Redaktion

Island

  • Thomas Traversa
24.03.2013

Es gibt sie noch – Orte mit ungezähmter Natur, wilder Schönheit und einsamen Spots, an denen man sich die besten Wellen nur mit Seelöwen, Pinguinen und Waalen teilen muss. Jules Denel und Thomas Traversa haben sich aufgemacht, einen der letzten weißen Flecken auf Europas Surflandkarte zu entdecken....

Mehr als nur Vulkane, Geysire und Bjork

9:00 Uhr. Ich wache auf, mein Telefon klingelt. Jules. Ich quäle mich aus dem Schlafsack, und krächze ein gequältes "ca va?" in den Hörer. Neben mir, auf dem Beifahrersitz, liegt Sophia. Zumindest vermute ich das, denn unter einem Berg an Jacken und sonstiger Klamotten ist ihr Kopf nicht zu sehen. Da sich allerdings rein gar nichts rührt, gehe ich davon aus, dass sie noch schläft. Es ist Ende August, es ist kalt und seit letzter Nacht sind wir irgendwo im Südwesten Islands. 

Bei einer solchen Kulisse nimmt man den einen oder anderen Fußmarsch auf dem Weg zum Spot gerne in Kauf.

Eigentlich sollte Jules Denel gerade auf dem Rücksitz seinen Rücken ruinieren, doch sein Anruf kommt aus Frankreich. Einige Monate zuvor saß ich mit Jules zu Hause in Frankreich in einem Café, die Präsidentschaftswahlen standen bevor und wir diskutierten über die Probleme unserer Zeit: Irgendwo zwischen Euro-Krise, Schulden, Banken und Wirtschaft landeten wir plötzlich beim Thema Island. Hatten die nicht in einer Art stiller Revolution ihre massive Schuldenkrise beendet, Top-Banker vor Gericht gebracht und das Vermögen isländischer Banken im Ausland eingefroren, um Schaden von der eigenen Bevölkerung abzuwenden?

Wie auch immer… Ansonsten beschränkte sich unser Island-Horizont auf Basiswissen (es soll kalt sein, auch im Sommer gibt es Schnee, tolle Landschaft, heiße Quellen, Fjorde, Björk, Geysire und Vulkane, die in regelmäßigen Abständen den Flugverkehr lahmlegen), Halbwissen (Heimat der Wikinger), Gerüchte und Mutmaßungen über hervorragende Surfbedingungen mit leeren Reefbreaks und den einsamen Blog des britischen Wavesurfers Steve Thorp, der dort anscheinend schon sehr gute Surftage abgegriffen hatte. Das erschien uns mehr als genug zu sein, um dorthin zu reisen. Sollten die Bedingungen schlecht sein, gäbe es sicher beeindruckende Landschaft zu sehen. Sollte es regnen, würden wir den ganzen Tag in den heißen Quellen der Blauen Lagune abhängen, in den Bars von Reykjavik über Politik und Revolution philosophieren oder feiern gehen. Oder alles zusammen.

Am Telefon berichtet Jules mir, dass er es nun doch noch geschafft hat, sich vom Tresen seines neu eröffneten Shops in Wissant loszueisen und ein günstiges Ticket zu buchen. Heute Abend sei er da. Gut so, denn die Vorhersage, auf die wir so lange gewartet hatten, war endlich Realität geworden. "Wie ist es bei euch?", will er noch wissen. "Es ist wunderschön, es regnet nicht, und es ist windig. Aber bring einen guten Schlafsack mit." Dass wir es uns antun, die isländischen Nächte in Auto und Zelt zu verbringen, hat einfache Gründe: Island ist lächerlich teuer. Für die Nacht in einem einfachen Hotel legt man schnell 100 Euro pro Nase auf den Tisch, einen Kleinwagen gibt es ab 60 Euro pro Tag zu mieten. Glücklicherweise ist dieses Fleckchen Erde so einsam, dass es niemanden interessiert ob man irgendwo sein Zelt aufbaut. Der erste Tag unserer Reise lief also ohne Jules ab und wir beschlossen, in den Süden der Insel, nach Vik, zu fahren. Der angesagte starke Ostwind sollte dort doch irgendwo sideshore ankommen. Auf dem Weg dorthin sammelten wir noch einen einsamen Tramper auf und beobachteten, wie sich die anfangs trockene Vulkanlandschaft allmählich in ein sattes Grün verwandelte. Allein das Ambiente mit breiten, schwarzen Stränden, ungezähmten Flüssen und Wasserfällen, Gletscher-Panoramen, "wilden" Pferden, Klippen und einzelnen, verstreuten Farmen ist die Reise nach Island absolut wert.

Die große Weite – auf einem Quadratkilometer Fläche wohnen, statistisch gesehen, gerade einmal 3,1 Menschen.

Schließlich erreichten wir einen Strand namens Dyrholaey, wo ich in Gesellschaft von Pinguinen und Seehunden mein 4,0er-Segel aufzog. Auf dem etwa einen Kilometer langen Weg zum Break, entlang eines kleinen Flusses, wurde mir allmählich klar, wie massiv der Shorebreak dort tatsächlich war. Und als ich mich in den dunklen, kalten und vom Sturm aufgewühlten Atlantik stürzte, fühlte ich mich, ganz alleine, alles andere als sicher. Nach einer Stunde Überlebenskampf und Herumgestolper war ich froh, wieder an Land zu sein und freute mich auf Jules Ankunft am Abend. Zumindest hatte ich auf diese Weise einen Platz in den Fotoalben einiger Touristen ergattert, die eigentlich gekommen waren, um Pinguine zu fotografieren und jetzt ungläubig die Köpfe schüttelten und Dinge wie "this guy is crazy" murmelten. Bei einem letzten Blick zurück konnte ich dem nur wenig entgegensetzen. 

Dafür mussten sich Thomas und Jules an den einsamen Breaks mit niemandem um die dicken Atlantikwellen streiten.

In den folgenden Tagen machten wir verschiedene Spots rund um Grindavik, unweit der Hauptstadt Reykjavik, unsicher. Eine Vielzahl vulkanischer Riffe für alle möglichen Wind- und Swellrichtungen machen den Ort sicher zur "bekanntesten" Surfregion Islands. Außerdem kommt man dort in den Genuss eines Campingplatzes, heißer Duschen, uriger Fischerkneipen am Hafen und Internet- Hotspots zum Checken der neuesten Vorhersagen. Einmal dort, gab es für uns wenig Grund noch weiterzuziehen, wir surften an den folgenden Tagen in allen erdenklichen Bedingungen: Regen und Sonne, cleane Sideoffshore- und Pozo-Bedingungen, kleine und große Wellen, Wind von links und von rechts – die Einsamkeit auf dem Wasser war dabei stets die einzige Konstante. Bei Flaute gingen wir Bodyboarden, genossen eine kleine Freeridesession vor atemberaubender Kulisse, feierten in den Clubs von Reykjavik, schwammen in der Blauen Lagune und fluchten über unser Zelt, wenn es , der nächtliche Sturm wieder einmal in seine Einzelteile zerlegt hatte.

Da wir den besten Spot unseres Trips genau zehn Minuten bevor der Wind sich endgültig verabschiedete entdeckten, es noch fast 5000 Kilometer unentdeckte Küstenlinie gibt, im Radio nicht ein Björk- Song gespielt wurde und wir, wenn ich genau überlege, während des gesamten Trips kein einziges Mal über Politik und Revolution philosophiert haben, gibt es genügend Gründe noch einmal wiederzukommen, um dem noch fast leeren Buch des isländischen Windsurfens ein neues Kapitel hinzuzufügen.

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