Jürgen Schall: Web- und Wavemaster

  • Claudio Koch
 • Publiziert vor 14 Jahren

Welch eine geniale Verbindung – surfen in der virtuellen und realen Welt. Jürgen Schall hat sich das beste aus beiden Welten herausgesucht. Er gehört seit fast zwei Jahrzehnten zu den besten Surfern der Republik und betreibt fast seit den Kindertagen des World Wide Webs mit Mastermind, Freund und Fotograf Christian Tillmanns „The Daily Dose“, die tägliche Dosis Windsurfen im Internet.

Es ist bereits Herbst und sehr dunkel in den Dünen Dänemarks. Dunkel? Nein, ein bläuliches Licht schimmert aus einem der unzähligen Busse auf einem idyllisch gelegenen Campingplatz im hohen Norden. Angestrahlt wird das Gesicht von Jürgen Schall, der mal wieder zu später Stunde mit seinem Notebook eine Story ins Netz stellt. Der 37-jährige Kölner ist Mitherausgeber und kreativer Kopf der Windsurf- und Wellenreit-Website www.the-daily-dose.de, Webdesigner und leidenschaftlicher Surfer.

„Echtes“ Surfen im Internet – dieses Wortspiel beschreibt Jürgens Wirkungskreis ziemlich zutreffend. Eine Kombination, die einen fast schon ahnen lässt, dass hier der Spaß am Job nicht zu kurz kommt. „Office closed, gone surfing“ ist dabei kein Luxus, sondern berufliche Notwendigkeit. So kann man leben. Aber wie kommt man zu einem Beruf, der bis vor wenigen Jahren schlichtweg nicht existierte?

Ein Blick zurück ins Jahr 1997. Jürgen steckt mitten im Studium der Kommunikationstechnologie, verpasst trotzdem fast keinen guten Surftag an der Nordsee. In einem Interview (surf 7/1997) erzählte er uns mit funkelnden, stahlblauen Augen und blonder Windsurfmähne, dass jetzt die Zeit ist, in der man jede Minute auf dem Wasser nutzen sollte, denn später im Job drohen wohl nur knappe sechs Wochen Jahres­urlaub.

Seit seinem ersten Kontakt mit Holzgabel und Dreiecksegel im Jahre 1981 ist er vom Surfvirus infiziert. Schon drei Jahre zuvor, 1978, baute er sich aus Besenstielen und Bettlaken ein Segel und fixierte es mit ­Paketschnur auf seinem Schlauchboot, mit dem er sich im holländischen Domburg erstmals in die Fluten stürzte.

Der Sport hat von Anfang an Jürgens Leben bestimmt, kaum das Laufen gelernt, stand er in den Alpen auf Skiern. Beim Herüberschwappen der Snowboardwelle aus den USA wurde sofort der erste verfügbare Bausatz erstanden und in den Bergen ausprobiert. Als Bub übte er sich zudem an Reck und Barren, als Turner holte er bei den Kölner Stadtmeisterschaften den dritten Platz, bevor nach Handball und Taekwondo das Windsurfen einen großen Stellenwert in seinem Leben einnahm. Bei seinem sportlichen Background wundert es nicht, dass er neue Moves schon immer schnell erlernte und geschmeidige Lines in die Wellen schlitzte.

Das Internet als Informations- und Unterhaltungsmedium war zu dieser Zeit noch weit entfernt und die aktuellen Windvorhersagen holte man sich mit dem Ohr am rauschenden Mittelwellensender oder den damals hochmodernen telefonischen Bandansagen. Das in Nebenjobs hart verdiente Geld wurde für Wochenendtouren an die Brandungsspots der holländischen Küste investiert.

Auf einer Reise nach Hawaii traf Jürgen dann auf den Fotografen und Journalisten Christian Tillmanns. Mitten auf Maui stellten beide fest, dass sie in Wuppertal an derselben Uni studieren. Surfen und Fotografieren passt perfekt zusammen, und so waren sich beide schnell einig, auch in heimischen Gewässern ein paar Bilder zu schießen. Daraus wurden dann in den Jahren eine ganze Reihe von Reisestories und Berichten für diverse deutsche und internationale Surfmagazine.

Wer immer nur Inhalte für andere produziert, träumt natürlich von einem eigenen Magazin, aber an ein gedrucktes Heft war nicht zu denken, das hätte das Budget der beiden Studenten gesprengt.

Von 1992 bis 2003 hatte er an fast allen Events des DWCs teilgenommen und regelmäßig Top Ten-Platzierungen in der Welle oder beim Freestyle eingefahren. Mit dem Gesamtsieg beim Soulwave 2003, den er sich mit seinem Nachbarn Klaas Voget teilte, hängte er das Wettkampfsurfen an den Nagel. Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist!

