Redaktion

Jose Gollito Estredo

  • Tom Brendt
31.07.2010

Viele herausragende Sportlerkarrieren entspringen einer Kindheit in Armut. Ehrgeiz, Kampfeswille, Durchhaltekraft und nicht zuletzt unermüdliches Training brachte so manchen Basketballer, Boxer oder Leichathlet zu Ruhm und Reichtum. Auch das Leben von José Gregorio in El Yaque war eigentlich vorgezeichnet als Leben eines Fischerjungen – doch aus ihm wurde Gollito, der beste Freestyle-Windsurfer der Welt.

Vom Fischerjungen zum Weltmeister - Jose Gollito Estredo und seine unglaubliche Karriere

Stundenlang saß der schmächtige 11-jährige José Gregorio auf dem Holzzaun, der das Windsurfcenter vom Strand absperrte, um den Stars seiner neuen Faszination zuzuschauen. Sein Bruder Leo hatte Gollito, das ist die Verniedlichungsform der Venezolaner für José Gregorio, erst vor kurzem das Windsurfen beigebracht und seitdem vergeht keine Sekunde im Leben Gollitos ohne Windsurf-Magazine oder selbst auf dem Wasser zu sein. Windsurfen hat dem kleinen Fischerjungen ein ganz neues Ziel in seinem Leben gegeben: Profi-Windsurfer zu werden, und mehr noch, besser als alle anderen bisherigen Pros zu werden.

"Wenn ich alle Freestyle Heros der Vergangenheit zusammen addiere und das Resultat verdoppele kommt dabei Gollito heraus." (Diony Guadagnino über Gollito)

Der Sitzplatz auf dem Holzzaun dient dem kleinen Gollito sowohl als Rastplatz, um sich von den Hilfsarbeiten am Windsurfcenter, die er freiwillig ausübt um den Windsurfern näher sein zu können, auszuruhen. Aber auch, um dem Training der El Yaque Kids um Diony Guadagnino, Ricardo Campello, Cheo Diaz und Co. und den neuesten Moves der Tricksurfer zu folgen. Diesmal im Visier, der damalige Top-Freestyler Kevin Pritchard beim Trainieren des zu der Zeit State of the Art Moves, dem Clew First Spock. Kaum hat Gollito genug gesehen, lässt er sich lässig von den Brettern gleiten, schnallt sich sein übergroßes Trapez um, greift sein 68-Liter-Fanatic- Waveboard und das 3,2er-North-Wavesegel. Material, das ihm der Stationsleiter des Centers exklusiv zur Verfügung stellte, um einem staunenden Kevin Pritchard nach wenigen Versuchen perfekte Clew First Spocks vor die Nase zu setzen.

Seine Familie ist für Gollito fast noch wichtiger als Windsurfen. Nach dem Tod seines Vaters hat er die Rolle des Familienoberhauptes übernommen.

Nicht nur sein Talent und Potenzial, sondern auch sein eiserner Wille waren nicht zu übersehen und so entschieden sich Ex-Worldcupper Dr. Beat Steffan und die Stationsleiter zweier Windsurfcenter am El Yaque Strand, die sich auf Sponsorensuche für Cheo Diaz und Alexis Zabala befanden, auch Gollito die erste wirkliche Unterstützung zu verschaffen. Dr. Beat erinnert sich: “Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, da war er ziemlich genau halb so groß wie jetzt. Nicht einmal ein Dreikäsehoch. Auch sein Brett und sein Segel waren Minimundus. Und er ist daran geklebt wie eine Klette. Er hat einfach auf dem Wasser gespielt mit seinem Equipment. Ohne Unterbrechung, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Für mein Video “Dr. Beat’s Windsurfing Kamasutra” ist er dann bereits Forwards gesprungen und Air Jibes, immer etwa zehn Zentimeter vor der Kamera. Und immer mit einem Grinsen und immer saucool. Er tut aber nicht cool, er ist es wirklich. Außerdem ist er ein heller Bursche mit unglaublicher Auffassungsgabe. Ich habe ihm zum Beispiel einen Trick gezeigt, beim zweiten Versuch konnte er ihn, beim dritten Versuch konnte er ihn dann schon besser als ich.”

Gollito lässt auch die schwierigsten Moves leicht aussehen. Dabei sind kraftvolle Combos aus verschiedenen Manövern seine Spezialität.

Fortan wurde José Gollito Estredo Mitglied der Fanatic- und North Sails-Familie. Der erste seiner Träume wurde war und mit der Erfüllung seines zweiten Traumes zahlte er bereits einen Teil der Unterstützung zurück. Das französische Wind Magazin erschien mit einem kleinen, mittlerweile 12-jährigen Windsurfer Gollito Estredo auf dem Cover. Ein entscheidender Tag für die zukünftige Windsurf-Karriere von Gollito. Mit der Chance, eines Tages professioneller Windsurfer zu werden, stieg die Motivation nochmals ins unermessliche und fast im Stundentakt erlernte er die neuesten Moves, während die anderen El Yaque Kids bereits im Worldcup für Furore sorgten.

