Mark Nelson

 • Publiziert vor 14 Jahren

Der Mann mit der Maske. Jeder kennt seine Bretter, aber keiner kennt ihn. Für Mistral entwickelt Mark Nelson auf Hawaii die Prototypen. Wie der gebürtige Australier nach Maui kam, wie er zum Shaper der ältesten noch existierenden Surfmarke wurde und was er denkt, wie man Bretter baut, die jeder fahren kann, erfahrt ihr hier.

Bei Windsurfmarken sind es meist die Teamfahrer, die in Anzeigen und Videos das Image der jeweiligen Firma repräsentieren. Manchmal sind es aber auch die Leute, die nicht auf, sondern meist neben dem Board stehen – mit einem Hobel in der Hand. Die Rede ist von den Shapern.

Sie sind es, die durch ihre Erfahrung und ihr handwerkliches Können den Brettern ihre Form und Stabilität verleihen. So ist es keineswegs unüblich, dass der Shaper selbst die Phalanx der Teamrider in die Schlacht um Bekanntheit, Image und Kaufabsichten – auch Werbung genannt – führt.  Einige Brettschnitzer stehen mit ihrem Namen nicht nur für einzelne Modelle, sondern wie Babynahrungsikone Claus Hipp gleich für eine ganze  Marke. Es gibt aber auch die anderen, die niemand kennt. Keiner weiß, wer sie sind, wo sie leben oder arbeiten. Und das, obwohl an jedem zweiten Baggersee in Deutschland ein Board liegt, dass aus ihrem Hobel stammt.

Mark Nelson beispielsweise ist so ein unbekannter Styroporvirtuose. Er zeichnet sich für die gesamte Boardrange der Traditionsmarke Mistral verantwortlich. Wer ist dieser Mann, wie arbeitet er, wo lebt er? surf hat sich aufgemacht und ihn getroffen.

Denkt man bei Mark Nelson an einen verschrobenen Künstlertypen, der  zurückgezogen in einem zugestellten Atelier vor sich hinfuhrwerkt, dann wird man jäh eines besseren belehrt. Mark ist das genaue Gegenteil dessen. Er ist ein freundlich dreinblickender Mann um die vierzig, der von seinen Freunden vor allem wegen seiner Offenheit, seiner Hilfsbereitschaft und seines Humors geschätzt wird. Er lebt wie viele seiner Zunft auf Maui. Dort betreibt er eine kleine Board-Factory im gleichen Gebäude, wo auch andere Shapergrößen wie zum Beispiel Sean Ordonez oder Keith Teboul an ihren Brettkreationen arbeiten.

In der „Cannery“, wie die alte Konservenfabrik genannt wird, entstehen die Prototypen für Mistral, Maßanfertigungen für Profisurfer und extraordinäre Customboards für Kunden mit Sonderwünschen. Mark begann 1999 für Mistral zu arbeiten. Mit diesem Posten trat er kein einfaches Erbe an, hatte doch das renommierteste Shaper-Duo der Windsurfgeschichte, Robby’s Vater Rick Naish und Harold Iggy über 20 Jahre lang die Mistral-Boards entwickelt. Zum Haus- und Hof-Shaper der Marke mit dem  ‚m’ wird man nicht einfach so, denn für das Handwerk des Surfbrettbaus  braucht man viel Erfahrung.

Mark wurde 1966 in Australien geboren. Als Dreikäsehoch zogen seine Eltern mit ihm in die USA, nach Malibu, einem Vorort von Los Angeles. Schon mit vier Jahren begann Mark mit dem Bodysurfen. Heute sagt er, vom ungezwungenen Plantschen in den Wellen über das Wellenreiten bis zum Windsurfen war es für ihn nur eine logische Weiterentwicklung – „...man kann so viel mehr machen auf dem Wasser“. Als Jugendlicher arbeitete Mark in einem Wellenreit-Shop, wo er eigentlich T-Shirts verkaufen sollte. Er nutzte aber jede unbeobachtete Minute, sprang mit  seinem Surfboard über die Straße und paddelte hinaus, um ein paar Wellen abzureiten – so stark war bei ihm schon die Sucht nach dem Gefühl des Gleitens auf dem Wasser. Das ging eine Weile lang gut, bis sein Chef ihn mit noch nassen Shorts hinter der Ladentheke erwischte. Von da an waren die kurzen Surfausflüge für „Sparky“, wie sein Chef ihn nannte, beendet.

Doch genau dieser Chef war es, der Mark zum Windsurfen brachte. In Kalifornien sind die Pausen zwischen den Wellensets bis zu einer halben Stunde lang. Als Wellenreiter braucht man hier viel Geduld. Während Mark auf seinem Surfboard saß und sich langweilte, schoss sein Chef unentwegt mit seinem Windsurfer um ihn herum. Da war es für Mark klar: er wollte auch windsurfen. Vom ersten Tag an war er infiziert. In den folgenden Jahren machte er jede Menge Surftouren entlang der kalifornischen Pazifikküste, nach Norden Richtung San Francisco oder nach Süden bis nach Mexiko. Wie viele andere träumte auch er von den traumhaften Stränden auf Hawaii, die er in den Videos in seinem Surfshop unentwegt gesehen hatte.

