Redaktion

Windsurf-Abenteuer in Estland

  • Jules Denel
15.01.2018

Als Windsurf-Pro führt Jules Denel ein Leben zwischen Maui, Südafrika und Frankreich – er kennt sich demnach mit schönen Orten aus! Dass ihm ausgerechnet ein Trip auf die Ostsee­insel Hiiumaa die goldensten Momente des Jahres bescherte, war nicht zu erwarten.

Windsurf-Abenteuer in Estland

Mein Wecker klingelt. Augen reiben, Laptop aufklappen, Wind checken. So wie jeden Morgen, seit meiner Ankunft hier auf Teneriffa. Während ich mich schlaftrunken durch die bunten Charts der Wetterseiten klicke, klingelt es in meinem Mail-Postfach: "Hey Jules, hier in Estland kommt ein fetter Sturm an und unser bester Spot, Ristna, dürfte perfekt sein. Außerdem habe ich ein noch geheimes Projekt am Start, ich erzähle dir davon, wenn du herkommst. Buch dir ein Ticket! Viele Grüße, Jaanus."

Jeder der mich kennt, weiß, dass ich solche Sachen liebe. Sie sind der Grund, weshalb ich Windsurf-Profi geworden bin – die Ungewissheit, bevor man Neuland betritt und die Freude daran, Neues zu entdecken, treiben mich an.

Eine Stunde später hatte ich auf meiner Lieblings-Buchungsseite ein Ticket nach Tallinn erstanden. Abflugzeit: 19:00 Uhr am selben Abend. Es sollte der Anfang eines echten Abenteuers gewesen sein...

Der Reiz der Spontanität

80 Prozent der Leute die ich kenne, hätten wahrscheinlich nicht mal gewusst, dass Estland überhaupt am Meer liegt, geschweige denn, dass man dort Windsurfen kann. Den zweiten Teil dieser Annahme hätte ich vor diesem Trip ebenfalls bestätigt. Windsurf-Profis tendieren ja meist dazu, eine Reise an die Hotspots der Szene einem Trip ins Ungewisse vorzuziehen – vor allem, wenn es sich dabei um die Ostsee handelt.

Bei genauerer Betrachtung entwickelte mein Ziel Estland als ehemaliger Teil der Sowjetunion jedoch eine zunehmende Faszination, hatte ich auf vergangenen Reisen doch oft erlebt, dass man auf unvorbereiteten Last-Minute-Trips meist die spannendsten Erfahrungen macht, tolle Menschen trifft und feststellt, dass echter Windsurf-Spirit weniger auf Hawaii existiert, sondern vor allem dort, wo man ihn am wenigsten vermutet.

Jaanus Ree hatte ich während einer Reise nach Südafrika kennengelernt und wir hatten uns schnell angefreundet. Ich bewundere seine Arbeit als Fotograf, die Liebe und Emotionen, die er in seine ­Fotografie investiert. Er hatte mich mal in Scarborough, einem der wildesten Spots auf der südafrikanischen Kaphalbinsel, geshootet, als ich meinen Mast zerlegt hatte und eine Stunde wild fluchend in der Strömung herumschwamm. Er schaffte es durch die Wahl seiner Perspektiven, die Angst und Wut in meinem Gesicht mit der Schönheit der Szenerie zu verschmelzen – Fotos, die eine skurrile Faszination ausüben, entstanden dabei. Damals hatten wir uns versprochen, mal einen Trip zusammen zu machen, sobald sich die Möglichkeit dazu böte – jetzt war sie gekommen.

Ich nutzte den ersten Tag, um die Altstadt von Tallinn zu entdecken: Die estnische Hauptstadt kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken, geriet sie doch in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zwischen die Fronten. Dem Einmarsch der deutschen Truppen folgte die Bombardierung durch die sowjetische Armee und eine über 50 Jahre währende Zugehörigkeit zur Sowjetunion. Glücklicherweise hat die historische Altstadt die dunklen Zeiten fast unbeschadet überstanden, heute gehört sie mit ihrem Domberg, den Klöstern sowie den alten Stadtmauern als "vollständiges und gut erhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen nordeuropäischen Handelsstadt" zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Die Schönheit der Chance

Jaanus beendete während unseres Sightseeing-Ausfluges dann auch endlich seine Geheimniskrämerei und berichtet von einem ziemlich geheimen Projekt des Kameraherstellers Nikon, in das er eingebunden war. Er sollte ein neues und über zwei Jahre entwickeltes Objektiv mit dem schönen Namen AF-S Nikkor 70-200mm f/2.8E unter schwierigen Lichtbedingungen ausprobieren. Dieses soll es ermöglichen auch sich schnell bewegende Objekte, wie einen Windsurfer, bei stark wechselnden und grenzwertigen Lichtverhältnissen noch scharf abzubilden. Weil Windsurfen an der Ostsee wie geschaffen ist, um dies auszuprobieren, hatte sich auch der Marketing-Chef des Unternehmens persönlich angekündigt, um uns auf unserem Trip zu begleiten. Bevor es jedoch in Richtung Strand ging, sollten erste Tests auch im Zusammenhang mit anderen Sportarten gemacht werden – ein Motocross-Pro jagte ein paar Stunden durch die Dünen und ich kam in den Genuss, auch mal eine Runde drehen zu dürfen.

