Schule und Surfen – geht das?

  • Andreas Erbe
 • Publiziert vor 10 Jahren

Keinen Führerschein, die ganze Schule und am Wochenende kein Wind - oder noch schlimmer – Wind und niemand da, der einen ans Wasser fahren kann. Das kennt fast jeder surfende Schüler. Auch Sven Brüggemann – er hat zwar mittlerweile sein Abi und auch seinen Führerschein – aber er kann sich noch gut an die frustrierende Zeit davor erinnern. Er hat uns mal seine Strategie geschrieben – vieleicht ein Ansporn für euch.

Am Abend vorher hole ich jeden Wetterbericht ein und alle Vorhersagen sind sich einig: Morgen soll es an unserem heimischen See windig werden. Windig bei uns am Baldeneysee heißt ungefähr eine Stunde Stehsegeln und 15 Minuten Gleiten.

Diese Bedingungen sind nicht befriedigend, aber ausreichend, um Spaß zu haben und etwas Neues zu lernen. Vor meinem geistigen Auge stehe ich schon auf meinem Brett und übe neue Manöver. Doch bevor es soweit kommt, muss ich erst eine Möglichkeit finden, mit meinem Windsurfmaterial ohne Besitz eines Autoführerscheins zu unserem Homespot zu gelangen. Sämtliche Freunde und Verwandte, die mir dabei behilflich sein könnten, werden dafür umgehend kontaktiert. Mein älterer Bruder Björn, der eine Fahrerlizenz besitzt, lässt sich schnell von meiner Begeisterung mitreißen und willigt ein. Einige Freunde haben die Wetterinformationen ebenfalls analysiert und wir verabreden uns für morgen am See. Ich sitze im Englischkurs der 10. Klasse und schaue auf die sich im Wind bewegenden Äste nach draußen. Der Lehrer erklärt gerade irgendetwas, aber meine Gedanken sind jetzt schon nicht mehr in der Schule. Nachdem es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich zum Unterrichtsende klingelt, laufe ich aus dem Gebäude und steige zu Björn ins Auto. Sein Fahrstil passt sich den Windverhältnissen an und wir sind nach einigen Minuten am Ziel. In Hektik verfallen riggen wir unsere Segel auf, um nicht als  letztes ins kalte Nass zu springen. Auch die anderen Surfer sind bereits angekommen und verhalten sich ähnlich euphorisch. Auf dem Wasser motivieren uns gegenseitig zu neuen Herausforderungen und genießen die gemeinsame Zeit. Am Abend kann ich den Tag zufrieden Revue passieren lassen, da ich nach meinem Schulunterricht mehrere Stunden auf dem Wasser verbringen konnte, was aufgrund der schlechten Windverhältnisse im Ruhrgebiet leider nicht oft vorkommt. An den Wochenenden versuche ich so oft es geht an die holländischen Windsurfspots zu gelangen: Renesse, Wijk aan Zee oder auch Hindeloopen. Besonders interessant sind dort Events wie „The Mission“ oder das „surfestival“, wo zahlreiche Surfstars vertreten sind und ihr Können auf dem Wasser zeigen. Findet keine Veranstaltung statt, ist das Freestyleniveau am Brouwersdam dennoch extrem hoch.

Ohne Führerschein bin ich aber erneut auf andere angewiesen und frage jeden, der auch nur im Entferntesten interessiert sein könnten, mit mir nach Holland zu fahren. Zu meiner Freude finde ich meistens ein Familienmitglied oder einen Freund, der ebenfalls in unser Nachbarland fahren möchte und mich mitnimmt. Vereinzelt verlasse ich die Schule am Freitag ein paar Stunden eher, um noch Freitag abends bis in die Dämmerung surfen zu gehen. Montags zurück in der Schule fragt mich dann mein Lehrer, ob er in das Klassenbuch anstatt NA (nicht anwesend) NL für Niederlande schreiben soll. Auch in den Ferien habe ich nur ein Ziel: Windsurfen. Oft fahre ich mit meinen Eltern nach Holland oder besuche Freunde auf Norderney, die dort ihren Zivildienst ableisten. Die ostfriesiche Insel begeistert mit Flachwasser sowie Welle alle Könnensstufen. Bietet sich die Möglichkeit an, verreise ich mit Gleichgesinnten auch in andere europäische Länder. Durch preiswerte Unterkünfte oder Übernachtungen im Auto halten wir die Kosten niedrig. Trotz meiner intensiven Bemühungen ist es schwer, ausreichend Zeit und Geld zum Windsurfen aufzubringen. Deswegen suche ich andere Wege, mich mit meinem Hobby auch abseits des Wassers zu beschäftigen. Täglich durchsuche ich das Internet nach Veröffentlichungen zum Thema Windsurfen. Durch Fotografien und Videos präge ich mir den genauen Bewegungsablauf neuer Manöver ein, was bei der Einübung neuer Tricks deutliche Fortschritte bringen kann. Auch eigene Sequenzen analysiere ich und überprüfe sie nach Fahrfehlern. Gelungenes Bild- und Videomaterial bereite ich anschließend auf und stelle es online. Dazu informiere ich mich in vielen Windsurfmagazinen und greife Ideen daraus auf. Beispielsweise führe ich Trockenübungen mit dem Segel durch, um den Move im Wasser schneller zu erlernen. Ist der Wind zum Surfen zu schwach, gehe ich auf einem Parkplatz Windskaten.

Während meines Abiturs ermuntert mich dann ein Freund, an dem VDWS Windsurfinstructorlehrgang teilzunehmen,  damit neben Zeit auch etwas Geld zum Windsurfen vorhanden habe. Nach der einwöchigen Ausbildung auf Norderney kann ich mein Hobby jetzt auch beruflich ausüben. Neben meiner Schulausbildung arbeite ich an windarmen Wochenenden am heimatnahen Baldeneysee bei der Surfschule „surf 'n smile“ und in den Sommerferien verdiene ich mein Geld auf Föhr. Da die Anfänger bei starkem Wind schnell überfordert sind und die Fortgeschrittenenschulung nur wenig in Anspruch genommen wird, bleibt mir selber immer noch genug Zeit privat zu surfen.

Nach der abgeschlossenen Schulausbildung habe ich nun endlich die Möglichkeit, länger als nur sechs Wochen zu verreisen und neue Erfahrungen zu sammeln. Erneut finde ich einen Job als Windsurflehrer in Theologos bei dem Planet-Surfpool auf Rhodos. Vier Monate kann ich Geld verdienen und dennoch meine eigenen Surffähigkeiten verbessern.

Wieder zuhause angekommen bereite ich mich auf die nächste und wahrscheinlich beste bisher besuchte Destination vor: Kapstadt in Südafrika. Mit näher rückendem Abflug wird meine Vorfreude immer größer. Große Wellen und viel Wind werden mich erwarten. Vom Kap der guten Hoffnung träumte ich bereits in der elften Klasse, als ein geplanter Schüleraustausch kurzfristig doch nicht zustande kam. Im Landeanflug auf Kapstadt weiß ich: Ich habe mein Ziel erreicht. Die nächsten vier Monate genieße ich Wind und Wellen bei angenehmen Temperaturen!

Themen: surfen


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