Was macht Jonas Schmidt?

 • Publiziert vor 10 Jahren

Im Juli 2010 hat Jonas seinen 29. Geburtstag gefeiert - im Rollstuhl. Noch vor gut drei Jahren war Jonas-Jessyn Schmidt ein sehr talentierter Windsurfer auf dem Sprung ins Profileben. Doch dann riss ihn ein Unfall beim Reckturnen an der Uni aus allen Träumen.

Jonas mit seiner Freundin Anna bei der Vorbereitung zum Autofahren

Er war einer der besten deutschen Windsurfer, doch vor drei Jahren stürzte Jonas Jessyn Schmidt bei einer Turnübung vom Reck. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Im surf-Interview spricht der sympathische Kieler über die Zeit nach dem Unfall, sein neues Leben im Musikbusiness und erklärt, warum er dem Unfall heute sogar positive Seiten abgewinnen kann. 

surf: Jonas, dein Unfall ist nun ziemlich genau drei Jahre her. Was ist damals genau passiert und wie geht es dir heute?

Jonas: Der Unfall passierte bei der Vorbereitung für einen Turnkurs im Rahmen meines Sportstudiums. Wir turnten uns am Reck etwas warm. Bei einer Übung, bei der man unter dem Gerät durchschwingt, habe ich, warum auch immer, den Kontakt zur Stange verloren. als ich durch die Halle flog dachte ich noch: So schlimm wird es schon nicht werden. aber im Moment des Aufpralls merkte ich sofort, dass ich das Gefühl über meinen Körper verliere. Ich wurde sofort in die Kieler Uniklinik gebracht und acht Stunden operiert. Von da aus ging es weiter in eine Hamburger Spezialklinik. Die ersten Tage waren sehr schlimm. Ich hatte ungewöhnlich starke Schmerzen und habe fast eine Woche nicht geschlafen. Eigentlich fängt man nach der OP sofort mit der Reha an, doch es fühlte sich alles sehr instabil an. Deshalb ließ ich nicht locker, bis alles erneut untersucht wurde. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Metallplatte die meine Wirbelsäule zusammenhielt, gelöst hatte und auf dem Weg in Richtung Speiseröhre war. Ich wurde sofort notoperiert und hatte großes Glück, doch ab diesem Moment ging es stetig aufwärts.

Was heißt “aufwärts”? Wie verlief die lange Zeit der Reha in Hamburg?

In gewisser Weise ist eine derartige, spezielle Einrichtung ein geschützter Bereich, in dem man sich langsam auf das Leben “da draußen” vorbereiten kann. Man lernt, sich im Rollstuhl bestmöglich zurechtzufinden und trifft viele Leute, denen es genauso geht. Ich verbrachte sehr viel Zeit mit Reha-Maßnahmen und für die Freizeitgestaltung hat die Klinik ein eigenes Team, welches Kino- und Konzertbesuche für uns organisierte. Als Highlight besuchten wir sogar ein Konzert der Red Hot Chili Peppers in Hamburg.

Jonas kurz vor seinem Unfall bei einem Trip zu den besten Spots in Chile.

Wie schwer fiel dir der Schritt raus aus der Klinik?

Generell wird es immer schwieriger je länger man sich in dieser Klinik befindet. Für viele ist der Schritt, raus aus dieser Schutzzone rein in den Alltag, tatsächlich das größere Problem. Deshalb habe ich die Folgemonate bei meinem Vater in Niedersachsen verbracht und versucht, zusammen mit meiner Freundin Anna, eine Behinderten gerechte Wohnung in Kiel zu finden.

Hast du das Gefühl, dass die Reha-Maßnahmen erfolgreich sind?

Besonders während der ersten Wochen nach dem Unfall habe ich extrem viel Substanz verloren. Durch die regelmäßige Physiotherapie sind einige Funktionen langsam zurückgekommen. Direkt nach dem Unfall konnte ich zum Beispiel meine Arme nicht über den Kopf strecken. Heute geht das schon wieder. Das regelmäßige Training hilft, wieder kräftiger und geschickter zu werden.

Hattest du Unterstützung von der Universität Kiel? Schließlich handelte es sich doch um einen Arbeitsunfall im rahmen deines Sportstudiums, oder?

Was Besuche oder direkte Hilfe von offizieller Seite angeht, hat sich recht wenig getan. Im Prinzip hatte ich aber noch Glück im Unglück, dass es an der Universität passiert ist. Somit zählt es als Berufsunfall und ich bin finanziell abgesichert. Ich habe ein gutes Pflegeteam und seit einiger Zeit sogar ein Behinderten gerechtes Fahrzeug, mit dem ich selbstständig zur Therapie oder zu Konzerten fahren kann.

War es für dich eine Option noch fertig zu studieren?

