Deutschland: Nordstemmen

  • Helge Wilkens
 • Publiziert vor 10 Jahren

Not macht erfinderisch: Nachdem Dümmer und Steinhuder Meer zwischen November und Anfang April für Surfer gesperrt sind, haben sich hartgesottene Wintersurfer auf die Suche nach Alternativen gemacht. In Nordstemmen, südlich von Hannover, wurden sie in apokalyptischer Umgebung fündig.

Eigentlich gilt das Steinhuder Meer für alle Surfer im Raum Hannover als der Top-Spot. Sogar einige DWC-Kollegen aus Bochum und Lüneburg kommen häufiger zum Heizen an den Stein.

Doch ab dem 1. November eines jeden Jahres gilt das Winterbefahrensverbot und endet erst am 31. März. Für eine Korridorregelung oder Verkürzung der Sperre kämpfen die Surfer am Teich, allen voran Peter Gaenshirt als Vorsitzender des Surf-Club Steinhuder Meer seit Jahren. Bisher leider ohne Erfolg. Im Grunde klingt das alles für normale Menschen gar nicht so schlimm, da es im Winter doch eh viel zu kalt zum Windsurfen ist. Der jedoch mit dem Surfvirus infizierte Junkie friert sich auch gerne mal den Arsch ab, nur um seine Sucht zu befriedigen. Die eigentliche Schmerzgrenze von zehn Grad Luft gerät da auch gerne mal in Vergessenheit.

Bei strammen Weststürmen packt DWC-Evergreen Helge Wilkens in Nordstemmen auch schon mal das Waveboard aus.

Seit Jahren erzählte mir Peter von einem kleinen Baggersee irgendwo hinter Sarstedt. Ich war mir, ohne es je gesehen zu haben sicher, das kann nicht funktionieren. Dann schickte er mir einen kleinen Film über Facebook mit Aufnahmen von einem stramm windigen Tag. Ich war überzeugt und fuhr hin. Eingepackt von einer Landstraße, Eisenbahnschienen, Zuckerfabrik, Windrädern, Hochspannungsleitungen, Klärwerk, Marienburg und Kieswerk gibt sich der kleine See ziemlich skurril. Mit seiner Größe würde er locker drei- bis viermal in den Maschsee von Hannover passen.

Von Hannovers Innenstadt sind es 27 Kilometer bis zum Nordstemmener See. Wenn man der Beschilderung zur Zuckerfabrik folgt, taucht der See kurz vor der Fabrik auf der rechten Seite auf. Die Natur-Pur-Idylle kommt dort nur bedingt auf, weil im Zehn-Minuten-Rhythmus Kipper an einem vorbeirauschen, um sich an dem angrenzenden Kieswerk Sand aufladen zu lassen. Seitlich rattern alle 20 Minuten Güterzüge vorbei. Dafür kann man mit dem Auto fast bis ins Wasser fahren und seine Segel direkt an der Uferkante aufbauen.

Zwischen Zuckerfabrik, Klärwerk und Landstraße liegt die Hoffnung der Hannoveraner Surfer.

Als ich dann das erste Mal bei West-Südwest Richtung anderes Ufer glitt, erschreckte ich mich nach gut 200 Metern vor den doch ziemlich niedrig hängenden Hochspannungsleitungen, unter denen man einfach so durchfährt. Von der Gabel aus betrachtet Richtung Topp sieht das ganz schön eng aus. Gedanken, was wohl passieren würde, wenn ein extrem langer Regentropfen die Verbindung zwischen mir und der Leitung herstellt, verwerfe ich eilig wieder. Egal, bin ja nicht der Erste, der auf dem See surft.

Hinter dem gegenüberliegenden Ufer ziehen riesige weiße Rauchschwaden von der Zuckerfabrik empor. Bei südlichen Winden, die leider extrem böig sind, riecht man eine Mischung aus Zuckerfabrik und Klärwerk, das sich südsüdwestlich des Sees befindet. Dem Zuckerfabrikanten gehört der in den 80er Jahren entstandene See übrigens. Er hat ihn mittlerweile an den angrenzenden Angelverein verpachtet. Zum Glück dulden die Angler uns Surfer dort. Etwas in der Ferne auf einem Hügel liegt das Schloss Marienburg. Es zählt zu den bedeutendsten neugotischen Baudenkmälern Deutschlands.

Mit Blick auf die Marienburg wirkt der Nordstemer See sogar romantisch.

Wann macht dieser See Spaß? Für das Steinhuder Meer müssen Windfinder oder auch Windguru mindestens 16 Knoten ansagen. Dann kann man mit großen Tüchern gleiten, bleibt aber auch häufiger mal stehen, da es recht böig ist. An stürmischen Tagen mit Windrichtungen aus Südwest über West bis Nordwest kann man dort sogar mit Wavestuff direkt Spaß haben. Um sich im Winter ab und zu auch mal mit Surfen fit zu halten, ist der See eine gute Alternative zu den teuren Zielen in der Ferne. Es soll sogar einige geben, die ausschließlich dort surfen gehen. Also auch außerhalb des Befahrensverbotes des Steinhuder Meeres.

 

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