Surflehrer: ein Traumjob?

  • Tim Verhoeven
 • Publiziert vor 11 Jahren

Sie sind die Sonnyboys in fast jeder Touristenhochburg. Braungebrannt, oft blond, in der Regel Single. Wo die Touristen Urlaub machen, dort arbeiten sie. Doch es ist nicht alles Gold was glänzt. Tim Verhoeven berichtet, wie es wirklich läuft. Traum oder Albtraum? Hier erfahrt ihr die nackte Wahrheit.

Nettes Strandleben oder ein harter Job? Surflehrer von heute sind mit dem Sunnyboy von früher nicht mehr zu vergleichen.

Es ist Mitte März. Zusammen mit meinem Kumpel Martin sitze ich am Strand in Tarifa und plaudere über die kommenden Sommersemesterferien. Ziele, die wir bereisen wollen, gibt es reichlich. Zeit haben wir auch. Ganze drei Monate lässt einem die Uni Freigang im Sommer. Doch wie man von mir bereits weiß, sitzt das Geld eben nicht so locker. Da bin ich aber nicht der Einzige, dem es so geht. Wer studiert und Windsurfer ist, der hat auch meistens ein Geldproblem.

"Ehrliche und aufrechte Arbeit sollte mich zum Geld führen."

„Ehrliche und aufrechte Arbeit sollte mich zum Geld führen.“ Die meisten Ziele, die ich in meinem Leben als Surfer bereits bereist habe, sind an gut organisierte Windsurf- und Kitestationen gebunden. Freunde von mir berichteten mir schon häufig von ihren Sommerjobs als Surflehrer. Dies meistens jedoch an der Nord- oder Ostsee. Ganz ohne Sonne wollte ich mir meine Semesterferien dann aber nicht vorstellen. Ein wenig braun werden wollte ich schon. Man muss ja auch was mitbringen aus dem Urlaub. Der Entschluss war gemacht. Ich entschied mich gegen den Norden und die zahlreichen Spots südlich von Münster, der Stadt meiner Wahl. Im Kopf malte ich mir schon aus: Ich werde im Sommer an meinem Traumstrand als Surflehrer jobben, heiße Mädels kennen lernen, einen großen Schritt beim Fahrkönnen machen und völlig entspannt ins nächste Semester starten. Doch ganz so einfach war es dann doch nicht.

Als Surflehrer sollte man klare Ansagen machen. Das muss man als junger Mensch erst einmal lernen.

