Lina Erpenstein – Auslandssemester: Schule und Surfen im Ausland

  • Lina Erpenstein
 • Publiziert vor 7 Jahren

"Es gibt auf der ganzen Welt keinen Sport wie diesen!" schreibt Lina Erpenstein unter ihr Titelbild auf Facebook – natürlich ein Surffoto. Mit ihrer Leidenschaft schaffte sie es als 15-Jährige, ihre Eltern und Lehrer davon zu überzeugen, dass ein Auslandssemester in Tarifa genau das richtige für sie wäre. Ihre Geschichte zeigt, was geht, wenn man will.

Am Ende war das Unternehmen "Auslandssemester" viel einfacher als sich Lina das vorher gedacht hätte. Nicht nur wegen des Windsurfens war das halbe Jahr in Tarifa lohnenswert.

Windsurfen hat mich schon immer fasziniert. Es hat mir schon  Spaß gemacht meinen Eltern dabei zuzuschauen, als meine eigenen Versuche auf einem riesigen Kinderbrett mit 2,8er-Segel noch nicht so spaßig verliefen. Doch spätestens als ich mit 13 Jahren Wasserstart und Gleiten lernte, war ich auch vom Fieber gepackt. Allerdings wohne ich bei Frankfurt, mitten in Deutschland, 500 Kilometer bis zum Meer und weit und breit kein surfbarer See. Schnell war klar, dass das nicht so bleiben konnte. Als ich dann im surf Magazin den Artikel über einen halbjährigen Schüleraustausch verbunden mit Windsurfen in Neuseeland las, war ich sofort begeistert. So etwas wäre perfekt für mich, denn ich liebe es zu reisen und es wäre eine perfekte Gelegenheit, auch mal während der Schulzeit aufs Wasser zu kommen.

In meiner Schule fragte ich beim Rektor nach, ob so etwas wie ein Auslandshalbjahr denn möglich wäre. Ich würde mit Beginn der Sommerferien fahren und zu den Halbjahreszeugnissen zurückkommen. Überraschenderweise war dies alles kein Problem, wenn ich mit einem Zertifikat bezeugen konnte, dass ich in diesem halben Jahr die Schule besucht habe, da ich noch schulpflichtig bin.

Im Internet suchte ich nach Schulen, die auch Windsurfen anbieten oder andere Möglichkeiten, einen Auslandsaufenthalt mit Windsurfen zu kombinieren. Ich fand mehrere Angebote, allerdings alles sehr teuer und sehr weit weg. Bald kam ich zusammen mit meinem Vater auf die Idee, ein halbes Jahr in Tarifa zu verbringen. Wir­ fahren schon seit zehn Jahren jeden Winter dorthin, deshalb kannten wir uns dort bereits aus und wussten, wie gut man da  windsurfen konnte. Außerdem gab es auch eine Schule, auf die ich gehen könnte.

Die Idee war genial. Ich würde Spanisch lernen und dort auf die Schule gehen und mit meinem Vater in Tarifa wohnen. Denn er konnte auch ein halbes Jahr beruflich aussetzen. So müsste ich nicht einmal in eine Gastfamilie und das Windsurfen würde auch nicht zu kurz kommen.

Was so ein halbes Jahr im Windsurf-Mekka Tarifa so bringt: Lina Erpenstein ging als Halsenschülerin nach Spanien und kam als Worldcup-Anwärterin zurück in die Heimat. 

Als wir im Winterurlaub 2013 wieder nach Tarifa in den Urlaub fuhren, fragten wir in der Schule nach, ob es denn möglich wäre, ein halbes Jahr dort den Unterricht zu besuchen. Nach positiver Rückmeldung konnte ich mich dort also gleich ins Instituto einschreiben. Die Sprachschule, die ich im Sommer besuchen würde, um Spanisch zu lernen, lag gleich neben der Schule. Außerdem suchten wir auch noch eine Wohnung, die wir für das halbe Jahr mieten konnten. Letztendlich fanden wir ein wunderschönes, etwas außerhalb der Stadt gelegenes Appartement, direkt an der Strandpromenade mit Meerblick. Ich war natürlich sofort begeistert.

