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Roadtrip statt Worldcup: Europas beste Wavespots

  • Leon Jamaer
 • Publiziert vor 7 Monaten

Jeden Sommer fuhren die Wave-Profis von einem Worldcup zum nächsten – 2020 nicht. So trieb es Leon Jamaer und seinen Kumpel Leif Bischoff per Camper dort hin, wo’s Wind und Wellen gab und wo es die Corona-Situation zuließ.

Nicht vor der Westküste Amerikas inmitten des Pazifiks gelegen, sondern im Mittelmeer nahe des italienischen Festlands – Hawaii und Sardinien haben nicht viel gemeinsam, so scheint es. Statt satter Dünungswelle und beständigen Passatwinden ist das Mittelmeer eher für lokale Windsysteme oder Flachwasserspots bekannt. Doch warum verirrte sich Kauli Seadi vor einigen Jahren hierher – hat die Insel für Wellen-Sehnsüchtige doch mehr zu bieten, als man denken würde?

Das ist unsere Hoffnung, denn pünktlich zum Beginn unserer dreiwöchigen Reise sind die Windkarten Europas so bleich wie Leifs Büro-Tan. Für mich hat sich schon häufiger gezeigt, dass, wenn die Windsysteme in Nordeuropa einschlafen, sich der Blick auf die sonst häufig windstillen Regionen weiter südlich lohnt: Die Berichte vom Mittelmeer geben mir recht. Mein italienischer Kumpel Elia will sich ebenfalls auf den Weg machen: „Wir sehen uns in Capo Mannu. Glaub mir, Sardinien ist magisch!“

Leon Jamaer Leif am Capo Mannu

Zwischen der Entscheidung, dass wir den Ausflug nicht vertagen und im Auto auf der A7 sind, vergehen keine zwei Stunden. Wir erklären unseren Freundinnen, wir würden nicht nur am Strand liegen, Pizza essen und Rotwein trinken und unsere Speedos zuhause lassen. Selbst den Segen des RKIs haben wir, denn Italien gilt zum Zeitpunkt unseres Trips als eines der wenigen europäischen Länder nicht als Risikogebiet. Nach etwa 15 Stunden erreichen wir das Mittelmeer. In Livorno rollen wir abends auf die Fähre und sind am nächsten Morgen erholt und ausgeschlafen in Olbia im Nordwesten von Sardinien.

Von dort geht es quer über die recht dünn besiedelte Insel an die Westküste. Das Capo Mannu wirkt karg und verlassen, dazu stürmt und regnet es. Der Mistral, der an den Pyrenäen entlang und über das Mittelmeer weht, um die sardische Küste schließlich aus nordwestlicher Richtung zu erreichen, bringt eine anständige Welle und kühle Atlantik-Luft mit. Die Winterjacken sind schnell wieder ausgepackt.

Sobald der Himmel aufklart probiere ich ungeduldig mein Glück und steige mit dem Gedanken „wird schon irgendwie klappen“ an einer vom Wind komplett geschützten Felskante ein. Klappt nicht. Leif, der sich vor der Reise noch nagelneues Material zugelegt hat, guckt vom Auto aus skeptisch dabei zu, wie ich ebenfalls mit neuem Material in den Händen von der ersten Weißwasserwalze mitgenommen und über die scharfen Steine gezogen werde. Noch bevor ich auf dem Brett stehe habe ich einen zerschnittenen Fuß, in dem Seeigel-Reste stecken. Währenddessen kreuzt ein anderer Windsurfer gemütlich aus der in Lee gelegenen Bucht zum Kap. Da der Wind an diesem Tag relativ ablandig weht und somit im Uferbereich Windstille herrscht, scheint das Hochkreuzen die deutlich sinnvollere Einstiegs-Methode zu sein.

Roadtrip statt Worldcup: Europas beste Wavespots

17 Bilder

Beim zweiten Anlauf klappt es jedoch auch über die Steine – und plötzlich ist das Hawaii-Feeling da. Wind von rechts für das 4,7er, masthohe Wellen und angenehm warmes Wasser, das sich im Vergleich zur Nordsee extra weich anfühlt. Die vom Mistral aufgepeitschte Dünungswelle mit eher kurzer Periode dreht am Kap in die kleine Felsbucht und sortiert sich. Das Gesicht der Welle ist tatsächlich so sauber und perfekt wie in Hookipa. Dabei sind die Ritte in der Inside entlang der Felsen fast genauso riskant.

