Philip Köster - Der Spaß am Siegen

29.07.2016 Heinrich Dornbusch - Nach zwei Worldcups ist Philip Köster im Jahr 2015 mittendrin im Kampf um den Weltmeistertitel in der Welle. Vor allem in Pozo surfte er in einer eigenen Liga. Und teilweise schien er der Welt entrückt, wenn er lächelnd zu Höchstschwierigkeiten ansetzte. Gibt es ein Erfolgsgeheimnis, und wenn ja, kann man es entschlüsseln?

© Jerome Houyvet
"Wenn er im Heat lächelt, ist er besonders gefährlich."
"Wenn er im Heat lächelt, ist er besonders gefährlich."

Gibt es ein System Köster? Was ist das Geheimnis hinter Philips Erfolg?

"Du weißt, dass du ein Problem hast, wenn Philip im Heat gegen dich lächelt!" So lässt sich wohl am besten übersetzen, wie Ben Proffitt den Heat gegen Victor Fernandez im Finale von Pozo kommentierte. "Guck dir den Kerl an, der lacht die ganze Zeit während seines Heats, der hat Spaß und dann ist er besonders gefährlich." Livestream-Speaker Ben meint damit aber nicht das arrogante Lachen eines Wettkämpfers, der weiß, dass er gerade mit einem 10,75-Punkte-Doppelloop und einem 11,50-Push-Forward das Finale vorentschieden hat. Nein, er meint das jungenhafte Lachen von Philip Köster, der einfach einen Riesenspaß daran hat, in "seinen" Bedingungen zu surfen. In solchen Situationen, wie im Juli in Pozo oder am ersten Tag der Double Elimination auf Teneriffa, surft er in einer eigenen Liga und ist eigentlich nicht zu schlagen. So mancher Worldcupper fragt sich dann, wie macht Philip das? Was ist das Geheimnis seines Erfolges, wie funktioniert es, das System Köster?

In den Wochen vor dem ersten Wave-Event der PWA-Tour wird es voll in Pozo – richtig voll! Dann teilen sich die Profis den wohl bekanntesten und windigsten Kanarenspot mit den zahlreichen Surftouristen, die die kleine, steinige Bucht wegen der enormen Windsicherheit ebenfalls zu schätzen wissen. Der Spot ist eigentlich nicht groß. Der Bereich am Bunker, in dem es sich besonders gut springen lässt, ist kaum größer als ein Fußballfeld. Für ein Dutzend Windsurfer wunderbar – in den Wochen vor dem Worldcup zählt man aber mitunter 50 Segel auf dem Wasser.

"Spaß ist das Erfolgsrezept – und jede Menge Talent."

Die Stimmung ist in diesen Tagen dann auch schnell mal gereizt. Zumal der ein oder andere Profi wohl der Meinung ist, dass ihm seine Segelnummer und Sponsorensticker ein besonderes Vorrecht geben. Die Freude am Windsurfen kann da gelegentlich schon mal auf der Strecke bleiben. An solchen Tagen findet man Philip nur selten in Pozo. In diesem Jahr musste er sogar durch Ben Proffitts Training Diaries überredet werden, sich auch mal am Bunker vor dem "Centro Internacional de Windsurfing" zu zeigen, an dem seit Jahren der Worldcup-Zirkus seine Zelte aufschlägt.

In den so beliebten Sommermonaten fahren die meisten Locals eher im benachbarten Vargas als in Pozo. Es ist hier nicht so voll auf dem Wasser, man bekommt die Wellen, die man haben möchte, und vor allem ist die Stimmung deutlich entspannter. Der Strand, der knapp 100 Meter vor Philips Wohnung beginnt, ist keine zehn Kilometer weiter nördlich gelegen. Trotzdem funktioniert der Spot ganz anders als das Worldcuprevier. Der Wind ist deutlich schwächer und die Wellen laufen anders. Eigentlich nicht der ideale Platz, um sich perfekt auf den so wichtigen ersten Wettkampf des Jahres vorzubereiten. Trotzdem verbringt Philip die Vorwettkampfzeit lieber mit Freunden auf dem Wasser in Vargas oder auf dem Wellenreiter oder SUP im Norden der Insel. Und auch an seinem Hausstrand hat man nicht den Eindruck, dass seine Vorbereitung nach einem detailliert ausgearbeiteten Trainingsplan abläuft. Sein System ist eigentlich, dass er keines hat. Der Spaß am Surfen mit Freunden ist das Motto, der Weg das Ziel. Dabei besitzt er die wohl seltene Gabe, dass er neue Moves einfach im Kopf in die richtigen Bewegungsabläufe umsetzen kann. Man sieht ihn weder bei Trockenübungen an Land, noch hat er so etwas wie einen Mentaltrainer.

Auf die Frage "wie machst du das?" antwortet er regelmäßig, "ich stelle es mir vor und mache es einfach." Das ist bei Philip keine Phrase, sondern einfach die Realität. Sein Erfolgsgeheimnis ist schlicht und ergreifend die Freude am Surfen und natürlich sein Talent. So sieht man ihn dann in den letzten Tagen vor dem Wettkampf auch nicht bei der Videoanalyse irgendwelcher neuen Moves, die ihm die letzten zusätzlichen Punkte bringen könnten. Vielmehr hat man den Eindruck, als spiele er auf dem Wasser, macht Manöver, die keine Punkte bringen, ihm aber Spaß bereiten.
Ein nettes Lächeln und zustimmendes Nicken bekommt dabei jeder auf dem Wasser, dem anzusehen ist, dass ihm Windsurfen Freude bereitet. Wenn Philip merkt, dass man einen bestimmten Move übt, fährt er den dann auch gerne mal ungefragt in Perfektion vor und grinst. Dabei spielt es dann keine Rolle, ob du gerade den Wasserstart oder den Doppelloop übst. Keine Attitüde, kein "das ist meine Welle" und schon gar kein Profigehabe. Einen besseren Botschafter kann sich der Sport kaum wünschen.

