Redaktion

Queen of Comeback: Worldcupperin Justyna Sniady

  • Tobias Frauen
07.05.2020

Ein Mädchen aus Warschau träumte von Naish, Polakow und großen Wellen. Ein beinahe tödlicher Unfall, eine schwere Fußverletzung und 15 Knochenbrüche später fährt Justyna Sniady tatsächlich um den Wave-WM-Titel mit. Ein Interview...

Wir haben das 34-jährige Energiebündel beim Worldcup auf Sylt 2019 getroffen – der alles andere als planmäßig verlief. Im Interview erzählt Justyna, was alles Unglaubliches passiert ist.

Du bist als WM-Führende nach Sylt gekommen - und dann hängst du den kompletten Heat im Shorebreak fest. Die vielleicht zukünftige Wave-Weltmeisterin kommt nicht vom Strand weg – was ist dir da durch den Kopf gegangen?

Mist! (lacht) Ich war schon so oft hier, ich war vorbereitet, ich hatte mein größtes Material, bei dem ich sogar Schotstarten kann, ich bin mehr als einen Heat früher rausgegangen. Wenn man erst mal vor der Promenade festhängt, ist da fast gar kein Wind, da hat niemand eine Chance. Aber nicht mal rauszukommen und kämpfen zu können war schon sehr enttäuschend. Aber das ist Teil des Sports. Das macht es spannend zuzusehen, dieses Mal war leider ich das Opfer (lacht).

Die Saison ist bis dahin super für dich gelaufen. Was ist dieses Jahr anders als in den Jahren zuvor?

Ich wollte unbedingt mal aufs Podium. Also habe ich meinen Job im Marketing gekündigt und war so viel auf dem Wasser wie es geht. Ich war auf Maui in einem Trainingscamp mit Brawzinho und Levi Siver, ich habe viel mit Jorge Vera Garcia gearbeitet, dem Coach und Caddy von Philip Köster. Ich habe auch alle Heats der anderen Wave-Damen aus den letzten vier Jahren angeschaut und analysiert, wer wofür wieviele Punkte bekommt, und dann geschaut, was brauche ich? Jorge und ich haben dann Heat-Strategien entwickelt, sind immer vorher zum Spot gefahren und haben geschaut, wann muss ich bei welchen Gezeiten wo sein und so weiter. Natürlich kann dann trotzdem alles Mögliche passieren, so wie hier. Ich habe mich vorbereitet gefühlt, aber dann hab ich halt im Shorebreak festgesessen. Aber daran kann ich nichts ändern, aber alles was in meiner Macht steht, habe ich jetzt unter Kontrolle.

In Pozo 2019 gelang es Justyna erstmals, die Phalanx von Daida und Iballa Moreno sowie Sarah-Quita Offringa zu knacken.

Zwischen den Kanaren-Cups und Sylt war eine recht lange Pause. Hat das den Druck noch mal verstärkt?

Ich war zuerst einmal überrascht, weil ich so ein gutes Ergebnis selber gar nicht erwartet hatte. Ich war überglücklich und aufgeregt und positiv, aber ich bin nicht nach Sylt gekommen und hab gedacht: „Wenn es hier schief geht, ist das ein großes Drama.“ Ich dachte einfach: „Wenn es schiefgeht ist es Pech, aber ich bin auch so happy“. Der Druck war aber eher motivierend als hemmend.

Fährst du zum Finale nach Maui oder nimmst du das als Streicher?

Ich würde liebend gerne nach Maui fahren, alleine schon um einmal beim Aloha Classic dabeizusein. Und dann als Abschluss eines schon jetzt unglaublichen Jahres wäre das natürlich super. Ich bin auf jeden Fall Dritte, auch wenn ich nicht hinfahren würde. Da würde ich den Pokal natürlich schon gerne in Hookipa abholen (lacht).

Und nächstes Jahr dann wieder zurück an die Arbeit?

