Rasmus Johnsen

  • Christl Borst-Friebe
 • Publiziert vor 9 Jahren

Der kleine dänische Fischerort Klitmøller avancierte in den 90ern zum Mekka der nordeuropäischen Wavesurfer. Doch mit der Beliebtheit kamen die Probleme und beinahe das Aus für viele Spots der Region. Heute investiert die Politik viel Geld in die Surf-Szene – dank Rasmus Johnsen. Er ist der Architekt von Cold Hawaii.

Rasmus Johnsen ist 39 Jahre alt. Er war in der Jugend ein erfolgreicher Zehnkämpfer, bis ihn eine Verletzung stoppte. Seit 1993 windsurft er und lebt heute in Klitmøller. In seinem Leben neben Cold Hawaii verdient er sein Geld als Chef einer Projekt- und Media-Agentur.

Warum kam es zu Problemen mit den Windsurfern in Thy?

Rasmus: Wir Surfer waren Teil des Problems. Man muss bedenken, bevor wir kamen, waren Klitmøller und die Westküste sehr ruhig und es gab kaum Tourismus. Und dann kamen plötzlich wir: Surfer aus den großen Städten Dänemarks und Norddeutschlands. Plötzlich war alles “kapow”, hang loose. Wir sahen anders aus und benahmen uns anders. Am Strand nahmen wir jede Menge Platz in Anspruch, wir akzeptierten keine Grenzen, missachteten alle Verbotsschilder. Das kannten die Bewohner nicht, auch nicht von Touristen – sie hatten die Grenzen immer respektiert. Das tust du nicht, wenn du 20 Jahre alt bist und durchs Leben galoppierst – wir riggten in ihren Vorgärten auf und parkten vor ihren Einfahrten, wir schliefen in unseren Autos im Wald, gaben kein Geld aus und brachten unser Essen aus den billigen Supermärkten in den Großstädten mit. Surfen ist teuer genug, das ganze Material, das Reisen. Und natürlich machten wir Party – wie man das eben macht, wenn die Wellen gut, die Mädchen hübsch sind und die Sonne scheint.

Kurzum, im Sommer blockierten wir den ganzen Ort.

Und auch auf dem Wasser waren wir anders: Wir machten einen Platz, den die Fischer als gefährlich ansahen und der etliche das Leben gekostet hatte, zu unserem Spielplatz, auf dem wir umso mehr Spaß hatten, wenn die Wellen hoch und der Wind richtig hart wurde. Das alles provozierte die alten Fischer und die Menschen ungemein.

Wie reagierten die Menschen und Behörden?

Sie versuchten das alles zu stoppen – uns das Leben so schwer wie möglich zu machen. Hauptsächlich das Parken und das Handling von unserem Equipment.

Wann entstand der Plan, das Problem von eurer Seite anzugehen?

2005 begann alles mit der “Save Middles”-Kampagne. Damals plante der Hafen in Hanstholm ein riesiges Pier, das einen Kilometer weit in die Nordsee ragen sollte und den Spot Middles für Windsurfer zerstört hätte. Mein Ansatz war a) einen Kompromiss zu finden, der die Situation für alle Seiten besser macht und b) der Gemeinde Thisted das Potenzial des Surfens aufzuzeigen. Es gelang uns, in kurzer Zeit eine Menge Spenden zu sammeln und die Firma NIRAS zu beauftragen, das Projekt des Hafen noch einmal zu hinterfragen und eventuelle Alternativen aufzuzeigen.

Nach vielen harten Kämpfen und als Teil des Prozesses begann ein Dialog mit der Regierung von Hanstholm und dem Bürgermeister Einer Frøkjær. Irgendwann fragte ich ihn, warum nicht ein für alle mal eine Regelung für das Surfen in der Region beschlossen würde. Er fragte zurück: “Sie meinen eine Art Masterplan of Surfing?” Worauf ich spontan mit “Ja” antwortete. Er versprach mir, das Projekt zu unterstützen, wenn ich einen soliden Vorschlag machen könnte. Genau das habe ich dann getan – der Rest ist History.

Doch die History war nicht auf Rosen gebettet. Es war extrem hart, die Gelder zusammen zu bekommen, die nötig waren, um den Plan so perfekt zu machen, wie es von uns verlangt wurde, damit die richtigen Leute verstanden, dass noch viele Investitionen notwendig sind, um “Cold Hawaii” mit Leben zu füllen.

Was war eure Idee hinter “Cold Hawaii”?

