Redaktion

Ägypten: El Nabaa

  • Dirk Herpel
20.07.2016

Lange war das Rote Meer ganz oben auf der Wunschliste vieler Windsurfer. Dann kam die ägyptische Revolution. Nun, vier Jahre danach erinnert man sich wieder an die Strände am Roten Meer. Für alle, die mehr Lust auf Welle und Natur haben als auf Chop und Party in Hurghada, hier ein heißer Tipp: El Nabaa im Süden von Ägypten.

Die Surf-Station wurde komplett neu aufgebaut.

"Möchtest du mal einen unserer speziellen Tommy Smoothies probieren?" Wenn der Chef himself so fragt, bleibt nur eine Antwort: "Gerne, bestimmt genau das Richtige um den Salzgeschmack im Mund loszuwerden!" Nach zwei Stunden Slalomheizen klebt meine Zunge am Gaumen und meine Arme sind lang. Ist schon eine Weile her, dass  ich das letzte Mal mit einem 6,8er-Segel und einem Slalombrett auf dem Wasser war. Als Nordlicht ist man, was Wind und Welle angeht, ja recht verwöhnt. Ist aber auch schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal mit Lycra und Shorts windsurfen konnte.

Gerade ist das Lycra fast zu warm, und wenn ich eben richtig gesehen habe, sind in Luv von mir zwei ganz schön große Wasserschildkröten abgetaucht. Eine Seekuh soll es hier auch geben. Das glasklare Wasser vor der Station schimmert hellblau. Am gleichfarbigen Himmel ist weit und breit keine einzige Wolke zu finden. Im Moment vermisse ich mein kleines Material wirklich nicht. Im Gegenteil, hat richtig Spaß gemacht mal wieder mit modernem Slalommaterial über das Wasser zu zischen. Hier in El Nabaa, kurz hinter dem Riff, läuft dazu noch eine schöne Dünung, die man in Hurghada oft vermisst. Ganz klar, Ägypten hat nach wie vor genau das, wovon Windsurfer träumen: Warmes Wasser, beständigen Wind und Sonnengarantie.

In den letzten Jahren steigen die Touristenzahlen am Roten Meer langsam wieder. Damit gesunden auch Projekte, die 2011 zur Zeit der ägyptischen Revolution ins Stocken gerieten. Zum Beispiel der Ausbau des Hotels Equinox in El Nabaa, zu dem die neu eröffnete Station von Ägypten-Urgestein Tommy Friedl gehört. Im Januar 2014 übernahm es die belgische "Three Corners Gruppe", die einige Hotels in der Region betreibt, und machte das Hotel fit für eine Neueröffnung im November 2014. Christophe Lambrecht, einer der Geschäftsführer der Gruppe und selbst begeisterter Windsurfer, wollte natürlich auch die zugehörige Kite & Windsurf Station neu beleben. Da traf es sich gut, dass Tommy Friedl auch gerade auf der Suche nach einem neuen Standort war und die beiden sich schon lange kennen.

Lässige Stimmung ist bei Tommy und seinem Team immer garantiert.

Während ich zuschaue, wie schon die zehnte Zutat für meinen Shake in den Mixer wandert, möchte ich wissen, warum der Exil-Münchner sich gerade hier engagiert. Wäre doch viel leichter gewesen in Hurghada, wo er bestens vernetzt ist, einen neuen Standort zu eröffnen. Tommy: "Als ich mich über El Nabaa umhörte, erzählte man mir von tollen Wellen und gerade im Winter sehr beständigem Wind. Doch nach über 20 Jahren in Ägypten habe ich gelernt, nicht alles zu glauben, was einem erzählt wird. Ich wusste noch, dass Happy Surf, als das Hotel frisch eröffnet war, die Station aufgebaut hat. Aber so richtig in Fahrt kam das Projekt damals nicht. Als ich dann zum ersten Mal hier war, fiel die Entscheidung ganz schnell. Wind und Welle waren keine Fata Morgana, aber entscheidend für mich ist, dass es hier im Süden noch etwas gibt, was Hurghada nur noch begrenzt zu bieten hat: Ruhe und unberührte Natur."

Neuer Glanz – das Hotel Equinox in EL Nabaa wurde von Grund auf renoviert.

Die weitläufige Hotelanlage liegt großzügig um die Poollandschaft verteilt auf einer kleinen Anhöhe. Von dort aus kann man schon gut beim Frühstück checken, was der Wind einem heute auftischt. An die fragenden Blicke der Kellner, warum man denn unbedingt draußen sitzen möchte, wo man doch genauso gut im gut temperierten Restaurant bleiben könnte, gewöhnt man sich schnell. Wenn die wüssten, wie lange wir keinen blauen Himmel mehr gesehen haben, würden sie uns verrückte Urlauber schnell verstehen.

Das Frühstück lässt keine Wünsche offen. Pancake mit frischen Datteln und Honig sind übrigens sehr zu empfehlen. Um zur Surfstation zu kommen, geht man vom Frühstücksbereich einen kleinen Berg hi­nunter, vorbei an der obligatorischen Tauchstation. Dann kommt man zum Hotelstrand. Das Hausriff oder genauer gesagt, das "Kartoffel-Riff", keiner weiß genau woher der Name kommt, liegt in der Mitte der langgezogenen Bucht. Vorbei an den Liegen läuft man genau auf die Station zu. Der kleine Spaziergang (circa 500 Meter) lohnt sich. Zu oft möchte man aber auch nicht laufen, deshalb immer gut überlegen, was man am Tag alles braucht und Schlappen nicht vergessen – selbst morgens kann der Sand schon ordentlich heiß werden.

