Redaktion

Deutschland: Roadtrip Schweden - Ostsee

  • Klaas Voget
15.10.2014

13 Stunden Windsurfen in zwei Tagen bei eisigen Temperaturen auf der Ostsee – wenn zwei weit gereiste Windsurfprofis das freiwillig und mit wachsender Begeisterung machen, dann muss etwas besonderes passiert sein. Klaas Voget und Lars Gobisch hatten eine der besten Sessions des Jahres. Nicht irgendwo in der weiten Welt, sondern in Schweden.

Es gibt so ein paar Orte, die schwirren mir seit Jahren in meinem Kopf he­rum. Manche davon sind schwer zu erreichen und nur mit entsprechendem Budget und guter Planung zu meistern. Und selbst dann bleibt immer dieses gewisse Risiko, dass man dort am Ende doch nicht die erhofften Bedingungen findet. Es gibt aber auch ein paar Orte auf meiner Liste, die sind einfach mit dem Auto zu erreichen. Das Problem bei diesen Spots ist eher, dass sie so selten zu Hochform auflaufen.

Um richtig gute Wellen auf der Ostsee zu erwischen, dafür muss schon einiges stimmen. Für uns norddeutsche Windsurfer ist ein guter Tag in Weißenhaus schon ein echtes Highlight. In Weißenhaus brechen die Wellen einfach etwas druckvoller als an den meisten anderen Spots der norddeutschen Ostsee, allerdings braucht es ausreichend Nordwestwind, am besten in einem Bogen, so dass es in Weißenhaus mehr West als Nord hat und in der westlichen Ostsee mehr Nord als West. Diese Konstellation ist selten, aber wenn es passt, dann kann die Ostsee in diesem kurzen Anlauf von kaum mehr als 50 Kilometern beachtliche Wellen produzieren. Aufgrund der fehlenden Groundswells wird oft auch liebevoll von dem Ostsee gesprochen, da sich die überwiegende Anzahl der Tage doch eher im Bereich kniehoch bis "double over knee" abspielen. Schaut man sich die Karte einmal an, dann ist das kein großes Wunder. Hanstholm hat bei West-Nordwest fast 700 Kilometer Anlauf, Klitmøllers Muschelriff bei perfekter Richtung sogar bis zu 800. Bei entsprechender Windstärke können sich hier Wellen von guten sechs Metern auftürmen. Schaut man sich die Ostsee hingegen auf der Karte an, dann findet man höchstens auf Rügen bei entsprechender Richtung einen vergleichbaren Anlauf, allerdings fehlt ein gutes Riff oder eine gut geformte Sandbank, um die Wellen zu sortieren und in Form und Größe zu bringen. Bei uns geht das Ufer meist recht flach rein. Vor einigen Jahren war ich mit Freund und Fotograf Henning Nockel schon einmal auf einem Trip, um die Ostsee nach besseren Bedingungen zu erkunden, als man sie an unserer norddeutschen Küste findet. Auf einem Tipp eines dänischen Freundes landeten wir damals auf der Insel Møn und fanden einen Schatz. Ich war seither immer wieder dort.

Nach dem Surfen sprach ich bei einem dieser Trips abends mit einem Windsurfer aus Kopenhagen, der mir von einem Spot in Schweden erzählte, der seinen Angaben zufolge noch bessere Bedingungen liefern könnte. Noch am selben Abend fuhr ich über Kopenhagen und die Øresundbrücke nach Schweden, um dort am nächsten Morgen mit dem restlichen Nordostwind noch ein paar Wellen zu erwischen. Henning machte an diesem Morgen schon einige Fotos, doch wir waren uns einig, dass bei dieser Session mit 5,0er-Segel noch nicht das volle Potenzial dieses Reefbreaks ausgeschöpft wurde. Über lange Zeit hatten wir während unserer Sommermonate entweder keinen starken Nordostwind, oder ich war nicht im Lande, so dass die schwedische Ostküste für mich über Jahre in Vergessenheit geraten war. Bis zu einem sonnigen Tag im Mai.