Wieder zurück in Deutschland, musste ich meine Schulbefreiung für ein halbes Jahr besorgen. Dies war viel einfacher als gedacht und ich wurde sogar drei Wochen vor Schulschluss bereits befreit, damit ich mehr Zeit zum Spanisch lernen hätte.

Selbst Backloops sind mittlerweile im Repertoire von Lina – und fließend Spanisch sprechen kann sie auch. 

Am 10. Juli ging es dann los. Mit dem Auto, vollbepackt bis zum Dach mit Surfzeug und Klamotten, machten wir uns auf den Weg, die 2700 Kilometer bis Tarifa. Meine neuen Sailloft Quadsegel hatten wir auch dabei. In Tarifa angekommen, wohnten wir erst einmal auf dem Campingplatz im Wohnmobil, da das Appartement erst ab September zu vermieten war. Den Vormittag verbrachte ich in der Sprachschule, nachmittags ging es dann meistens zum Windsurfen, denn der Levante, der Ostwind, blies unerlässlich. Mein Spanisch wurde mit jedem Tag besser, und mein Windsurfkönnen natürlich auch. Zehn Ta­ge vor Schulbeginn konnten wir dann endlich in die Wohnung ziehen. Es war eine Riesenaktion, den ganzen Kram in die kleine 60-Quadratmeter-Wohnung zu schaffen. Das Windsurf-Equipment lagerten wir auf der großen Terrasse, alternativ wäre es auch möglich gewesen, eine Garage zu mieten.

Die letzten paar schulfreien Tage vergingen wie im Flug. Schließlich war er da, der erste Schultag. Ich war wahnsinnig nervös, denn ich kannte niemanden und meine Spanischkenntnisse waren nach sechs Wochen Sprachkurs auch noch nicht allzu groß. Allerdings hatte ich überhaupt keinen Grund zur Sorge, denn in meiner Klasse waren alle total nett und freundlich. Ein paar Mädels kamen gleich auf mich zu, stellten sich vor und zeigten mir die ganze Schule. Außerdem halfen sie mir, wenn ich etwas noch nicht verstand. Gleich am ersten Tag verabredeten wir uns und sie zeigten mir Tarifa. Sie waren alle sehr nett und offen. Wir verstanden uns super und freundeten uns schnell an.

Der Blick aus dem Appartement in Tarifa kann sich sehen lassen. Da sieht es Daheim in Aschaffenburg nicht so vielversprechend aus. 

Morgens besuchte ich immer die Schule, nachmittags, falls es Wind hatte, ging ich mit meinem Vater zum Surfen. Bei Flaute traf ich mich mit meinen Freundinnen. Wir gingen zusammen ins Kino, an den Strand oder aßen in einem der zahlreichen leckeren Cafes von Tarifa.

Nach und nach lernte ich in der Schule auch mehr Leute kennen. Unter anderem die Kiter-Clique, die immer zusammen in der kleinen Lagune bei Tarifa kiten. Da es in meiner Schule fast keine Windsurfer gab, ging ich nachmittags auch manchmal mit ihnen aufs Wasser. Ich war dann halt die einzige Windsurferin , aber wir hatten trotzdem alle Spaß auf dem Wasser und beim Ausprobieren neuer Manöver.

Lina Erpenstein: "Da es in meiner Schule kaum Windsurfer gab, musste ich manchmal mit der Kiter-Clique aufs Wasser"

In der Schule lernte ich sehr viel Spanisch, ich konnte mich von Tag zu Tag besser verständigen. Allerdings war die Schule ansonsten relativ langweilig, weil das Niveau doch deutlich unter dem von bayrischen Gymnasien liegt. Da auch die Lehrer dort nicht so streng waren, konnte man sich immer unterhalten, was meinem Spanisch natürlich sehr zu Gute kam. Auch beim Windsurfen machte ich riesige Fortschritte. Ich war als Halsenschülerin nach Tarifa gekommen und nach zwei Monaten versuchte ich schon die ersten Air Jibes.

