Redaktion

Was macht eigentlich Kauli Seadi?

  • Sebastian Dörr
19.07.2019

Sechs Jahre ist es her, dass Kauli Seadi dem Worldcup den Rücken kehrte. Seitdem nimmt er sich die Freiheit, das zu tun, was er liebt: Reisen, einsame Wellen surfen und Bilder für eine TV-Show produzieren. Sebastian Doerr tauchte drei Monate als Kameramann ein in Seadis sagenhafte Welt.

Laute, hektische, brasilianische Stimmen dringen durch den peitschenden Regen. Personen sind kaum auszumachen. Es ist stockdunkel. Der niederprasselnde Regen sticht wie kleine Nadeln auf meiner Haut. Meine Hände klammern sich fester an das Steuer­rad des 55-Fuß-Katamarans namens Paje. Angesehene Heiler und Träger versteckter Mächte tragen bei den Indios im brasilianischen Urwald diesen Namen. Also dann, Paje. „Halt den Kahn auf Kurs. Etwas weiter rechts“ schreit es aus der Dunkelheit in Brasilianisch akzentuiertem Englisch zu mir herüber. Ich muss das galoppierende Schiff mit dem Bug im Wind halten, damit Kauli und unser Kapitän die Segel in dieser mondlosen und stürmischen Nacht reffen können. Nur so können wir uns vor einem Mastbruch oder gar Schlimmerem bewahren.

Einige Minuten zuvor stehe ich noch alleine an Deck, bin gesättigt und selig von unserem kürzlich beendeten Abendmahl und beobachte die in vielen Lilaschattierungen getauchten Wolken zur blauen Stunde. Es würde eine ruhige Schicht werden, da bin ich mir sicher. Wir nehmen von Samoa aus Kurs auf das 594 Seemeilen entfernte Savusavu in Fidschi. Aufgrund unserer Satellitenbildrecherche vermuten wir dort saubere, ungesurfte Wellen. Der Rest der Crew liegt in ihren Kojen unter Deck und ahnt nicht, was noch kommen wird. Die Gewitterfront kam schnell und unerwartet. Insgeheim muss ich gestehen, hatte ich mir solch ein Erlebnis auf See gewünscht. Aber wie bin ich eigentlich hierhergekommen?

Drei Monate lang waren Kauli und die Crew mit dem Katamaran Paje in der Südsee unterwegs.

Neue Wege

Kauli Seadi ist brasilianischer Windsurfprofi und – wie man mittlerweile mit Fug und Recht behaupten kann – zu einem echten Waterman gereift. „Ich hatte es einfach satt an Orten Wettkämpfe zu bestreiten, an denen oft schlechte Bedingungen herrschen“, so Kauli. Im Jahr 2012 beendete er nach Worldcup-Siegen und WM-Titeln in Freestyle und Welle seine professionelle Karriere als Windsurfer und nimmt nur noch sporadisch an ausgewählten Events wie dem Aloha Classic teil. Seit einigen Jahren ist er für einen der meistgesehenen brasilianischen TV-Sender, Canal OFF, als „Waterman“ – so der Name seiner Show – unterwegs und flimmert mit 13 Folgen pro Jahr in die Wohnzimmer seiner Landsleute. Damit kann er sich seinen Traum erfüllen und im Jahr für drei Monate und einem Dutzend Boards im Schlepptau auf die Suche nach den besten Surfspots rund um den Globus gehen.

Kauli schrieb mir letztes Jahr und fragte: „Bastinator, hast du Lust mit Nana (Red.: seine Frau) und mir für unsere Sendung auf einen Europa-Trip zu gehen?“ Ich hatte viel zu tun und sagte ihm spaßhaft, er solle sich wieder melden, wenn er etwas Exotischeres in Aussicht hätte. Ein dreiviertel Jahr später poppte wieder eine Mail in meinem Postfach auf. Er würde eine neue Staffel für die TV-Show produzieren und er hätte mich gerne als Kameramann dabei. Diesmal in der Südsee. Mir fiel fast die Kinnlade runter, zeitgleich war ich hin- und hergerissen: Wie sollte ich einen mehrmonatigen Trip mit meinen anderen Aufträgen koordinieren? Und noch viel wichtiger: Wie sollte ich das meiner Freundin beibringen? Um es kurz zu machen, ich pfiff auf die anderen Jobs und nahm meine Freundin einfach mit. Eine bessere Belohnung nach der entbehrlichen Zeit ihrer Masterarbeit konnte es für sie schließlich kaum geben – zumindest war das mein Verkaufsargument.

