Redaktion

Schottland: Surf-Abenteuer Hebriden

  • Leon Jamaer
21.11.2019

Seit dem ersten Ausflug mit dem Kinderfahrrad ins Nachbardorf ist Leon Jamaer mit dem Entdeckervirus infiziert. Je älter er wurde, desto größer wurde sein Aktionsradius. Heute sind für ihn als Windsurf-Profi auch die entlegendsten Spots keine Wunschträume mehr. Doch die Freiheit, einfach mit dem Van loszuziehen und neue Welten zu entdecken, ist durch nichts zu überbieten – diesmal zog es ihn auf die Äußeren Hebriden. Ein Plädoyer dafür, immer wieder Neues zu wagen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mein erstes eigenes Fahrrad zum Geburtstag geschenkt bekam. Am nächsten Tag stand ich früh auf und bin eine ausgiebige Runde durch den Wald und um den See he­rumgefahren. Meine Eltern waren ein wenig besorgt, da sie nicht wussten wo ich hin war, und etwas sauer, als ich erst nach dem Frühstück zurückkam. Doch nun konnte ich überall dorthin fahren, wo ich hin wollte und erweiterte somit meinen Bewegungsspielraum – auch wenn mein Horizont damals nicht mehr als ein paar Nachbardörfer und die Grundschule umfasste. Trotzdem war ich seit diesem Moment ein gutes Stück weit unabhängiger. Das Fahrrad wurde zum täglichen Begleiter und dafür genutzt Freunde zu besuchen oder zur Schule zu fahren. In wenigen Minuten war ich mit dem Rad am nächsten Bahnhof und konnte von dort in die Stadt reisen oder sogar an die Nordsee nach Sylt. Da ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kiel aufwuchs, war mir die Perspektive auf uneingeschränkte Mobilität sehr wichtig

Als meine Brüder, Daniel und Henrik, und ich mit dem Windsurfen anfingen, war ich etwa elf Jahre alt. Das Fahrrad wurde schlagartig unbrauchbar, da selbst der nächste Strand noch zu weit weg war und das Windsurfmaterial zu sperrig fürs Rad. Daher wurde der Bus von meinem älteren Bruder schnell zum Objekt der Begierde. Häufig wartete dieser am Freitag mit laufendem Motor vor dem Schulgebäude. Von dort ging es direkt nach Klitmøller, wo wir uns das ganze Wochenende lang in der Nordsee austobten. Todmüde im Unterricht und mit vom Neoprenanzug aufgescheuertem Hals erntete ich am Montag skeptische Blicke von den Lehrern und Klassenkameraden. Meine Brüder und ich wollten aber auch andere Orte sehen. In den Schulferien fuhren wir an weiter entfernt gelegene Küsten. Angestachelt von Wind- und Wellen-Vorhersagen und mit dem Stormriders Guide Europe zur Navigation ging es nach Frankreich, Irland, England oder Norwegen. Manchmal endeten wir an regnerischen windlosen Tagen an irgendwelchen Stränden. Viel häufiger fanden wir aber wahre Juwelen zum Windsurfen in der Welle.

Wild, wilder, Hebriden

Das surf-Magazin hat mich weiter motiviert, mich rauszubewegen und die Welt zu entdecken. Auch wenn jeder Artikel absorbiert wurde, egal ob Trapez-Test oder One-Design-Rennen, waren es vor allem die Geschichten von fremden Ländern und einsamen Wellen, die mich inspirierten. Riesige Wellen vor Hawaii und Bilder von Kauli Seadi in perfekten Wellen auf den Kapverdischen Inseln oder Indonesien beeindruckten mich nachhaltig. Die DVD „Plug ’N’ Play“ zeigte Peter Volwater, Scott McKercher und den 17-jährigen Thomas Traversa in gigantischen, mystisch wirkenden Wellen vor Cocos Island irgendwo im Indischen Ozean. In dem Film „Greenie“ porträtierten die irischen Mullen-Brüder Windsurfen in ihrem Heimatland – was für ein unglaubliches Potenzial dort zu sehen war!

Im Juli 2009 habe ich mein Abitur gemacht. Die Sommermonate im Anschluss verbrachte ich auf Sylt. Als Surf- und Segellehrer verdiente ich etwas Geld und kaufte mir im September ein Flugticket nach Brisbane. In Australien, auf der ständigen Suche nach neuen Routen und Wellen, habe ich gelernt, eigenständig und ohne fremde Hilfe klar zu kommen. Ich kam auf den Geschmack des Lebens als reisender Surfer. Endlich war ich autonom und komplett unabhängig. Ich konnte mit meinem Van immer dort hinfahren und anschließend bleiben, wo ich wollte. Häufig landete ich auf diese Weise an den besten Spots der Region oder fand neue verlassene Spots.

Heutzutage, dank meiner Sponsoren, die mich als professionellen Athleten unterstützen, habe ich die Möglichkeit, neben den Reisen zu den Wettkämpfen der PWA-Tour, zu den atemberaubendsten Orten der Welt aufzubrechen. Auf dieser Reise folgte ich der Straße Richtung Norden.

Die Fähre verlässt den Hafen von Ullapool und das schottische Festland verschwindet am Horizont, während ich mich meinem finalen Reiseziel, den Äußeren Hebriden, nähere. Der Klang der schlotternden Schiffsmotoren erinnert mich an die vielen Surftrips zusammen mit meinen Brüdern. Ich freue mich darauf, die größte Insel von Schottland nun aber auf eigene Faust zu erkunden. Mein älterer Bruder Daniel, der vor einigen Jahren dieselbe Reiseroute wählte, erzählte mir von einem einzigartigen Windsurf-Spot. Die Bucht gleiche eher einem Schwimmbad und habe wenig mit dem rauen Atlantik gemein – abgesehen davon, dass hin und wieder eine perfekt laufende Welle den Weg in die tiefe Bucht mit klarem Wasser finden würde. Ansonsten hatte ich mich weniger informiert als gewöhnlich und wusste daher nicht, was der Rest der Insel Harris and Lewis bieten würde. Der Aufbruch ins Unbekannte stellt für mich sogar einen gewissen Reiz dar.

William Finnegan beschreibt in dem Buch „Barbarian Days“ auf spannende Art und Weise, wie er als reisender Surfer in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren die meisten Kontinente durchdrungen und an vielen Orten gelebt hat. Die Ungewissheit der vergangenen Jahrzehnte scheint vorüber zu sein. Mithilfe des Infoangebots des Internets kann man sich heutzutage über fast jeden Ort der Welt ausgiebig informieren. Nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl ein Abendteuer beginnt, als sich die Fähre im Hafen von Stornoway festmacht. Mein Plan ist, keinem festen Plan zu folgen, in meinem Mercedes-Bus zu hausen und einfach dort zu bleiben, wo ich es für richtig erachte. Ich will die Freiheit genießen, keinem festen Zeitplan folgen zu müssen. Da die Wetterlage prächtig aussieht, bin ich mir sicher, dass ich genug aufs Wasser kommen werde. Von Stornoway durchquere ich die Insel schnell und gelange an die noch deutlich wildere Westküste. Der Wind ist relativ schwach, aber auf dem Atlantik ist eine große Dünung zu erkennen. Ich fahre die Küste entlang, schaue mir verschiedene Spots an und versuche he­rauszufinden, welche Tidenstände und Swell-Größen ideal sind. Die Natur ist umwerfend schön und die Leute, mit denen ich ins Gespräch komme, sprechen wohlklingendes Scottish English. Hinter jeder Straßenkurve offenbaren sich neue Attraktionen. Der Geruch von verbranntem Torf, damit werden hier die meisten Häuser beheizt, lässt mich da­ran erinnern, dass ich weit von zu Hause entfernt bin.

Am nächsten Morgen stürmt es aus südlicher Richtung. Ich rigge das kleinstes Segel auf und versuche mein Glück ganz im Norden in Eoropie. Die Wellen sind gut über Logo hoch, brechen kraftvoll und relativ chaotisch. Ich genieße eine einsame Session in rauen Bedingungen. Die Kuh- und Schafsherden schauen mir von den Hügeln zu. Später fahre ich weiter nach Süden zum Ort Barvas. Wieder bin ich die einzige Person auf dem Wasser. Die Wasserfarbe ist seltsam dunkel, fast schwarz, und dennoch glasklar. Ich hatte gehört, dass erst vor Kurzem Orca-Wale in der Nähe gesichtet wurden. Beim Gedanken daran, die riesigen Kreaturen könnten direkt unter mir sein, wird mir etwas mulmig. Doch lediglich eine Robbe, die locker so groß ist wie ich, spielt heute mit den Wellen.

