Tommy Friedl

  • Andreas Erbe
 • Publiziert vor 7 Jahren

Er gehört zu den Urgesteinen der Surfreise-Branche. Seit 25 Jahren betreibt der Münchner Tommy Frieda im ägyptischen Hurghada eine Surfstation. Eine bewegte Zeit mit vielen Höhen und Tiefen.

Stehaufmännchen in Ägypten: Tommy Friedl lebt und arbeitet seit 25 Jahren in Hurghada

Die 80er des letzten Jahrhunderts. Das Jahrzehnt der schlechten Frisuren, Schulterpolster und die Boomzeit des Windsurfens. Der Absatz von Boards und Segeln erreicht Rekordzahlen, das Material wird showträchtig auf dem Golf spazieren gefahren. Auch in der Surfreisebranche herrscht Goldgräber-Stimmung. Revier-Scouts jetten rund um den Globus und suchen geeignete Spots für Surfstationen, die Windsurfer im Urlaub immer mit neuestem Material versorgen. Auch ein kleiner Ort an der ägyptischen Küste des Roten Meeres rückt bei den Spionen immer mehr in den Fokus: Hurghada. Der Tauchtourismus hatte bereits die unzähligen Riffe im klaren, türkisfarbenen Meer entdeckt und dabei festgestellt, dass fast ganzjährig ein beständiger Wind aus dem Norden bläst.  

Kaum verändert in 25 Jahren. Tommy Friedl hat auch nach einem viertel Jahrhundert nichts von seinem Enthusiasmus verloren.

Etwa zur gleichen Zeit wächst bei Tommy Friedl in Gauting bei München die Windsurf-Leidenschaft. Jede freie Minute des Sommers verbringt er an der Surfschule von Gitti und Klaus Greif in Tutzing am Starnberger See und macht schon bald seine Surflehrer-Ausbildung. Doch der Winter in Oberbayern wird für den Surfsüchtigen zur Qual. Um wenigstens ein wenig Windsurfluft zu schnuppern, steuert Tommy einen Surfshop in München an, wo es zu einer schicksalhaften, sein gesamtes weiteres Leben bestimmenden Begegnung kommt.

Was war passiert? Kurz bevor ich in den Laden kam, hatte offensichtlich gerade ein Tauchreise-Veranstalter dort angerufen und gesagt, dass er eine Surfstation an einer seiner Tauchbasen in Ägypten aufmachen wolle und einen Surflehrer suchen würde. Da habe ich natürlich gleich angerufen – und keine drei Monate später saß ich im Flieger nach Ägypten. Das war 1987.

Das Rote Meer verbindet fast alles, was ein idealer Windsurf-Urlaubsspot braucht: Warmes Wasser, guten Wind und komfortable Bedingungen. Dieses Potenzial hat Tommy Friedl früh erkannt – und genutzt.

Wie muss man sich das vorstellen? Der Tourismus am Roten Meer steckte noch in den Kinderschuhen. Das ist wahr. Ich musste mit meinen vier Surfbrettern erstmal nach Kairo und dann mit einer kleinen Maschine weiter nach Hurghada. Ich konnte den Namen des Orts noch nicht mal richtig aussprechen und er war auch auf kaum einer Landkarte zu finden. Es gab gerade mal drei Hotels dort zu der Zeit. Und wirklich viele Touristen waren auch nicht da. Wenn dann doch mal ein Surfinteressierter vorbei kam, hab’ ich halt Surfunterricht gegeben, ansonsten war ich mehr der Barbecue-Manager. Am Ende der ersten Saison bin ich dann erstmal wieder zurück nach Deutschland. In der Tasche eine Abrechnung von 1500 Mark Umsatz für die Saison.

Hurghada in Ägypten, von den Tauchern entdeckt, von den Windsurfern übernommen.

Das war jetzt nicht so vielversprechend. Aber mir war klar, dass man da unten was machen musste. Die Bedingungen dort waren einfach zu gut. Es war warm, die ganze Zeit schien die Sonne und es hatte ständig Wind. Ich bin dann zu Georg Krose, dem Chef von Subaqua und habe den so lange bequatscht, bis er mit mir zusammen nach Hurghada geflogen ist. Da spielten dann wieder einige Zufälle eine Rolle: Das Hotel, das wir eigentlich anschauen wollten, war noch nicht fertig und dann haben wir den Besitzer des Jasmin-Village getroffen. Da passte sofort die Chemie. Die Surfstation war natürlich noch nicht fertig, aber immerhin gab es schon ein Gebäude am Strand.

Wart ihr dann die erste Station in Hurghada? Happy Surf hatte bereits ein Center im Giftun. Das lief auch schon richtig gut. Ich hatte da einiges aufzuholen.