Die Überfahrt vom Fährhafen Rohuküla zur vorgelagerten Insel Hiiumaa dauerte rund eine Stunde. Auf dem fast 1000 Quadratkilometer großen und zur Moonsund-Inselgruppe gehörenden Eiland leben gerade mal 11000 Menschen, dementsprechend einsam schlängelt sich die kleine Straße durch das satte Grün der Dünenlandschaft. Vereinzelte Ruinen zeugen davon, dass unser Ziel, die Landzunge Ristna, bis vor rund 20 Jahren ein militärisches Sperrgebiet war – sowjetische Truppen probten hier den Ernstfall. Mittlerweile erinnert die Gegend allerdings eher an den Südwesten Frankreichs: Surfcamps, kleine Beach- bars, vor denen junge Leute ums Lagerfeuer sitzen und grillen, Gitarre spielen und das Leben genießen. Gute Musik, ein paar Bier, hübsche Frauen – hier kann man es aushalten und es ist immer wieder erstaunlich, wie sich Surfkultur in den entlegensten Ecken der Welt verbreitet – etwas Wind und Wellen vorausgesetzt. Und auch wenn der große Hype ums Windsurfen heute Geschichte ist, zeigen die Begeisterung und der Spirit, mit denen Windsurfen selbst an so abgelegenen Orten wie Ristna gelebt wird doch, dass es diesen Sport wohl immer geben wird.

Windsurf-Abenteuer in Estland

Das Gold der Ostsee

Am nächsten Tag klingelte der Wecker um 4:00 Uhr morgens – schließlich war es ja das Ziel, Fotos in schwierigen Lichtverhältnissen zu machen und im Sommer wird es hier nun mal verdammt früh hell. Die Bedingungen entschädigten allerdings fürs frühe Aufstehen: 2,5-Meter-Welle, 35 Knoten sideshore und magisches Morgenlicht. Um kurz nach 7:00 Uhr war ich schon ziemlich platt, obwohl der Tag eigentlich noch nicht mal richtig angefangen hatte. Mittags um 12:00 Uhr kam ich zur zweiten Session und staunte: Der Spot war voll mit Windsurfern, alle mit einem Grinsen im Gesicht und ex­trem freundlich. Es ist immer wieder toll, wenn man mit fremden Menschen eine Passion teilen kann und sich auch ohne Worte versteht und respektiert – leider ist dies nicht überall auf der Welt der Fall.

Am Ende des Tages standen vier Sessions auf meiner Liste und ich war weit über sechs Stunden auf dem Wasser. Jaanus ließ den Auslöser rattern, dass es nur so rauchte und als wir am späten Abend noch einen unglaublichen Sonnenuntergang serviert bekamen, wirkte die Szenerie beinahe surreal. Dementsprechend happy waren Fotograf und Marketing-Mann mit den Ergebnissen – die man heute übrigens auch auf der offiziellen Nikon-Homepage sehen kann – und während unseres Feierabendbiers in einer kleinen Bar am Strand freute ich mich nur noch aufs Bett. "Morgen ist Sonnenaufgang um vier!" stellte Jaanus vor dem Schlafengehen noch kurz klar und sein Blick verriet, dass Ausschlafen definitiv nicht Teil des Plans war.

Tag zwei in Ristna war eine 1:1-Kopie des ersten und die abendliche Rückfahrt nach Tallinn schlief ich komplett durch. Als ich gerade in freudiger Erwartung das Hotelzimmer in Tallinn betrat, klingelte mein Telefon. Tony Mottus. Ich kenne diesen lustigen Esten vom Worldcup, wo er sporadisch bei Freestyle-Contests antritt, und ich ahnte nichts Gutes: "Du kannst nicht nach Hause fliegen, ohne dass ich dir wenigstens einmal die besten Clubs von Tallinn gezeigt habe!" "Na gut", gab ich nach einiger Diskussion nach. "Aber nicht zu lange!"

Ihr könnt euch denken, wie die Geschichte endete. Jaanus holte mich morgens um 5:00 Uhr direkt vor einem Club ab und brachte mich zum Flughafen.

Dieser Trip war kurz, aber unglaublich intensiv – so grell und mitreißend wie die Farben der auf- und untergehenden Sonne auf dem Wasser vor Ristna. Aber man hat nur ein Leben und ich will es nicht verplempern. Und wenn bald wieder eine Mail in meinem Postfach aufpoppt mit dem Aufruf, ins Unbekannte aufzubrechen, werde ich nicht zögern.

Jules Denel hat den Kurztrip ins Baltikum nicht bereut.  

ESTLAND INFO

1 Fahrer unter estnischer Flagge nimmt derzeit im PWA Worldcup teil – Tony Mottus (25) war das Glück dabei nicht immer hold. Seine beiden letzten Saisons musste er verletzungsbedingt abbrechen.

Bis 1629 stand in Tallinn das bis dato höchste Gebäude der Welt. Der Turm der Olaikirche maß 159 Meter – bis er abbrannte.

3794 Kilometer Küstenlinie kann Estland aufweisen, obwohl es kleiner ist als Niedersachsen.

2004 trat Estland der EU bei. Seit 2011 zahlt man auch dort mit dem Euro.

60 Prozent von Hiiumaa sind von Wald bedeckt – Braunbären, Elche und Wölfe sind in estnischen Wäldern keine Seltenheit.

700 Kilometer Anlauf haben Stürme aus Südwest, bevor sie in Ristna auf Land treffen – deshalb brechen hier oft die größten Wellen der Ostsee.

852 Menschen kamen ums Leben, als am 28. September 1994 die Fähre Estonia knapp 40 Kilometer vor Hiiumaa im Sturm sank. An das schwerste Schiffsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte erinnert ein Denkmal in Form einer bronzenen Glocke hinter dem Leuchtturm Tahkuna im Norden der Insel.  

Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 4/2017 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen – die Print-Ausgabe erhalten Sie hier.

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