In den nächsten zehn Tagen entdecke ich den Rest von Lewis and Harris. Die Landschaft, an der ich vorbeikomme, wirkt häufig einsam, aber auch gewaltig beeindruckend. In einem Dorf auf der östlichen Seite von Harris treffe ich einen Mann, der mir genau beschreibt, wo im Fjord direkt hinter seinem Garten zum Fischen geeignete Riffe und Bänke liegen. Ich springe mit meiner Harpune ins kalte, aber klare Wasser. Obwohl es bewölkt ist und hin und wieder regnet, kann man die Unterwasserwelt deutlich erkennen. Am Ende schieße ich zwei kleine Dorsche, die später eine gute Vorspeise ergeben.

Leon auf Dorsch-Jagd

Alle Leute, die ich treffe, sind sehr freundlich, einladend und daran interessiert, was man denn hier tue. Bei verschiedenen Gelegenheiten wird mir eine Lachsräucherei oder eine Tweed-Manufaktur gezeigt, wo der berühmte Harris Tweed hergestellt wird.

Ich habe eine weitere gute Session in Barvas. Diesmal teile ich mir den Spot mit Wellenreitern und nicht dem sehr aktiven Marine-Leben von den Tagen zuvor. Ein Mann, dem die einzige Tankstelle und ein Laden im Umkreis gehören – hier werden sogar hochwertige Neoprenanzüge verkauft – ist zunächst etwas skeptisch. Er erklärt mir, dass vor wenigen Wochen Windsurfer rücksichtslos durchs Line-up gefahren sind und es teils zu gefährlichen Situationen gekommen ist. Ich bin erleichtert, als er mir später im Wasser zuruft wie stark Windsurfen aus der Fischperspektive aussehe. Zurück an Land zeigt er mir auf der Landkarte eine Welle, die auf dem offenen Meer zwischen zwei vorgelagerten Inseln bricht. Er sagt, sie sei zu groß zum Wellenreiten, aber wahrscheinlich perfekt zum Windsurfen. Die Reise ist fast vorbei und ich überlege bereits, wann ich die Gelegenheit haben werde, hierher zurückzukehren, um diese Big Wave zu entdecken.

Auch wenn es Momente gab, in denen das Campen kalt und ungemütlich war, so war es die richtige Entscheidung, in der V-Klasse zu hausen und auf eine feste Unterkunft zu verzichten. Auf diese Art und Weise verpasst man keine Minute und ist die ganze Zeit draußen in dieser einzigartigen Natur und ist dem sich ständig ändernden Wetter ausgesetzt. In meiner letzten Nacht kann ich kaum schlafen, da eine Sturmböe nach der anderen gegen das Auto hämmert. Ich träume davon, wie Steine vom Strand weggeweht werden und direkt in die Windschutzscheibe fliegen würden. Natürlich ist dem Auto nichts passiert, als ich am nächsten Morgen aufstehe. Ich befinde mich in Bragar, auch bekannt als der Schwimmbad-Spot. In den letzten Tagen bin ich an diesen Spot, von dem mein Bruder mir vorgeschwärmt hatte, immer wieder zurückgekehrt. Die Wellen waren jedoch nie groß genug gewesen und es lief nur eine kleine Miniatur-Welle in die Bucht hinein.

So sehen glückliche Surfer aus!

Nun, im schummrigen Morgenlicht, sieht es anders aus. Die Wellen brechen bereits weit draußen vor den Felsen, bauen sich erneut auf und laufen dann mit ziemlicher Perfektion entlang des inneren Riffs. Bei meiner ersten Session fahre ich ein 4,0er, bei der zweiten kann ich das 3,7er kaum noch halten. Dennoch bin ich überrascht, wie gut die Welle ihre Form behält und der Sturm auf der Welle kaum Chop hinterlässt.

Jamie Hancock, dessen Augen zu glänzen beginnen, wenn er von den Äußeren Hebriden erzählt. Adam Lewis und Ross Williams, die soeben vom Wettkampf auf der Nachbarinsel Tiree dazu gestoßen sind, leisten mir auf dem Wasser Gesellschaft. Es wird die perfekte Session, um den Trip zu beenden. Aufgrund des Sturms fahren keine Fähren mehr zurück zum Festland. Nach- dem ich den ganzen nächsten Tag am Fährkai verbringe, bekomme ich gegen Abend einen letzten Platz auf einer Frachtfähre zurück nach Ullapool. Anstatt die Aufregung der letzten Tage noch einmal zu durchleben, falle ich in der warmen Kabine zum gleichmäßigen Motorengeräusch der Fähre in einen tiefen Schlaf.


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 1-2/201 können Sie in der SURF App ( iTunes  und  Google Play ) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier .

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