miterlebt hat. „That’s part of the job“ fügt der Brite hinzu. Teil seines Jobs sind eben nicht nur Sonnenschein und Sanddünen. Ein rasender Robby Naish, nachdem er – irritiert vom im Wasser schwimmenden John – einen Heat gegen Dunkerbeck verliert, gehört ebenso zum Job wie Diskussionen mit Daida Moreno, ob denn nun ein Partyfoto auf Sylt versehentlich oder voller Absicht seinen Weg in sieben internationale Magazine fand. Und die endlosen Reisen bergen noch ganz andere Risiken: Da muss man auf Maui etwa ein Tischtennis-Match gegen einen Spitzenathleten wie Jimmy Díaz spielen. Das fächert dann den sogennanten Carterschen Ehrgeiz an, John visiert den Ball an, holt aus – und schlägt sich selbstins Gesicht. Eine Platzwunde über der Augenbraue. An Aufgeben ist nicht zu denken; John hat schon zu oft in seinem Leben die Lachnummer gegeben – nicht zuletzt, als er zur Londoner Boat Show versehentlich mit einem roten und einem blauen Schuh auftauchte... Nie und nimmer soll ihm Ähnliches widerfahren, also spielt er blutüberstömt weiter, kämpft tapfer – und verliert. Zollschwierigkeiten und Diebstähle gehören angesichts des unberechenbaren Verlaufs eines jeden Auftrages wirklich zu den Nebensächlichkeiten. So auch der erste Women-Only-Weltcup im September 2004. Wir erinnern uns: Vierzehn wild gewordene Surferinnen auf einem kleinen Eiland im St. Lawrence-Golf, wo es für die männlichen Judges wie Fotografen kein Entrinnen gab. Er überlegte es sich gut und lange, sagt Carter rückblickend, aber zuletzt gewann doch wieder der Abenteurer in ihm die Oberhand. Wie heißt es doch gleich? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt...