Lehrjahre: Interview mit Justus Schott und Julian Wiemar Lehrjahre: Interview mit Justus Schott und Julian Wiemar Lehrjahre: Interview mit Justus Schott und Julian Wiemar

Lehrjahre: Interview mit Justus Schott und Julian Wiemar

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor 9 Monaten

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, sagt man. Justus Schott und Julian Wiemar machen gerade diese Phase ihres Windsurferlebens durch. Im surf Interview sprechen sie über Anfänge im Pool, den Karrierestart als Geisterfahrer und die wichtigste Grundvoraussetzung: Nehmerqualitäten!

Der süße Traum vom Profileben spukt durch viele Köpfe junger Windsurfer – auch durch die von Julian Wiemar und Justus Schott. Während Justus (17) noch Schule und Surfen unter einen Hut bekommen muss, hat Julian (22) schon die harten Lehrjahre eines Worldcup-Neulings durchlebt. Trotzdem haben beide schon einiges vorzuweisen: Justus wurde Deutscher Meister in der U17 und Dritter bei der Slalom-EM in seiner Altersklasse. Julian sicherte sich 2017 den DM-Titel im Freestyle und im April auf Bonaire sein erstes Top-10-Ergebnis im Worldcup. Wir haben beide zum Interview getroffen.

Ihr beide fahrt mittlerweile internationale Wettkämpfe mit, trotzdem war euer Zugang zum Windsurfen höchst unterschiedlich. Wie sahen die Anfänge bei euch aus?

Justus: Ich bin natürlich über meinen Vater Oliver zum Surfen gekommen. Er fährt ja selbst schon seit langer Zeit Regatten und ich war schon als kleiner Junge oft dabei und hab zugeschaut. Als ich acht war, hat es mich aber genervt, dass er viel schneller war als ich – so sehr, dass ich erst mal wieder aufgehört habe. Mit 14 war ich dann angefixt, nachdem ich das erste Mal ein Cambersegel gefahren bin. Es wurde immer schneller, schneller, schneller und hörte nicht auf. Ich finde Wave und Freestyle auch interessante Disziplinen, aber letztlich war es für mich immer naheliegend Slalom zu fahren.

Wie war’s bei dir, Julian?

Julian: Die Lust, zum Surfen zu gehen, kam tatsächlich aus mir selbst. Als ich vier war, lief ich mit meiner Mutter um den Zülpicher See herum und sah einen Surfer, der bei null Wind auf dem See stand. Ich hab keine Ahnung warum, aber aus irgendeinem Grund fand ich das faszinierend. Leider hatten meine Eltern keinen Windsurfbezug, nur mein Opa hatte noch ein altes Dreieckssegel in der Garage. Das hab ich denen dann abgeschwatzt und im Pool meiner Eltern gewassert. Damals konnte ich gerade so schwimmen.

Deine erste Surferfahrung war im Pool?

Ja (lacht). Das Brett war so lang, dass es kaum reinpasste.

Ihr ward als junge Steppkes auch in Jugendcamps dabei. Inwiefern war das wichtig für euch?

JUSTUS: Ich hab damals beim Kids Camp von Vincent Langer mitgemacht. Abgesehen davon, dass man da viel gelernt hat, war für mich das Wichtigste, Gleichaltrige kennenzulernen, die die gleiche Leidenschaft haben. Sobald man als junger Kerl Anschluss hat, kommt auch die Motivation.

JULIAN: Als ich zehn war, machte ich beim Young Guns Camp auf Prasonisi mit. Ihr von surf habt das ja damals als Trainer betreut und ich weiß noch, wie ihr mich am Flughafen von meinen Eltern in Empfang genommen habt. Ich durfte ja noch nicht mal alleine fliegen. Das Camp war für mich eine Art Initialzündung. Ricardo Campello war damals als Stargast dabei, er hat mir sein kaputtes Brett geschenkt, da war ich stolz wie Oskar. Das Brett hängt noch immer bei mir zu Hause an der Wand. Bis dahin hatte ich von Freestyle-Manövern zwar keine Ahnung, wusste aber schon, dass dies meine Disziplin werden wird. Der Lifestyle, die coolen Typen, die Tricks – das war wie skaten auf dem Wasser.

