Redaktion

Radikale Pozo-Girls

21.04.2005

Wer von windsurfenden Frauen in Pozo hört, denkt in erster Linie an die „Morenos“. Aber im Schatten der bekannten Zwillinge hat sich am Hardcore-Spot auf Gran Canaria eine Riege von „Giri“-Girls (blonden Ausländerinnen) etabliert, die mit hohen Sprüngen, radikalen Wellenritten und geilen Back- und Frontloops auf sich aufmerksam macht. Die österreichische Worldcupperin Claudia Vogt verrät, wer hinter den zarten aber zähen Geschöpfen steckt, und warum sie gerade einen der härtesten Spots der Welt zu ihrem liebsten Surfrevier auserkoren haben.

Abi ‘98 – gerade 18 und endlich frei. Mein einziges Ziel nach den bestandenen Prüfungen lautete: Nichts wie weg. Aber anstatt die obligatorische Reise mit Ex-Schulkameraden nach Ibiza oder auf eine der griechischen Inseln mitzumachen, buchte ich die Fähre nach Gran Canaria und landete in Pozo, einem Spot, der in der Windsurfszene als der Hardcore-Platz schlechthin bekannt ist. Gute acht Beaufort sind keine Ausnahme, sondern im Sommer die Regel. Als einziges Mädel, abgesehen von den beiden Local-Superstars Daida und Iballa Moreno, mühte ich mich damals ab, um nicht mit meinem 3,7er-Segel in Richtung Marokko auf und davon zu fliegen. Jedesmal, wenn ich ohne Surfschuhe und ohne die Halse zu beherrschen über die großen Kullersteine ins Wasser stolperte, begleiteten mich bewundernde Blicke der Männer. Aber trotz aufgeschnittener Füße und Platzwunden am Kopf wollte ich nirgendwo anders Windsurfen lernen als genau an diesem Ort.

  • Pozo, Gran Canaria, 2004: Nach einem windsurfintensiven Winter und bestandenem Schlussexamen an der Uni Wien kehre ich auf die Kanaren und an den sagenumwobenen Spot zurück. Das 3,7er-Segel ist nach wie vor die beste Wahl, und wenn auch gerade nur ein kleinerer Swelll durchrollt, ist der Spot trotzdem noch genauso ruppig und kräftezehrend wie früher. Aber was einst eine Männerdomäne war, scheint sich nun in ein Vergnügungs-Aerial für ambitionierte Windsurferinnen verwandelt zu haben. Auf dem Wasser sehe ich einen ganzen Haufen junger Mädchen, die nicht an ihren Halsen, sondern an Spocks, Volcans und Forwards basteln. Die attraktiven Frauen stammen aus Deutschland, Schweden, Finnland und Polen und gehören zu einer Windsurf-Clique, die sich seit einigen Jahren regelmäßig im Sommer in Pozo Izquierdo einnistet. Neugierig darauf, wer hinter diesen loopenden, tricksenden und furchtlosen Frauen steckt, habe ich die Girls mal näher beleuchtet und dabei Freundinnen fürs Leben gefunden.

  • Ania Ostrowska kommt aus Polen, ein Land, das derzeit eher im Racing-Fieber steckt als auf der Waveriding-Welle reitet. Aber nachdem die 21-Jährige vor vier Jahren Skifahren gegen Windsurfen eingetauscht hat, faszinieren sie vor allem hohe Sprünge und lange Wellenritte. 2001 fuhr sie gleich für ein Jahr nach Maui und zog in der Maui Ocean Academy bei Familie Siver ein. Während ihrer Zeit im Wave-Mekka machte sie in atemberaubender Geschwindigkeit Fortschritte: Forward, Volcan und Wellen abreiten: Alles kein Problem mehr. Jetzt ist der Spock fällig. Die blonde Göre hat einen starken Willen und lebt seit fast einem Jahr in Pozo mit ihrem Cockerspaniel Luna, weit weg von den Eltern. Sie vermisst ihre Familie und ihre Heimat sehr, aber für den fast täglichen Kick mit dem 3,3er- oder 4,2er-Segel nimmt Ania das Heimweh tapfer auf sich. Und wirklich einsam ist sie sowieso nie, denn selbst wenn der größte Teil ihrer Ersatz-Schwestern Pozo spätestens im September wieder verlässt, bleiben ihr noch die Finnin Elina Järvelas und die Deutsche Veronika Blecha.

  • Vor ein paar Jahren hat es beide durch den Beruf und die Liebe nach Gran Canaria verschlagen, und heute geben sie Pozo und dem ständigen „Kommen und Gehen“ der Windsurfer eine gewisse Beständigkeit. Veronika kommt aus München und wird mittlerweile selbst von den Spaniern zungenbrecherisch aber liebevoll „Vroni" genannt. Die 28-Jährige weiß immer bestens Bescheid, wo man in Pozos Umgebung eine finanzierbare Unterkunft findet. Und wenn Zimmernot auf der Insel herrscht, beruhigt sie einen meistens mit den Worten: „Im Notfall schläfst du bei mir." Wenn die Mädels einen „Parkplatz" für ihr Surfmaterial benötigen, stellt Elina ihre Garage gerne zur Verfügung.

  • Die Gratis-Unterkunft für ihr Board hat Frida Wiraeus schon oft genutzt. Die Schwedin ist Dauergast am Spot und mindestens so risikofreudig und radikal wie die beiden jüngsten Surf-Girls, wirkt aber mit ihren 28 Jahren weitaus relaxter und erfahrener als die Polin Ania und ihre 21-jährige schwedische Landsfrau Marie. Ihr Vorbild ist Daida Moreno, die dominierende Frau im Worldcup. Was die hohen Sprünge angeht, eifert Frida ihrem großen Idol schon ordentlich nach. Ihre Frontloops schrauben sich von Hack zu Hack höher, und auch bei acht Windstärken verspürt Frida dabei kaum Angst, sondern reine Glücksgefühle und viel Freude an ihrem Sport.

