1001 Welle: Marokko Reisereportage von Leon Jamaer

  • Jeanette Borchers
 • Publiziert vor 3 Jahren

Profi-Windsurfer Leon Jamaer entdeckt mit Local Boujmaa Guilloul dessen Heimat Marokko in Nordafrika.

Leon Jamaer besurft Marokkos Küsten

Als Kinder faszinierten uns die Märchen aus der arabischen Welt. 1001 Nacht, Aladin und die Wunderlampe oder Ali Baba und die 40 Räuber regten die Phantasie und Neugier  ganzer Generationen an. Heute sind die Phantasien über die arabische Welt in manchen Köpfen nur noch negativ besetzt und aus Neugier ist Ablehnung geworden. Zeit,  sich einmal wieder an die Kindheit zu erinnern.  

"Für Staatsangehörige westlicher Staaten besteht ein erhöhtes Anschlags- und Entführungsrisiko (...), so besteht ein Risiko terroristischer Anschläge mit islamistischem Hintergrund, die insbesondere auf ausländische Staatsangehörige abzielen können." Auch "Aktionen der terroristisch aktiven Al-Qaida im islamischen Maghreb auf marokkanischem Gebiet können nicht ausgeschlossen werden." Die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes zur Lage in Marokko klingen alarmierend.

Vor wenigen Tagen zog ich noch mit Freunden und 11000 anderen durch die Straßen von Kiel, um ein Zeichen für kulturelle Vielfalt zu setzen. Nun gilt es, auch aus der Sicht eines Windsurfers, über den Tellerrand des Abendlandes zu blicken, denke ich mir und tue so, als hätte ich die Zeilen des Auswärtigen Amtes nie wahrgenommen. Ich sitze im Flugzeug nach Marokko, offiziell al-Mamlaka al-Maghrib?ya genannt, was übersetzt "Das Land des Sonnenuntergangs" bedeutet. Wäre ich vor wenigen Tagen noch gegen die Islamisierung des Abendlandes marschiert, dann wäre ich spätestens jetzt verwirrt.


"Nichts in der Welt ist schwierig; es sind nur unsere Gedanken, welche den Dingen diesen Anschein geben.” (Arabisches Sprichwort)

Leon Jamaer - Sandstrahlen inklusive

Nach einer mehrstündigen Autofahrt vom Flughafen in Marrakesch bis an die marokkanische Küste macht für mich jedoch alles Sinn. Die rote Kugel versinkt am Horizont im kaffee-braunen Ozean. Mein Worldcup- Kollege Boujmaa Guilloul begrüßt mich freudig und überrascht mit den Worten: "how did you find my house?". Er hatte mir lediglich verraten, dass er in Moulay, einem winzigen Fischerdorf nördlich von Essaouira, wohnt. Zwar hatte ich mich mit einer detaillierten Landkarte versorgt, jedoch existierten die eingezeichneten Straßen zum Teil nicht mehr oder waren so zerklüftet, dass die nicht ganz so treue Bereifung meines Autos in Deutschland schon an der vorletzten Kreuzung haltgemacht hätte. "You even took the shortcut. Without a 4x4 – no way!" Als auch die Balken der Tankanzeige hinter dem Horizont zu verschwinden drohten, hatten meine Freundin und ich uns bereits mit einer Nacht im Dacia abgefunden. Unser Glück jedoch, dass das marokkanische Nachtleben nicht in Clubs oder Bars stattfindet, sondern mitten auf der Straße. An den verlassensten Abzweigungen tauchten zwischen Büschen und Sträucher Menschen auf und halfen bei der Suche. Heute Nacht will uns niemand verschleppen und wir werden trotz geringer Schnittmenge im Sprachwirrwarr direkt vor Boujmaas Haustür geführt.

Der nächste Tag beginnt früh, denn unser Gastgeber sagt, ein Spot einige Autostunden südlich seiner Heimat wird windig und vor allem wellig sein. Ein Spot, an dem er laut eigener Aussage noch nie in einem Stück zurück zum Land gekehrt ist. Das letzte Mal blieb ein Teil seiner Zähne zurück. Ich bin gespannt, während ich versuche seinem schwarzen Pick-up durch die struppig-karge Küstenlandschaft Marokkos zu folgen. Schon wieder bewundere ich den Dacia um seine Standhaftigkeit. Wenig später wünsche ich mir meine Fußsohlen hätten ähnliche Unplattbar-Eigenschaften. Ich warte auf eine Setpause zum Starten, schon bohrt sich der erste Seeigel in meine Ferse. Nach kurzer Fuß-OP im Wasser geht es zunächst einige Kilometer auf Vorwindkurs durch den Atlantik, bis man den eigentlichen Spot erreicht. Die Qualität der Wellen macht die Qualen des Einstiegs wieder gut! Nach Stunden in genussvollen Down-the-Line-Bedingungen bin ich plötzlich alleine auf dem Wasser. Boujmaa kraxelt mit zerbrochenem Material die scharfkantigen Felsen hinauf. Ich entscheide mich, mein Anfängerglück für heute nicht noch mehr zu strapazieren und beende die Session – in einem Stück!