In erster Linie ist “Cold Hawaii” ein Stück Küste – von Agger im Süden bis Hamborg im Norden. Insgesamt umfasst es 29 Spots. Woher der Name kam, kann heute keiner mehr genau sagen. Viele Leute reklamieren für sich, dass sie “Cold Hawaii” erfunden haben. Am besten sagt man, der Name kommt von uns – den Surfern. Die Idee dahinter war und ist, das Beste aus dem zu machen, was die Region bietet. Und für eine bestimmte Gruppe von Leuten ist sie einzigartig. Das Beste daran ist, dass die Vorzüge für Surfer natürlich sind, so etwas kann man nicht imitieren, entweder man hat es oder man hat es nicht. So etwas kann man auch im harten Kampf der Tourismus-Regionen nutzen. Außerdem muss die Gemeinde Thisted versuchen, junge Bewohner zu halten, beziehungweise für junge Familien attraktiv zu sein. “Cold Hawaii” kann dazu beitragen. Tatsächlich sind schon relativ viele Surfer mit ihren Familien hierher gezogen.

Was waren damals die ersten Schritte?

Wir setzten an zwei Stellen an. Einmal formulierten wir im Rahmen des Masterplans eine klare Vision und eine Mission. Daran arbeiten wir weiterhin. Auf der anderen Seite mussten wir auch unter den Surfern den Willen zur Debatte wecken und brauchbare Kompromisse finden. Wir sind nicht alleine auf der Welt. Wir müssen auch auf die Bedürfnisse der Leute auf der anderen Seite des Tisches eingehen.

Wie haben die Behörden eure Arbeit aufgenommen?

Sie stehen uns positiv gegenüber. Das heißt nicht, dass sich alles genau nach unseren Vorstellungen entwickelt hat oder aus unserer Sicht schnell genug geht. Das Thema Mole in Middles ist noch nicht vom Tisch, es kann immer noch sein, dass sie gebaut wird und den Spot ruiniert. Oder der Vandet Sø, dessen östlicher Zugang seit 2005 geschlossen ist. Da kommt erst jetzt Bewegung rein.

Gehörte der Worldcup von Anfang an zum Masterplan?

Ja – und es war ein großer Erfolg, ihn zu realisieren. Es war extrem hart, die Sponsoren zu finden. Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich. Wer investiert schon Geld in eine Veranstaltung, bei der erst ab fünf Windstärken was los ist, und man dann nicht versteht, wie sie funktioniert. Wer kann schon nachvollziehen, warum Kauli Seadi in Klitmøller gewonnen hat?

Das Ergebnis wird auf ein Stück Papier geschrieben und später verkündet. Das ist einfach nicht genug und das muss nicht so sein. Wir leben im Jahr 2011. Wir brauchen einfach Visionen und müssen daran arbeiten. In vielen Fällen ist das gar nicht teuer. Das heißt für mich:

1. Was machen wir, wenn es keine sechs Windstärken hat und wie kann man die PWA (die Red.: Professional Windsurfers Association) inklusive der Worldcup-Fahrer darin einbinden?

2. Wie können wir einen Livescore für jeden sichtbar einführen, damit die Leute den Event aktuell verfolgen und verstehen können?

Ihr habt bei eurer Premiere mit der Internet-Liveübertragung und der intensiven Nutzung von Social Media schon gut vorgelegt. Was würdest du als größten Erfolg eurer bisherigen Arbeit werten?

Auf jeden Fall den Worldcup. Insgesamt sind in das Projekt mittlerweile etwa 200 Leute involviert. Wir haben mit dem Event etwas Neues geschaffen und sehr gutes Feedback bekommen – das wollen wir fortsetzen. Außerdem haben wir es geschafft, dass die Gemeinde Thisted und eine Foundation namens Realdania 20 Millionen Kronen in Einrichtungen in Klitmøller, Voropør und Krig Vig investiert haben. Das alles ist Teil des Masterplans.

Du bist für deine Arbeit 2010 zum “Bürger des Jahres” in Thy gewählt worden. Was bedeutet diese Auszeichnung für dich?

Es ist natürlich eine Ehre für mich, aber für mich zählt, wie bei all meiner Arbeit, dass der Prozess vorangeht. Ich hasse leeres Gequatsche, ohne dass man daran arbeitet – aber wir arbeiten hart an unserer Vision.

Was würdest du anderen Surfern raten, die Probleme an ihren Spots haben?

Bringt eure Sachen zusammen!

 

Faszination Windsurfen hautnah.

 

Nicht immer ist das Miteinander einfach.

Themen: Rasmus JohnsenWindsurfer


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