The Early Days – tolle Stimmung, aber auch nicht immer einfach: Manchmal schmorten die neuen Boards für die Station drei Monate im Zoll. Umso größer die Freude, wenn sie dann da waren.

MIt wie vielen Boards habt ihr dann angefangen? Das war auch eine nette Geschichte. Ich habe damals von einer öffentlichen Telefonzelle in Passau Franz Schlittenbauer (Red.: Schlittenbauer gründete dann später mit der Surf and Action Company sein eigenes Surfreise-Unternehmen) angerufen. Der war damals bei F2 und ich wollte eigentlich nur einen Termin mit ihm haben, damit wir über das Projekt sprechen konnten. Doch er war schon am Telefon so begeistert, dass ein Fünf-Mark-Stück nach dem anderen im Telefon verschwand und ich erst bei meinen letzten 10 Pfennig dazwischen kam, um zu sagen: Ich brauche nur einen Termin! Ja, dann komm Donnerstag vorbei. Wir haben dann erstmal 20 Boards geordert. Doch es lief gleich so gut, dass wir noch mal 40 Boards nachbestellt haben. Zu der Zeit waren ständig Ägypten-Berichte im surf Magazin und der Tourismus begann so richtig zu laufen.

"Mit dem Splash Cup wollten wir den Gästen die Regatta-Faszination in Urlaubsatmosphäre näher bringen. Josh Stone als Entertainer war oft dabei" 

Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass zu der Zeit schon alles so reibungslos in Ägypten klappte. Das stimmt. Oft musste man improvisieren. Einmal warteten wir auf einen Container mit neuen Boards. Die sollten Weihnachten eintreffen. Doch die Zöllner stellten sich ziemlich stur und man hatte keine Chance, da etwas zu machen. Der Container blieb dann drei Monate im Zoll hängen. Das war natürlich eine Katastrophe. In der Zeit mussten sich dann zwei Gäste ein Board teilen. Du kannst dir vorstellen, was da los war. Aber wir haben das damals irgendwie in den Griff bekommen und die Leute versucht, bei Laune zu halten. Heute hättest du wahrscheinlich gleich etliche Klagen am Hals.

ProCenter Tommy Friedl, Hurghada

Trotzdem boomte der Surftourismus zu dieser Zeit in Ägypten – es war alles Friede, Freude, Eierkuchen.  Leider nicht sehr lange. Denn 1991 kam der erste große Dämpfer. Da lief es gerade so richtig auf Hochtouren und dann brach alles zusammen. Im Irak brodelte es schon länger und Mitte Januar kam dann die Kriegserklärung. Ich war gerade in Düsseldorf zur boot und mein Team war noch in Ägypten. Das große Problem war, dass die Versicherungen mit einem Zirkel einen großen Kreis um das Kriegsgebiet gezogen haben. Da war Hurghada mit drin und die Policen für die Airlines waren unbezahlbar. Somit kamen auch keine Flieger mehr.

"Natürlich haben wir unsere Angebote über die Jahre erweitert. Kiten kam dazu und heute auch Yoga-Kurse – auch weil ich selber davon fasziniert bin" 

Wie habt ihr darauf reagiert? Wir waren natürlich völlig unsicher was passiert. Wir haben die Station dichtgemacht und haben das ganze Material, Bretter, Masten, Segel, Gabeln alles so klein wie möglich demontiert und in ein Büro hineingestopft. Da ging gerade mal noch die Tür zu. Die haben wir dann von außen zugemauert. Wir wussten ja überhaupt nicht, wie es weitergeht – wie lange bleiben wir weg, ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr? Was passiert hier in Hurghada, wird das auch direkt betroffen? Das war ja alles offen. Wir sind erstmal alle aus Ägypten raus und ein paar Einheimische haben auf die Station aufgepasst – denen haben wir einige Bretter dagelassen. Auf denen haben dann hinterher die GIs gesurft, die in Hurghada ihre freien Tage vom Krieg verbrachten. Man muss sich das mal vorstellen. Der Flughafen war als Zwischenstopp für die Truppentransporter der Amerikaner genutzt und im Hafen kamen immer wieder Flugzeugträger mit 5000 Mann Besatzung an. Die wurden in allen Hotels bis nach Safaga runter untergebracht und nach ein paar Tagen Freizeit mit viel Bier ging’s dann zurück in den Einsatz in den Irak. Das war für die Ägypter natürlich ein Kulturschock, aber die Soldaten waren offensichtlich sehr gut gebrieft und haben sich im Großen und Ganzen ganz gut verhalten – ich habe zumindest nie von größeren Problemen gehört.