Während ich mir die Wellen anfangs mit nur einem Local teile, kreuzt später eine Armada von fast zwanzig Kitern und weiteren Windsurfern zum Break. Innerhalb von einer Stunde ist der Spot völlig überfüllt – auch das kennt man von Maui. Zum Abend hin wird es wieder leerer und wir rutschen genüsslich eine blaue Wand nach der anderen hinunter. Mit dabei Elia, der sich über jede Welle, die wir abreiten, so freut, als wäre er selbst drauf. Sardinien empfängt uns mit all seiner Magie.

Der Wind soll in den kommenden Tagen abschwächen, das Capo Mannu nicht mehr mit voller Stärke treffen, sowie westlich und damit zu auflandig drehen. Die Nordküste Sardiniens, an der westliche Winde sideshore wehen, kommt ins Gespräch. Dass der Wind in der Straße von Bonifacio zwischen Korsika und Sardinien beschleunigt, ist ein weiterer Grund dafür, das Auto in Gang zu setzen.

Leon Jamaer Kraftfutter Pizza

Der Parkplatz von Cala Pischina ist bereits von Windsurfern in Beschlag genommen als wir ankommen. „No kiters!“ steht auf dem Asphalt. Die Bucht von Pischina, wobei der Begriff Cala in diesem Fall trügerisch ist, wird in den nächsten Tagen unser Go-to-Spot. Ähnlich wie an der Westküste sind überall scharfe Steine – die meisten unter Wasser und viele inmitten der brechenden Wellen. Nicht selten gurgelt plötzlich ein Stein hervor, der spontan umfahren werden will. Hat man sich mit den etwas haarigen Rahmenbedingungen einmal abgefunden, sind schöne Ritte nach Lee möglich.

Die Locals zeigen wie man sich richtig positioniert, um beim Sturz nicht auf den Felsköpfen zu landen. Von alten Single-Fins und in die Jahre gekommene Monofilm-Segel bis hin zum allerneuesten Material ist auf dem Wasser alles vertreten. Doch ob alte oder neue Schule, eins haben alle Fahrer gemeinsam: es geht möglichst vertikal und hart an jede Lippe. Wer einmal in Haagkat in Südafrika war, der weiß wie sehr die Italiener Down-the-Line-Bedingungen lieben. Auch wenn die Wellenqualität bei weitem nicht an die von Haagkat herankommt, sieht man hier in viele glückliche Gesichter. Die Stimmung auf dem Parkplatz, von dem man gut auf die Welle hinuntersehen kann, ist gelassen und freundlich. Umso mürrischer zeigt sich hingegen der Wind. Mal onshore, sideshore oder offshore, teilweise stürmisch, dann wieder Flaute, dazu Sonne und Regen. Wir entscheiden uns dagegen viel herumzufahren und nach besseren oder einfacheren Spots zu suchen. Die Italiener raten uns: „Wenn Wind und Welle da sind, dann geht aufs Wasser!“ Der Wind ist einfach zu unbeständig – jeden Moment kann eine Regenwolke aufziehen und das System lahmlegen.

Nach einer Woche auf Sardinien sind wir mit der Ausbeute mehr als zufrieden. Dabei haben sich die meisten Spots als überraschend anspruchsvoll herausgestellt. Auf dem Wasser wird es teilweise voll, an Land ist es jedoch schwierig eine geöffnete Eisdiele zu finden. Den warmen Pullover und die Winterjacke können wir an den letzten Tagen, nachdem der Mistral nachgelassen hat, endlich verstauen. Bei Windstille und strahlendem Sonnenschein pflegen wir unsere Wunden, das Material und planen unsere nächsten Schritte.

MARSEILLE

Der Atlantik meldet sich zurück – die ersten Winterstürme kündigen sich bei verschiedenen Vorhersagemodellen an. Eine nächtliche Fährfahrt und wir erreichen Genua auf dem italienischen Festland. Die erste Pause auf dem langen Weg zum Atlantik legen wir in Marseille ein – der Grund: Sturm aus Südost. Ein kleines, aber starkes Windfeld verspricht uns am französischen Top-Spot Carro zwei Tage lang beste Wind-von-links-Bedingungen.

Leon Jamaer Surfen vor Europas größtem Leuchtturm, Ile de Vierge

Während an der französischen Grenze noch fast Windstille herrscht, ballert es in Carro bereits fürs 4,0er. Erstaunlicherweise haben sich trotz des kurzen Beschleunigungsweges große Wellen aufgebaut. Die Beine noch träge von der fünfstündigen Autofahrt, zirkle ich mich in den ersten Backloop. Das Set dahinter räumt mich ab und schleift das Material davon, während ich bei starker Strömung versuche hinterher- zuschwimmen. Felsen sind hier zwar vor allem an Land, doch diesmal habe ich die Kraft der Wellen unterschätzt.

