Was macht eigentlich Tim Stade?

 • Publiziert vor 13 Jahren

Die Olympischen Spiele 2008 in China finden ohne deutsche Windsurfer statt, weder Romy Kinzl noch Toni Wilhelm konnten die extrem hohen Anforderungen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) erfüllen und sich für die Regatten vor Qingdao qualifizieren. 1992 gab es eine ähnliche Situation, erst im letzten Moment löste Timm Stade aus dem Allgäu durch einen dritten Platz bei der EM das Olympiaticket.

Die Olympischen Spiele 2008 in China finden ohne deutsche Windsurfer statt, weder Romy Kinzl noch Toni Wilhelm konnten die extrem hohen Anforderungen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) erfüllen und sich für die Regatten vor Qingdao qualifizieren. 1992 gab es eine ähnliche Situation, erst im letzten Moment löste Timm Stade aus dem Allgäu durch einen dritten Platz bei der EM das Olympiaticket. Nach den Spielen in Barcelona surfte Stade zwar noch weiter, konzentrierte sich aber hauptsächlich auf Studium und Beruf. Trotzdem gewann Timmi, wie ihn Freunde nennen, noch 1994 ein viertes Mal den berühmten Engadiner Surf Marathon auf dem Silser See. Heute führt der 40-Jährige, der auch staatlich geprüfter Ski- und Snowboardlehrer ist, als Geschäftsführer und Direktor für Leistungssport, Verwaltung und Marketing den Snowboard-Verband Deutschland (SVD) in Planegg bei München. Verfolgst du noch das Geschehen in der Olympia-Klasse RS:X?

STADE: Die verschiedenen Regatten nicht, interessiert hat mich allerdings der Material-Wechsel. Die Umstellung vom Mistral One Design auf den RS:X war offensichtlich enorm, schade für den Sport und schwierig für die Sportler. Toni Wilhelm, der aussichtsreichste DSV-Surfer, konnte jetzt bei der RS:X-WM in Neuseeland leider seine letzte Chance auf die Olympiafahrkarte nicht nutzen. Fühlst du mit?

Es ist ziemlich bitter, das Deutschland jetzt keinen Windsurfer nach China schicken kann. Die Vorgaben des DOSB waren ziemlich hart, aber das wusste Toni ja. Eine Olympiateilnahme war ja dein Jugendtraum. Wie hart hast du dafür gerackert?

Ich habe mir die Teilnahme in Barcelona schon viele Jahre vorher vorgenommen. Seoul 1988 kam für mich noch zu früh, aber 1992 wollte ich unbedingt dabei sein. Also habe ich mein Leben langfristig danach ausgerichtet, erst Abi gemacht und dann war ich drei Jahre in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, um mich optimal vorzubereiten. Klar hatte ich auch mal Durchhänger, aber der Schlüssel zum Erfolg lag in diesem langfristigen Aufbau. In Barcelona lief es nicht gut für dich, zuerst Materialpobleme mit der Mastschiene, dann ein Frühstart mit DSQ. Als Lichtblick ein vierter Rang in der neunten Wettfahrt. Am Ende aber ein enttäuschender Platz 18 im Gesamtergebnis.

Barcelona war in jeder Beziehung ein total verkorkstes Rennen. Mental war ich vorher schon platt. Die Spiele brachten bereits den fünften Höhepunkt innerhalb von acht Monaten, das war einfach zuviel, aber die Qualifikation war leider so angelegt. Dazu kam, dass es nur in zwei von zehn Wettfahrten einigermaßen guten Wind hatte, der Rest war Schwachwindgedümpel mit Schwabbelwelle, das waren wirklich nicht meine Bedingungen. Ich war natürlich total deprimiert. Wie ging’s nach Barcelona weiter? Du hast vorher auch schon dreimal den berühmten Engadiner Surf Marathon gewonnen. Funboard-Cup, Worldcup, große Karriere?

Für mich war klar, dass ich erst mal was für meine weitere Ausbildung tun musste und hab’ dann studiert. Ich hätte mir gewünscht, dass der Deutsche Segler-Verband mit mir einen gemeinsamen Vier-Jahres Plan für Atlanta 1996 aufstellt. Leider haben die DSV-Offiziellen damals immer nur von einer Saison zur anderen gedacht. Die Olympiaqualifikation für 1996 organisierte und finanzierte ich selber. Matthias Bornhäuser war dann aber stärker, er ging nach Atlanta. Dafür konnte ich den Engadiner Marathon noch ein viertes Mal gewinnen. Gleiten brachte für dich schon immer Faszination. Du kommst eigentlich aus dem Skisport, bist zum Snowboarden gewechselt, wo du jetzt auch einen Managerjob ausübst.

Skifahren und Snowboarden bekommst du als Allgäuer in die Wiege gelegt, mein Vater Horst hatte ja auch eine eigene Skischule. Trotzdem, Windsurfen vermittelt auf jeden Fall das beste und intensivste Feeling. Es gibt doch nichts Geileres als bei guten Bedingungen surfen zu gehen. Fast so gut wie Sex, dafür meistens länger. Als SVD-Direktor für Leistungssport hast du viel mit jungen Sportlern zu tun. Kannst du eigene Erfahrungen weitergeben?

Absolut. Ich weiß einfach genau wie die Aktiven ticken. Fast alles, was die Sportler beschäftigt, hab’ ich selber mal erlebt, so können wir offen über alle Probleme reden. Mit Patrick Bussler steht ein ehemaliger Regattasurfer im Alpin-Kader der Snowboarder. Wie läuft’s bei ihm?

Patrick entwickelt sich zurzeit sensationell gut. Bei allen Weltcups konnte er in die Top Ten fahren, so konstant wie er ist kaum einer. Wenn Patrick so weiter macht, kann er bei den nächsten Weltmeisterschaften 2009 und bei den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 ein Spitzenergebnis erreichen. Wir arbeiten jedenfalls mit aller Konsequenz daran. Welchen Tipp würdest du einem jungen Windsurfer oder Snowboarder, der in die Weltspitze kommen möchte, geben?

Zunächst braucht ein Talent eine Vision, nach der er sein Leben ausrichtet und organisiert. Olympische Spiele oder Weltcup. Auf dem Weg dorthin muss er sich natürlich erreichbare Zwischenziele setzen und hart dafür kämpfen. Er braucht den unbedingten Willen es zu schaffen, aber auch ein paar Leute, denen er vertraut und die ihn zu 100 Prozent fördern. Er sollte die Unterstützung der Verbände und der Sponsoren nutzen, aber er muss auch seinen eigenen Weg gehen. Letzte Frage, surfst du noch? Natürlich! Immer wenn ich Zeit habe, geht’s ab an den Gardasee. Nur leider viel zu selten. STECKBRIEFGeburtsjahr: 31.3.1968 Wohnort: Blaichach am Alpsee, dann Lindau am Bodensee, jetzt München Größte Erfolge: Viermaliger Gewinner beim Engadin surf Marathon, Olympiateilnhmer 1992 in Barcelona auf Lechner Div. II, 3. Platz EM 1989 und 1992 Lechner Beruf: Dipl.-Betriebswirt FH

Interview: Alois Mühlegger, Fotos: Verena Mühlegger


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