Redaktion

Afrika: 4 Worldcupper auf Spotsuche in Namibia

  • Thomas Traversa
08.11.2019

An Namibias Skeleton Bay liegt ein sagenumwobener Spot mit einer schier endlosen Welle. Leon Jamaer, Flo Jung, Camille Juban und Thomas Traversa nahmen sich vor, als erste Windsurfer mit ihren Finnen diese Welle zu filetieren.

Es beginnt immer mit einem Blick aufs Meer. Es sind seine Bewegungen, die es in unseren Augen definiert – seine Welle, der Klang seiner Atmung, die Farbe, die Steine, die es überspült und der Sand, den es unermüdlich aufsaugt und wieder ausspuckt. Wir müssen nur auf seine Oberfläche schauen, um die Stärke und die Richtung des Windes zu lesen und zu entscheiden, mit welchem Brett und Segel wir ins Wasser steigen müssen, um glücklich zu werden. Der Zuschauer verlässt die scheinbare Unbeweglichkeit des Erdbodens, um zum Akteur in einem riesigen, lebendigen Spektakel zu werden. Wenn Feuer hypnotisiert, dann fasziniert das Meer, zieht an, erschreckt und provoziert.

Wo das Meer auf den Strand trifft, da konzentriert sich seine Energie zu einem letzten Angriff auf das träge Ufer. Eine Welle bäumt sich auf und verschwindet sogleich wieder – gefolgt von der nächsten und der übernächsten. Wellen sind der fortwährende Ausdruck der ständigen Bewegung des Meeres. Es gibt Orte, an denen diese Bewegung, wenn alles zusammen- passt, Wellen formt, die wir reiten, zähmen oder herausfordern können. Die Form und die Regelmäßigkeit der Wellen machen diese Orte zu „Spots“.

Die Skeleton Bay in Namibia ist so ein Spot und einer der unglaublichsten Orte für Surfer und Wellenliebhaber im Allgemeinen. Wer die Videos und Fotos dieser perfekten und endlosen Linien betrachtet, versteht, dass an diesem Küstenabschnitt ein schier übernatürliches Phänomen Realität wird. Mehr als zwei Kilometer lang brechen die Wellen nur wenige Meter vom Strand entfernt mit einer Regelmäßigkeit und Perfektion, die sich kein gesunder Geist vorstellen kann. Buchstäblich eine Traumwelle.

Ich konnte nie sagen, ob sich Träume verwirklichen lassen oder nicht. In diesem Fall führt der Weg zur Erfüllung seines Traumes übers Internet. Wo dieser Spot genau liegt, ist ein Geheimnis derer, die dort waren. Aber wenn man sich die Fotos und Videos anschaut, die möglichen Windverhältnisse beobachtet, den Küstenverlauf und die Details in Luftaufnahmen betrachtet und alle Informationen zusammenträgt, dann kann man die richtigen Schlüsse ziehen über den Standort dieser mysteriösen Wellen. Dann heißt es Warten – auf das richtige Wetterfenster und die perfekte Wind- und Swellvorhersage.

Ein motivierter Fotograf, zwei fleißige Kameraleute und vier enthusiastische Fahrer, die die Chance ergreifen wollten, diesen Spot als erste Windsurfer zu erobern, waren schnell gefunden. Die Flüge wurden gebucht, die Mietwagen reserviert und die Unterkünfte klargemacht, doch der Zweifel blieb.

Surfing in the sunset - ein Traum...

Einige Tage später landeten wir in Windhoek, alles ist trocken um uns he­rum, wir sehen nur Steine, viel Sand und nicht einmal die Sträucher sind grün. Einen halben Tag lang fahren wir westwärts, umgeben von Staub, manchmal durch ein verschlafenes Dorf, bis wir die Dünen erreichen, an deren Spitzen der Sand zu fliegen beginnt. Endlich etwas, das sich zu bewegen scheint.

