Redaktion

Südamerika: Kolumbien

  • Michael Roßmeier
10.12.2010

Was tun zwei Jungs, die sich um diese Jahreszeit in Toronto und am Gardasee die Finger abfrieren? Sie steigen in den Flieger und düsen nach Kolumbien zum Wavesurfen vor kolonialer Kulisse und freestylen auf türkisfarbenem Wasser. Was die Eroberer Phil Soltysiak und Michael 'Rossi' Roßmeier in der Karibik erlebten, hielten sie in einem Tagebuch fest.

“Kolumbien besitzt eine der größten Artenvielfalten der Welt” – ich schwöre, das war der einzige zusammenhängende Satz, den unser lokaler Kolumbienführer, Zowi Galeano, aussprechen konnte. Der Rest war ein Durcheinander aus “man, sick, dude, man” und total unverständlich gemurmeltem Spanisch, schneller gesprochen als man es sich vorstellen kann. Ehrlich gesagt befand sich der Artenreichtum Kolumbiens ziemlich weit unten auf unserer Wunschliste.

Vor allem wenn man so wie wir aus Ländern kommt, wo derzeit tiefster Winter herrscht. Der einzige Aspekt von Artenvielfalt der uns interessierte, war, ob die Bäume sich im Wind bewegten und das Wasser warm genug war für tropischen Fisch.

Tagebuch

02/03/2010 - Rafael Núñez International Airport – Cartagena 

02/03/2010 – Achter Stock Escuela Mokana – Cartagena

Rossi: Ok, es war nicht direkt der 8. Stock der Windsurfschule, aber nicht weit davon entfernt. Unser Appartement bot ein geniales 270-Grad-Panorama auf das Karibische Meer und lag genau oberhalb des Mokana Windsurf Clubs. Wir überblickten alle drei Hauptspots im Stadtteil Laguito und riefen unseren Windsurffreunden einfach eine Situationsbeschreibung vom Balkon aus zu. Phil hatte richtig Glück, denn während seiner ersten vier Tage in Kolumbien erlebte er gleich das seltene Phänomen ’Mar de Leva’ mit großem Swell und gutem Wind.

Phil: Gott sei Dank hatte ich mein Waveboard dabei, denn wenn das die Windsurfbedingungen hier in Cartagena sind, bleibt mein Freestyleboard in der Tasche. Nach vier Tagen und 20 Stunden auf dem Wasser hatte sich meine Reise bereits ausgezahlt, aber da wusste ich noch nicht, dass das erst der Anfang sein würde …

14/03/2010 – Juan Trucco’s house – Rosario Islands

Phil: Gestern war der Wind auf Truccos Insel ziemlich schwach, also packten wir die Gelegenheit beim Schopf und erkundeten mit Schnorchel und Flossen das Riff, über das wir in den nächsten Tagen surfen wollten. Die Farben, das Wasser und die bunten Fische beeindruckten mich schwer.

Rossi: Der Wind war zwar an diesem Morgen um 6:30 Uhr schwach, aber doch gerade stark genug, um mit meinem 5,8er ins Gleiten zu kommen. Phil winkte mir von einem Ohr zum anderen grinsend, zu. Boardshorts, warmes Wetter eine nette Brise und unser neues Gesetz „kein switch-stance vorm Frühstück“, führten zu täglich relaxten Morgensessions.

20/03/2010 – Nautica Velero – Puerto Velero

Phil: In Puerto Velero, am Windsurfcenter Nautica Velero, hat man zwei Windsurfmöglichkeiten: Die Bucht bietet richtig flaches Wasser und sogar noch ein bis zwei Ausbuchtungen für Freestyle auf  spiegelglatter Oberfläche. 200 Meter auf der anderen Seite des Clubs liegt das offene Meer mit side-onshore Wellenbedingungen und Wind von rechts. Nahezu jeden Tag wurden wir mit Wind verwöhnt, also splitteten wir unsere Sessions in Freestyle und Wave- Jumping auf.

01/04/2010 – Cabo de la Vela – la Guajira

Rossi: Bei unserer Ankunft in Cabo de la Vela pfiff der Passatwind schon über den Strand raus übers flache, blaue Wasser. Wir verschwendeten keine Zeit und befanden uns kurze Zeit später mit unseren 4,2er-Segeln voll am Anschlag. In Strandnähe war das Wasser am flachsten, also versuchten wir Upwind zu bleiben. Da sich dort auch einige gut vertäute Boote befanden, artete der eine oder andere Schlag in Supercross-Style-Windsurfen aus, um über die gespannten Seile zu springen.

25/04/2010 – Cherry Beach – Toronto, Canada

Phil: Das war definitiv nicht eine meiner besten Sessions. Mit meinem größten Equipment pumpte ich mich 15 Minuten ins Gleiten, dann waren meine Hände vor Kälte fast abgefroren. Luft: acht Grad. Wasser: Bedeutend kälter. War ich wirklich in Kolumbien, oder war das alles nur ein Traum? Gab es wirklich schwingende Palmen statt leblose Ahornbäume? Konstante 20 Knoten und keine böigen zwölf? Ich betrachtete meine auftauenden Hände, sah die Größe meiner Schwielen, packte mein Zeug und fuhr nach Hause um mich bei einem Teller Kokosnussreis aufzuwärmen – gekocht aus importiertem Kokosnusskonzentrat aus Kolumbien.

25/04/2010 – Malcesine – Gardasee, Italien

Rosi: Ein weiterer sonniger, klarer Tag in meiner professionellen Windsurfkarriere. Ich stieg auf mein 95-Liter-Brett, holte mein 5,2er dicht und kam sofort ins Gleiten. Plötzlich fühlte ich einen stechenden Schmerz in meinem Fuß, sah zu ihm runter und erwartete eine Qualle oder einen Seeigel. Was ich jedoch sah, war mein frierender, roter Fuß im acht Grad kalten Gardaseewasser. Windsurfen in Boardshorts in Kolumbien war das Paradies!! Vielleicht hätte ich doch länger bleiben sollen… Vielleicht werde ich bald wieder dort sein – ich fuhr nach Hause und suchte sofort nach Flügen für den nächsten Winter.

Den gesamten Reisebericht mit diesen Spots findet ihr unten als PDF-Download:

Optimale Bedingungen: warmes Wasser und viel Wind.

 

Mit dem Motorrad zum Spot. Das geht in Kolumbien auch ohne Führerschein.

"Der einzige Aspekt von Artenvielfalt der uns interessierte, war, ob die Bäume sich im Wind bewegen."

Karibikflair bei Puerto Velero.

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