Redaktion

Marius Hermann

19.01.2017

Ob die rote Liste der bedrohten Arten auch Sylter Windsurfer führt, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass diese Spezies lange Zeit massiv vom Aussterben bedroht war. Jetzt aber hat Sylt wieder einen echten Local mit Potenzial.

Komisch war es schon immer, dass eine Insel mit 40 Kilometer Küste, Wind ohne Ende und dem größten Windsurf-Event der Welt seit den 80ern, als Windsurf-Legende Jürgen Hönscheid sich am Brandenburger Strand epische Duelle mit Robby Naish lieferte, kaum echte Locals mehr hervorgebracht hat. Und auch wenn es für Marius Herrmann noch ein weiter Weg bis zu epischen Duellen mit der Weltspitze ist, so ist allein die Tatsache, dass es auf der Insel wieder ein hoffnungsvolles Talent gibt, Grund genug ihn vorzustellen.

Marius, wie fühlt man sich als der Letzte seiner Art? Ja, manchmal ist’s ein wenig komisch. Ich bin tatsächlich der einzige Windsurfer hier, der auf der Insel geboren wurde. Zum Glück sind noch ein paar andere Jungs da, wie Chris Bünger oder Jan Hansen, die hier auf der Insel Surfschulen betreiben und auch oft aufs Wasser gehen.

Früher schlug hier das Herz der deutschen Waveszene. Wie kann es sein, dass Windsurfen auf Sylt nicht so das Thema ist? Man braucht irgendeinen Anknüpfungspunkt. Meine Kumpels sind alle viel am Wellenreiten und auf Sylt muss man schon ein dickes Fell haben, um als Windsurfer wirklich dabei zu bleiben. Der Spot ist hier ziemlich materialintensiv. 

Vor allem im Winter, wenn die großen Stürme durchziehen, muss man sich schon oft überwinden, auch alleine rauszugehen.

Warum ist bei dir der Funke übergesprungen? Mein Vater windsurft auch, lebt aber nicht hier auf der Insel. Früher ist er mit mir nach Holland gefahren, damit ich mal in Ruhe und auf Flachwasser üben konnte. Das erste Mal in der Welle von Sylt hat sich schon ins Gedächtnis eingebrannt. Schon auf dem Weg ans Wasser ist mein alter Fahrradanhänger auseinandergeflogen – als wär’s ein schlechtes Omen.

Mit dem Fahrrad zum Spot – davon träumen andere! Sylt ist mein Zuhause, hier wurde ich geboren, bin ich zur Schule gegangen und habe bis jetzt mein ganzes Leben verbracht. Man kann es nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man aus seinem ,Kinderzimmer’ geht, sich aufs Fahrrad schwingt und nach zwei Minuten am geschichtsträchtigen Worldcup-Spot steht. Das ist immer noch der Hammer!

Jedes Jahr ist hier der Worldcup zu Gast. Nervt der Trubel irgendwann oder bist du auch ein bisschen stolz? Der Worldcup ist immer toll. Früher bin ich als kleiner Junge hier jeden Tag hingeradelt, um mir Autogramme abzuholen und den Pros zuzuschauen.

Wenn im Winter die großen Stürme durchziehen, das Tageslicht rar ist und der berüchtigte Sylter Shorebreak alles und jeden in Grund und Boden stampft, ist echte Hingabe gefordert – Marius hat sie.

Letztes Jahr warst du das erste Mal als Teilnehmer dabei? Ja, ich hatte eine Wildcard, leider gab’s keinen Wind. Jetzt hab ich auch ein paar kleine Sponsoren hier von der Insel gefunden und so langsam komme ich materialmäßig über die Runden. Die echten Sylter sind recht speziell und es gibt einen ziemlich guten Zusammenhalt unter den Leuten – so unterstützen mich die Surfschule Westerland und andere Firmen wirklich gut, obwohl ich ja noch keine Ergebnisse vorweisen kann.

Die werden aber kommen, oder? Ich arbeite dran! Pushloops klappen so langsam immer besser, Frontloops auch und 2016 will ich auf jeden Fall die nationale Tour komplett fahren, auch im Slalom – wobei das eher Beschäftigungstherapie für Leichtwind wird. Ich denke, Wettkämpfe sind wichtig für mich. Man lernt dazu und trifft viele Leute aus der Szene. Letztlich setze ich mir da aber keine großen Ziele und versuche einfach möglichst viel Spaß zu haben und dann mal schauen.

Fehlt dir manchmal ein richtiger Trainingspartner? Ja, leider bin ich oft alleine draußen und das, obwohl Sylt unglaublich viele gute Spots bietet. Auf der Westseite gibt’s Sandbänke, an denen die Wellen lange laufen und auf der Ostseite findet man viele Stehreviere. Ganz besonders für Westerland ist, dass jedes Jahr Sand aufgespült wird und dieser dann wieder durch die Gezeiten abgetragen wird. In der Folge verändert sich der komplette Spot kontinuierlich und er wird nie langweilig. Das einzige Problem ist, dass die Wellen oft sehr kraftvoll sind, so geht viel Material zu Bruch! Wenn man alleine draußen ist, ist es schwieriger sich zu motivieren, neue Sachen auszuprobieren und ich freu mich immer, wenn mal jemand von außerhalb vorbeikommt. Da merke ich sofort, wie mich das pusht. Vor allem im Winter, wenn die großen Stürme durchziehen, muss man sich schon oft überwinden, auch alleine rauszugehen. Aber wenn die Bedingungen schlecht sind, lass ich es eben aus und geh ’ne Runde Kiten.

Das Gefühl vom ,Kinderzimmer’ aufs Fahrrad zu steigen und zwei Minuten später am Worldcup-Spot zu stehen, ist immer noch unglaublich!

Ruiniere jetzt nicht am Ende des Interviews noch deinen Ruf! Ich mach beides, einfach der Abwechslung wegen. Im Herzen werd’ ich immer Windsurfer sein, aber ich find’s quatsch, da so militant zu sein. Man muss offen für Neues bleiben. Wenn ich einen Tag lang Kiten war, bin ich immer auch  hochmotiviert, wieder mit dem Windsurfer raus zu können. 

INFO:Alter: 18 Jahre Geboren: 13.12.1997 in Westerland/Sylt Wohnort: Westerland/Sylt Beruf: Schüler Größe/Gewicht: 1.84m / 79 Kilo Surft seit: 2008 Regattadebüt: 2015 Erfolge: 9. Platz beim Volvo Surf Cup Sylt 2015 Lieblingsspots: Sylt, aber ich kenne ja noch nicht viele Alternativen Lieblingsmoves: Backloop Bei Flaute? ...hänge ich mit meinen Kumpels am Strand ab Sponsoren: Surfersdreamland, Gaastra, Getränke Möller, Roy Sylt, Tourismus Service Sylt Webpage: www.mariusherrmann.net

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