Justus Schott (17)

Viele junge Surfer träumen den Traum vom Profileben. Ihr auch?

JULIAN: Ja, auf jeden Fall. Meine Eltern haben mich immer bestmöglich unterstützt, mich in den Sommerferien vier Jahre hintereinander zum Young Guns Camp geschickt und nach Holland oder an den See gefahren – es gab nur eine Bedingung: Dass ich die Schule bis zum Abi fertig mache, bevor ich eine Profikarriere anstrebe. Das war irgendwie für mich immer okay. Natürlich war es manchmal hart, wenn mein Kumpel Marco Lufen, den ich damals auch im Camp kennengelernt hatte und der einige Jahre älter ist, beim Worldcup auf Bonaire war und ich daheim auf der Schulbank saß. Aber heute bin ich froh, dass ich die Schule fertig gemacht habe. Die Zeit auf dem Wasser habe ich dann umso konsequenter genutzt.

Julian Wiemar (22)

Wie schwer ist es, als Nachwuchssurfer, den Stein ins Rollen zu bekommen?

JUSTUS: Schon schwer. Ich hatte den Vorteil, dass mein Vaster so lange dabei ist und viele Leute aus der Szene kennt. Er hat mir auch geholfen, mit Sailloft und Patrik meine ersten Sponsoren zu finden. Andere haben es da schwerer. Kurzzeitig war Foilsurfen auch eine Chance, um es auch als junger Fahrer mal nach vorne zu schaffen, denn mit dem Aufkommen der Disziplin haben alle Etablierten erst mal bei Null angefangen. Foilen war wie ein Reset-Button. Leider hat sich das schnell geändert. Heute ist Foilen, zumindest im Wettkampfbereich, schon wieder eine Materialschlacht geworden, mit speziellen Boards und Segeln. Wer vorne mitfahren will, braucht jedes Jahr das neueste Foil, denn die Entwicklung geht hier, im Gegensatz zu normalem Windsurf­equipment, noch im Zeitraffer vorwärts. Von daher ist es für junge Racer heute sogar noch schwieriger Anschluss an die guten Fahrer zu finden, als zu Formula-Zeiten, denn das Foil-Material kostet viel Geld. Ich hoffe, dass sich die Entwicklung in ein paar Jahren verlangsamt, damit man auch mit älterem Material wieder Chancen hat – so wie damals in der Formula Windsurfing.

JULIAN: Auch als Freestyler ist’s natürlich schwer. Es gab 2017 und 2018 im Worldcup nur zwei Tourstopps, man trainierte das ganze Jahr dafür und wenn es dann nicht lief, war das sehr enttäuschend. Ein Heat kann dein ganzes Jahr versauen! Keiner der jungen Fahrer verdiente damit Kohle, Ziel war es immer, mit möglichst wenig Geld maximal lange an einem Spot zu trainieren, bevor einen der Pleitegeier wieder auf den Weg nach Hause, zum nächsten Nebenjob, zwang.

Hört sich irgendwie nach Teufelskreis an!

JULIAN: Ist es auch! In der Setzliste ist man ohne gutes Resultat immer hinten, man kommt in Runde 1 gegen die Top-Fahrer. Nach einem Erstrundenaus mit Platz 33 im Gepäck wird die Sponsorensuche nicht leichter, man hat weniger Reisebudget, trainiert weniger, kommt nicht nach vorne. Zum Glück haben mich Starboard und Severne auch dann immer mit Material unterstützt, wenn es mal schwierig war. Seit dieser Saison gibt es nur noch 32 Startplätze im Worldcup. Nachwuchsfahrer müssen sich nun über die EFPT qualifizieren, um einen Startplatz für die Saison zu bekommen. Das macht es nicht einfacher, aber das System an sich halte ich für sehr sinnvoll. Auf Bonaire konnten wir dadurch ab Runde 1 im Eins-gegen-Eins auf dem Wasser fahren. Das macht es für die Zuschauer viel nachvollziehbarer.

Braucht man einen gewissen Idealismus, um es als Windsurf-Pro zu versuchen?

JUSTUS: Ja, ohne Idealismus und Unterstützung geht’s nicht. Ich will in jedem Fall auch 2019 viele Events mitfahren. Da ich jetzt in einer höheren Altersklasse starten muss, wird es nicht leichter. Trotzdem plane ich, neben den nationalen Regatten, auch bei IFCA-Meisterschaften und vielleicht sogar PWA-Rennen an den Start zu gehen. Die Schule bis zum Abi will ich aber schon fertig machen und dann eine Ausbildung anfangen.