Kauli Seadi, ganz in seinem Element...

Captain Booze

Der Kapitän unserer Reise stand auch schon fest. João, ein Lebemann in den 50ern aus Rio de Janeiro, der in Brasilien einige Jahre als Fischer gearbeitet hatte und nun Fidschi sein Zuhause nennen darf. Dass er sich Dingen wie Sonnencreme, Hüten oder Brillen hartnäckig verweigert, sieht man seiner haselnussbraunen, wettergegerbten Haut an, komplettiert wird die Erscheinung durch ein lausbübisches Lächeln. Fische fangen, gutes Essen kochen und ein ordentlicher Surf gehören ebenso zu seinem Lebenselexier wie schöne Frauen und reichlich Booze (Alkohol). „Another soldier down“ heuchelte er scherzhaft Mitleid vor, während ihm wieder mal der letzte Tropfen einer Flasche die Kehle runterglitt. Welch ein Kapitän!

Man hört ja viel von der „Suche nach der perfekten Welle“. Ob es in Zeiten von Satellitenmodellen, Social Media und Wetter-Apps überhaupt noch möglich ist, neue, unbekannte Spots zu finden, werde ich in den nächsten dreieinhalb Monaten herausfinden.

Schon die Vorbereitung war aufwändig: Kaulis Berg an Windsurf-, SUP-, Wellenreit- und Foil-Equipment musste es bis auf das Gepäckband des provinziellen Flughafens von Tonga schaffen. Weil seine Frau Nana Meeresbiologin und in gewisser Weise das Pendant zu Kauli unterhalb der Wasseroberfläche ist, mussten noch zwei komplette Tauchausrüstungen und reihenweise­ Unterwasser-Kameras mit. Ich konnte auf meine eigene Foto- und Filmausrüstung natürlich ebenso wenig verzichten und schleppte gleich mehrere Kameras inklusive Wassergehäusen, GoPro, Objektive, Stative, Slider, Festplatten, Laptop und allerhand Kleinkram zum Flughafen. So viel darf ich vorwegnehmen: Bis auf eine Drohne, die nun vor einer fast unbewohnten Insel Tongas auf dem Meeresgrund ihr Dasein fristet, brachte ich tatsächlich alles heil zurück. Ärgerlich nur, dass sie einige der besten Windsurfaufnahmen des Trips mit in ihr Seemannsgrab genommen hat.

Unser Katamaran hatte die letzten zwei Jahre offensichtlich ohne jegliche Zuwendung auf einem Trockendock an Land verbracht. Die Anreise nach Tonga war lang und ermüdend, aber unsere erste Amtshandlung dort sollte geschlagene fünf Tage in Anspruch nehmen. Sie lautet: Den offensichtlich wenig gewarteten Kat wieder fit zumachen – also schrubben, reparieren, entrosten und entmuffen wir den Kahn erst mal.

Wir bringen mit dem Dingi noch schnell den Tiefkühler zur Reparatur, wo wir uns auch gleich mit köstlichem tiefgefrorenem Steak aus Neuseeland, Fisch und Hackfleisch eindecken. Das vierte Schlafzimmer auf dem Boot wird zu unserer Speisekammer und unser Jahrhunderteinkauf wird sogar persönlich von einem Mitarbeiter des Supermarktes zum Pier gefahren.

Leinen los!

Unsere geplante Route beginnt auf Tonga und führt uns über Samoa schließlich nach Fidschi. Die 172 Inseln von Tonga liegen ca. 1.300 Seemeilen nordöstlich von Neuseeland. Würde man von hier ein Loch durch das Innere der Erde bohren, würde man wahrscheinlich auf Fehmarn wieder rauskommen. Wollen wir aber zum Glück gerade nicht.