Philip ist ein Typ, der anderen Respekt entgegenbringt. Alex Mussolini bringt es auf den Punkt. Nach der Siegerehrung in Pozo postet er im Netz: "Respekt ist alles….Philip, ein toller Fahrer mit unzähligen Siegen auf seinem Konto: trotzdem zieht er seinen Hut vor seinen Gegnern. Da könnte sich manch einer eine Scheibe von abschneiden. Glückwunsch Champion, du bist groß auf dem Wasser und riesig an Land!!" So ein Statement sagt viel über Philip und seine Einstellung, noch mehr aber sagt es über andere, die diesen Respekt wohl nicht zeigen.

© Heinrich Dornbusch
Arroganz ist ihm fremd. Philip pflegt mit seinen Gegnern, vor allem mit seinem Dauerkonkurrenten Victor Fernandez, einen respektvollen Umgang.  
Arroganz ist ihm fremd. Philip pflegt mit seinen Gegnern, vor allem mit seinem Dauerkonkurrenten Victor Fernandez, einen respektvollen Umgang.  

Diese Unbeschwertheit funktioniert natürlich nur, wenn er durch sein Umfeld entsprechend unterstützt wird. Philips Mutter Linda ist für die Organisation und Pflege der Sponsoren und Medien zuständig. Die Karriere des "Wunderkinds", wie ihn der SPIEGEL einmal nannte, hat bereits im Alter von 14 Jahren Fahrt aufgenommen. Damals war der Medienrummel für Philip häufig eher eine Belastung. Heute ist sich der zweimalige Weltmeister der Bedeutung einer guten Medienpräsenz bewusst und hat merklich Spaß daran gefunden, lockere Interviews zu geben. Am liebsten auf Englisch. Er weiß selber nicht warum, aber er fühlt sich in der Sprache wohler.

Bei der Wartung und Vorbereitung seines umfangreichen Materialparks wird Philip von seinem Vater Rolf unterstützt. Der kennt sich als ehemaliger Surflehrer seit über 30 Jahren mit Brettern und Segeln aus und steht mit Rat und Tat zur Seite.

Von großer Bedeutung für Philips Spaß am Surfen, und somit seinem Erfolg, sind aber auch seine Freunde. Er beteiligt sich nicht unbedingt gerne an ausführlichen Diskussionen über Surfmaterial und Tuning, trotzdem ist er jedem gegenüber aufgeschlossen und freundlich.

"Jorge konnte Philip einmal schlagen. Da war er elf."

Eine besondere Freundschaft verbindet ihn aber mit seinem Buddy Jorge. Die beiden kennen sich seit zehn Jahren und sind früher bei lokalen Wettkämpfen gegeneinander angetreten. Damals hat Jorge mal gegen Philip gewonnen und foppt ihn heute noch damit. Mit ihm zusammen ist er in den letzten Jahren um die halbe Welt gereist. Neben den Stationen in Australien und Maui verbringen sie aber vor allem viel Zeit gemeinsam auf dem Wasser in und um Vargas. Jorge ist zehn Jahre älter als Philip, arbeitet eigentlich als Tauchlehrer und surft auf beeindruckend hohem Niveau. Vor allem ist er aber ein netter, unkomplizierter Zeitgenosse, der mit Philip die Freude am Surfen teilt. Die beiden sind mitunter stundenlang auf dem Wasser und fahren sich die Manöver gegenseitig um die Ohren. Zwischendurch fallen sie einfach mal schallend lachend ins Wasser. Man könnte fast den Eindruck haben, dass Philip den ganzen Surfzirkus nicht wirklich ernst nimmt, fast schon unprofessionell ist.

© Heinrich Dornbusch
Philips bester Kumpel Jorge fährt selbst fast auf Worldcup-Niveau. Oft kommt er auch mit auf Reisen und hilft bei den Worldcups. 
Philips bester Kumpel Jorge fährt selbst fast auf Worldcup-Niveau. Oft kommt er auch mit auf Reisen und hilft bei den Worldcups. 

Dieser Eindruck ist aber – zumindest für seine Konkurrenten – verhängnisvoll falsch. Am Tag des Wettkampfes ist er vollkommen konzentriert, vor den Heats kaum ansprechbar. Er beobachtet und analysiert sein Gegenüber genau. Erst in dem Moment, indem er aufs Wasser geht und auf dem ersten Schlag auch gerne mal gleich zwei Sprünge mit mehr als zehn Punkten absolviert, löst sich diese Anspannung auf, und er hat für den Rest des Heats Spaß. So ein Moment war es auch, der ihn zu dem bisher besten dokumentierten Triple-Versuch motivierte. "Der Heat lief sensationell, die Punkte waren im Sack, der Druck weg. Da habe ich es einfach mal probiert", feixt Philip nach dem beinahe gestandenen Dreifachloop. Am Strand zurückgekommen teilte er seine Freude als erstes mit seinem stolzen Vater, der den gesamten Lauf gebannt verfolgt hatte und dabei sicherlich angespannter war als Philip. Der hatte im zweiten Teil des Heats schon eigentlich nur noch gespielt.

Und so mag es dann für seine Konkurrenten tatsächlich ein Problem bedeuten, wenn Philip auf dem Wasser lächelt; für alle anderen Surfer, die das Glück haben, mal gemeinsam mit ihm zu fahren, ist einfach nur bereichernd, diese ehrliche Freude teilen zu können.

© Glenn Duffus
Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 10/2015 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.
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