Victor Fernandez

  • Klaas Voget
 • Publiziert vor 10 Jahren

Im dritten Anlauf hat er es endlich geschafft – nach zwei Vizemeisterschaften ist Victor Fernandez PWA Wave-Weltmeister 2010. Und fast alle Kollegen finden: Er hat es verdient. Für surf porträtiert Klaas Voget, Victors bester Kumpel im Worldcup, den stillen und sympathischen, aber mega-radikalen Spanier.

Langsam und vorsichtig steuert Victor den Miet-Pick-up durch die Schlaglöcher von Santa Maria. Im morgendlichen Gegenlicht schimmern die wild herumbaumelnden Strom-Verkabelungen. Die Menschen links und rechts des Weges verkörpern das Motto der Cabo Verde-Kultur: No Stress... Auch Victors Fahrweise unseres Mietwagens ist entsprechend angepasst. Viele seiner Worldcup-Kollegen pflegen in diesem Fall das Motto “don’t be gentle – it’s a rental...”, nicht so Victor. Er bremst vorsichtig ab, fährt langsam durch das Schlagloch und belastet behutsam wieder das Gaspedal. Neben ihm auf dem Beifahrersitz sitzt José, sein Vater. José war auch schon bei den vorherigen Worldcups in Pozo, Dänemark und Sylt mit von der Partie. Er spricht ausschließlich Spanisch, was unseren Austausch meist auf das Wesentliche beschränkt, aber auch sonst ist er, genau wie sein Sohn, von der ruhigeren Sorte. Er ist einfach dabei und hilft Victor wo es geht, ohne groß aufzufallen.

Ein Kraftpaket auf der Welle

Es ist 7:30 Uhr am Morgen des drittletzten Tages beim finalen Worldcup der Saison. Wir kommen gerade vom Skippers Meeting aus Punta Preta und steuern zum anderen Ende des Dorfes. Zum Angulo Center, wo ein Frühstück auf uns wartet. Wieder laufen in Punta Preta keine Wellen, wieder ist der Wind zu schwach. Angekommen, werden drei Galáo bestellt und José holt sein iPhone raus. Ich sehe, wie er die Vorhersage studiert und frage ihn, wie es aussieht. “Muy bien! Muy bien!” sagt er leise und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. “Er hofft, dass hier kein Wind mehr kommt”, sagt Victor, “er ist aufgeregter als ich.” Victor steht zwei Tage vor dem wohl größten Triumph, den man als Sportler erreichen kann – dem Weltmeistertitel. Sprechen will er darüber noch nicht, wobei bei der Vorhersage eigentlich nichts mehr passieren kann auf den Kapverden. “Lieber nicht anfangen zu freuen und am Ende tierisch enttäuscht werden, wenn es dann doch nicht klappt”, sagt er. Aber von Tag zu Tag wird er dabei lockerer. Am gleichen Tag noch bestellen wir – unter uns – ein Bier zum Mittagessen, stoßen an und sagen... nichts.

Father and Son: Victor und sein Vater José sind ein eingespieltes Team. José begleitet seinen Sohn fast zu allen Worldcups und unterstützt ihn, wo er kann. Dabei ist der Vater meist angespannter als der Sohn. Auf den Kapverden checkte er unermüdlich die Wind- und Wellenvorhersage: „Muy bien, muy bien!“ Selten hat sich jemand über Flaute und plattes Wasser so gefreut. Doch Victor wäre bereit für den Contest gewesen.

Angefangen hat die Vorgeschichte zu diesem Moment mit etwa drei Jahren, als sein Vater den kleinen, etwas pummeligen Jungen auf einen Windsurfer stellte. Der kleine Küstenort Almerimar, unweit der Stadt Almeria im Südosten Spaniens, wird für den kleinen Victor zur Wiege seiner späteren Dominanz bei allen erdenklichen Sprungbedingungen. Im Schatten des großen spanischen Windsurfmekka auf den Kanaren, wo die Winde beständig immer aus der gleichen Richtung kommen, feilt Victor direkt vor seiner Haustür beidseitig an seinem Repertoire. Als ob das nicht genügt, verbringt er die langen spanischen Sommerferien ab dem Alter von zwölf Jahren auf Gran Canaria und ist von morgens bis abends in Pozo auf dem Wasser. Schnell wird der Besitzer des örtlichen Surfshops Cutre auf ihn aufmerksam und unterstützt den talentierten Jungen mit Material. Es dauert noch ein paar Jahre, aber am gleichen Ort fällt noch jemand sein großes Talent auf. Francisco Goya, der 2000 Wave-Weltmeister wurde, machte im gleichen Jahr seinen einstigen Chef bei Fanatic, Craig Gertenbach, auf Victor aufmerksam. Cisco war einer der großen Heroes in der jungen Karriere des spanischen Jungen und nun war ausgerechnet er es, der ihn verkuppelte. Kurz nach seinen Anfängen bei Fanatic lernte ich Victor kennen, über die Jahre sind wir dicke Freunde geworden. Wir sind so viel zusammen unterwegs, dass sich unsere Freundinnen schon beschweren, weil sie uns nicht so häufig sehen wie wir uns. Was Victor für mich zu solch einem guten Freund und Reisebegleiter macht? Da fallen mir sehr viele positive Eigenschaften ein und – selbst bei tiefgehender Recherche in meinem Gedächtnis – so gut wie keine negativen. Victor ist einfach einer der sympathischsten Menschen, die ich kenne. Er hat die seltene Gabe sich zurückzuhalten und gleichzeitig positiv aufzufallen. Er macht die unglaublichsten Moves, kommt dann mit einem Lächeln vom Wasser und erzählt seinen Freunden, welch gute Wellen er von ihnen gesehen hat. Die Bedingungen können noch so mäßig sein, Victor ist positiv und hat seinen Spaß.

Victor Fernandez ist bei fast allen Bedingungen top. Mister Doppelloop haut die Höchstschwierigkeit gleich reihenweise raus, auch in Klitmøller. Auf diesem Foto: Tweaked Pushloop vor Pozo.

Er klopft nie große Sprüche, das überlässt er anderen. Er amüsiert sich darüber, aber selbst mag er es gar nicht, jemanden zu kritisieren oder schlecht über jemanden zu reden, selbst wenn es nur ein Spaß ist. Er ist so gutmütig, dass ich erst über die Jahre gelernt habe, seine ehrliche Meinung über ein Board aus ihm heraus zu kitzeln, wenn wir zusammen Prototypen testen. Er sagt es einfach nicht gerne, wenn ein Board nicht so toll funktioniert, weil er nicht die Arbeit eines anderen kritisieren will. Genauso ungern hat er es, wenn plötzlich jemand unerwartet etwas an ihm kritisiert. So geschehen beim Kapverden- Worldcup 2007. Ein Journalist eines französischen Windsurfmagazins stellte ihm vor versammelter Runde die Frage: “Victor – warum bist du eigentlich auf der Welle so lahm?” Keiner in der ganzen Runde wusste darauf zu reagieren, Victor am wenigsten. Für ihn war der Tag gelaufen, die Stimmung im Keller. Doch vielleicht war das einer der Anstöße, noch mehr in guten Wellen zu trainieren. Eine seiner großen Stärken ist es, aus Rückschlägen und Niederlagen Kraft zu schöpfen. Er fährt ein Wahnsinns-Finale in Pozo, nach dem alle Leute am Strand sagen, dass er gewonnen habe. Wenig später wird er als Verlierer verkündet und alle regen sich lautstark auf. Victor geht nicht zu den Judges, um sich zu beschweren oder die Scoresheets zu checken, sondern bleibt etwas verwirrt bei seinem Material sitzen und sagt nur zu mir: “Das ist nicht meine Schuld”.

Genauso wie der Fußball-Nationalmanschaft gönnten die meisten Fahrer Victor den Weltmeister-Titel.

Er nimmt es hin, fährt einen noch unglaublicheren Wiederholungsheat und gewinnt. Eine Stärke, die einen Weltmeister ausmacht. Die meisten Anderen hätten sich nach dem ersten Finale so über die Entscheidung aufgeregt, dass sie beim Wiederholungsheat keinen Move gestanden hätten. Dieses psychologische Talent ist mir schon oft an ihm aufgefallen, besonders auf dem Tennisplatz. Wenn der Wind eine Pause einlegt, matchen Victor und ich uns dort recht häufig. Er ist mir technisch überlegen, aber ich habe so meine Momente. Ich kann jedoch noch so gut spielen, am Ende geht Victor als Sieger vom Platz, da kann ich machen was ich will. Selbst wenn ich einen Satz mit 4:0 anführe, in den meisten Fällen macht er daraus noch einen Satzgewinn. Wenn es nötig wird, dann kann er sein Level entsprechend anpassen und ist am Ende doch wieder der Bessere, wie in diesem Sommer im Pozo-Finale.

Victor und Klaas: Best Buddies – auf die Beziehung zwischen Victor und Klaas sind sogar ihre Freundinnen eifersüchtig. Sie hängen nicht nur auf den Worldcups zusammen, sondern sind auch gemeinsam in die Brettentwicklung bei Fanatic eingebunden und verbringen deshalb viel Zeit miteinander.

Der Sieg auf Gran Canaria war der Grundstein für seinen Weltmeistertitel. Viermal schon konnte er den Event mittlerweile gewinnen, so oft wie kaum ein Anderer. Nach dem Sieg in Pozo reiste Victor als Nummer eins der Rangliste zum zweiten Event nach Dänemark. Auch hier gab es ein Nervenspiel. Die Bedingungen in der ersten Runde waren teilweise etwas an der Grenze. Victor verliert seinen ersten Heat und ist nach der Hinrunde auf Platz 33. Eine fast aussichtslose Position für ein gutes Abschneiden. Am nächsten Morgen legt er mit José alles bereit und macht sich konzentriert an die unmenschliche Aufgabe, zwölf Heats zu gewinnen. Am Ende werden es elf siegreiche Runden, denen auch ich zum Opfer falle. Mit einem ersten und einem zweiten Platz hat er ein gutes Polster für Sylt und könnte alles klar machen. 2008 hatte er Sylt gewonnen, er ist auch 2010 einer der Top-Favoriten. Doch es kommt anders, Sylt bleibt ohne Ergebnis und damit ist wieder alles offen. Bei weniger als vier Ergebnissen gibt es keinen Streicher, ohne Sylt geht der Worldcup auf Sal also auf jeden Fall mit ins Ergebnis ein. Um sich so gut es geht vorzubereiten ist Victor bereits seit Ende Oktober auf der Insel, zusammen mit José. Victor hat selbst nie darauf spekuliert, dass es auf Sal keinen Wind geben könnte, er hat sich zwei neue Boards bauen lassen, speziell für Punta Preta, ist drei Wochen vor dem Event schon vor Ort und lässt seine Moves von José auf Video aufzeichnen, um abends Analyse zu betreiben.

Dass wir nun nach fast fünf langen Wochen auf dieser Insel schon vor Ende des Events heimlich auf Victors großen Triumpf anstoßen, ohne dass er überhaupt einen Heat fahren durfte, damit hätte er nicht gerechnet und es auch nicht gehofft. Er war bestens vorbereitet und wollte seinen Titel hier im Wettkampf einfahren und nicht aussitzen. Nun ja, so richtig traurig war er darüber am Ende dann doch nicht und sein Vater José noch viel weniger. Und dass er das Zeug dazu hat, auch auf Sal ganz oben zu stehen, dass ist allen, die ihn kennen, ohnehin klar. Jetzt steht neben seinen sportlichen Vorbildern wie Rafael Nadal auch er selbst auf den spanischen Titelseiten. Ich wüsste keinen Windsurfer, dem ich diesen Erfolg mehr gönnen würde als Victor.

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