Hier im Südpazifik, wo man oft weit entfernt von größeren Zivilisationen ist, funkeln die Sterne so hell und zahlreich, dass es einem fast schwerfällt, unter diesem Paillettenhimmel die Milchstraße auszumachen. Bei einer unserer ersten großen Überfahrten von einer Inselgruppe zur nächsten steuern wir auf eine kleine einsame Insel zu, von dessem brisanten Ankerplatz uns von erfahrenen Seglern abgeraten wurde. Nichtsdestotrotz schleust João uns sicher durch den engen Riffpass, um anschließend den Anker in das kristallklare und von Korallen umgebene Wasser zu werfen. Dass aus einem geplanten Kurz-Stopp am Ende sieben Tage werden, liegt daran, dass jeden Tag surfbare Wellen mit 1,5 bis vier Metern Höhe über das Riff brechen und wir beim Erkunden der angeblich unbewohnten Insel eine kleine Hütte entdecken, umgeben von aufgespießten Tintenfischen, die in der Sonne trocknen und irgendwie an die Dekoration für die nächste Halloween-Party erinnern.

Die beiden Bewohner, Esi und Tina, sind wie alle Menschen, denen wir auf unserer weiteren Reise noch begegnen sollten: Warmherzig, aufgeschlossen und gastfreundlich. Während Esi uns seinen selbstgebauten Brunnen und seine Schweine, die sich hierzulande standesgemäß von Kokosnüssen ernähren, zeigt, bringt Tina uns das Flechten von Palmenteppichen bei.

Wir verlassen die kleine wie aus einem Roman von Jules Verne stammende Insel nur schweren Herzens. Zum Abschied geben uns Esi und Tina ihren letzten Fang mit auf die Weiterfahrt. Aus seiner Öko-Tiefkühltruhe – weil ohne Strom betrieben, dafür aber mit Salz befüllt – die direkt am Strand unter einem Baum steht, holt Esi einen stattlichen Red Snapper und einen Hummer heraus. Dass die am Strand bizarr umherhängenden Tintenfische uns etwas suspekt waren, muss er an unseren Mienen abgelesen haben.

Halloween-Flair: trocknende Oktopusse

Discovery Channel

Wir steuern mehr als ein halbes Dutzend der unzähligen kleinen und meist unbewohnten Inseln Tongas an. Surfbare Wellen gibt es fast überall, sie alle sind einsam. Wahrscheinlich weil kaum Informationen über Spots zu finden sind und man ohne schwimmenden Untersatz nicht weiterkommt.

Auf einem Boot zu reisen ist wie zu Hause zu sein und Discovery Channel zu sehen. Mit dem Unterschied, dass du mittendrin im Geschehen und live vor Ort bist. Es lassen sich Orte entdecken, die durch ihre Abgeschiedenheit über den Landweg schlicht nicht zu erreichen sind. Man ankert vor einsamen Inseln, viele Seemeilen entfernt von der nächsten Zivilisation, geht surfen, isst was die Natur hergibt und relaxt ganz ungestraft. Der Generator produziert den nötigen Strom für die Elektrik und den Kühlschrank, der Wassermacher wandelt Meerwasser in Dusch- und Trinkwasser um und die zahlreichen Staumöglichkeiten unter den Betten und Sitzgarnituren lassen einen beträchtlichen Essensvorrat an Spaghetti, Dosenfisch, Fleisch, Gemüse, Tomatensoßen, Mehl usw. kinderleicht verschwinden.

Allerdings ist so ein Boot eine immer geöffnete Werkstatt ohne Betriebsschluss. Die ständigen Reparaturen gehen auch an unserem erfahrenen Kapitän nicht spurlos vorbei. „Puta que pariu!“ (von einer Übersetzung sehe ich an dieser Stelle ab) stöhnte es mit kratziger Stimme so manches Mal aus dem Maschinenkabuff. Vom Ausfall des Autopiloten über Reparaturen am Motor während der Überfahrten, dem Austauschen von Teilen am Wassermacher, einer ständig leeren Batterie und Problemen mit dem zwei Mal täglich laufenden Generator hatte João, neben seiner Arbeit als Kapitän und als unser persönlicher Schlauchboot-Chauffeur, wirklich mehr als genug zu tun. Wie man eine Video-Drohne bei Wellen, Strömung und Wind von einem 2,30 Meter langen und 1,60 Meter breiten Gummiboot, das mit vier Leuten und Kameraausrüstung beladen ist, startet und landet, hab ich jetzt drauf. Wie man elegant auf einen von Vogelkot übersähten Aussichtsturm klettert, dessen Eingangsbereich mit rostigen Nägeln gespickt ist und so auf ein Riff gebaut wurde, dass die darunter schwappenden Wellen bis in den ersten Stock spritzen, weiß ich nun ebenfalls. Und auch die Kletterpartie über scharfe und rutschige Korallen, mit der teuren Kamera im Arm und dem Stativ über der Schulter, um bei Ebbe vom Fototurm zum Schlauchboot zu kommen, ist nun in die Liste meiner Qualifikationen aufgenommen. Das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man den besten Shot in beeindruckenden, aber nie einfachen Bedingungen ergattern möchte.

