Wer ist Mathias Genkel?

  • Tilo Eber
 • Publiziert vor 10 Jahren

Reisen bildet – sagte schon der alte Goethe und tourte quer durch Europa. Mathias Genkel aus Parchim, unweit vom Plauer See, lernt auf seinen Trips durch Europa gleich zweifach – für sein Studium an der Uni Rostock und die neuesten Moves auf dem Board.

Sieben Monate Auslandssemester in Südfrankreich und seine Folgen: Mathias Freestyle- und Sprachniveau bekamen internationale Klasse.

Die Frühjahrsstürme in Irland abfangen, im Sommer bei konstanten Meltemi-Winden auf Kreta aufwärmen, herbstlichen Westwinden zwischen Rostock und Rügen hinterher jagen, die Winterwochen in Kapstadt zum Sommer machen und das Ganze mit einem weiteren Langzeitaufenthalt an der Mistral-Einflugsschneise Südfrankreichs, der Côte d’Azur abrunden. Was wie der Traum eines jeden Windsurfers klingt, sind die groben Etappen aus Mathias Genkels Leben der letzten zwei Jahre.

Es soll Leute geben, die Mathias deswegen als Bummelstudenten oder Dauerurlauber bezeichnen. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar, dass Neid und Missgunst hier völlig fehl am Platz sind (wobei ich zugebe, dass dies vom kalten Deutschland aus beim Anblick seiner unverschämt gelungenen Reiseberichte und Videos nicht leichtfällt). Denn der Blondschopf aus Parchim hat weder sechs Richtige angekreuzt noch jemals ein Gutscheinheft von Lufthansa gefunden. Er ist einfach nur jemand, der sein Leben offen und mutig, zugleich aber sehr zielstrebig und gewissenhaft, in die Hand nimmt. Das Ergebnis kann sich auf dem Wasser und an Land sehen lassen. In seinem Studium steuert er mit einer leichten Verspätung, auf die die Deutsche Bahn nur stolz sein könnte, auf seinen Beruf als Gymnasiallehrer zu. Mit einem dritten Platz bei einem Freestyle- Contest im französischen Le Brusc verwies er starke Locals auf die Plätze, und ein vierter Platz bei einem irischen Wave-Event in der Brandon Bay zeigt seine Wellentauglichkeit. Auf seiner Homepage www.rock-n-rohwurst.de kann man sich ein Bild von seinem Fahrkönnen machen, besonders das Südfrankreich-Video ist aufwändig bearbeitet und sehenswert.

Alles begann mit einem Kinderrigg im Alter von acht Jahren auf dem Plauer See im Herzen Mecklenburg-Vorpommerns. Hätte sein Vater gewusst, dass dieser erste Kontakt mit der Sportart das Leben seines Sohnes so prägen sollte, vielleicht hätte er ihm doch lieber ein ferngesteuertes Auto geschenkt und Mathias würde heute an Alufelgen, Spoiler und Auspuffanlage rumbasteln. Stattdessen überredete er seine Eltern, lieber zu Jugendwindsurf-Regatten wie der guten alten Super 8 zu fahren oder ein Wochenende am Salzhaff zu verbringen. Mit dem Erwerb des Motorrad-Führerscheins im Alter von 16 Jahren konnte er später dann auch nach der Schule an den See fahren und musste nicht immer seinen Opa oder seine Eltern erweichen. Die langen Winterpausen wurden mit Surfvideos, wie RIP von Robby Naish oder Cool Moves mit Josh Stone, überbrückt.

Nach dem Abitur wurde Mathias zur Bundeswehr eingezogen. Mit etwas Glück schickte man ihn aber nach Sylt und er kam auch dort regelmäßig aufs Wasser. Mit dem Ausweis der Bundeswehr konnte man auf den meisten Parkplätzen umsonst parken und selbst der Eintritt ins Naturschutzgebiet am Ellenbogen, wo sich ein guter Freestylespot befindet, entfiel.

Die Zeit zwischen Wehrdienst und Studiumbeginn überbrückte Mathias mit einer ersten Reise nach Irland. Fasziniert von dem Land, seinen Einwohnern und den Bedingungen auf dem Wasser, schwor er “Mein größter Erfolg ist, eine sehr verständnisvolle und liebe Freundin gefunden zu haben und mein Leben so organisieren zu können, dass ich viel zum Windsurfen und Reisen komme, ohne mein Studium zu vernachlässigen” sich, dort wieder hinzukommen.

Darauf schrieb er sich mit der Fächerkombination Englisch, Französisch und Deutsch ein, ein nicht gerade leichtes Studium an der Universität Rostock. In den beiden Fremdsprachen ist jeweils ein Semester im landessprachlichen Ausland vorgeschrieben. Mathias verbrachte zugunsten seiner Englisch-, aber auch Waveriding-Kenntnisse gleich zwei Semester in Irland. Dort legte er sich alle Veranstaltungen so auf die zentralen Wochentage, dass er der Universität in Cork für ein verlängertes Wochenende in der Brandon Bay den Rücken zudrehen konnte. Da das Verhältnis Brandon Bay:Cork im Bezug auf die Wochentage am Ende eher zu 4:3 tendierte, verlegte er seine dauerhafte Bleibe gleich in die bekannte Windsurf-Bucht und überbrückte die Tage in der Universitätsstadt in seinem gut ausgebauten Ford Transit. Doch offensichtlich gibt es auch in Irland genug windlose Tage, denn Mathias bestand nicht nur alle nötigen Scheine, sondern erwarb nebenbei auch noch einen Sprachnachweis in Altgriechisch, Gälisch und vor allem die Sympathie der, wie mir schien, eher verschlossenen irischen Locals.

Bei seinem siebenmonatigen Aufenhalt in der Nähe von Marseille, wo er sein französisches Vokabular verbesserte, aber auch täglich in einer Grundschule Kindern Deutschstunden erteilte, ließ ich mir ebenfalls einen Besuch nicht nehmen. Und wieder durfte ich feststellen, dass Mathias es durch seine Leidenschaft fürs Windsurfen nicht nur geschafft hat, sich hervorragende Surfbedingungen vor die Haustüre zu holen, sondern durch seine aufgeschlossene Art auch ein angenehmer Gast in einem fremden Land zu sein. Ich schätze, wenn dem 24-jährigen Deutschen ein etwa 75-jähriger Franzose in einem abgelegenen Dorf minutenlang beim Aufriggen seines Segels zusieht, sich mit ihm unterhält, und grinsend die ihm noch aus dem Zweiten Weltkrieg bekannten Worte “Achtung” oder “Papier” hervorholt, ist das erreicht, was in den Broschüren von Austauschorganisationen trocken mit “Knüpfung interkultureller Kontakte” bezeichnet ist.

STECKBRIEF

Geburtsdatum: 9.10.1984

Lebt in: Rostock

Sponsoren: Roberto Ricci Design, Maui Fin Company, NPX

Lieblingsmusik: Elektronisch

Größter Erfolg: 4. IWA Irland Brandon Bay 2008; 3. Freestyle National Windsurf Expression Frankreich 2009; 4. German Freestyle Battle 2010

Lieblingsreviere: Irlands Westküste, Beauduc und Les Renaires (Frankreich), Elandsbaii (Südafrika), Saaler Bodden und Kühlungsborn (Deutschland)

Mathias Genkel: „Mein größter Erfolg ist, eine sehr verständnisvolle und liebe Freundin gefunden zu haben und mein Leben so organisieren zu können, dass ich viel zum Windsurfen und Reisen komme, ohne mein Studium zu vernachlässigen.“

 

Themen: Mathias Genkel


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