Das neue Material von JP-Australia und NeilPryde ist top gepflegt. 

Vor Tommys Station öffnet sich das Riff wieder, links von einem langen Steg und dem Kartoffel-Riff begrenzt. Rechts beginnt wieder der fast die gesamte Küste umschließende Riffgürtel. Etwa 300 Meter ist dieser Durchlass breit, groß genug um beim fast immer sideshore von links kommenden Wind problemlos rein und raus zu kommen. Sollte man dem Riff in Lee doch mal zu nahe kommen, ist das auch kein Problem. Ein kleines Schlauchboot liegt startbereit am Strand. Tommys Crew zieht einen bei Bedarf schnell aus der Gefahrenzone.

Der Strand ist hier überall sandig und bei Ebbe können auch Anfänger problemlos den Beachstart üben. Gerade unterrichtet Ahmed zwei Jungs aus Nürnberg, die sich ganz ordentlich anstellen. Wenn der Swell draußen größer wird kann es bei Flut manchmal einen kleinen Shorebreak geben. Würde mich freuen, wenn es heute auch so wird.  Ein paar schöne Wellen wären ganz nach meinem Geschmack. Einen kleinen Vorgeschmack des Windswells habe ich ja heute Morgen schon mit dem Slalommaterial bekommen. Normalerweise beginnt der Wind morgens, baut sich bis zum Nachmittag auf und nimmt dann recht schnell wieder ab. Mit dem gehaltvollen Smoothy im Bauch mache ich erst mal Pause. Der perfekte Platz dafür baumelt vor mir. Rein in die Hängematte und nur mal kurz die Augen schließen.

Das Revier von El Nabaa bietet gute Aufsteigerbedingungen, aber auch eine kleine Welle zum Springen.

"Jetzt sollte es mit 5,7er gehen!" Genau der richtige Satz, um mich wieder zu wecken. Muss wohl kurz eingenickt sein. Ich pick mir aus den im Schatten wartenden 50 neuen JP-Boards einen 93er-Freestyle Wave raus. Dazu ein gerade ausgepacktes, ultra poppiges Combat, und schon bin ich auf dem Wasser nicht mehr zu übersehen. Der Wind reicht und auch die Wellen sind etwas größer geworden. Wenn man sich an das Kartoffelriff ganz nah ranpirscht, erwischt man auch mal eine gute Dünungswelle für ein, zwei Turns. Da die Wellen genau mit dem Wind kommen, muss man zum Springen, zumindest mit 5,7, darauf lauern einen Querläufer zu erwischen, um eine schöne Rampe zu bekommen. Macht auf jeden Fall Spaß und dank des warmen Wassers probiert man auch mal wieder Manöver aus, die man lange nicht gemacht hat, Wenden zum Beispiel. Jetzt weiß ich was Freestyle-Wave bedeutet... zumindest für Old-Schooler wie mich.

Nach einer Stunde wird der Wind löchriger. Mir reicht es auch für heute. Schließlich kann man es an der Station mit schattiger Beachbar, kleiner Küche, gemütlichen Liegesäcken, Hängematten, Dschungeldusche, neuer WC-Anlage und einem kleinen Büro auch gut aushalten. Als die Flut am späten Nachmittag ihren Höhepunkt erreicht, wartet eine schöne Überraschung auf mich. Saubere, hüfthohe Wellen laufen in die Bucht oberhalb des Kartoffelriffs. Ich schnapp mir das kleinste SUP-Board, das Tommy auf Lager hat – ein 9’6’’er Inflatable. Auch wenn die Finne brummt und das dicke Heck im Turn nur widerwillig dreht, ein paar Wellen, die ich so am Roten Meer nicht vermutet hätte, schnappe ich mir noch vor dem Abendessen. Dass einige Abgänge im Shorebreack enden, macht nichts. Die Welle bricht hier über Sand. Und ob ihr’s glauben wollt oder nicht, die Seekuh hat sich eben auch noch kurz blicken lassen. Glückwunsch Tommy, hier kann man seinen Spaß haben und ich bin heute eh viel zu müde, um noch irgendwo Party zu machen. Da setze ich mich lieber nach dem Abendessen noch raus und genieße den Himmel. Schließlich ist man dem nirgendwo so nah wie in der Wüste.

Die Station ist aufgeräumt, das Material wird übersichtlich präsentiert.

INFOS Der Spot El Nabaa liegt 250 Kilometer südlich von Hurghada und rund 30 Kilometer südlich vom internationalen Flughafen von Marsa Alam, der zum Beispiel von Air Berlin von einigen deutschen Flughäfen direkt angeflogen wird. Die Flugzeit beträgt etwa 4,5 Stunden. Eine Woche Flug und Unterkunft mit Verpflegung bietet Sun and Fun Sportreisen zum Beispiel im März ab etwa 700 Euro an. Der Surfpool kostet pro Woche 290 Euro. Ein individuelles Angebot bekommt ihr unter www.sunandfun.de

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