Sebastian Kornum

21.07.2016 Manuel Vogel - Stille Wasser sind tief! Sebastian Kornum ist mehr als ein fulminanter Slalom- und Formula-Pilot. Oder wusstest du, dass in vielen Seriensegeln von NeilPryde eine große Portion „Kornum” steckt? Im surf-Interview spricht er über kuschende Pros, die unterschätzte Disziplin Formula und warum Windsurfen trotz 6000 Kilometer Küste in Dänemark nur eine Randerscheinung ist.

© Moritz Beck

Unterhalb des Radars war Sebastian Kornum auch bei uns ziemlich lange. Gemessen an seinen Ergebnissen auf der Regattabahn zu lange. Und angesichts der Tatsache, dass hinter dem smarten Dänen mehr als ein Slalom- und Formula-Ass steckt und er es mit Hartnäckigkeit und dem Hunger zu lernen ins Segel-Entwicklungsteam von Pryde geschafft hat, könnte man auch sagen, dass es überfällig ist, euch den Kerl mal vorzustellen. Wir haben die windlose Zeit während des Worldcup Sylt für ein Interview genutzt:

Sebastian, seit Tagen warten hier alle auf Wind und so langsam macht sich der Lagerkoller breit. Wann rastest du aus?
Noch geht’s. Ich tröste mich mit dem Gedanken an die nächsten Wochen. Bald geht’s nach Maui. 

© NeilPryde
Ich glaube einige Profis haben nicht den Mumm, die Produkte ihres Sponsors zu kritisieren.
Ich glaube einige Profis haben nicht den Mumm, die Produkte ihres Sponsors zu kritisieren.

Seit Jahren tauchst du regelmäßig in den Produktkatalogen von NeilPryde auf und machst die Fotoshootings auf Maui mit – ohne zu den Top-Fahrern des Teams im Worldcup zu gehören. Wie kommt’s?
Seit ich mit der Schule fertig bin, arbeite ich intensiv an der Segelentwicklung bei Pryde mit, die meisten Leute wissen das nicht. Lange war ich gewissermaßen das Helferlein für unseren Haupt-Entwickler Pieter Bijl. Seit er weg ist, liegt ein Großteil der Verantwortung bei mir.

NeilPryde hat ein großes Team, voller erfahrener Leute und Racer. Mit Verlaub – warum hat man dich gefragt?
Ich hab schon immer ungefragt meinen Senf dazugegeben (lacht) und meine Meinung offen gesagt. Irgendwann haben sie mir angeboten, den Caddy für die großen Jungs zu spielen. Ich durfte der Support für Pieter Bijl und die Top-Racer sein und quasi den Praktikanten geben. Ich hab alles aufgesaugt: Wie man Masten misst, Biegekurven verändert und Profile anpasst. Und ich denke ich bin jemand, der ein gutes Gespür für kleine Details am Material hat und sich auch mal traut, Probleme und negative Dinge klar anzusprechen. Das wird scheinbar geschätzt.

Kuschen viele Pros zu oft, aus Angst ihren Arbeitgeber zu vergraulen?
Ja, ich glaube schon. Es gibt Fahrer, die prinzipiell alles toll finden was der Sponsor ihnen gibt. Manchmal ist es schwer, Dinge, an denen andere lange gearbeitet haben, zu kritisieren. Aber anders geht es nun mal nicht. Das Gute ist, dass unser Designer Robert Stroj da sehr offen ist. Auch wenn er von einer meiner Ideen mal nicht überzeugt ist, werden trotzdem Dinge ausprobiert und immer wieder ergeben sich daraus neue Wege.

© John Carter/PWA
Seit ich mit der Schule fertig bin, arbeite ich intensiv an der Segelentwicklung bei Pryde mit.
Seit ich mit der Schule fertig bin, arbeite ich intensiv an der Segelentwicklung bei Pryde mit.