Ich war seit ein paar Wochen in Hamburg, das Wetter war gut und der Wind schwach. Es war diese gewisse Zeit seit dem letzten guten Windsurftag, die einen nicht nur auf die Windguru-Bookmarks von Klitmøller, Rømø und Weißenhaus klicken lassen. Ich machte einen etwas großflächigeren Check der Farbkarten. Und da tauchte dieses leuchtende Rot auf. Großflächig über der gesamten Ostsee – starker Nordost für zwei ganze Tage. In Sekunden schalteten sich die Synapsen wieder zusammen und formten aus den vor Jahren gesammelten Erinnerungen von diesem Spot in Schweden eine Vorstellung, wie es da wohl unter diesem gegebenen Rot aussehen könnte. In meiner Erinnerung waren die Wellen dort damals so etwa einen Meter hoch, doch in meinem Kopf baute sich schon die Ich-Perspektive im Bottom Turn unter der masthohen Ostsee-Walze zusammen – natürlich mit anschließendem 360er und Tweaked Air. In doppelter Geschwindigkeit wurde die Umsatzsteuer-Voranmeldung, mit der ich gerade beschäftigt war, in die Tasten gehackt. Kaum hatte ich Elster-Online geschlossen, da klingelte auch schon eine Kieler Nummer auf meinem Handy. Wenn irgendwo in fahrbarer Entfernung Wind in den Vorhersagen auftaucht, dann dauert es nicht lange bis zur Telefon-Sprechstunde mit Dr. Lars Gobisch. Seine Frage bestand aus genau einem Wort: "Wohin?" Meine Antwort "Schweden" schien ihn zu verblüffen, jedoch nicht abzuschrecken. Da Lars ‚zufällig‘  ein paar Tage frei bekommen hatte und mitsamt Familie schon vor mir aufbrechen wollte, gab ich ihm noch detaillierte Strecken- und Ziel-Infos, die jedoch teilweise der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen. 

Am Abend sammelte ich Henning in Hamburg ein und wir machten uns auf den Weg nach Fehmarn. Von dort nahmen wir die Fähre nach Rødby und fuhren weiter über Kopenhagen und Malmö in Richtung der schwedischen Ostküste. Etwa eine halbe Stunde vor unserem Ziel parkten wir in einem Wald und legten uns hinten im Bus schlafen. Als wir aufwachten, befanden wir uns in unmittelbarer Nähe zum Wasser – in der sonnigen Lichtung eines Pinienwaldes. Der Wind wehte hier stark ablandig, die schützenden Bäume und die morgend­liche klare Mai-Sonne ließen uns jedoch in T-Shirts frühstücken. Das sollte dann aber der letzte Hauch von sommerlichen Temperaturen sein auf dieser Reise. Wir steuerten die letzten Kilometer zum Spot an, der hinter einer kleinen Halbinsel liegt, über die der Nordostwind fast ungebremst hinweg pfeift. Die ersten zwei Locals, die gerade dabei waren, ihr Zeug in Richtung Wasser zu tragen, hatten Kopfhauben auf. Zum Glück hatte ich für den Fall der Fälle zwei Snowboardhosen für Henning und mich ins Auto gestopft, in denen wir dann die kommenden zwei Tage verbrachten. Die acht Grad Lufttemperatur fühlten sich nach unserem sommerlichen Frühstück an wie knapp über dem Gefrierpunkt, aber das sollte einige Schweden nicht davon abhalten, hier in Shorts aus dem Auto zu springen. Snowboardjacke, Mütze, aber Shorts... Ist ja Mai = Sommer! Die Gobischs waren eher so ausgerüstet wie Henning und ich. Als deren Bustür aufging, purzelten ein paar Kinder in dicken Schneeanzügen aus dem Wagen heraus und verteilten sich mit ihrem Spielzeug um die aufriggenden Windsurfer.