Also, erst mal habe ich nicht damit gerechnet, dass es dieses Jahr so gut läuft. Ein paar Leute sind schon auf mich zugekommen und wollen mich auf verschiedenen Ebenen unterstützen, aber ich habe auch noch andere Projekte. Wettkämpfe sind nicht alles für mich, ich habe große Ziele im Windsurfen auch abseits von Contests. Ich will natürlich schon beim Windsurfen bleiben, aber ich möchte gerne meine Erfahrung aus dem Marketing nutzen und Firmen helfen, sich selbst übers Windsurfen zu promoten. Das wäre mein Traum. Ich möchte keinen Sponsor, der mir nur aus Mitleid hilft, sondern ich will gute Arbeit für die Firmen machen, die am Lifestyle und den Spots und dem Image interessiert sind. Ich möchte da gerne etwas machen, was Qualität und Wert hat. Aber es ist alles noch dabei, zu entstehen.

Neben Vollzeit-Job und Windsurf-Karriere hast du auch noch an der Harvard Business School studiert. Gibst du eigentlich immer Vollgas oder machst du auch mal halblang?

Ich weiß nicht ob ich ADHS oder so habe, aber ich lerne immer gerne dazu. Ich habe das Harvard-Studium aber gerade auf Eis gelegt, weil die Module auch Geld kosten und ich das gerade alles fürs Windsurfen ausgebe. Aber ich werde da auf jeden Fall weitermachen, es ist einfach ein Weg um die Ideen sprudeln zu lassen, um den Kopf zu benutzen und noch etwas anderes außer den physischen Herausforderungen beim Windsurfen zu haben.

Dein Trainingscamp für den Sommer war Pozo. Hat es sich gelohnt?

Das war schon ganz lustig. Ich kündige meinen Job und habe die schlechtesten Bedingungen aller Zeiten (lacht). Zuerst in Australien hatte ich weniger Tage auf dem Wasser als während meinen Jobs, dann bin ich nach Maui geflogen und da war auch kaum Wind, und Ende Mai bin ich dann nach Pozo gefahren und wir hatten vier oder fünf Wochen gar keinen Wind. Und ich meine wirklich keinen Wind. Das hat mich etwas gestresst, all dieser Aufwand und dann sitz ich nur am Strand. Aber das nächste Jahr wird es dort wieder windig, das ist immer so – hoffe ich zumindest.

Du warst auf Maui in einem Trainingscamp mit Brawzinho und Levi Siver. War das, um an entscheidenden Details zu arbeiten oder einfach für das Erlebnis?

Natürlich war das schon ein Erlebnis, auf Maui zu sein und dann jemanden zu haben, der dich an die Hand nimmt und dir in Hookipa genau sagt, wo du sein musst, wie du die Welle nehmen musst und so. Aber ich bin mit den Jungs auch meine Videos durchgegangen und sie haben mir jede Menge Tipps gegeben. Coaching ist schon etwas Besonderes. Du kannst online alle möglichen Tutorials und Tipps finden, aber das Entscheidende beim Coaching ist es, den richtigen Hinweis auf die richtige Art zur richtigen Zeit zu geben, genau auf die jeweilige Person zugeschnitten. Das macht einen guten Coach aus, und das macht es so hilfreich, gecoacht zu werden. Und das hab ich bei Levi und Brawzinho gespürt. Die waren in keiner Weise herablassend, die hatten viel Geduld und Anerkennung für mich und waren sehr hilfreich.

In Pozo 2019 gelang es Justyna erstmals, die Phalanx von Daida und Iballa Moreno sowie Sarah-Quita Offringa zu knacken. Auf dem Weg zum zweiten Platz gab’s aber auch deftige Abgänge – das gehört bei der Polin einfach dazu.Es geht um die mentale Herangehensweise und das Selbstbewusstsein, dass sie dir vermitteln. Das war für mich der größte Game Changer. Ich war in Hookipa, und bin fast noch nie bei Wind von rechts gesprungen. Mein erster Sprung bei Wind von rechts war beim Indoor in Polen. Und dann bei superleichtem Wind und tricky Bedingungen in Hookipa ging mir schon die Düse. Aber die haben sich mit mir hingesetzt und kurz darauf habe ich in großen Set-Wellen Forwards und Backloops gestanden. Da ist ein Traum für mich wahr geworden, und das war vor allem deren Verdienst.

