Redaktion

USA: Windsurfen auf dem Lake Superior

  • Andreas Erbe
15.01.2016

Keiner weiß, ob es Philip Köster, Levi Siver oder Marcilio Browne war, der die Idee hatte, direkt nach dem Worldcup im tropischen Hawaii zu einem Trip zum Lake Superior an der Grenze von den USA zu Kanada zu fahren. Eines wusste die Gruppe danach aber garantiert – es war kalt!

USA: Windsurfen auf dem Lake Superior – Philip Köster feierte seinen dritten Titel mit ein paar Loops im Süßwasser.

Windsurfen auf einem See – was ist daran besonders? Für viele Surfer hierzulande ist das alles andere als besonders, sondern oft die bittere Realität. Der Trip an Nord- und Ostsee gehört da schon zu den Ausnahmen, der Urlaub am Mittelmeer, in Ägypten oder auf den Kanaren birgt etwas Exotisches und eine Reise nach Hawaii oder Australien existiert bei den meisten nur in schönen Träumen.

Ganz anders sieht das bei Profis wie Levi Siver, Philip Köster oder Marcilio Browne aus. Sie leben den Großteil des Jahres dort, wo der Normalsurfer nur in seinen Träumen hinkommt. Beinahe täglicher Starkwind, Ozeanwellen und warme Temperaturen haben das aus ihnen gemacht, was sie heute sind – Weltklasse-Surfer.

Die Exotik des Normalen

Insofern muss es für die Jungs schon eine außergewöhnliche Idee gewesen sein, im Spätherbst an einem nordamerikanischen See zu surfen. Allerdings ist der Lake Superior alles andere als ein normaler See. Mit über 82000 Quadratkilometern Größe bildet er den größten Süßwassersee auf der Erde. Zum Vergleich, der Bodensee kommt gerade mal auf eine Fläche von 536 Quadratkilometer. Und es ranken sich Mythen um den See. "Ich habe viele Geschichten über die Süßwasser-Wellen gehört, deshalb wollte ich mit eigenen Augen sehen, was dran ist an den Stories", sagt Levi Siver über seine Motivation. Auch Philip hatte Lust auf den unbekannten Ort. "Ich möchte immer Neues kennenlernen, neu und radikal muss es sein, dann ist es gut – und in Nordamerika war ich noch nie."

Schon an der Wasserfarbe kann man die Niedrigtemperatur erahnen.

ICE CHALLENGE: Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt waren für die Profis aus Maui, Gran Canaria und Brasilien die größere Herausforderung als die Wellen, die zwar für einen Binnensee beachtliche Ausmaßen annahmen, aber keineswegs Angst und Schrecken verbreiteten.

Ob Zufall oder nicht, die Crew brach zu ihrer Ice Challenge an einem fast historischen Termin auf. Am 10. November 1975 sank auf dem Lake Superior binnen weniger Minuten der weit über 200 Meter lange Frachter SS Edmund Fitzgerald mit 29 Mann Besatzung in einem Sturm mit 75 Knoten Wind und elf Meter hohen Wellen.

Fast auf den Tag genau 40 Jahre nach der Katastrophe erreichten Philip, Levi und Brawzinho den Ort Marquette am Südufer des Lake Superiors, dem nördlichsten der fünf Great Lakes. Der  20000-Einwohner-Ort ist umgeben von riesigen Wäldern, die Küstenlinie wechselt zwischen felsigen und sandigen Abschnitten und viele menschenleere Buchten säumen den See. Der eisige Nordwestwind hat im Herbst freien Durchzug – mit mehr als 250 Kilometer Anlauf über den kanadischen Teil des Sees. Philip war sofort überrascht: "Ich hätte nie gedacht, dass man auf einem See Wellenreiten kann. Es waren einige Locals da, die sich gar nicht begeistert zeigten, dass wir an ihrem Spot windsurfen wollten. Es war schon sehr amüsant, auf einem See von den Locals von den Wellen gescheucht zu werden."

GO BIG OR GO HOME – Ohne Superlative geht’s bei den Amerikanern irgendwie nicht. Der Lake Superior ist das größte Süßwassergewässer der Welt – der Bodensee würde gut 150 Mal hineinpassen. 

Eben noch in Boardshorts bei der Siegerehrung des Aloha Classic auf Maui, fanden sich die drei Warmwasser-Surfer jetzt in dicken Dauenjacken und Snowboardhosen am Ufer des Sees wieder. Und Levis größter Albtraum wurde wahr: Gleich bei der ersten Session zog ein Schneesturm über den See. "Das war schon ein heftiger Kon­trast", erzählt Philip. "Eigentlich hatte ich mir das etwas anders vorgestellt, nachdem ich den WM-Titel geholt hatte. Fidschi oder Indonesien wären auch nicht schlecht gewesen. Aber bei so einem ‚once in a lifetime‘-Projekt sagt man nicht nein."

Dabei hatte die Profitruppe noch härtere Bedingungen erwartet. "Es waren so sechs bis sieben Windstärken und die Wellen bauten sich etwa zwei Meter hoch auf", erinnert sich Philip, "eigentlich versprach die Vorhersage noch mehr." Trotzdem war es für die sonnenverwöhnten Worldcupper hart. "Teilweise schneite es sogar. Aber es hat schon auch Spaß gemacht, bei so kalten Bedingungen Windsurfen zu gehen. Wir sind immer nach 20 Minuten vom Wasser gegangen und haben uns im Auto wieder aufgewärmt. So sind wir auf einige Sessions gekommen. Aber da war tatsächlich ein Local, der hatte keinen Neo an und ist nur mit Lycra surfen gegangen – er fand das völlig normal", staunte Philip. "Mit ihm habe ich immer noch Kontakt und ich werde sicher noch mal an den See kommen, wenn es richtig stürmt – und etwas wärmer ist."

Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 1-2/2016 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.

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