  • Diese Freude ist jedem Pozo-Girl anzusehen. Ein Glitzern und Leuchten sprüht aus allen Augen der Mädchen, wenn sie übers Windsurfen sprechen. Während Frida ihren Job in Schweden für neun Monate auf Eis gelegt hat, um an verschiedenen Spots einmal ausgiebig nur das „Eine“ zu tun, überlegt Marie Edlund- Tjernberg, ihr Studium für ein Jahr zu unterbrechen. Ihr Traum: Mehr Erfahrung im Waveriding zu sammeln, den Volcan konstant zu stehen, und bei den ersten PWA-Contests 2005 im Freestyle ihr Können unter Beweis zu stellen. Für mich steht ihr Erfolg dabei außer Frage.

  • Eine andere Untermieterin in Elinas Garage heißt Maria Svensson. Die 22-Jährige ist eine weitere „Schwedenbombe" im Wasser, die nun schon das dritte Mal in Folge nach Pozo kommt. Dieses Jahr hat die Medizin-Studentin es geschafft, an ihrer Uni ein Projekt anzuleiern, an dem sie von Pozo aus arbeiten kann. Die nötigen Euros verdient sich Maria im beliebten Surfshop „Cutre“, einem der größten Surfer-Treffs des Eilandes. Wenn’s bläst, trifft man sie gegen halb elf Uhr morgens an der Garage, wenn die windsurfende Population noch schläft, Maria aber unbedingt bei „leichterem" Wind, so bei sieben Beaufort, raus will, um das ewige Thema Frontloop nach drei Jahren Training endlich abhaken zu können.

  • Nach Meinung von Jutta Steinebronn, einer Physiotherapeutin, die mit Ende dreißig schon zu den älteren Windsurf-Ladies auf Gran Canaria zählt und als fürsorgliche Ersatzmama der jungen Surf-Küken fungiert, unterscheidet die Morenos von anderen Windsurferinnen vor allem ihr schneller Fortschritt: „Der Unterschied ist, dass die beiden große Sprünge machen, während ich mich immer eher Schritt für Schritt an mein momentanes Level herangerastet habe.“ Wenn große Sprünge ein Garant für eine Windsurfkarriere á la „Moreno“ sind, dann könnten auch Ania und Marie bald ganz weit vorne dabei sein.

  • Weit vorne ist Andrea Hausberg, die Deutsche aus Ostfriesland, bei ihren Worldcup-Einsätzen bisher zwar noch nicht gelandet, aber auch sie steht mit ihren 24 Jahren erst am Anfang. Bislang musste sie versuchen, ihr Studium der Informationswissenschaft und das Windsurfen unter einen Hut zu bringen, aber seit diesem Sommer ist sie für ein Austauschsemester an der Uni in Las Palmas eingeschrieben und kann nun für ein Jahr ihre Leidenschaft und die Ausbildung perfekt kombinieren. Andrea wohnt in Pozo und fährt beinahe jeden Tag 30 Kilometer in die Hauptstadt im Norden der Insel. Dasselbe habe ich im Jahr 2001 während meines Auslandssemesters auch getan und Vroni das Jahr davor. An dieser Stelle ein großes Lob an die EU-Programme, die das möglich machen.

  • Fördermittel für Studiengänge hat die knapp 30-jährige Natascha Petersmann nicht mehr nötig. Eigentlich lebt sie in Kapstadt, aber für das dreimonatige Sommer-Training auf den Kanaren hat die Deutsche ihren festen Job als Webdesignerin eines großen südafrikanischen Internet-Portals an den Nagel gehängt: „Die berufliche Karriere ist mir derzeit nicht wichtig. Ich möchte so viel es geht windsurfen und hoffentlich fit genug sein, um beim Worldcup auf Sylt an den Start zu gehen.“ Ganz egal wie ambitioniert die Zukunftspläne jedes einzelnen Pozo-Girls aussehen, fest steht, dass alle die anhaltende Begeisterung fürs Windsurfen und ihr unbändiger Wille, sich auch bei harten Bedingungen durchzubeißen, miteinander vereint. Von Maui, Westaustralien oder Brasilien, einem Candle-Light- Dinner mit Francisco Goya und Kevin Pritchard haben sicherlich alle mal geträumt, aber gelandet und hängen geblieben sind sie auf Gran Canaria. Schuld daran sind laut Maria „die Herzlichkeit der Leute und die Windbeständigkeit.“ Und die niedrigen Lebenshaltungskosten, füge ich leise hinzu, denn ein dreimonatiges Training auf Maui könnte sich wohl keine leisten.

  • Aber auch Pozo hat sich gemausert. Durch das neu eröffnete Windsurfing Center und das Restaurant „El Viento“ mit Blick über die Bucht hat der schäbig und desolat wirkende Ort an Flair gewonnen. Der Billardsalon des „El Viento“ ist zum allabendlichen Treffpunkt der Clique geworden, um ein kühles „Cerveza“ zu kippen. Also Jungs, auf nach Pozo – was wollt ihr mehr als konstanten Wind und kurze Röcke? Aber wundert euch nicht, wenn eines der Mädels besser rotiert als ihr.     Text: Claudia Vogt, Fotos: Fernando Sánchez, Ugo Richard

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