1992 änderte sich Marks Leben dramatisch. In Los Angeles brachen die als  ‚LA Riots‘ bekannt gewordenen Rassenunruhen aus. Autos und Häuser brannten, Leute wurden auf offener Straße zusammengeschlagen, es gab Tote. Schließlich wurde sogar das Kriegsrecht verhängt, die Nationalgarde marschierte ein und besetzte alle wichtigen Kreuzungen, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Für Mark war der Zeitpunkt gekommen. Er sagte sich: „Das Leben ist zu kurz, um mit Millionen Menschen auf engstem Raum in einer Großstadt zu leben.“ Er wollte raus. Und so packte er seine Sachen, die paar hundert Dollar, die er besaß und kaufte sich ein One-Way-Ticket nach Hawaii. Auf Maui bekam Mark einen Job bei Hi-Tech, einer renommierten Board-Schmiede mit eigenem Shop, wo er anfangs im Verleihservice arbeitete. Er wechselte aber bald in die Reparaturwerkstatt, um nachts zu arbeiten und tagsüber zu surfen. Hier entdeckte er seine Leidenschaft für das Shapen. „Wer Surfboards  fachgerecht zu flicken lernt, der lernt auch Stück für Stück, wie man sie baut und kennt ihre Schwachstellen“, erklärt Mark. Immer wieder landeten auch Prototypen der Profis in Marks Werkstatt, bei denen er sich eine Menge abschauen konnte. Alsbald begann er, für sich und ein paar Freunde eigene Boards zu bauen. Das sprach sich bald herum, und so kamen immer mehr und immer namhaftere Surfer zu ihm, um sich ein Brett shapen zu lassen.

Als Hi-Tech seine Pforten schloss, machte sich Mark mit einer kleinen Factory selbstständig. Mitte der 90er-Jahre dann bekam er die Gelegenheit, mit dem damaligen F2-Shaper Peter Thommen zusammenzuarbeiten. Während dieser Zeit lernte Mark eine Menge und konnte sein Können so verfeinern, dass man auch in den Chefetagen der großen Marken auf ihn aufmerksam wurde. So kam es dann, dass er 1999 in den erlesenen Zirkel derer aufstieg, die die Produkte einer der großen Marken kreieren dürfen.

Aber was genau ist es, was den geborenen Australier Mark für diesen Job  qualifiziert? Wenn man ihn nach seiner Shape-Philosophie fragt, nennt Mark mehrere Aspekte. Dazu gehört vor allen Dingen viel Erfahrung, festgehalten in zahllosen Notizen, Skizzen und Schablonen, aber auch die unentwegte Kontrolle der eigenen Arbeit. Blättert man die surf-Tests der vergangenen Jahre durch, fällt auf, dass Marks Bretter selten die schnellsten oder die radikalsten sind. Nein, Mark baut Bretter, die für jedermann funktionieren. „Speed is nothing without control, you must feel  comfortable“, sagt er. „Es ist einfach ein schnelles Board zu bauen, aber schwierig ein schnelles Board zu bauen, dass auch jeder fahren kann.“

Woher aber weiß Mark, wie er ein Brett bauen muss, damit jeder damit surfen kann und sich darauf wohl fühlt? Ganz einfach meint er: Wenn er mit seinen Prototypen an den Strand geht, dann fragt er wildfremde Surfer, ob sie nicht Lust hätten mal sein Board  auszuprobieren. Das Feedback, das er so bekommt, ist genauso viel wert wie das seines Testteams, dem neben den Moreno-Twins auch Nik Baker, einer der erfahrensten Allrounder der Welt, angehört. Diese Informationen, kombiniert mit seiner Erfahrung, helfen dem Perfektionisten Mark Nelson, solche Boards zu  entwickeln. Dass Mark Boards für die breite Masse baut, heißt aber keineswegs, dass er nicht auch Bretter für Profis shapen kann, im Gegenteil. Mark war eine zeitlang der absolute Geheimtipp auf Maui, bei dem sich die internationalen Surfprofis ihre Customs bauen ließen.

Heute gehen die Pros bei ihm ein und aus, in seiner kleinen Factory in der „Cannery“ – und keineswegs sind es nur die Teamfahrer der Marke mit dem kleinen ,m’.Mark hat sich zu einem Erfolgs-Shaper entwickelt, der Bretter für die besten  Surfer der Welt baut, aber auch Bretter fürs Volk– ein „Er-Volks-Shaper“ eben.

Interview: Jan FrenzelFotos: Thorsten Indra, Darrell Wong, Jan Frenzel, Mark Nelson

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Lesen Sie die SURF. Einfach digital in der SURF-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag