Monsieur Nimmersatt: Interview mit Antoine Albeau Monsieur Nimmersatt: Interview mit Antoine Albeau Monsieur Nimmersatt: Interview mit Antoine Albeau

Monsieur Nimmersatt: Interview mit Antoine Albeau

  • Manuel Vogel
 • Publiziert vor einem Jahr

Auch mit 47 Jahren und weit über 20 WM-Titeln ist Antoine Albeau noch nicht satt. Ein Interview über die Angst vor dem Aufhören, den „Canal Brutal“ in Lüderitz und Treffen mit Präsident Macron.

Antoine Albeau ist der Superstar des Worldcups: Kein aktiver Fahrer hat mehr WM-Titel vorzuweisen, kein Windsurfer auf diesem Planeten war je schneller. Was ihn auch nach 26 Jahren auf der Tour immer noch antreibt, warum seinen Speedrekord wohl so schnell niemand knackt und was das alles mit dem Präsidentenpalast in Paris zu tun hat, hat er surf-Redakteur Manuel Vogel während des Sylter World Cups im Interview verraten.

Antoine, du bist seit 1992 auf der Worldcup-Tour dabei. Sind Besuche auf Sylt für dich mittlerweile lästige Pflicht oder immer noch Spaß?

Die Woche hier ist wieder super! Ich liebe an Sylt, dass man nie weiß, was man bekommt. Es kann eine Woche lang durchstürmen oder auch Leichtwind mit Badewetter haben. Die Bedingungen auf der Nordsee sind extrem fordernd, was ich sehr gerne mag. Leider hatte ich nicht viel Zeit, mich auf das Event vorzubereiten. Direkt nach dem Worldcup Fuerte war ich mit dem Team Pryde am Gardasee, wo wir Material getestet haben, danach ging es sofort zurück nach Hause, an die Arbeit. Eine gute Vorbereitung sieht anders aus.

Was meinst du mit „an die Arbeit“. Wettkampfvorbereitung? Testen? Events?

(Lacht) Ja, die meisten Leute wissen nicht, dass ich seit Ewigkeiten während der Saison in unserem Segelcenter auf der Ilé de Re arbeite. Während meine Konkurrenten also monatelang trainieren können, schleppe ich jeden Morgen 30 Hobbie Cats und Jollen ans Wasser, baue diese auf und arbeite den ganzen Tag im Center. Vor den Wettkämpfen bleibt da nicht viel Zeit zum Einfahren. Aber ich liebe meine Insel. Mein Haus dort ist sehr nah am Wasser und im Winter gibt es richtig gute Wavebedingungen.

Bitte recht freundlich! Auf Fuerteventura ist Antoine Albeau seit Jahren eine Macht. 2018 gewann er alle Rennen und hatte beim Zieldurchlauf Zeit, dem Fotograf mal über die Linse zu springen.

Wie kommst du zu einem Segelcenter? So erfolgreich wie du bist, solltest du doch auch ohne „Nebenjob“ über die Runden kommen, oder?

Mein Vater hat das Segelzentrum aufgebaut, ich bin da also reingewachsen. In diesem Jahr feiert es 50. Geburtstag. Wir haben da fast alles, was mit Wasser zu tun hat: SUP-Boards, Katamarane, Segelboote, Windsurfmaterial, Wasserski und Vieles mehr. Vor allem aber, haben wir damit viel Arbeit. (lacht) Kiten lassen wir sein, dass ist viel zu stressig mit den vielen Badegästen, die im Sommer kommen.

Wie schaffst du es angesichts deiner Doppelbelastung überhaupt, konkurrenzfähig zu sein?

An Spots wie hier auf Sylt hilft mir natürlich meine Erfahrung. Während der ersten Foilrennen war es hier diesmal dermaßen choppy, ich glaube, noch niemand im Fahrerfeld hat bisher in solchen Bedingungen gefoilt. Das wiegt den Trainingsnachteil auf. Aber genau so mag ich die Bedingungen – je schwieriger, desto besser für mich.

Muss man sich nach so vielen Jahren überhaupt noch vor einem Event „einfahren“ oder „trainieren“?

Im Prinzip hört ja keiner von uns Pros jemals auf zu trainieren. Wenn die Wettkampfsaison vorbei ist, setzen sich alle in den Flieger und machen Ferien, dort wo’s warm und schön ist (lacht). Und natürlich bin ich da keine Ausnahme. Im Frühjahr bin ich auf Maui für mehrere Wochen, surfe, teste, tune. Denn natürlich weiß ich, dass, sobald ich zurück nach Frankreich komme, die Events beginnen und das Center aufgebaut werden will. Wenn ich nach Sylt reise, ist das so wie nach Hause kommen. Das gleiche auf Fuerte oder in Südkorea. Ich war schon so oft dort und mich überrascht nichts mehr. Die Erfahrung macht mich gelassener und...

In diesem Moment läuft Björn Dunkerbeck auf der Promenade vorbei, winkt ins surf-Zelt.

Antoine: „He Björn, komm her, wir machen ein Foto zusammen.“

Björn kommt rein, setzt sich neben Antoine.

Antoine: "Manuel will wissen, warum ich so gut bin. (lacht) Was soll ich ihm sagen?"

Das hab ich so nicht gefragt?

Björn: "Er hatte eine harte Kindheit im Worldcup. Da war so ein großer blonder Typ, gegen den er immer richtig beißen musste und der nie verlieren wollte (lacht)."

Antoine: "Wen meinst du? Dich?"

Björn grinst.

Vermisst ihr euch?

Antoine: "Auf jeden Fall. Wir haben uns jahrelang nichts geschenkt auf der Regattabahn. Aber abseits davon haben wir uns immer respektiert. Björn war für mich Antrieb und Inspiration, er war immer extrem profesionell und hat alles gegeben. Ich war schon deutlich älter als er, als ich auf die Tour kam."

Björn: "Welcher Jahrgang bist du?"

Antoine: "1972. Bei meinem ersten Worldcup war ich 20. Und du?"

Björn: "Ich bin ein 69er! Ich war 15, als ich Profi wurde."

Antoine: "Da siehst du’s! Meine Mutter hat damals gesagt, ich muss die Schule fertigmachen. Und was hatte ich davon? Am Anfang haben mir ein paar fette Jahre gefehlt, ich war zu spät dran."

Antoine ist nur drei Jahre jünger als du, Björn, und ist noch dabei. Vermisst du das Tourleben manchmal?

(Björn und Antoine machen Selfies)

Björn: "Nein! Ich hab es 30 Jahre lang gemacht und bin immer noch dabei, mich von dieser Zeit zu erholen (lacht). Ich windsurfe daheim jeden Tag, die Tour vermisse ich nicht."

Antoine, wieso hast du das Gefühl, zu spät dran gewesen zu sein? Unterm Strich hat es sich ja noch halbwegs erfolgreich entwickelt.

(Lacht) Ja, stimmt. Aber die besten von damals haben super früh angefangen. Als ich von meinem ersten Worldcup nach Hause gekommen bin, hingen in meinem Zimmer noch die Poster von Robby und Björn.

Die hatte jeder!

Was ich sagen will: Es war hart damals rein zu kommen, nicht eingeschüchtert zu sein, wenn die „Big Boys“ vor dir standen.

Heute bist du die Ikone und die Nachwuchsfahrer blicken zu dir auf. Ist das nicht ein normaler Teil des Spiels?

(Björn Dunkerbeck sagt derweil Tschüss).

Ja, ich bin das Urgestein mittlerweile, jetzt ist es umgekehrt.

Monsieur Nimmersatt: Antoine Albeau

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Heute ist Matteo Iachino dein wohl härtester Gegner. Wie geht ihr abseits der Regattabahn miteinander um? Psychospielchen? Oder entspannt?

So wie es gerade mit Björn war, so ist es auch heute mit Matteo und vielen anderen. Man schenkt sich nichts auf dem Wasser, aber man respektiert sich. Ich würde Konkurrenz nie auf die persönliche Ebene bringen. Matteo auch nicht. Ich weiß, dass er mich ebenso respektiert, obwohl ich viel älter bin als er. Leider ist das nicht bei allen Fahrern so.

Auf wen spielst du da an?

Das ist nicht wichtig! Vielleicht ist es eine Sache des Alters. Auch ich war früher impulsiver, habe mal über die Bedingungen oder die Judges gemeckert. Heute bin ich ruhiger. Sich aufregen raubt dir nur Energie und Konzentration. Stattdessen sollte man aus den Fehlern lernen. Zu Matteo noch: Er hat den Titel verdient, er ist sehr konstant und ein guter Typ. Aber natürlich will ich ihm das Leben noch eine Weile schwer machen.

Du hängst die „verpassten“ Jahre zu Beginn ja jetzt gerade einfach hinten dran. Denkst du übers Älterwerden nach?

Ich bin 46, aber ich fühle mich nach wie vor gut. Ich bin jung, fit und gebe auf mich acht.

Willst du noch weitermachen oder musst du?

Es ist mein Job. Wenn ich heute sage: „Robert, (gemeint ist Segeldesigner Robert Stroj, die Redaktion) ich mache Schluss, dann versteht er das. Aber dann bekomme ich sicher keinen gut dotierten Vertrag mehr und es kommt eben ein anderer, der meinen Job macht. Das Haus will aber trotzdem bezahlt werden und die Familie muss auch irgendwie durchkommen. Und natürlich liebe ich meinen Job. So ein Tag wie gestern, als wir den ganzen Tag geract sind, man am Abend völlig fertig ins Bett fällt und einem alle Knochen wehtun, das ist doch das beste Gefühl, das es gibt. Manchmal überlege ich, auch in der Welle nochmal an den Start zu gehen, aber am Ende ist es mir wichtiger, im Slalom fit und ausgeruht zu sein.

Theoretisch könntest du ja auch im Freestyle antreten. Schließlich warst du mal Weltmeister in dieser Disziplin.

(Lacht) Das lasse ich besser bleiben, wobei ich ein paar Moves schon noch kann, auch wenn du’s wahrscheinlich nicht glaubst (lacht). Einen Shaka, Spock oder Flaka bekomme ich hin, aber verglichen mit dem Niveau von heute ist das natürlich ein Witz.

Du hast die Disziplin Slalom jetzt fast 15 Jahre lang dominiert. 2016 dachten viele schon, du seist endgültig enthront, als du „nur“ Fünfter wurdest. Hast du damals ans Aufhören gedacht?

Nein. 2016 war ich in einem Tief. Drei Tage vor dem Event in Südkorea fiel mein Vater vom Dach und lag zwei Monate im Krankenhaus. Ich musste mich um das Segelzentrum kümmern, und meine Frau war schwanger. Windsurfen hatte damals nicht Priorität Nummer eins.

Bist du ein anderer Mensch seit du Vater bist?

Wer wäre das nicht. Aber der Spruch „dass mit Kindern alles anders wird“, ist irgendwie ja auch Quatsch. So ein Kind fällt ja nicht vom Himmel, man hat Zeit, sich auf die neue Situation vorzubereiten. Heute bin ich extrem froh, dass ich damals zurückgesteckt habe und da war.

Nimmst du deine Familie mit auf Tour?

Ja, sie sind fast immer dabei und meine Frau Paula kennt mittlerweile viele der Fahrer und deren Familien. Für mich ist es sehr wichtig, dass sie mitkommen. Es gibt Dinge, die willst du nicht verpassen. Seinen ersten Schritt hat mein Sohn in einem Appartement während des Worldcups in Südkorea gemacht. Stell dir vor, das hätte ich verpasst! Sowas muss man als Vater erleben. Das viele Reisen ist an sich kein Problem. Unser Sohn ist daran gewöhnt.

Fast immer dabei: Familie Albeau

Im November findet wieder die Lüderitz Speed Challenge statt. Knackst du bald deinen eigenen Weltrekord?

Ich werde nicht dabei sein.

Warum?

Es ist brutal teuer. Die Startgebühr für einen Monat kostet 5.000 Euro, hinzu kommen Reisekosten, Wohnen, Auto, etc. Am Ende kostet mich das 15.000 Euro und da ich keine Sponsoren finden konnte, die das komplett übernehmen, lasse ich es bleiben.

Du bist ja auch der Rekordhalter...

Trotzdem wäre ich gerne dabei und ich hoffe – und das meine ich ernst – dass die Jungs dort Rekorde fahren können. Aber das wird schwierig.

Warum glaubst du, dass dein Rekord so zementiert ist?

Als ich den Rekord gefahren bin, passte alles. Der Wind war brutal stark, über 50 Knoten. Das kommt selbst dort nur selten vor. Und der Kanal war damals so gut wie seitdem nie mehr.

2015 stellte Antoine in Lüderitz einen Speed-Weltrekord auf – 53,27 Knoten (98,66 km/h) – der bis heute Bestand hat. Ob die besondere Gabelkonstruktion dabei geholfen hat?

Worauf kommt es beim Kanal an?

Du brauchst einen Kanal ohne Untiefen und Böen. 2017 gab es flache Stellen, an denen sich die Fahrer mit knapp 50 Knoten die Finnen abgefahren und sich überschlagen haben. Sobald du über den Kurs nachdenken musst, kannst du es gleich vergessen. Außerdem dreht man sich letztlich immer im Kreis: Ist der Winkel zu sehr sideshore, ist das Wasser glatt, aber der Winkel passt eben nicht. Passt der Winkel, schiebt der Wind die Wellen den Kanal runter und die letzten 200 Meter werden eine Buckelpiste. Wenn wir irgendwann schneller werden wollen, müssen wir ins freie Wasser, raus aus dem Kanal.

Wie soll das gehen?

Ich würde lieber an einem Speedfoil-Projekt arbeiten wenn ich mal aus dem Worldcup ausgestiegen bin, denn aktuell ist der Aufwand im Kanal viel zu hoch.

Wie müsste ein Speedfoil deiner Meinung nach aussehen?

Aktuell ist Speedsurfen mit Foil wie ein 100-Meter-Lauf mit einem Bein. Also sollte ein zweites Bein dran. (lacht) Foil vorne und hinten und auch die Flügelform müsste komplett anders sein. Inspiration gibt’s bei den Seglern genug.

Ist Foil die Zukunft im Speedsurfen?

Ich denke schon. Die Segelboote fahren auf Foils fast 50 Knoten bei 25 Knoten Wind. Vor allem würde es uns von den Zwängen des Kanals befreien, Rekorde wären quasi überall möglich und man könnte endlich mal dafür trainieren und Material entwickeln. Bisher ist es immer ein Schuss ins Blaue und man fängt immer wieder vorn vorne an. Die Boards für Lüderitz kann ich sonst nirgends benutzen, geschweige denn testen und verbessern.

Du surfst beim Speedsurfen immer ohne Helm. Warum?

Ich glaube, dass es mit Helm gefährlicher ist als ohne, weil die Helmkante im Wasser mehr Widerstand hat. Beim nächsten Mal werde ich aber einen Genickschutz verwenden.

Wie gefährlich ist der Kanal objektiv betrachtet?

Er ist schon gefährlich. Vor allem bei Spin-Outs trägt es dich schnell nach Lee weg und du kannst mit 90 Sachen auf dem Sand landen. Normale Schleuderstürze tun zwar auch weh, aber du landest zumindest im Wasser – beziehungsweise „auf“ dem Wasser, denn du titscht ja noch dreimal auf bevor du liegenbleibst (lacht).

Windsurfer sind in Frankreich ziemlich populär. Bist du mittlerweile national bekannt?

Ja, es passiert mit schon öfter, dass ich angesprochen werde – in der U-Bahn, auf der Straße, am Strand sowieso. Anfang des Jahres wurde ich mit anderen bekannten Sportlern von Präsident Macron in den Elysee-Plast eingeladen, das war eine tolle Wertschätzung.

Antoine kennen wir. Aber wer ist der Typ links im Bild?

Wie ist euer Präsident, wenn die Mikros und Kameras aus sind?

Er ist ein ziemlich netter Typ und sehr interessiert. Ich denke, er hat gute und schlechte Seiten, so wie jeder, aber ich finde es gut, dass er den ganzen alten Muff und die Seilschaften rauskehrt.

2024 finden in Paris die Olympischen Spiele statt, die Segelwettbewerbe in Marseille. Seit kurzem steht fest, dass das Olympiabrett RS:X durch ein foiltaugliches Board wird. Wäre das nicht der perfekte Karriereabschluss?

Was? Ich? Bei Olympia? (lacht) Nein, dann bin ich wirklich zu alt und ich glaube nicht, dass ich Lust habe, mich auf 75 Kilo runterzuhungern, nur um bei Leichtwind ins Fahren zu kommen.


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Themen: Antoine Albeau


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