Während zweier Praktika in einem Hamburger Verlag rückte dann das World Wide Web immer mehr in den Mittelpunkt von Jürgens Interesse. Alle sprachen vom Surfen im Netz, aber es war das echte Surfen im Internet, dass er sich zusammen mit Christian im Winter 97/98 auf die Fahnen geschrieben hatte. Sie brachten das Know-how mit und investierten jede Menge Zeit, um eine eigene Website aufzubauen.

Damals herrschte Goldgräberstimmung in der Internet-Branche, unzählige Websites schossen wie Pilze aus dem Boden, bevor der “Neue Markt” wenig später wie eine Seifenblase zerplatzte. Kein Problem für die beiden, denn deren Konzept von einem Surfmagazin im Internet ging auf.

Unterhaltsame und informative Inhalte gab es im ersten Jahr, wie von den Printmedien gewohnt, monatlich, später dann in immer kürzeren Abständen bis hin zur tagesaktuellen Website. Das Online Mag traf genau den Geschmack der windsurfbegeisterten Leser, DAILY DOSE lieferte die heiß ersehnte tägliche Dosis Windsurfen aus dem Web.

Im Jahr 2000 wurde das ganze Konzept im Rahmen von Jürgens Diplomarbeit – Titel: Konzeption und Realisation eines digitalen Magazins im WWW – von Grund auf überarbeitet und in neuem Design relauncht. Dafür gab es Bestnoten von den Professoren (Jürgen strahlt mich an, der alte Streber).

Als frisch gebackener Ingenieur der Kommunikationstechnologie stand dann die Frage des Jobs an: Abhängigkeit und sattes Gehalt wie damals, als Jürgen nach seiner Ausbildung im Dreischichtbetrieb einer Druckerei arbeitete oder die Freiheiten der Selbständigkeit mit dem damit verbundenen unternehmerischen Risiko? Das bisherige Leben als Student schmeckte einfach zu gut, viele Surftrips ohne das berufliche Ziel aus den Augen zu verlieren, ließ sich bisher gut verbinden. Daily Dose war erfolgreich und auch gefüllte Auftragsbücher für die Erstellung von Internetauftritten stärkten den Entschluss, das eigene Business weiter auszubauen.

Nur wo? Köln ist eine lebenswerte Metropole, liegt allerdings gut drei Stunden vom Meer entfernt. Kumpel Christian, inzwischen ebenfalls diplomierter Kommunikationsdesigner, hatte seinen Wirkungskreis nach Fuerteventura verlegt, Jürgen zog es eher in den Norden.

Im digitalen Zeitalter war die weitere Zusammenarbeit trotz dieser Entfernung natürlich kein Problem. Kiel wurde Jürgens neue Heimat, nahe an der Ostsee für spontane After Work Sessions und nur einen Katzensprung bis zu den zahlreichen Wave spots an der dänischen Küste. Auch das soziale Umfeld passte: Die Stadt war reichlich voll mit alten Kollegen aus seiner ehemaligen Regattazeit.

Wieder mehr Zeit für Reisen, Freundin und andere Sportarten, aber andererseits auch 14-Stunden-Tage im Büro und lange dunkle Wintermonate ohne Wasser unter der Finne. Im Büro fällt eine Menge Arbeit an, auch große Web-Projekte. Kunden, wie zum Beispiel Hifly, fordern einen enormen Zeitaufwand und fesseln einen an den Arbeitsplatz. Ein Job im Surfbusiness hat eben nicht nur mit dem Spaß am Sport zu tun. Dafür öffnet die moderne Technologie ungeahnte Möglichkeiten. Schon jetzt ist fast alles auf das mobile Arbeiten ausgelegt. Zumindest theoretisch könnte man von jedem Ort der Welt aus arbeiten und seine Inhalte publizieren. Ein Ziel, an dem Jürgen und Christian auf jeden Fall arbeiten. Schon jetzt erledigen sie rund zwei Monate pro Jahr den ganzen Job vom Ausland aus. Arbeiten am Vormittag und windsurfen oder wellenreiten am Nachmittag. Aber Deutschland ganz den Rücken kehren? “Nein, auf keinen Fall” grinst Jürgen. Hier hat er alles, was er braucht – Kiel, Köln oder vielleicht auch Hamburg wird weiterhin seine Homebase bleiben. Von hier aus besteht immer die Option, jeden Spot der Welt zu erreichen. Und so wird auch weiterhin an vielen Abenden ein bläuliches Licht seines Notebook aus einem Bus in Dänemark oder an einem anderen Spot auf dieser Welt leuchten.

Jürgen Schall "on air"

Schon 1978 im Holland-Urlaub war klar, dass Jürgen ein Seemann wird.

Jürgen ist für seinen katzenartigen Stil in der Welle bekannt.

Jürgen Schall hat Spaß an der Arbeit - man sieht es ihm an.

Eindeutig Wavemaster...

Vor dem Wavespaß muss aufgeriggt werden.

Jürgen bei der Arbeit...

...noch mehr Arbeit....

Ist das wirklich Arbeit?


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