Auch der aus Spanien angereiste Pro Marc Paré hat neben einigen Glanzmomenten immer wieder harte Abgänge. Da in Marseille eine nächtliche Ausgangssperre herrscht, sieht die französische Windsurf-Szene den Sturmtag als umso freudigeren Anlass, sich am Strand zu versammeln. Mit dabei sind die PWA-Freestyler Anthony Ruenes und Jacopo Testa, mit dem wir bereits auf Sardinien auf dem Wasser waren, sowie die Slalom-Schwergewichte Cedric Bordes und Cyril Moussilmani. Nach zwei Tagen verabschiedet sich der Wind und das Spektakel ist vorbei.

Bretagne

Wir erreichen die Bretagne, eine Region, in der sich weder Leif noch ich mich besonders gut auskennen. Immerhin wissen wir, dass bei einem durchziehenden Tiefdruckgebiet der Wind, wie auch an Nord- und Ostsee, meist als Südwester und mit viel Niederschlag loslegt und später über West auf Nordwest dreht. Für die kommenden Tage verspricht die Vorhersage ein massives Tiefdruckgebiet, das viel Druck und ordentlich Swell mitbringen soll.

Zum Windsurfen muss in der Bretagne jedoch noch ein dritter Faktor stimmen, die Tide. Der Koeffizient von Hoch- und Niedrigwasser beträgt im Schnitt fünf bis acht Meter und entscheidet darüber, ob ein Spot fahrbar ist oder nicht. Wir recherchieren im Windsurfers ­Guide Europe und befragen zwei Franzosen, die wir im Jahr zuvor in Irland kennen gelernt haben.

Île Vierge trotzt als felsiger Vorposten im Atlantik

Aus den unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Informationen kristallisieren sich drei Spots heraus: Das allseits beliebte Le Dossen, die durch Thomas Traversa’s vielzählige Missionen bekannt gewordene Île aux Vaches und Meledan, ein Mysto-Big-Wave-Spot an der Île Vierge, bei dem keiner so richtig zu wissen scheint, ob man hier vernünftig windsurfen kann.

In Le Dossen erwischen wir einige gute Tage. Die große Sandbucht funktioniert bei südwestlichen Windrichtungen, fast allen Wellengrößen und sogar unterschiedlichen Tiden. Je nach Wasserstand laufen die verschiedenen Bänke mal besser, mal schlechter. Da sich die vielen Windsurfer in der gesamten Bucht verteilen, hat man jede Menge Platz. Wir treffen Adrien, einen unserer Informanten. Auf seinem Van steht der Schriftzug Rendez nous la mer – „Gib uns das Meer zurück“.

Im Frühjahrs-Lockdown stand es unter Strafe, Wassersport auszuüben. Umso glücklicher ist Adrien nun, da die ersten Herbststürme heranziehen und man sich zumindest tagsüber frei bewegen darf. Viele Franzosen kommen an die Küste und genießen es trotz des herbstlichen Wetters, draußen an der frischen Luft zu sein.

Der Wind dreht auf Nordwest und wir fahren noch abends Richtung Audierne, um morgens in Île aux Vaches – die Insel der Kühe ist schon lange kein Geheimtipp mehr – aufs Wasser zu kommen. Wir wollen auf dem Wasser sein, bevor der Spot zu voll wird und stehen eine gute Stunde vor Sonnenaufgang auf. Während der Kaffee noch brodelt, herrscht neben uns bereits Hektik. Ein langhaariger schmächtiger Kerl und sein Kumpel riggen ihre Segel im Dunkeln auf.

Thomas Traversa erklärt mir, er hat nur eine knappe Stunde, dann muss er zurück, um aus dem Ferienhaus auszuchecken und seine Familie abzuholen – keine Zeit zum Nachsehen, ob überhaupt genug Wind ist. Als Leif und ich am Break ankommen, hat Thomas bereits ein gutes Dutzend masthoher Wellen zerlegt. Die Sonne geht auf, Thomas verschwindet und der Ozean ist plötzlich wieder flach. Kaum eine Welle bricht mehr an der langen Felsnase. Glück oder Expertenwissen – wahrscheinlich beides.

Kurz vor Ende der Reise kommt der heiß erwartete Riesen-Swell und erweckt Meledan zum Leben, ein Spot, den meine Brüder und ich schon seit Ewigkeiten surfen wollten. Obwohl der Ort fast alle Schwierigkeiten der zuvor gesurften Wellen vereint, versuchen Leif und ich unser Glück. Doch viel gibt es über die Île Vierge nicht zu berichten, so bleibt der mystische Charakter dieses Küstenabschnitts erhalten.

Themen: FrankreichItalien


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