Wer, wie ich, den Entschluss fasst, als Surflehrer zu jobben, sei es in Schulferien, Semesterferien oder sonstiger Freizeit, der kommt an einer Surflehrerausbildung beim VDWS oder VÖWS nicht drum herum. Die kostet dann schon mal ein paar Euros, bevor man überhaupt einen Cent verdient. Die Kosten von etwa 500 Euro kann man aber später ohne Probleme wieder erarbeiten. Eine besondere Förderung erhalten Arbeitslose, die die VDWS-Surflehrerausbildung auf Antrag vom Staat bezahlt bekommen. Für Studenten gibt es immerhin noch 50 Prozent Rabatt, so dass auch die armen Studis ein paar Euros sparen können. Also keine Angst vor den Kosten. Der VDWS bietet jährlich einige Termine an, an welchen man die Prüfung zum Windsurfinstructor in einem 7-Tage-Kurs ablegen kann. Wer bereits im Besitz der Lizenz ist, der hat die erste Hürde schon mal genommen. Wer sich die 500 Euro sparen will, keine Angst, Surfcenter bieten auch andere Jobs an. SPOTWAHL Nun nimmt man sich am besten einen Reisekatalog und blättert erst mal zu den schönsten Zielen. Je nach Jahreszeit gibt es Spots mit mehr oder weniger Windwahrscheinlichkeit. Es ist nicht hilfreich, sich in einen einzigen Spot zu verbeißen. Sucht euch zwei, drei Spots, die ihr in die engere Wahl zieht und bewerbt euch bei der Stationsleitung. BEWERBUNG Die Bewerbung ist, wie bei einem normalen Job, das Wichtigste. Hier müsst ihr die Stationsleitung davon überzeugen, dass genau ihr der Richtige für diesen Job seid. Zur Auswahl an Jobs steht, je nach Größe des Centers, eine Menge zur Verfügung. Der klassische Beruf ist Surflehrer, doch moderne Surfcenter benötigen eine Vielzahl an anderen Arbeitskräften. Habt ihr euch für etwas entschieden, dann heißt es im Internet E-Mail-Adresse der Station rausfinden und bewerben. Ein kurzer Lebenslauf gehört ebenfalls zu eurer Bewerbung. Ich wurde damals zum Vorstellungsgespräch in die Big Bay in Kapstadt eingeladen. Dort bekam ich dann, nach einer gemeinsamen Session mit meinem zukünftigen Chef, den Job. Wer nicht, wie ich, direkt vor Ort ein Schaulaufen vor dem Boss hinlegen kann, der sollte in seiner Bewerbung kurz etwas über seine surferische Leistung schreiben. Aber seid ehrlich, Lügen gehören nicht in eine Bewerbung und haben, vor allem was das Surfkönnen angeht, kurze Beine. WAS ERWARTET EINEN? Die Anreise steht kurz bevor und man macht sich erste Gedanken über das, was man mitnehmen soll. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass, wenn man gutes Windsurfmaterial hat, es nicht zuhause trocknen lassen sollte. Wer also wie ich gerne auf eigenem Material fährt, der nimmt dieses auch mit. Man kann aber in der Regel das Material der Station nutzen. Es empfiehlt sich, solche Angelegenheiten jedoch vor Anreise mit der Station zu klären. Unentbehrlich sind aber jedenfalls Trapez, Trapeztampen und ein Neoprenanzug, der zur Wassertemperatur passt. Das kann man meistens nicht vom Center benutzen. Persönliche Dinge wie Notebook, CDs, DVDs, Fotos der Freundin und so weiter kann man mitnehmen – muss man aber nicht. UNTERKUNFT Je nach Center variiert die Unterbringung der Angestellten. Einige Surfcenter mieten für die Angestellten Zimmer und lassen diese dort kostenlos wohnen, andere Stationen überlassen einem die Zimmerwahl und die dazugehörigen Kosten. Nehmt nicht direkt das Angebot mit dem meisten Verdienst. Wenn die Unterkunft im Preis nicht drin ist, dann ist schnell nicht mehr viel Geld übrig. Lest euch euren Vertrag gut und gründlich durch. Wenn ihr Fragen habt, stellt sie. In eurem Vertrag findet ihr auch die wichtigsten Punkte – Arbeitszeiten und Surfzeiten!!! VOR ORT Es ist nicht alles Gold was glänzt. Das musste ich schnell feststellen. Wer bei einem Job in einem Surfcenter an easy going gedacht hat, der liegt falsch. Arbeitszeiten sind in der Regel sechs Tage die Woche – von 9 bis 19 Uhr. Das ganze dann bei 35 Grad ohne Schatten. In der Mittagspause und der einen Stunde Surfpause hat man sich dann zudem auf dem Wasser auch noch ausgetobt. War nach der Arbeit noch guter Wind, dann war man auch wieder auf dem Wasser. Bereits nach der ersten Woche fühlte ich mich, als hätte ich vier Wochen auf dem Bau gearbeitet. Mir tat alles weh. Man buckelte sechs Tage lang, um dann einen Tag auszuspannen. Die Hitze war anfangs unerträglich. Ich arbeitete mehrere Stunden nur in der Sonne, was meinen Kreislauf konstant kurz vor dem Zusammenbruch hielt. Wenn ich Zeit zum Surfen hatte, hatte ich