Lars und ich bauten unsere 4,2er-Segel auf und machten uns für eine erste Session bereit. Vom Parkplatz bis zum Einstieg geht es erstmal 200 Meter über eine Kuhwiese mit ein paar saftigen Fladen. Mit ähnlicher Vorsicht sind die ersten paar Meter im Wasser zu nehmen, denn der Einstieg befindet sich hinter einer Abdeckung und ist entsprechend böig und zudem felsig. Ein paar Felsen befinden sich auch in der Nähe des Breaks, man sollte also schon ein wenig die Augen offen halten. Die Wellen kommen bei Nordost gefühlt leicht auflandig, wenn man auf ihnen herein surft, formen sie sich dann aber am Steinriff und erlauben ein bis zwei Frontside Turns mit gutem Druck in der Lippe, bevor sie dann etwas langsamer werden und weiter in die Bucht laufen, wo man meist noch mal einen Turn setzen kann. Ich hatte den Eindruck, als wenn sich mein kleines Board noch kleiner angefühlt hat als sonst und habe später trotz des zunehmenden Windes auf mein größeres Brett gewechselt. Ob das am Winkel der Wellen liegt oder am deutlich geringeren Salzgehalt im Wasser, kann ich nicht sagen, aber der Geschmack von nahezu Süßwasser an einem Wavespot ist schon etwas außergewöhnlich. Dieser erste Tag endete nach sechs Stunden auf dem Wasser im totalen K.O., aber mit dem Gefühl, die besten Wellen gerippt zu haben, die ich je auf der Ostsee gesehen habe. Die ganze Nacht durch pfiff uns der Wind um die Karre. Für eine kleine Gebühr kann man zwar direkt am Spot auf der Kuhwiese stehen bleiben, es ist jedoch wie gesagt recht windig hier. Wir suchten zwar noch nach einer Alternative, doch am Ende standen wir irgendwo in der nächsten Ortschaft am Hafen im Sturm. Die abendliche Fahrt in den Ort hatte allerdings den Vorteil, dass wir am nächsten Morgen inmitten von niedlichen Schwedenhäuschen eine kleine Bäckerei fanden, in der uns die blondhaarige Dorfschönheit frisch duftende Croissants und Kaffee servierte, bevor wir uns wieder in unsere Snowboardkluft verpackten.

Wir kurvten durch enge Gassen aus dem kleinen verschlafenen Nest he­raus, vorbei an liebevoll gepflegten Vorgärten und gehäkelten Gardinen in den Fenstern, von denen viele ihren Blick aufs Meer gerichtet hatten. Einige dieser Häuser schienen Ferien- oder Wochenendhäuser zu sein, die sich hier im Wind aneinander kuschelten. Die hügelige Landschaft drum herum war überwiegend der Natur überlassen. Weite Wiesen und Felder mit vereinzelten kleinen Wäldchen. Mit weniger als zehn Millionen Einwohnern können die Schweden ihrer Natur viel Platz lassen, in Deutschland leben zum Vergleich mehr als zehnmal so viele Menschen pro Quadratkilometer. Henning wollte nach dem Frühstück unbedingt ein paar Sprungbilder in Luv der kleinen Halbinsel schießen, was bei Lars und mir zunächst nicht gerade auf grenzenlose Begeisterung stieß. Der Wind kam hier schräg auflandig und die Wellen brachen etwas in die Felsen, zudem startete der Tag in eintönigem Grau und bei gefühlten Minusgraden – alles andere als einladend. Doch Henning ließ nicht locker, bis wir uns eine Kopfhaube überstülpten und mit unserem Material gegen den eisigen Wind in die Bucht stapften, um dort aufzubauen. Einmal auf dem Wasser war es viel besser als erwartet. Ich blieb ganze drei Stunden auf der Luv-Seite und hatte meinen Spaß. Dann surfte ich auf die andere Seite rüber und gab mir nach einer Pause am Nachmittag noch mal vier Stunden, bis meine Hände bluteten.

13 Stunden Windsurfen in den besten Ostsee-Bedingungen. Die Locals sprachen von den besten Tagen der letzten fünf Jahre an diesem Spot. Kein Wunder, dass sie aus allen Ecken Schwedens angereist waren. Von PWA-Fahrern wie Andreas Olandersson bis Markus Rydberg war das "Who is Who" der schwedischen Wave-Szene vertreten. Wenn es um das Abgreifen guter Wave-Bedingungen geht, sind die Schweden auf Zack. Und zwar nicht nur die Windsurfer. Was wir in der nächsten Morgendämmerung erblickten, ließ uns den Mund offen stehen. In der Gegend gibt‘s scheinbar nicht nur gute Windsurf-, sondern auch gute Wellenreitspots. Ich glaube, ich habe noch nie um 4:30 Uhr morgens 20 Wellenreiter im Break gesehen. Allerdings auf der Ostsee auch noch nie so gute Wellen zum Wellenreiten.

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