Im Alter von 14 Jahren begleitete Gollito zum ersten Mal seine Freunde zum Freestyle-Worldcup auf Bonaire und sammelte an der Seite von Diony Guadagnino seine ersten Erfahrungen im professionellen Windsurfbusiness. Schmerzliche Erfahrungen, denn bereits in der ersten Runde kam das Aus und für Gollito die Erkenntnis, dass noch ein langer Weg vor ihm liegen würde. “Seit ich den kleinen Gollito kennen gelernt hatte, zog es mich immer wieder zu seiner Familie, zu der ich ebenfalls direkt ein sehr inniges Verhältnis entwickeln konnte”, weiß Guadagnino noch, als wäre es erst gestern gewesen.

Gollito und sein persönlicher Organisator André Paskowski

Ein Jahr später kam der nächste Ausflug und der nächste Schritt zum Pro. Bei den Worldcups auf Gran Canaria und Fuerte beeindruckte Gollito bereits in zahlreichen Heats seine Konkurrenz. Aber seine Nervosität, teilweise saß der immer noch sehr schmächtige Gollito zitternd und zweifelnd auf den Zuschauertribünen, seine mangelnde Erfahrung und Sicherheit ließen ihn die Contests im Mittelfeld beenden. Immer noch war es Ricardo Campello, der Freestyle dominierte. Das sollte sich schon bald ändern, schwor sich Gollito noch vor seiner Abreise in die Heimat, welche er kaum noch erwarten konnte, auch wenn er sich in der Obhut der Moreno-Zwillinge während seines Kanaren- Aufenthalts mehr als wohl gefühlt hatte. Seine Heimat und Familie sind das einzige, was Gollito vor das Windsurfen stellte.

Gollito und sein Freund und ehemaliges Vorbild Ricardo Campello

Auch das Aufwachsen unter schwierigsten Bedingungen, in einer kleinen Fischerhütte, nur teilweise überdacht, gemeinsam mit seinen Geschwistern, Mutter, Großmutter, Onkel und Tanten, das ständige Durchboxen und auf die Zähne beißen in unzähligen Alltagssituationen, stärkten sowohl den Willen, etwas aus seinem Leben zu machen, immer der Bessere zu sein, aber auch sein extrem inniges Verhältnis zu seiner Familie und seinen engsten Freunden. “Gollito ist besessen von seinem Sport und dem Leben am und auf dem Wasser. Hinzu kommt seine Zielstrebigkeit und für einen Fischersohn aus El Yaque eine außergewöhnliche Disziplin”, sagt sein Freund Diony auch heute noch über ihn. Die Hilfe bei Haushaltsarbeiten sowie die alltäglichen Basketball-, Baseball- und Fußball-Matches mit seinen Freunden waren eine Selbstverständlichkeit.

Seine Familie und Freunde waren es dann auch, mit denen der 17-jährige Gollito seinen ersten Weltmeister-Titel und die mittlerweile erworbene Dominanz im Freestyle-Windsurfen feiern wollte. Direkt im Anschluß an die Siegerehrung, bei welcher er als jüngster Tricksurf-Weltmeister gekürt wurde, saß Gollito im Flieger nach Venezuela. Eine ausgelassene und mehrere Tage andauernde Feier in El Yaque sollte folgen.

Gollito gibt beim Contest alles

Genug hatte Gollito mit seinem Titelgewinn sicherlich nicht, mehr war es der Anfang von dem, was er sich vorstellte: Nämlich das Windsurfen über einen langen Zeitraum mit immer neuen Innovationen zu dominieren. Und so gewann er im Folgejahr jeden einzelnen Contest, sei es bei Indoor Events, Einladungs Contests oder Worldcups. Sein zweiter Weltmeister-Pokal stand nun in der eigens errichteten Vitrine im neuen Familien-Wohnzimmer. Mit seinen ersten Preisgeldern ließ Gollito gemeinsam mit seinem Bruder Leo die alte Unterkunft einreißen und ein neues Häuschen für die gesamte Familie wurde errichtet.

Auch einen großen Rückschlag, als sein Vater mitten in seiner dritten Worldcup-Saison verstarb, steckte Gollito weg und wurde nun mehr und mehr selbst zum Rückhalt seiner Familie. Der kleine Gollito wurde mit einem Schlag erwachsener und wuchs mit den stetig steigenden Erwartungen und Aufgaben. Nur dass professionelles Windsurfen nicht ausschließlich aus guten sportlichen Leistungen bestand, musste noch gelernt werden. Was für einen Jungen mit solchem Hintergrund sicherlich nicht so einfach gewesen sein dürfte. Gerade in der Zusammenarbeit mit der Presse wurde José Gregorio das ein oder andere Mal als arrogant oder nicht kommunikativ gesehen. Dass sich dahinter meist nur seine extreme Unsicherheit der Presse gegenüber und mangelnde Fremdsprachen- Kenntnisse verbargen, wurde häufig schnell übersehen.