oft keine Lust. Wollte mich nur im Schatten erholen. So hatte ich mir meinen Traumjob nicht vorgestellt. Doch nach und nach gewöhnte sich der Körper an alles. Braun gebrannt, mit blonden Haaren und verbrannter Nase, startete ich in die nächsten Wochen. Was anfangs für mich harte Arbeit war, wurde schnell zu Routine und ich konnte mich mehr und mehr auf das Wesentliche konzentrieren. LEHR - LERNSITUATION Wer Surfunterricht erteilt, der bringt seinen Schülern bei, wie man surft. Erstaunlich ist, dass man selber noch eine Menge lernen kann. Dies gilt nicht nur für den Umgang mit Anfängermaterial, sondern auch im Umgang mit anderen Menschen. Mir hat es eine Menge Spaß gemacht, mit einem Einsteigerbrett neben meinen Schülern hin- und herzufahren. Man fährt nicht schnell, kann so aber mal in Ruhe die Welt um einen herum betrachten. Es ist ein ganz anderes Surfgefühl, als auf den Wave- oder Freestyleboards, auf denen ich sonst stehe. Dieses Gefühl hatte ich schon lange vergessen und bin froh, es wieder kennen gelernt zu haben. Was mir für meine weitere Entwicklung aber noch viel mehr geholfen hat, ist der Umgang mit den Schülern. Anfangs war ich ziemlich ungeduldig und aufgeregt, wenn es bei meinen Schülern mal nicht so geklappt hat. Ich wusste nicht, wie man Kommandos klar rübergeben kann, kannte nicht die Situation wie es ist, wenn einem über einen längeren Zeitraum eine ganze Gruppe aufs Wort gehorcht. Später war es einfach nur noch ein Riesenspaß zu sehen, wie die Schüler Fortschritte machen. Man lernt mit einer Portion Ruhe an die ganze Sache ranzugehen und kann dadurch den Erfolg der Schüler genießen. Besonders mir als Lehramtstudent hat es sehr geholfen, erste Eindrücke in der Lehrer-Schülerrolle zu bekommen. SURFEN In einem Surfcenter arbeiten in der Regel Leute, die wegen des Surfens hier sind. Der Verdienst ist eher schlecht, deswegen macht es auch keinen Sinn aus einem anderen Grund in einer Surfstation zu arbeiten. Die Kollegen sind in der Regel nett und genau wie man selbst Windsurf-begeistert. Wir hatten zu unterschiedlichen Zeiten frei zum Surfen. Was einerseits schlecht ist, da man mit den Freunden, die man dort gewinnt, nicht zusammen surfen kann, andererseits einen aber noch mal mehr motiviert, selber gleich surfen zu gehen. Wenn man seinen Kumpel an neuen Moves feilen sieht, muss man danach raus und es selber probieren. Am schönsten waren die Tage, an denen wir mit dem kompletten Team nach der Arbeit noch surfen waren. Um 19 Uhr, wenn die Station geschlossen war, war niemand mehr auf dem Wasser. Dann hatten wir Angestellten den Spot für uns. Bis zum Sonnenuntergang konnten wir uns austoben. Oft war unser Boss auch mit auf dem Wasser, mit dem man in einem Surfcenter natürlich per „du“ ist. Nach der gemeinsamen Session wurden die Highlights mit einem Bier vor unserem Appartement bepros tet. FREUNDE Man lernt viele nette Leute kennen, mit denen man unzählig viele schöne Momente verbringt. Bei uns im Center, dem Pro Center Christof Kirschner in Prasonisi auf Rhodos, waren wir ein bunt gemixter Haufen. Männer und Frauen, Kiter und Windsurfer, vom Anfänger bis zum Profi und das Ganze aus neun verschiedenen Ländern. Kommuniziert haben wir in Englisch. Und ich weiß, wenn immer ich jetzt mal ins Ausland muss, ich habe garantiert einen Freund vor Ort. ABREISE IN DIE KALTE HEIMAT Als ich im Flugzeug auf dem Weg in die Heimat saß, ließ ich noch einmal meine letzten beiden Monate Revue passieren. Ich hatte Abschied genommen und es fi el mir nicht leicht, da ich eine super Zeit zurücklassen musste. Ich hatte zwei Monate zusammen mit wundervollen Menschen verbracht, sehr viel Spaß beim Arbeiten und beim Surfen gehabt, neue Manöver gelernt und neue Freunde gefunden. Zwei Dinge weiß ich jetzt genau. Man darf nicht direkt aufgeben, wenn etwas einem zu schwer erscheint und im nächsten Jahr bin ich wieder dabei. Den gesamten Artikel mit allen Infos über die Ausbildung beim VDWS findet Ihr unten als PDF-Download.

Eigene Moves übt man abends nach Arbeitsende.

 

Man lernt viele nette Leute kennen, mit denen man unzählig viele schöne Momente verbringt.

Tim’s Arbeitsplatz: Das Pro Center Prasonisi von Christof Kirschner. Hier wird intensiv geschult – auch beim Young Gun Camp im August.

Dicke Backen: Tim zurück im grauen Alltag in Holland. Aber auch dort profitiert er von seiner Zeit als Surflehrer auf Rhodos.

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