Nach dem ersten Drittel unserer Reise haben wir viele gute Wellen gefunden und konnten einen großen Teil für die neuen Serien der „Waterman“-Show in den Kasten bekommen. Wir setzen die Segel und machen uns auf gen Norden nach Samoa. Vier Tage und drei Nächte dauert die Überfahrt. Alle Segel sind gesetzt, Paje pflügt auf Raumwindkurs durch die Wellen. 15 Knoten Segelgeschwindigkeit in Kombination mit dem ansteigenden Wellengang verlangen dem Katamaran einiges ab. Während der vierstündigen Schicht-Pausen versuche ich im Hauptraum oben zwischen den beiden Auslegern unseres Katamarans zu schlafen, aber die Wellen donnern wuchtig an den Rumpf, so als wolle uns Neptun mit seinem Dreizack gehörig Angst einjagen.

Lagerfeuer-Idylle

Zeitlos

Zu unserer Ankunft auf einer der beiden Hauptinseln von Samoa beruhigt sich der Gott des Meeres wieder und wir werden von einem Empfangskomitee Hunderter Delfine begrüßt. Vor der Hauptstadt Apia warten wir im Hafen mit gehisster gelber Flagge auf den üblichen Einreiseprozess – dieser nimmt einen ganzen Tag in Anspruch. Zuerst kommt die Gesundheitsbehörde an Bord, dem folgt ein Quarantänecheck, ob unerlaubte Lebensmittel mit auf dem Schiff sind und später möchte der Zoll noch wissen, wieviel Alkohol, Tabak und Bargeld sich an Bord befindet. Erst dann erhält man den Stempel im Reisepass für die Einreisegenehmigung.

Upolu ist neben Savai’i eine der beiden Hauptinseln des Independent State of Samoa. Aus den Bergen ergießen sich zahlreiche Wasserfälle. Auf der Garteninsel scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Menschen sind pur und traditionell. Im Gegensatz zu den fast schmächtig wirkenden Tongaer sind Samoaner stattliche Leute. Die obligatorische Blume hinterm Ohr darf natürlich nicht fehlen. Sie ist ausnahmsweisse kein von Hollywood inszeniertes Klischee, sondern ein überaus beliebter Schmuck der Locals. Samoer sind sportverrückt, aber es ist nicht Rugby oder Cricket, wie man durch die Nähe zu Neuseeland oder der vergangenen Kolonialgeschichte vermuten könnte. Nein, Volleyball ist hier der Freizeitsport Nummer eins und natürlich werden wir sofort herzlich auf eine Runde eingeladen. Alle scheinen größte Freude daran zu haben, einen Ball von einer Seite des Netzes auf die andere zu feuern. Und wie gesagt, die Samoaner sind eher von der kräftigeren Sorte, also aufgepasst beim Block.

Vor einer kleinen Insel vor der Südküste von Upolu kommt „Waterman“ Kauli endlich wieder aufs Wasser. Aufgrund der unzähligen kleinen Krabbeltiere, die als einzige ständige Bewohner dieses Stück Land bevölkerten, taufen wir es „Crabb Island“. Obwohl es „Moskito Island“ auch tun würde. Bereits tagsüber sind hier massive Geschwader angriffslustiger Moskitofighter im Einsatz. Dieser Umstand macht es beim Filmen nicht gerade einfacher, einen ruckelfreien Schwenk zu vollziehen – aber was bleibt mir anderes übrig. Es wäre unverzeihlich, Kauli auf einer dieser schnellen und endlosen Wellen zu verpassen, nur weil ich als Kameramann mit dem Verscheuchen von äußerst lästigen Mücken beschäftigt war.

Blick aus der Koje...

Geruch der Zivilisation

„Die Welle wollte sich ein ansässiges Surfcamp mit ausländischem Betreiber alleine zuschreiben lassen“, erzählt uns ein Australier und ebenfalls Besitzer eines Surfcamps. Doch mit dieser Forderung war die samoanische Regierung nicht einverstanden. „Das Meer sei für alle da“, so ihre Antwort. Das ist ein guter Punkt. Anders herum sollten auch alle für das Meer da sein, denke ich. Vor einem Jahr gab es hier ein massives Absterben der für den Kreislauf des Ökosystems so immens wichtigen Korallen. Schuld daran ist vor allem die Erd­erwärmung, denn Korallen sind sehr sensibel gegenüber Schwankungen der Wassertemperatur – zynischerweise sind also gerade hier, an einem der abgeschiedensten und ursprünglichsten Orte der Welt, die Einflüsse der Zivilisation am drastischsten zu spüren.

Von Apia auf Samoa geht es in südwestlicher Richtung nach Savusavu im Norden von Fidschi. Die letzten fünf Wochen unseres Trips wollen wir auf den Fidschi-Inseln verbringen. Die meisten verbinden Fidschi mit Honeymoonern, luxuriösen 5-Sterne Hotels und der legendären Welle von Cloudbreak. Dabei haben die rund 300 Inseln im Südpazifik viel mehr zu bieten. Nach dreieinhalb Tagen auf See ohne Land in Sicht und ohne einen Vogel gesehen zu haben, nehme ich während meiner Schicht in der Nacht den Geruch von angekokeltem Holz war. Doch es ist kein Licht in der Ferne zu erkennen. Ich gehe zum Navigationssystem, um zu schauen, ob wir uns in der Nähe einer Insel befinden. Und obwohl die Insel einige Meilen entfernt liegt und ich sie nicht sehen kann, passt es mit der Windrichtung so überein, dass es von dort kommen muss. Es ist der Geruch von Zivilisation – ein Augenblick, der mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben wird.

Im Kava-Rausch

Wir machen uns zuerst auf zu den abgelegenen Lau- und Moala-Inseln, die sich im östlichen Teil Fidschis befinden. Von knapp 100 Inseln sind nur 30 tatsächlich bewohnt. Bis 2010 war es Ausländern untersagt einige dieser Eilande zu betreten. Oft findet sich ausschließlich ein lokales Telefon im Dorf, Internet ist nur zu bestimmten Zeiten und meist nur in den Schulen verfügbar. Die wenigen Krämerläden führen nur das Nötigste wie Brot, Zucker, Mehl und Eier. Das Angebot an Obst und Gemüse ist begrenzt und kommt meist aus dem Eigenanbau. Unser Kapitän João erklärt uns, unbedingt einige Bündel Kava-Wurzeln einzukaufen, denn bevor der nächste potenzielle Surfspot erkundet wird, muss sich jeder Besucher beim jeweiligen Oberhaupt des Dorfes vorstellen und ihm ein Gastgeschenk überreichen. Das können die besagte Kava-Wurzel, Diesel oder auch Papier und Stifte sein. Aufgrund der Abgeschiedenheit dieser Inseln werden hier nur die wirklich wichtigen Dinge benötigt.

Gesagt, getan. So geht es auf leichtem Amwind-Kurs von Savusavu aus nach Südosten in Richtung Lau-Inseln. Eine weitere Nachtsegelung steht an. Unter unserem Heck glühen grüne Planktonteilchen wie der Antrieb eines Raumschiffs, der Mond erhellt die Cumuluswolken über uns und neben uns werden wir von glitzernden Wellenrücken begleitet. Am nächsten Morgen begrüßt uns Josaia. Er ist der Bruder des Gemeindeoberhauptes und Dorfsprecher des nächstgelegenen Ortes. Nach einer herzlichen Begrüßung verabreden wir uns für den Abend zu einer der sagenumwobenen Kava-Zeremonien, auf die wir alle gespannt sind. Während wir im Kreis mit Josaias Frau, seiner Schwester und einer alten Dame aus dem Dorf auf einer selbstgeflochtenen Matte Platz nehmen, wird unser mitgebrachtes Geschenk – Sevusevu genannt – vom Kava-Meister zubereitet. Es folgt die Kava-Zeremonie, bei der eine kleine polierte Kokosschale halb mit dem Kavawurzeltrunk gefüllt und nach Ansage des Häuptlings an die jeweilige Person überreicht wird. Jeweils vor und nach dem Trinken wird dreimal kräftig in die Hände geklatscht und alle rufen: „Bula!“ Das graue Getränk hat kaum Geschmack. Doch nach drei weiteren Bulas fängt der Mundraum an taub zu werden und man fühlt sich ein wenig schummerig. Um jedoch voll und ganz ins Kava-Nirvana einzutauchen, muss man ein bisschen Zeit mitbringen und einige Runden mehr absolvieren als wir es tun.