Justyna Sniady

Du hast vorher in Australien gelebt, gehst du dahin zurück?

Ja! Ich lebe schon seit acht Jahren in Australien und konnte nie allzulange weg, weil sonst mein Visum ungültig geworden wäre. Jetzt habe ich aber genug Zeit für eine Staatsbürgerschaft dort verbracht und muss im Dezember nur noch einen Test bestehen, dann bin ich Australierin und kriege ein lebenslanges Aufenthaltsrecht. Das ist dann eine doppelte Staatsbürgerschaft, ich bleibe also auch Polnisch und starte weiter für Polen. Aber ich kann dann reisen, so viel ich will, das eröffnet natürlich jede Menge neue Spots für mich. Aber ich liebe Australien, es ist für mich im Winter das beste Ziel. Nicht besonders komfortabel, weil man im Van lebt und viel fahren muss, aber ich liebe diesen Lifestyle.

Wie bist du nach Australien gekommen?

Als Polin habe ich kein Work & Travel-Visum bekommen, also musste ich da ein Studium anfangen, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich habe das lange versucht, und als es dann endlich geklappt hat, hatte ich nach gerade einmal einem Monat einen schweren Autounfall, bei dem ich fast gestorben wäre und musste wieder nach Hause. Es war ein langer und harter Weg, weil ich immer irgendwohin wollte, wo ich surfen kann. Ich komme aus Warschau, da ist nicht viel mit Waveriding. Ich hab dann irgendwann meinen Abschluss in Perth gemacht und bekam dann von meinem Arbeitgeber mein Arbeits-Visum bezahlt... und der Rest ist Geschichte.

Wie bist du in Warschau zum Windsurfen gekommen?

Ein Freund von meinem Vater hat uns altes Windsurfzeug mitgebracht. Wir sind dann an einen See gefahren, damit mein Vater das ausprobieren konnte, und mein älterer Bruder hat es auch probiert, und natürlich musste ich besser sein als er (lacht). Da war ich ungefähr sieben. Als ich dann zwölf war, sind wir an die Ostsee gefahren und ich war zum ersten Mal im Gleiten. Das war wie bei wohl jedem: Auf einmal war es die große Liebe. Ich hab dann einfach zu viele Windsurf-Videos gesehen, ich wollte immer in die Welle. Contests waren eigentlich gar nicht mein Ziel. Ich habe Robby Naish, Jason Polakow und all die anderen in den Wellen gesehen und wollte das auch.

Für den Erfolg auf der PWA-Tour trainierte sie auch oft an Plätzen ohne Sahnewellen und konstantem Wind.

Stimmt es, dass du mit dem surf Magazin Deutsch gelernt hast?

Ja, wir hatten in Polen kein Windsurf-Magazin, mein Vater hat mir dann die surf mitgebracht, wenn er beruflich in Deutschland unterwegs war, und ich habe das Heft dann mit dem Wörterbuch gelesen. Mein altes Zimmer ist noch heute voll von Postern aus der surf.

Dein erster Worldcup war schon 2003. Du musst ja ein Mega-Talent gewesen sein...

(lacht) Ich bin in Polen bei einem Sturm auf der offenen Ostsee rausgegangen und in kniehohen Wellen beinahe ertrunken. Aber ich wollte unbedingt in die Wellen gehen und bin dann zum Worldcup nach Sylt gekommen, weil ich Waveriding in einer sicheren Umgebung ausprobieren wollte. Mir war klar, dass ich Letzte werde, aber ich wusste, dass sie dort einen Jetski haben und von Polen aus war es der nahegelegenste PWA-Worldcup, den ich mir leisten konnte. Was für eine Erfahrung, was für ein Spot zum Lernen. Sylt war für mich damals ein Windsurfing-Mekka. Ich dachte, das ist der beste Wavespot den ich kriegen kann. Ich hab mich immer gewundert, wenn es windig war, warum ist da niemand auf dem Wasser? Ich war die ganze Woche im Wasser, für mich war das ein Traumspot.