"Die ganze Menschheit teilt sich in drei Klassen: Solche, die unbeweglich sind, solche, die beweglich sind, und solche, die sich bewegen.” (Arabisches Sprichwort)

Leon Jamaer auf Spotsuche an Marokkos Küsten

Den Abend verbringen wir in dem kuscheligen Küstenort Tarhazoute. Zwischen bunten Gassen, an deren Mauern sich Rosengeflechte hochziehen, verstecken sich gemütliche Restaurants und Läden, in denen von Stoffen bis Stoff alles angeboten wird. Sesam öffne dich, jetzt geht’s los! Fast fühlt man sich wie Aladin im Abendteuer aus Tausendundeiner Nacht. Wir übernachten in einem Hostel, das ein Freund von Boujmaa führt. Er gibt uns das beste Zimmer. Erst bei Sonnenaufgang realisieren wir den eindrucksvollen Ausblick.

Da sich das Windgebiet nach Norden zurückgezogen hat, fahren wir die Küste langsam wieder hinauf. Die Straße führt uns durch kleine Orte wie Tamri, Imessouanne und Sidi Kaoki. Hier und da halten wir, um einen Tee zu trinken, Tajine zu essen oder das Leben im Dorf zu bestaunen. Gelassen sitzen die Marokkaner am Straßenrand, verkaufen Olivenöl und Kräuter, hüten ein Dutzend Ziegen oder Schafe oder warten einfach nur auf ein Auto, das sie zum nächsten Ort bringen kann. Wie genügsam diese Menschen wirken. Obwohl sie kein Smartphone in der Hand halten, scheinen sie noch nicht einmal gelangweilt zu sein. Als Dank für Beförderungen gibt es im Gegenzug ein ehrliches Lächeln oder auch eine Hand voll Thymian. Je näher wir der Hafenstadt Essauoira kommen, desto bewusster werden sich die Menschen, welchen Nutzen sie aus Touristen ziehen können. Für ein paar Dirham gibt es auf Bäume kletternde Ziegen. Für meine Kamera zeigt der Hirte sogar noch sein gelbes Grinsen. In der Stadt selbst werden einem die Waren dann direkt zum "Kartoffel- oder Arme-Schlucker-Preis" angeboten. Die verwinkelte Medina von Essaouira, in der sich zu viele Touristen auf zu engem Raum tummeln, ist eine Attraktion, die uns nicht lange reizen kann.

"Wirf einen vom Glück begünstigten Mann ins Meer, und er wird mit einem Fisch im Mund wieder herauskommen.” (Arabisches Sprichwort)

Marokko

20 Bilder

Als Kinder faszinierten uns die Märchen aus der arabischen Welt. 1001 Nacht, Aladin und die Wunderlampe oder Ali Baba und die 40 Räuber regten die Phantasie und Neugier ganzer Generationen an. Heute sind die Phantasien über die arabische Welt in manchen Köpfen nur noch negativ besetzt und aus Neugier ist Ablehnung geworden. Zeit, sich einmal wieder an die Kindheit zu erinnern.  

Schnell raus hier und weiter nach Moulay, wo sich laut Boujmaa in den letzten 25 Jahren weder Land noch Leute verändert haben. Die letzten paar Tage verbringen wir in seinem gerade erst fertig gewordenen Haus, erkunden die Gegend, surfen vor seiner Haustür und lassen uns zeigen, wie Marokkaner leben und speisen. Den Abend vor der Abreise verbringe ich gemeinsam mit meiner Freundin, Boujmaa und seiner Familie sowie Freunden draußen am Lagerfeuer, während die vom Auswärtigen Amt ursprünglich geschürten Ängste zusammen mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages endgültig im Atlantik verschwinden.

Mir ist bewusst geworden, dass auch wir als einfache Urlauber Kulturen stark beeinflussen und somit beim Reisen immer eine gewisse Verantwortung tragen. Die ganze Welt hat sich an deutsche Touristen gewöhnen müssen, da wäre doch im Gegenzug ein bisschen Toleranz im eigenen Land angemessen. Vielleicht wird dann im Reisehinweis zu Marokko auch schon bald Aladin zitiert.

Trau dich nur, komm vorbei, geh zum Teppichverleih, und flieg hin zur Arabischen Nacht!  

Themen: MarokkoNordafrika


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