Wieviel "Kornum" steckt tatsächlich in NeilPryde-Segeln?
Schwer zu sagen. Fakt ist, dass es viele Dinge gibt, die meinen Ideen entspringen. Oft sind es kleine Details, manchmal auch größere Veränderungen. Beim Testen des neuen Hellcats war ich der Meinung, dass das Segel im Grenzbereich etwas toplastig wirkte und nicht ganz die erwartete Kontrolle bot. Daraufhin experimentierten wir mit einem schmalerem Design im mittleren Bereich des Achterlieks. Ich war zuversichtlich, dass es dadurch weniger  nstabil wirken könnte, aber es gab auch Vorbehalte im Team und die Optik war gewöhnungsbedürftig. Letztlich war der Effekt größer als wir es erwartet hätten. Solche Erfahrungen sind immer wieder wichtig, um sich daran zu erinnern, dass  man nie vom Aussehen eines Produktes auf die Fahreigenschaften schließen sollte. Man muss bereit sein, Neues auszuprobieren. Oft wird man überrascht.

Inwiefern hilft dir deine Entwicklungsarbeit bei deinen Regatten-Einsätzen?
Das Wissen übers Material hilft enorm. Was aber das Wichtigste ist, ist dass ich durch das ganze Testen beim freien Surfen automatisch über mein "Fahrgefühl" nachdenke. Ich kann schon nicht mehr anders. Indem man sich beim Surfen bewusst macht, was da eigentlich gerade mit dem Segel passiert, wie es sich in bestimmten Situationen verhält, entwickelt man ein sehr gutes Gefühl. Und Windsurfen besteht nun mal hauptsächlich aus "Gefühl". Wenn ich jetzt auf Regatten gehe, fühle ich mich immer top vorbereitet.

Die Entwicklung von Racesegeln ist aufwändig. Warum verschleudert man so viel Energie für eine Randdiszi­plin statt den Großteil der Energie auf massentaugliche Segel zu verwenden?
Was viele Leute nicht verstehen ist, dass Segelentwicklung immer als Ganzes funktioniert. Wenn wir Racesegel entwickeln, läuft das nicht isoliert, sondern wir lernen Dinge, die dann 1:1 oder in ähnlicher Form wieder in Freeride- oder sogar Wavesegeln zum Tragen kommen. Umgekehrt können auch Erfahrungen von Freeride- oder Wavesegeln in die Racesegel-Entwicklung mit einfließen. Es ist ein einziger großer Lernprozess.

© Privatfoto
Vater Torben war ebenfalls sehr erfolgreich auf der Regattabahn unterwegs. Auch heute gehen beide gerne gemeinsam aufs Wasser.
Vater Torben war ebenfalls sehr erfolgreich auf der Regattabahn unterwegs. Auch heute gehen beide gerne gemeinsam aufs Wasser.

Wie motiviert ist man als Top-Racer, noch Freeridematerial zu testen? Wer Porsche gewohnt ist, steigt ungern in einen Golf, oder?
Ehrlich gesagt macht mir das am meisten Spaß. Einfach Herumheizen, Halsen ins Wasser zirkeln. Windsurfen kann wunderbar unkompliziert sein. Ich denke dann immer an die Jungs aus meinem Surfclub in Skive – alles Hobbysurfer mit durchschnittlichem Fahrkönnen, die nicht zu viel über Material nachdenken, sondern einfach nur Spaß haben.

© Privatfoto
Wie der Vater, so der Sohn.
Wie der Vater, so der Sohn.

Ist dein Vater Torben dort auch noch am Start? Er hat ja ebenfalls eine erfolgreiche Regattakarriere hinter sich und den Windsurfvirus an dich weitergegeben.
Eigentlich wollte ich Motocross-Profi werden. Aber als ich auf dem Windsurfer gleiten konnte, hatte er mich am Wickel. Ich lebe ja im dänischen Skive und im Umkreis gibt es so viele Plätze zum Trainieren. Perfektes Flachwasser, ruppiger Chop und Wellen an der Westküste – es gibt 1000 Optionen.

Gute Spots sind das eine, starke Trainingspartner das andere. Wer macht dir zuhause Beine?
Vincent Langer kommt öfter mal zu mir.