Wie ging es dann weiter, bist du direkt in die Tour eingestiegen?

Nein, ich war noch in der Schule und­ hatte noch nicht das Ziel, meine Zu­kunft ums Windsurfen herum aufzubauen. Nach meinem Autounfall dachte ich mir, ich will auch mal einen PWA-Contest an einem anderen Spot mitfahren, wie etwa Gran Canaria. Ich hätte tot sein können und wollte das einfach mal ausprobieren, trotzdem ich Angst vor dem starken Wind und den extremen Bedingungen hatte. Da wurde ich dann angefixt und dachte „Worldcup ist so großartig, ich kann da bestimmt noch besser werden“ und wollte mich weiter verbessern, und so fing das Ganze an.

Trotzdem du so lange dabei bist, gehörst du erst in den letzten Jahren regelmäßig zu den Top-Five. Woher kam die plötzliche Leistungs-Explosion?

Vor drei Jahren gab es diesen Moment, da war ein extrem enger Heat, den ich mit weniger als einem Punkt verloren hab, weil ein Judge meine Welle nicht gesehen hatte. Ich fahre dahin, zahle viel Geld, riskiere meine Gesundheit und dann fahre ich den Heat meines Lebens und komme wegen sowas nicht weiter. Ich hab, glaub ich, 24 Stunden lang durchgängig geweint. Das hat etwas in mir verändert, ich dachte „Jetzt nehme ich es selbst in die Hand, koste es was es wolle!“ Dann bin ich in den Terminator-Mode gegangen und habe in der Double sechs oder sieben Heats am Stück gewonnen. Mir fehlt sonst ja nicht unbedingt das Selbstbewusstsein, aber da dachte ich: „Das reicht jetzt, nicht mit mir!“ Wenn ich in so einer Stimmung bin, dann komme ich viel leichter weiter. Das zeigt auch, wie wichtig das Mentale im Wettkampf ist. Manchmal ist man vielleicht etwas zu entspannt... Du kannst verschiedene Moves trainieren, in verschiedenen Bedingungen, aber für einen Heat in kurzer Zeit in den richtigen mentalen Zustand zu kommen, ist schwierig. Ich hab das ein paarmal geschafft, aber ich kann das leider nicht kontrollieren.

Wenn du für einen Heat rausgehst, bist du dann im Tunnel oder eher offen und entspannt?

Das ist ganz lustig, viele Fahrer konzentrieren sich da nur auf sich selbst. Ich bin eine Plaudertasche und frage alle, welche Segelgröße sie fahren und so. Die Leute lachen immer, weil ich immer supernervös bin, bevor ich rausgehe. Ich checke immer meine Segel ganz genau, weil die größte Enttäuschung ist, wenn man nur wenige Events im Jahr hat oder nur eine Single fahren kann, und dann nimmt man das falsche Segel. Ich gucke eine Million Mal auf die Vorhersage, ich frage alle, was sie gefahren sind. Sobald ich im Wasser bin, werde ich ruhiger, aber am Strand bin ich supernervös. Ich spiele inzwischen eine bestimmte Routine durch, die immer gleich ist. Das ist auch Teil des Trainings, nicht nur die einzelnen Moves auf dem Wasser. Das lässt einen ruhiger werden.

Du bezeichnest dich selbst als „Specialized in Comebacks“. Nicht nur nach deinem Autounfall, sondern auch nach deiner schweren Fußverletzung vor ein paar Jahren.