"Wir haben auch immer mal wieder einen Plan B im Auge gehabt. Aber wenn man sich zu stark darum kümmert, leidet Plan A"   

Du hattest dann Freizeit, aber auch kein Einkommen.  In seiner jugendlichen Art geht man da vielleicht noch etwas entspannter mit um. Ich war mir sicher, dass es weiter-gehen wird und habe erstmal Urlaub gemacht.

Tatsächlich war der Krieg dann relativ schnell vorbei. Im März war dann der Spuk schon wieder vorüber und der Hotelier bat mich, schnell wieder zurück zu kommen. Wir haben die Mauer vor der Tür eingerissen und die Station wieder geöffnet. Es dauerte aber doch ein dreiviertel Jahr, bis es wieder richtig lief. Teilweise hatten wir nur sieben oder acht Gäste, was aber auch sehr schön war, weil man so ein persönliches Verhältnis hatte. Im Sommer 1992 kam aber dann schon während meines Urlaubs ein Hilferuf von meinem Surflehrer, der sagte, es stünden 70 Gäste am Strand und ich solle doch bitte kommen.

Tommy Friedl (48) ging immer wieder auf Entdeckungstour, wie unten zu einem einsamen Strand mit einem alten Nil-Hotelschiff in Quesir im Süden Ägyptens.  

Leider war der erste Irakkrieg ja nur der erste Rückschlag. Terroranschläge, der zweite Golfkrieg und dann zuletzt die arabische Revolution – die Region kam nie richtig zur Ruhe. Trotzdem erholte sich der Tourismus immer wieder. Irgendwie wurde man zu so einer Art Stehaufmännchen. Als hätte man so ein Handbuch: "Wie verhalte ich mich in Krisenzeiten?" Mit der Zeit wusste man, wie man reagieren muss: Kosten runter, Werbung nur noch ganz gezielt einsetzen, weniger Material einkaufen und so weiter.

Hast du nie gedacht, ganz aus Ägypten weg zu gehen? Eigentlich nur 2011 bei der Revolution. Da habe ich schon überlegt, ob ich noch am richtigen Platz bin, weil man gar nicht wusste, wie es weitergeht. Zwischendurch hatten wir auch mal einen Plan B. Da haben wir versucht, in Costa Rica etwas aufzuziehen. Aber ich habe schnell festgestellt, dass man dann Plan A aus den Augen verliert und habe mich lieber wieder darauf konzentriert.

Immer für einen Spaß zu haben.

An eurer Station arbeiten auch viele Ägypter. Wie ist eurer Verhältnis? Es ist sicher wichtig, ihnen Respekt entgegen zu bringen. Ich spreche meist englisch, weil ich mich sicherer fühle, aber arabisch habe ich immer als Joker. Das freut die Leute, weil sie merken, dass du dich für sie und ihr Land inte­ressierst. Wenn man sie von oben herab behandelt, werden die bockig. Wir haben einen Mitarbeiter, der ist jetzt schon seit 20 Jahren bei uns: Mohamed Anta, genannt Pallino. Der kam damals als 14-Jähriger zu uns und wollte arbeiten. Er musste aber noch in die Schule und wir haben ihm gesagt, dass die Schule wichtiger ist als bei uns am Strand zu arbeiten. Er ist dann erst abgedackelt und kam aber nach ein paar Stunden später wieder und hat sich einfach an den Strand gesetzt und blieb stur. Irgendwann haben wir ihn dann doch angestellt, weil wir dachten, es ist besser, er verdient bei uns etwas Geld als auf der Straße herum zu sitzen. Er konnte dann natürlich nicht richtig lesen und schreiben. Aber später hat er das alles nachgeholt und ist ein richtig pfiffiger Mitarbeiter.

Tommy Friedl liebt, was er tut. Aus Stammgästen sind Freunde geworden. Das Meer liegt ihm zu Füßen... was will man(n) mehr...

Wie fällt dein persönliches Fazit nach 25 bewegten Jahren in Ägypten aus?  Ich will mich wirklich nicht beklagen. Trotz aller Dellen im Geschäft, von denen bestimmt einige andere Stationen profitiert haben, geht es mir gut. Ich könnte mich jetzt nicht zur Ruhe setzen, sondern werde wohl bis zur Rente arbeiten müssen. Aber das ist auch in Ordnung so. Ich hatte auch gute Partner am Anfang, die mich sehr unterstützt haben und denen ich sehr dankbar bin. Ich stehe auch heute noch gerne am Strand, gebe teilweise noch Unterricht. Ich habe zu vielen Stammgästen eine persönliche Freundschaft aufgebaut, und ich kann immer zum Windsurfen und Kiten gehen. Was will man mehr. 

Themen: ÄgyptenHurghadaTommy Friedl


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