Du trainierst freiwillig mit deinem größten Konkurrenten?
Ja, wir haben ein super Verhältnis, reisen gemeinsam und sind dicke befreundet. Das Schöne ist, dass sich trotz der vielen Duelle – wie im Sommer, als wir um den IFCA Slalom WM-Titel gekämpft haben – nichts an unserem Verhältnis ändert. Wenn ich nicht selbst gewinnen kann, ist es mir lieber Vincent gewinnt als irgendein anderer (lacht).

© Moritz Beck
Formula-Surfen ist zu Unrecht total unterbewertet. Der Spaßfaktor ist unvergleichlich.
Formula-Surfen ist zu Unrecht total unterbewertet. Der Spaßfaktor ist unvergleichlich.

Siehst du dich als Vollprofi?
Im Sommer trainiere ich und fahre Regatten, im Winter entwickle und teste ich Segel auf Maui. Ja, ich denke, ich kann mich als professionellen Windsurfer bezeichnen. Aber natürlich kämpfe ich mit den gleichen Problemen wie andere Pros auch. Man wird nicht reich, speziell in Dänemark.

Dänemark hat 6000 Kilometer Küste und noch mehr potenzielle Spots. Warum ist Windsurfen in deiner Heimat derart unbedeutend?
Es stimmt, wenn du in Dänemark als Windsurf-Pro bei Sponsoren anklopfst, schauen die dich fragend an und du musst erstmal erklären, was du da eigentlich tust. Paradoxerweise sind Dänen verrückt nach Wintersport. Das was man nicht hat, ist immer interessanter (lacht). Und wenn ich in Klitti am Strand bin, stehen da die Bullis von den Süddeutschen, die gerade 1500 Kilometer abgerissen haben, um hier zu surfen (lacht). Wir haben noch die Älteren aus den Windsurf-Boomjahren und arbeiten an einer neuen Generation. Die "Mittelschicht" fehlt leider.

© Privatfoto
Sebastians Weg war vorgezeichnet.
Sebastians Weg war vorgezeichnet.

Was macht ihr aktuell, um die Jugendlichen fürs Windsurfen zu begeistern?
Wir machen schon seit Jahren in den Sommerferien große Camps in Klitmøller, wie das West Wind Young Gun Classic. Da sind immer 50 Kids am Start. Die kommen mit ihren Eltern und sind den ganzen Tag auf dem Wasser, egal ob mit dem Windsurfer, SUP-Board oder Wellenreiter. Und ich denke auch, dass der Cold Hawaii Worldcup eine Menge verändert und unseren Sport Stück für Stück etabliert. Vielleicht sollten wir mal versuchen, einen Tourstopp des deutschen GWA-Windsurf-Cups an einen unserer Spots zu holen.

Hast du einen Plan B in der Tasche?
Ich liebe das Leben wie ich es führe, aber mir fehlt manchmal auch die geistige Herausforderung. Es sind immer die gleichen Leute, die du triffst. Ich plane nächstes Jahr ein Physiotheraphie-Studium zu beginnen – wenn nicht noch was Unvorhergesehens dazwischen kommt. Gerade erst habe ich ein Angebot bekommen, auf einem Boot des Youth America’s Cup mitzusegeln. Die brauchen Leute, die ordentlich kurbeln können und darüberhinaus taktisches Verständnis haben. Und das bringe ich ja vom Formula-Racing mit.

Ist das Formula-Racing dem Segeln näher als dem Windsurfen?
Erstmal finde ich Formula Windsurfing extrem unterbewertet. Der Spaß, den man dabei auf dem Wasser hat, ist unvergleichlich. Man kann Nachteile beim Speed oder dem Material mit guter Taktik wettmachen. Und es ist echter Sport! Klar, das Zeug ist recht sperrig, aber rational betrachtet macht es für Regattaeinsteiger mehr Sinn, mit Formula zu starten als mit Slalom. Bei den GWA-Cups in Deutschland reicht ein Segel von 10,5 bis 11 qm und ein einziges Brett, um 90 Prozent der Rennen abzudecken. Geht der Wind über 15 Knoten, wird ohnehin immer auf Slalom gewechselt.

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