Nicht wirklich. Rein rechtlich hätte es mir die Universität ermöglichen müssen mein Studium zu beenden, aber ich konnte es mir einfach nicht vorstellen als Sportlehrer im Rollstuhl zu sitzen. Deshalb habe ich damit schnell abgeschlossen.

Du hast dich vor kurzem selbstständig gemacht und bist jetzt mit deiner Firma “YesBaby” im Musikgeschäft aktiv. Erzähl uns was du machst und wie es dazu kam.

Als ich im letzten Herbst zu Besuch beim Worldcup Sylt war, fragten einige Freunde aus Kiel, ob ich nicht Lust hätte, mich um die organisatorischen Dinge ihrer Band “Lydecker” zu kümmern. als ihre Pläne konkreter wurden, habe ich begonnen mich in die Materie einzuarbeiten und kümmere mich jetzt um deren Buchungen, auftritte, Festivalteilnahmen und die ganze organisation. Seit einiger Zeit ist auch meine Homepage www.yesbaby.biz online. Derzeit bin ich noch in einer Einarbeitungsphase, der Plan ist aber, in Zukunft noch weitere Bands zu betreuen und irgendwann damit auch Geld zu verdienen. Ein paar Tage nachdem die Seite online war, haben bereits erste Bands angefragt.

Welche Art Bands dürften bei dir anklopfen?

Auf jeden Fall junge Rock- oder alternative- Bands. Allerdings habe ich nicht geplant, gleich eine Vielzahl von Bands zu managen. Die Sache soll langsam wachsen, dafür aber professionell laufen. Ich möchte nicht gleich zehn Bands betreuen, von denen ich niemand persönlich kenne und um die ich mich nicht richtig kümmern kann. Ich bin gerade dabei, meinen Lebensrhythmus etwas umzustellen, denn einen Großteil meiner Zeit benötige ich noch für die alltäglichen Dinge des Lebens. Aufstehen, Duschen, Anziehen und ins Auto transferieren dauert mitunter Stunden.

Bis zehn Tage vor deinem Unfall warst du noch mit Freunden auf einem Surftrip in Chile, du warst auf dem Sprung in den PWA-Worldcup und auf Anhieb Siebter in deinem ersten Jahr auf der European Freestyle Pro Tour (EFPT). Willst du heute überhaupt noch übers Surfen reden oder tut es dir in der Seele weh?

Es ist richtig, Surfen war für mich extrem wichtig. Umso mehr hat es mich erstaunt, wie schnell ich mich damit abgefunden habe, nie wieder surfen zu können. Ich habe mich sehr früh damit auseinandergesetzt. Im Krankenhaus habe ich damals unseren Chile-Reisebericht für das surf Magazin fertiggestellt und im Prinzip war das Thema Windsurfen für mich einige Tage nach der Diagnose abgehakt. Natürlich denke ich manchmal, wenn sich draußen die Bäume biegen, was es für ein Spaß wäre, mal wieder einen fetten Backloop rauszuzwirbeln. Rückblickend glaube ich sogar, dass es für meine Freundin und die Familie schwerer war als für mich selbst. Doch durch den Unfall hat sich mein Blickwinkel auf die Welt und auch auf das Surfen verändert.

Inwiefern?

Ich war damals extrem aufs Surfen fokussiert und in gewisser Weise gefangen in dieser Szene. Im Grunde war ich dadurch mitunter egoistisch und selbstbezogen. Alles drehte sich nur um mich und mein Surfen, um Windvorhersagen, Events und wohin der nächste Surftrip geht. Ich wollte mich nie auf etwas festlegen lassen, um bloß nichts zu verpassen. Dadurch hätte ich mir auf Dauer sicher viel kaputtgemacht. Ich könnte mir vorstellen, dass ich, wäre der Unfall nicht passiert, heute nicht mehr mit meiner langjährigen Freundin Anna zusammen wäre. Insofern hatte der Unfall auch positive Seiten, das habe ich relativ schnell gemerkt. Diese Erkenntnis war für mich sehr wichtig.

Verfolgst du noch, was sich im Windsurfen so tut?

Auf jeden Fall! auch wenn ich selbst nicht mehr dabei sein kann, kenne ich doch viele Fahrer noch persönlich aus meiner aktiven Zeit. Deswegen fahre ich auch gerne zum Worldcup nach Sylt, um ein paar Leute wiederzutreffen. auch einige Bandmitglieder von Lydecker sind leidenschaftliche Windsurfer. Davon abgesehen, dass Windsurfen immer erst dann interessant wird wenn es kein normaler Mensch mehr am Strand aushält, ist es für mich nach wie vor eine der attraktivsten Sportarten.

(Die Red.: Das gesamte surf Magazin wünscht Jonas weiterhin gute Besserung und alles Gute für die neuen Aufgaben).

 

 

 

 

 

 

Themen: Jonas Schmidt


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