Josaia erklärt uns nach der Zeremonie, dass wir nun keine Besucher mehr sind, sondern Freunde. Und so behandelt er uns auch. Obwohl wir auf dem lokalen Markt keine Früchte fanden, überhäuft uns Josaia am nächsten Tag mit Körben voller Bananen, Papayas und Kokosnüssen. Anschließend zeigt er uns, wie er bei Ebbe auf dem trockengefallenen Riff grüne Algen sammelt, wie man sie zubereitet und isst. Vermutlich wird die Alge früher oder später für teures Geld auf der Speisekarte eines veganen Hipster-Ladens auftauchen. Er erklärt, dass man nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig ernten dürfe, ansonsten würde die Alge nicht nachwachsen. Es sind diese kleinen Verhaltenskodexe, die mich beeindrucken – für die Inselbewohner ganz selbstverständlich, für uns in der westlichen Welt offensichtlich nicht. Alles in Maßen zu genießen und die Natur nicht rücksichtslos auszubeuten, sondern ihr Raum und Zeit zu geben, um sich wieder zu regenerieren und damit wertvoll für uns zu bleiben, sollte die Prämisse sein.

King Kongs Reich

Wir bleiben gleich ein paar Tage, weil nicht nur die Gastfreundlichkeit, sondern auch die Wellen zum Verweilen einladen. Vor einem zwei Kilometer vorgelagerten Eiland befinden sich die Überreste eines verwaisten Surfcamps samt verfallener Bungalow-Anlage und einem Spot mit dem einladenden Namen „King Kong Left“. Die Welle ist kurz, formt aber kleine, wilde Barrels. Das Riff wird von der Welle einfach leer gesaugt, so dass die Höhe der Wellenlippe auf Meeresspiegelniveau liegt. Dort für die Filmaufnahmen ins Wasser zu gehen, wird eine meiner größten He­rausforderungen auf diesem Trip. Dass selbst der mit allen Wassern gewaschene João mir vor dem Verlassen des Schlauchboots ein „Take care! This spot is different“ mitgibt, trägt nicht unbedingt zur Entspannung bei. Am Ende ist King Kong gnädig und ich komme mit vielen guten Shots zurück aufs Boot.

Der Name des Spots ist hier Programm: King Kong! Ex-Weltmeister Kauli Seadi schreckt dies natürlich nicht ab.

Kauli ist auch nach so vielen Jahren noch immer vom Windsurfen besessen. Beim Anblick einer guten Welle, wie der von Cloudbreak, leuchten seine Augen und es sprudelt jener brasilianisch-englische Wortsalat heraus, den ich nach dreineinhalb Monaten nun fließend mitsprechen kann: „Oh, oh, oh! Uma onda. Caralho que perfeito. Oh boy. Let’s rock ’n’ roll, man! Yisssa!!!“ Kauli erinnert an einen kleinen Jungen, der im Stadion ein Tor seiner Lieblingsmannschaft kommentiert. Cloudbreak, eine der besten Wellen der Welt, macht seinem Namen diesmal alle Ehre und verwöhnt uns zum Schluss unseres Trips mit endlosen Linkswellen von bis zu fünf Metern Höhe.

Es war der krönende Abschluss einer wunderbaren, aufregenden, aber auch anstrengenden Reise. Die 13 neuen Folgen für die „Waterman“-Serie, die mit fünf Themen pro Sendung bestückt sind und jeweils eine Länge von 25 Minuten besitzen, haben wir uns hart erarbeitet. Nach unerforschten Spots zu suchen stand bei diesem Abenteuer an erster Stelle. Bedeutsamer als die Wellen, die wir vorfanden, waren jedoch die landeskundlichen Einblicke, die wir mit in unsere westliche „Zivilisation“ – zumindest nennen wir es so – bringen. Es ist eine bezaubernde Region, wo die Menschen in Gemeinschaft leben, nur das Nötigste nutzen, jederzeit einen Spaß machen und stets ein Lächeln schenken. Solche Orte zu besuchen zeigt: Manchmal vergessen wir den Moment mit den Leuten zu genießen, die gerade um uns herum sind – das Leben im Hier und Jetzt zu leben.


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