Kevin Mevissen

 • Publiziert vor 16 Jahren

Was der junge Holländer Kevin Mevissen auf und über dem Wasser vollführt, kann nur als vollendeter Kunstflug bezeichnet werden. Außerdem fliegen die Frauen auf ihn, und manchmal fliegt er sogar auf die Schnauze.

Dies ist eine Geschichte über einen jungen Blonden, der nur Windsurfen, Party und Mädels im Kopf hat – werdet ihr denken. Richtig! Und falsch! „Er ist genau das Gegenteil von Campello", meint JP-Brandmanager Martin Brandner. Er sei zuverlässig, er trinke auch mal gerne einen Schluck, na ihr wisst schon, und Frauen schleppe er auch gerne ab. Was man halt so gern tut, wenn man 20 ist. „Genau das Gegenteil von mir“, meint auch Chris Sammer aus Österreich. „Er schleppt alle Mädels ab“, aha, schon wieder, „und kommt auch mal mit einer Fahne vom Vorabend in den Heat.“ Aber trotz Party fährt er kompromisslos. „Ein Dunki, aber auf die lässige Art. Er genießt halt das Surferleben“, fügt Sammer hinzu. Verübeln kann man es Kevin Mevissen (20) nicht. In Mevissen steckt Fisch, denn vissen heißt auf Holländisch Fisch. Und wer so viel Zeit im Wasser verbringt wie Kevin, muss etwas maritimes in sich haben. „Ich bin fürs Wasser gemacht, wenn du so willst“, erklärt der Shooting Star im Worldcup (7. Platz im Freestyle auf Fuerte 2004).

„Hast du Idole?“, frage ich. „Keine“, sagt er. „Keine Idole aus Holland, aber sicher respektiere ich Typen wie Robby Naish, Josh Stone oder Björn Dunkerbeck, das waren die besten Windsurfer der Welt. Solche Typen haben mich motiviert. Für mich ist es wichtig, auf dem Wasser Spaß zu haben und zu lernen. Wenn ich mit einem von denen aufs Wasser gehe, kann ich immer was lernen. Umgekehrt ehrt es mich, wenn andere von mir lernen können.“

Fische lernen und lehren. Und von tricksenden Menschenfischen ragt einer als der ranghöchste Lehrmeister über alle anderen. Und ausgerechnet den nennt Kevin freundschaftlich „Monkey“. Affig ist die Leistung seines Konkurrenten Ricardo Campello im Schwarm der Freestyler nicht: „Er ist momentan der beste Freestyler. Sein Vorteil ist die mentale Stärke während der Wettkämpfe. Es gibt momentan keinen außer ihm, der während seines ersten Heats beim ersten Schlag schon einen doppelten Vorwärtsloop rotiert.“

„Toll, willst du so sein wie er?“, frage ich.

„Niemals!“, sagt er.

„Willst du ihn schlagen?“, frage ich. „Wer will das nicht?“, fragt er provokant zurück. „In Bedingungen mit Welle ist er mir weit überlegen, da hab' ich noch viel zu lernen.”

Glaubt man den Worten seines Freundes „Teletubby“ Frank Lewisch, dann ist er im Flachen „eine Sensation“. Nein, mehr noch: „Er kann jeden Move perfekt auf beiden Seiten!” Und noch doller: „Er weiß selber nicht, was er alles kann!“ Naja, also, „unseren Spunz“, so nennt ihn ein guter Freund, der junge Franzose und Worldcupper Anthony Ruenes – und natürlich jetzt auch alle anderen Freunde im Fischzirkus. Spunz ist im Französischen ein Kosename für: Deutscher, obwohl er kein Deutscher ist, und seien wir mal ganz ehrlich: Er könnte tatsächlich einer von uns sein oder Belgier oder Däne oder Schwede. Also, wo waren wir stehen geblieben? Ja: „unseren Spunz“ sollte man nicht unterschätzen. Der weiß haargenau, was er kann und will: „Ich werde Weltmeister!“, hört man von ihm selbstbewusst. Das „Angleitwunder“ ist bei leichtem Wind und flachem Wasser fast unschlagbar. Die European Freestyle Pro Tour (EFPT) gewann er 2003, auf Bonaire wurde er letzten Winter Siebter, beim Jump & Style in Wustrow 2004 Erster und auf Fuerte jetzt Siebter.

„Er gibt alles, um Weltmeister zu werden“, bestätigt auch Chris Sammer. Und das kann man nur beim PWA-Worldcup, keine Frage. Auch wenn der Erfolg bei der European Freestyle Pro Tour groß ist und es „sauviel Spaß macht“, am Ende zählt der Worldcup mehr.

„Der Worldcup ist eine andere Liga?“, frage ich.

„Ja, ich bin noch nicht stark genug, um vorne mitzuhalten“, sagt er. „Ich lerne gerade Surfen in der Welle. Für mich ist das das Größte.“

Dabei bricht über Hunderte von Kilometern die Brandung der Nordsee auf die Küste Hollands. Mevissen ist aber wahrlich ein Süßwasserfisch, zuhause an einem unbekannten Fluss-See der Maas an der deutsch-belgischen Grenze. Das kleine Kaff Wessem, wo Kevin aufgewachsen ist, liegt ein paar Kilometer von der deutschen Grenze und näher an Duisburg als an irgendeinem meerähnlichen Gewässer. Hatte Ruenes doch Recht: „unser Spunz“ ist doch ein Spunz? Natürlich nicht. Aber Hoffnung für jene, die glaubten, Worldcup-Niveau könne man nur erreichen, wenn man aus Margarita, Bonaire, Maui oder Brasilien komme. Daneben! Mevissen kommt aus Wessem. „Mit einem M am Ende, wie Meer“, sagt er.

Mevissen stammt aus einer durchschnittlichen holländischen Familie – keine Philosophen, keine Surfer. Einfach Holländer. Mit sechs Jahren lernt der junge Kevin mit seinem Vater surfen. So richtig angefressen wird er aber, nachdem ein Kumpel aus der Schule ihn weiter zum Surfen animiert. Surfen war in, Fußball war out. Auch als Ass in der Olympia-Klasse (Mistral One Design) war das so. Er wurde Fünfter bei der Jugend-Weltmeisterschaft, bevor er vor etwa drei Jahren mit Freestyle anfing und Blut leckte.

„Wie wichtig ist Windsurfen für dich?“ frage ich. „Wichtig genug, um meine Oberschule abzubrechen“, sagt er.

„Bildung ist nicht wichtiger als Surfen?“, frage ich. „Nein, nicht wirklich!“, sagt er. „Hat beides nicht viel miteinander zu tun. Sicher, ein Schulabschluss ist wichtig, aber man lernt viel beim Reisen.“

„Was ist, wenn du dich mal verletzt?“, frage ich. „Dann kann man wieder zur Schule gehen“, sagt er. „Man kann noch mit 50 zur Schule gehen. Man lebt nur einmal“, sinniert er, „und wenn man nur all die Dinge macht, die alle anderen machen, dann ist das ein langweiliges Leben.“ Da hat er Recht, der Hecht.


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