Wer dachte, mit zwei Weltmeistertiteln in der Tasche wird sich ein venezolanischer Fischerjunge schon zufrieden geben und sich sicherlich etwas zurücknehmen, der hatte sich getäuscht. Mit jedem Titel stieg die Motivation, noch mehr zu erreichen und noch weiter zu dominieren. Die Trainingseinheiten wurden härter und schmerzhafter. Immer radikalere und extremere Moves wurden ausprobiert und perfektioniert. Umso schlimmer war die Tatsache, das er seinen dritten Weltmeister-Titel in Folge sehr unglücklich nicht erreichte und sich mit dem zweiten Rang zufrieden geben musste. Noch härter wurde das Training, denn auch der dritte Weltmeister-Pokal sollte in die Vitrine des Hauses Estredo. Voll wird seine Trophäensammlung übrigens nie werden. Seine Pokale verweilen nur für kurze Zeit im Glasschrank, bevor sie der Schutzpatronin der Isla Margarita, der “Virgen del Valle”, überbracht werden. Vor jeder Reise und jeder Saison holt sich Gollito den Segen eben jener Virgen del Valle in der Kirche El Valle ab, und auch vor jedem einzelnen Heat, beim obligatorischen Bekreuzigen, sind seine Gedanken bei seiner Schutzpatronin.

Ob es am Segen, dem Training oder dem “nur” Vize-Weltmeister-Titel lag, oder an allem gemeinsam, Gollito holte sich seinen Titel in beeindruckender Form zurück und eines ist sicher, zufrieden ist er diesmal immer noch nicht. Das wissen auch seine Freunde, mit denen er sich auch heute noch zu seinen abendlichen Basketball-, Baseball- und Fußballspielen trifft, auch wenn seine Aufenthalte in der Heimat immer häufiger nur von kurzer Dauer sind. Mittlerweile hat Gollito auch erkennen müssen, dass zum Profidasein mehr gehört als einfach nur extrem gut zu Windsurfen. Einladungsevents, Promotion-Trips sowie Video- und Fototrips füllen seinen digitalen Terminkalender. Das Haus des deutschen Europameisters und Estredo Freundes André Paskowski ist nicht nur durch die Promotion-Aufenthalte Gollitos in Europa zu einer Art zweiten Heimat und die Eltern Paskowskis fast zu seinen zweiten Eltern geworden. André übernimmt auch den Bärenanteil der gesamten Öffentlichkeitsarbeit des Weltmeisters. Über seinen Freund, Trainingspartner und fast Familienmitglied sagt André: “Gollito ist einfach extrem begabt, er spielt Windsurfen statt es zu trainieren, er pusht sich und den Sport extrem, ist dabei aber auch etwas unorganisiert und frech, was ihm aber auf dem Wasser auch weiterhilft. Ich kümmere mich um die Organisation, Reisen. Ich wünsche ihm, dass er mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt und er dem Sport das zurückgeben kann, was er durch den Sport erhalten hat. Gollito kann sicherlich ähnlich einem Dunkerbeck eine Disziplin über Jahre hinweg dominieren und zudem kann man mit ihm mächtig feiern.”

Trotz aller Unterstützung in Europa nutzt Gollito jede Möglichkeit für einen kurzen Heimaturlaub. Seine Dankbarkeit für den Rückhalt und die Unterstützung durch seine Familie und den Ort drückt Gollito heutzutage damit aus, dass er die gesamte Dorfjugend im Windsurfen unterstützt, sich hilfsbereit an allen positiven Projekten in El Yaque beteiligt und gerade mit seinen eigenen Händen ein kleines Haus für den Rest seiner Familie erbaut. Dabei schweifen seine Gedanken sicherlich das ein oder andere Mal in neue Manöverkreationen ab und sein Blick ist immer wieder aufs Meer gerichtet, um den Wind nicht zu verpassen. Genau mit dieser Passion, gepaart mit seinem unglaublichen Talent, besteht sicherlich die Möglichkeit, dass die Disziplin Freestyle in den kommenden Jahren Estredo-beherrscht sein könnte. Darüber sind sich seine Freunde einig. Guadagnino: “Seine Art des Windsurfens zeigt mir immer wieder, das Gollito einfach zum Windsurfen geboren wurde. Wenn ich alle Freestyle-Heros der Vergangenheit zusammenaddiere und das Resultat verdoppele, kommt dabei Gollito heraus”, oder Beat Steffan: “Wer ihn einmal live auf dem Wasser erlebt hat, der weiß: Er ist die Nummer 1 und wird es noch lange bleiben....”.

Selbst PWA-Tourmanager Rich Page meint: “An einem seiner besten Tage ist Gollito sicherlich nicht zu schlagen”.

 

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