Die Schule von LIna in Tarifa, nicht soooo vielversprechend. Aber die Aussicht, nachher aufs Wasser zu gehen, taucht alles in die Farbe Wasserblau...

Außerdem sammelte ich die ersten Erfahrungen in der Welle. Wir hatten zwar leider ein relativ schlechtes Jahr, was Wind und Welle angeht, erwischt, trotzdem hatten wir ein paar super Tage auf dem Wasser. Mehrfach fuhren wir zum Windsurfen nach Bolonia, ein kleines Dorf, 15 Kilometer von Tarifa entfernt, mit einer wunderschönen Bucht und breitem Surfstrand – weil dort meist die Welle besser läuft. Ein paar Mal hatten wir sogar richtig schöne Down-the-Line-Bedingungen.

Mit jedem Wellentag fiel mir das Wellenabreiten einfacher und ich tüftelte auch fleißig an Front- und Backloop. Doch neben dem Windsurfen gab es auch noch viele andere Sachen zu tun. Bei Swell ging ich mit meinem Vater oder zusammen mit Freunden zum Wellenreiten. Außerdem konnte man auch sehr gut Fahrrad fahren, denn es gibt mehrere Mountainbiketouren. Zeit, um zu Hause zu sitzen und nichts zu tun, gab es also nicht.

Beach Life with friends

Im Februar ging es dann zurück nach Deutschland. Nach so langer Zeit fiel der Abschied schon schwer. Aber eines ist klar, so bald wie möglich möchte ich wieder einige Zeit in Tarifa verbringen, denn die Menschen dort sind wahnsinnig freundlich und offen, und Tarifa ist auch einfach ein wunderschöner Platz auf dieser Welt, an den man immer wieder kommen kann – ohne dass es langweilig wird.

Letztendlich vergingen die sieben Monate sehr schnell. Ich konnte sehr viele neue Erfahrungen und Eindrücke sammeln, neue Menschen und eine andere Kultur kennenlernen. Spanien ist schon anders als Deutschland, da lohnt es sich, mal ein bisschen länger dort zu sein, um die Menschen und ihre Art besser zu verstehen. Mein Spanisch ist jetzt auch fließend und auch beim Windsurfen habe ich jede Menge gelernt.

Lina ist nach einem halben Jahr Tarifa fit - auch in der Welle.

Nachdem wir wieder zurück in Deutschland waren, fuhren mein Vater und ich  sogar nach Sylt zum Worldcup. Dort wollte ich meine ersten Contest-Erfahrungen sammeln, doch leider machte uns der Wind einen Strich durch die Rechnung. Somit war alle Aufregung umsonst. Jetzt hoffen wir auf besseren Wind für dieses Jahr. Ich bin jetzt schon aufgeregt und freue mich auf den diesjährigen Sylter Worldcup.

Natürlich habe ich jetzt, zurück in Deutschland, nicht mehr so gute Trainingsbedingungen, das Meer ist ja (leider) immer noch nicht bis nach Frankfurt gestiegen, aber ich hoffe, bald nach dem Abi ein paar Monate mit Windsurfen zu verbringen und ein paar tolle neue Spots auszuprobieren.

Lina Erpenstein

Insgesamt kann ich also sagen, dass es sehr zu empfehlen ist, ein halbes Jahr im Ausland zu verbringen. Es lohnt sich, sei es mit oder ohne Windsurfen.  

Themen: AuslandssemesterLina ErpensteinSchule und Surfen


Lesen Sie die SURF. Einfach digital in der SURF-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
  • Lina Erpenstein – Auslandssemester: Schule und Surfen im Ausland

    14.04.2014

  • Linas Worldcup-Tagebuch

    18.09.2017

  • Auslandssemester am Windsurf-Spot

    17.12.2019

  • Lina Erpenstein als boot Windsurf-Talent des Jahres ausgezeichnet

    20.01.2015

  • Lina Erpenstein - von der Schulbank zum World Cup

    25.11.2016