Vier Tage hintereinander frischte der Wind am späten Vormittag viel stärker auf als wir erwartet hatten. Vom ersehnten Swell allerdings keine Spur und trotzdem konnten wir viele kleine Wellen bis zum Sonnenuntergang abreiten. Die zahlreichen Locals schienen von unserer Anwesenheit nicht gestört zu werden. Sie spielten weiter ein paar Meter vom Strand entfernt: Noch nie war ich mit so vielen Robben zusammen auf dem Wasser. Auch am zweiten Tag feuerte der Wind aus allen Rohren, doch weiter ließ der Swell auf sich warten. Der Sand strömte, wie von einem Fluss getragen, in den Ozean und verklebte unsere Augen. Trotz allem kehren Flo und Leon erst vom Wasser zurück als die Sonne schon hinterm Horizont verschwand. Leon war bei seinem fünften oder sechsten Turn auf der Welle plötzlich einer Robbe mit weit aufgesperrtem Maul entgegengesprungen. Sie wurde unter Leons Rigg, das auf der Wasseroberfläche zerschellte, begraben. Auf dem Rückweg in die Lodge war es bereits dunkel, der Wind hatte unsere Spuren im Sand längst zugeweht und wir wussten nicht recht, wohin wir fuhren – war diese Reise wirklich eine gute Idee?

Wir Windsurfer sind ja irgendwie wie Zugvögel – wir sammeln uns je nach Jahreszeit an verschiedenen Orten des Planeten, zu denen wir regelmäßig zurückkehren, um in einer Gemeinschaft aus Locals und Touristen die guten Bedingungen zu genießen. In der Skeleton Bay findest du keinen anderen Windsurfer bis zum Horizont, keinen Baum, der Schatten spendet, keinen Unterschlupf, um sich auszuruhen, weder Parkplätze noch ein Stück Rasen – nur Sand soweit das Auge reicht, außer Robben und ein paar Schakalen kein Leben in der Nähe.

Es gibt immer einen Parkplatz...

Am dritten Tag änderte sich das Bild. Es standen bereits morgens plötzlich viele Autos mit Wellenreitern am Strand: Die Wellen waren da! Wir hatten endlich vor uns, wofür wir gekommen sind – die Wellen sahen exakt so aus wie in den Videos, einfach perfekt. Mit dem zunehmenden Wind wurden auch die Wellen noch höher und unserer Spannung stieg. Das waren die Bedingungen, von denen wir geträumt hatten. Wir surften bis zum Sonnenuntergang, wollten so viele Wellen wie möglich erwischen, denn wir wussten nicht, ob sie morgen noch da sind. Doch die Wellen sind so lang und die Ritte so intensiv, dass wir regelmäßig Pausen einschieben mussten. Es war wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich diese perfekten Linien, die sich aus dem Ozean schälen, genauso gerne von Land aus betrachtete wie sie abzureiten. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Anspannung wich einer gewissen Ruhe, jeder erlebte diesen einzigartigen Tag auf seine ganz eigene Art und Weise.

Tag vier sah uns wieder alleine am Strand. Der Swell hatte nachgelassen, doch der Anblick des Ozeans war weiterhin wunderschön. Die Wellen brachen noch kopfhoch und der Wind hatte etwas nachgelassen, wir alle hatten ein breites Grinsen im Gesicht und Flo fasste zusammen, was wir alle dachten: „So muss das Windsurf-Paradies aussehen!“ Wieder nutzten wir jeden Funken des Tageslichtes aus und Leon gelang es, zwei Minuten und 45 Sekunden auf einer einzigen Welle einen Turn nach dem anderen zu zirkeln. Flo landete super saubere Goiter und Camille und ich genossen den leichteren Wind. Pierre war mit uns im Wasser, um alles mit der Kamera festzuhalten, die Robben teilten sich mit uns die Wellen, alle waren glücklich. Der Sand flog sanft über den Strand, alles schien in der Balance zu sein – Meer, Robben, Windsurfer und ein super kitschiger Sonnenuntergang, der die Party beendete.

Keine Postkartenromantik: ein goldener Tag geht zu Ende...

Tags darauf hüllte dichter Nebel die Küste in ein undurchdringliches Grau und der Swell hatte sich endgültig nach Norden verkrümelt. Zeit, noch einen wohlverdienten Ruhetag in der Lodge zu genießen. Leon fand ein altes, südafrikanischens Surfmagazin, in dem die Geschichte des einzigartigen Spots beschrieben war, seine Entdeckung, seine Funktionsweise, seine Vergangenheit und seine Zukunft. Denn auf den Bildern konnten wir sehen, wie sehr Wind, Wellen und Sand die Küste in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Und das machte uns klar, dass wir nicht sicher sein können, dass dieser Spot in fünf Jahren noch so in seiner Perfektion besteht. Und dann stießen wir auf eine schockierende Information: Bereits in den 1980er-Jahren war eine Gruppe von namibischen Diamantentauchern mit ihren Windsurfern an unserem Spot gesurft. So verpuffte zumindest unsere Illusion der Erstbesurfung – ein Juwel haben wir trotzdem gefunden.


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 11-12/2018 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .

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