JULIAN: Idealismus und Durchhaltevermögen! Ich lebe für diesen Sport und den Lifestyle. Ich gehe positiv an die Sache ran und versuche so gut wie möglich im Hier und Jetzt zu leben. Die letzten Jahre haben so viel Spaß und tolle Erfahrungen gebracht, die Schwierigkeiten als Profi nehme ich dafür gerne in Kauf.

Intervie mit Justus Schott und Julian Wiemar

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Könnt ihr euch einen 9-to-5-Job vorstellen?

JUSTUS: Ich liebe es, Dinge zu basteln. Das habe ich wohl von meinen Eltern – der Werkzeugkasten meines Vaters hat eher Boardbag-Format. Ein Bekannter hat eine Tischlerei, dort arbeiten viele Windsurfer. Ich glaube, das könnte gut passen, um beides unter einen Hut zu bekommen.

JULIAN: Bei mir ist das erst mal kein Thema. Ich habe für diese Saison einen neuen Sponsor, das Three Little Pigs Hostel in Berlin. Damit habe ich neue Möglichkeiten als Profi durchzustarten.

Erinnert ihr euch noch an euren ersten Wettkampf?

JULIAN: Klar, ich hab ja früh mit den German Freestyle Battles angefangen. Rückblickend habe ich aber viel zu spät begonnen, Worldcups zu surfen. Ich wollte immer erst das Gefühl haben, gut genug zu sein, bevor ich mich zum Worldcup angemeldet habe. Das war aus heutiger Sicht falsch, denn ein guter Wettkämpfer wird man nur durch die Erfahrung unzähliger Heats. Durch die vielen EFPT-Events (European Freestyle Pro Tour, die Red.) 2018, hatte ich beim ersten Worldcup 2019 endlich die nötige Abgeklärtheit. Und plötzlich war ich in den Top-10. Ich rate allen, die mal im Worldcup fahren wollen: Nutzt jede Gelegenheit euch zu messen!

Wie war’s bei dir, Justus?

Mein erstes Rennen war ein Debakel.

Warum?

Ich hab den Start verpennt (lacht). Es war ein Long-Distance-Rennen auf Fehmarn. Es ging viel schneller los als gedacht, ich hatte noch nicht mal aufgeriggt, als es hieß: „Start in 15 Minuten“. Ich bin rausgehetzt zur Startlinie, das war damals ein Massenstart mit fast Hundert Teilnehmern. Plötzlich kam die ganze Meute auf mich zugerast. Ich war so aufgeregt, dass ich tatsächlich von der falschen Seite auf die Startlinie zugefahren bin. Ich hab mir die Lunge aus dem Leib gepumpt, um noch aus dem Weg zu kommen (lacht). Mein Regattaleben begann also als Geisterfahrer. Auch heute muss ich noch viel Erfahrung sammeln. Letztes Jahr, bei der U17 Slalom-WM am Gardasee, hab ich mir durch unnötige Stürze ein besseres Resultat versaut. Und bei der U17 EM einige Wochen später hab ich einen vermeintlichen Konkurrenten in der Halse attackiert und wurde dabei selbst über den Haufen gefahren. Am Ende stellte sich dann raus, dass die Aktion völlig unnötig war und ich den Heat nur sicher auf Platz zwei zu Ende hätte fahren müssen, um den EM-Titel zu gewinnen. Das war schade.

Aus solchen Sachen lernt man...

JUSTUS: Das stimmt natürlich. Trotzdem war es eine gute Chance, mal einen Titel zu gewinnen. Das wird in der höheren Altersklasse jetzt schwieriger, aber ich habe mir vorgenommen, die Sache entspannter zu sehen. Manchmal habe ich mich dabei ertappt, wie ich an wunderbaren Orten wie dem Gardasee gewindsurft bin, für die tolle Kulisse aber überhaupt kein Auge hatte. Schade eigentlich. Deswegen will ich dieses Jahr das Drumherum bewusster wahrnehmen.

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Schlagwörter: Julian Wiemar Justus Schott


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