Ich hab früher immer gesagt, ich breche mir nichts. Das hat sich dann dramatisch geändert (lacht). Ich habe bislang 15 Knochenbrüche gehabt, glaube ich. Was ich aber immer hatte, war der Wille wieder zurückzukommen und weiterzumachen. Das Schlimmste war wirklich die Fußverletzung in Pozo, ich saß drei Monate im Rollstuhl, ich konnte nicht laufen, keiner wollte mich operieren, weil der Bruch so kompliziert war und mir wurde gesagt, ich könne nie wieder Laufen, geschweige denn Windsurfen. Aber ich wusste immer, ich will zurückkommen, das war das Wichtigste für mich, es ging nur da drum wieder Windsurfen zu können. Ich kann immer noch nicht die Zehen beugen, das Fußgelenk ist auch noch etwas wacklig, da musste ich mich dann beim Surfen dran anpassen.

Mehrfache Brüche am Fuß nach dem Experiment in Pozo.

Gibt es für dich ein „Vorher“ und ein „Nachher“ bei diesen schweren Unfällen?

Ja, das sind definitiv die Momente im Leben, die dich prägen und die Perspektive verändern. Als ich den Unfall in Australien hatte, war das ein Riesen-Schock, ich lag im Krankenhaus und dachte drüber nach, was ich verpasst hätte, wenn das schiefgegangen wäre. Und da hab ich dann gemerkt, dass der Windsurf-Weg, den ich eingeschlagen hab – mag es auch finanziell oder so schwierig sein – einfach mein Ding ist. Das Gleiche mit der Fußverletzung, ich war da schon etwas länger auf der Tour dabei und hatte gerade einen großen Schritt nach vorne gemacht. Das war wieder so ein Moment, da habe ich dann gemerkt, wie viel mir die PWA-Tour bedeutet, wie sehr ich die Herausforderung mag und besser werden möchte. Meine größte Angst ist es, etwas zu bereuen, was man nicht gemacht hat statt etwas, was man gemacht hat und dann eben gescheitert ist – so wie die Double Elimination hier. Aber ja, das waren schon prägende Momente.

Was war die schwierigste Situation dabei: Die medizinischen Aspekte oder nicht auf dem Wasser dabei sein zu können?

Das ist eine gute Frage. Die Behandlung war ziemlich kompliziert und schmerzhaft, aber das lag nicht in meiner Hand. Mental war das viel schwieriger. Ich bin kurz danach im Rollstuhl nach Teneriffa zum Worldcup geflogen, weil ich einfach ein Teil davon sein wollte. Später war dann die größte Herausforderung, wieder aufs Wasser zu gehen und zu springen, vor allem bei starkem Wind. Ich hab immer wieder Rückzieher gemacht, aber ich wusste, das muss ich mit mir selbst ausmachen. Das war die größte Herausforderung, die Angst zu besiegen. Die Angst, sich wieder zu verletzen.

Du hast sie offensichtlich besiegt, und dieses Jahr läuft es nun besser als je zuvor. Jahrelang waren immer die Morenos vorne – denkt man da, bestenfalls werde ich Dritter, weiter nach vorne komme ich eh nicht?

Natürlich weiß jeder, dass Iballa und Daida technisch eine Klasse für sich sind. Aber man sieht das auch bei den Jungs und ich hab das im Laufe der Jahre oft gesehen: Jeder ist schlagbar. Es ist nur eine Frage des Wie und Wann. Als ich alle diese Heats analysiert hab, habe ich gemerkt: Jeder Einzelne auf der Tour hat seine Stärken und Schwächen. Klar, in bestimmten Bedingungen sind gewisse Leute beinahe unantastbar, wie zum Beispiel Daida in Pozo. Aber das ist auch ein Antrieb, selber auf so ein Level zu kommen. Ich will alles lernen, mit allen Größen. Dann kommst du irgendwann an den Punkt, wo du so eine Konstanz hast, dass du alle Moves im Heat zeigen kannst. Du kommst nie dahin, wenn du nicht trainierst. Man darf da nicht nur an Contests denken, sondern muss ein kompletter Windsurfer in jeder Art von Bedingungen werden, und dann passt irgendwann alles zusammen.

Aber ja, Daida und Iballa sind eine Mega-Macht, die dominieren seit so viel Jahren, aber gerade wächst alles ein bisschen, mehr Frauen werden von der Industrie unterstützt, mehr Frauen reisen durch die Welt um zu trainieren und jede hat ihr Ding, in dem sie wirklich gut ist und die beiden herausfordern kann. Da muss sich auch der Blickwinkel mal ändern: Wenn man sich ein paar junge, aufstrebende Jungs anguckt, wie sie gute und schlechte Heats haben und in herausragenden Momenten glänzen, dann sagen alle: „Oh, der hat eine große Zukunft!“ Wenn wir Frauen bei 50 Knoten in Pozo rausgehen und nicht gut fahren, sagen alle „Ach, das sind nur die Damen“. Wo ist denn da der Raum, den Wettkampf kennenzulernen? Wir reisen genauso, wir trainieren genauso, wir brechen uns die Knochen, das muss die Industrie auch mal beachten, auch bei einigen, die noch nicht in den Top-10 sind. Die haben aus meiner Sicht ein Riesen-Potenzial.

Was sind deine Pläne für die Zukunft, neben dem Windsurfen?

Ich bin in der glücklichen Situation, immer zurück in meinen Marketing-Job gehen zu können. Wobei ich das ungern als „glücklich“ bezeichne, weil ich mir das in vielen Jahren erarbeitet habe. Ich würde gerne eine eigene Firma aufbauen, eine Plattform für Sponsoren. Ich finde den Weg, wie Sponsoring-Deals entstehen, sehr altmodisch. Du musst dich teilweise zehn Mal mit den Leuten treffen, das alles für 1000 oder 2000 Dollar, das ist die Zeit einfach nicht wert. Und viele Firmen, die gerne sponsern wollen, haben einfach nicht die Zeit, sich alle Athleten anzuschauen und alle Optionen durchzuspielen. Wir sind im 21. Jahrhundert, da geht es nicht mehr nur um Sticker im Segel, sondern um einen echten Mehrwert für die Firmen zu generieren. Das würde ich also gerne machen, damit Youngster schneller gefördert werden und schneller besser werden. Im Moment konzentriere ich mich aber auf meine Windsurf-Projekte, wie neue Moves zu landen, Videos zu machen und Contests zu fahren.

Was sind deine Lieblings-Bedingungen zum Surfen?

Wenn es darum geht, dass ich mich wohlfühle und viele Moves stehe, dann wäre das Sideshore-Wind fürs 4,2er oder 3,7er und 72-Liter-Board, oder Down-the-Line wie in Gnaraloo, wo ich viel auf dem Wasser bin. Aber vielleicht ist es durch die Contests, ich habe viel Spaß daran, auch in schwierigen Bedingungen rauszugehen und Sachen auszuprobieren. Wenn man einen Move konstant steht, ist das auch ganz lustig, in miesen Bedingungen zu fahren.

Justyna ist glücklich in ihrer Wahlheimat Australien.

Was sind deine Lieblings-Spots?

Gnaraloo und Coronation Beach, aber ich mag auch die Kanaren sehr. Sogar Sylt, wenn es sideshore ist, das ist dann einfach mal was anderes. Ich mag die Welle, die ist so kraftvoll, das ist einfach eine Herausforderung, weil in der Strömung so viel Wasser unterwegs ist. Ich war dieses Jahr auf Maui, ich mag Großbritannien und habe da die nationale Tour mitgefahren, da gibt es auch viele tolle Spots. Wie wahrscheinlich jeder mag ich es, wenn es warm und windig ist und die Wellen gut sind. Die größte Enttäuschung ist es, wenn man irgendwohin fährt, wo es gut sein soll, und dann zwei Wochen am Strand hängt und viel investiert hat. Wenn ich mir einen Platz aussuchen müsste, an dem ich den Rest meines Lebens surfen gehe, wäre das auf jeden Fall WA!


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 11-12/2019 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .

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