SURF 8/2007: IRAN – Dufte Mufties, Check it out!

  • Steve Chismar
 • Publiziert vor 14 Jahren

Bedrohlich wuchern die Bärte der männlichen Landbevölkerung im Iran, da das das Zeichen höherer Religiosität ist. Eine islamische Tradition besagt: Lasse nie eine nackte Klinge an die Haut. Entgegen westlicher Tradition kommt der Zehntagesbart im Iran deshalb ultragut. Unrasiert machten sich drei Pioniere (Steve Chismar, Andy Eberbach und Peter Garzke) im April zum Surfen in den Iran auf. Hier nun weitere Infos zur Iran-Reportage aus surf 8/2007 und ein Begleitfilm gedreht von Peter Garzke (unter WEB TV).

Ramin Joodaki aus Loshan

PIONIERE IM ALTEN ORIENT Spotsuche als Mittel der Völkerverständigung

Die, Idee im Iran eine surf-Geschichte zu organisieren wurde 2006 bei einer Skitour auf dem Damawand geboren. Bergführer Mohammad Hajabolfath erzählte überzeugend von einem See im westlichen Alborz-Gebirge, wo immer extrem starker Wind bläst. Immer Wind ist immer gut für eine surf-Story mit neuen Eindrücken von einem Land, das dem modernen Klischee eines westlichen Medienbeobachters als Land der mächtigen Mullahs auf der „Achse des Bösen“ entspricht, statt dem romantischen Persien aus Tausendundeiner Nacht.

Als surf-Redakteur nutze ich gerne das Magazin als Bühne für den Frieden, Toleranz und Naturschutz. Wenn wir unsere Gewässer verschmutzen, die Welt mit Kriegen in Schutt und Asche bomben und keinen Respekt vor anders Aussehende und Denkende hegen, dann ist es mit unserem Traumsport Windsurfen auch am Ende. Der blaue Planet ist zu klein, um eben diese Faktoren zu ignorieren. Trotz aller Kritik und Bedenken lud ich einen Profifahrer (Peter Garzke) und guten Freund (Andy Eberbach) für die Pionierfahrt in den Iran ein. Wir waren die ersten Ausländer (drei Iraner versuchten sich vor Jahrzehnten am windigen See von Mandjil, das Kaspische Meer war noch jungfräuliches Gebiet). Die Windinfos mussten wir bei Einheimischen und Fischer einholen oder mit der Erfahrung über topographische Kenntnisse und Windverhältnisse erahnen – eine wahre Pionierarbeit.

DIE SURF-PIONIERE:

Peter Garzke’s Mail an mich über seine Eindrücke: Mein Bild vom Iran war unweigerlich stark medial eingefärbt. Der Iran war für mich seinerzeit ein Land, das ich nicht einmal im Traum aufgesucht hätte. Geprägt von Unsicherheit und vermeintlicher Aggression, war es sicherlich auch die geographische und namentliche Nähe zum Irak, die diesen Eindruck vermittelte. So förderten Nachrichten aus dem Irak fälschlicherweise auch das schlechte Image des Iran.

Die langjährige mangelnde Kommunikationsfähigkeit der Politiker, die gerade im Moment wieder um das Atomprogramm aufkeimt, hatte meine Erwartungen geprägt, und ich ging davon aus, dass meine eigene Kommunikation im Land mit den Menschen vor Ort ähnlich hölzern laufen würde. Die Frage war vor allen Dingen, ob der scheinbar nach wie vor bestehende Hass gegen den Westen vor Ort auch mich treffen würde.

Heute einige Wochen später empfehle ich den Iran sogar als Reiseziel. Die Menschen waren ohne Ausnahme freundlich und zuvorkommend. Man sieht ausschließlich lachende Gesichter und wenn unsere Haar- und Augenfarbe uns einmal mehr geoutet hatte, konnten wir uns vor dem einnehmenden Wesen der Iraner kaum retten. Immer wieder spürten wir die Freude darüber, dass wir mit unserem Besuch und Interesse ein Signal gesetzt hatten. Nämlich, dass der Westen den Iran nicht vergessen bzw. aufgegeben hat. . Die politischen und religiösen Prinzipien wurden von den Iranern übrigens nie an uns herangetragen, es sei denn, wir fragten danach. Treffende, bezeichnende Zitate waren in diesem Zusammenhang: „Die Amerikaner haben einen verrückten Präsidenten...wir aber auch!"

„Wenn ich zehn Mal zu Ala bete, habe ich mir den Wunsch in der gleichen Zeit schon selbst erfüllt".

Wen fremde Kulturen nicht verunsichern, dem kann ich eine Reise in den Iran nur wärmstens empfehlen. Für mich persönlich war es wieder einmal erschreckend, wie stark ich von Vorurteilen belastet bin. Es zeigte mir, dass man solche Reisen viel häufiger machen muss. Bleibt man immer an einem Ort, verliert man die Nähe zur Welt.“

Andy Eberbachs Mail an mich über seine Eindrücke:

„Da fragt man sich doch wirklich: Muss denn das sein? Das Land steht an der Schwelle zum Krieg, weil zwei Psychopaten sich austoben. Da haben ein paar verwöhnte Westler nichts Besseres zu tun, als Plätze zum Windsurfen zu suchen. Müssen es die Iraner nicht als Hohn empfinden, wenn wir mit unseren Spielzeugen anrücken, wo sie doch ganz andere Probleme haben? Ganz im Gegenteil! Die Antwort gaben uns die Perser immer wieder: „Danke dass Ihr gekommen seid, wir sind also doch noch nicht komplett abgeschrieben.“ Oder: „Wenn Ihr jetzt hier seid, bedeutet dies wohl, dass morgen noch keine Bomben fallen werden.“ Und: „Bitte erzählt den Menschen zu hause, dass wir nicht alle Terroristen sind!“ Noch nie zuvor habe ich Reisen so sehr als Mittel zur Völkerverständigung erlebt.“

Steve Chismars Eindrücke:

„Im Kern meines Wesens bin ich ein Rebell, der erst recht was machen möchte, wenn es verboten, „vermeintlich unvernünftig“ oder anders ist. Für die Besteigung des Damawand mit Ski im März 2006 mussten meine Tiroler Freunde nicht zwei Mal fragen, ob ich mitkomme. Ich hatte nur ein Problem: Ich bin amerikanischer Staatsbürger. 2006 galt für Israelis und US-Amerikaner ein Einreiseverbot in den Iran. Gelöst habe ich das Problem mit dem Antrag des deutschen Reisepasses (meine Mom ist Deutsche). Dann lief alles wie am Schnürchen. Deutsche aber auch Amis sind in der Bevölkerung sehr willkommen! Fazit der Reise: Tolles Land, tolle Leute – let’s do it again! Statt Pickel und Tourenski luden wir Surfmaterial in die Reisetaschen, auf der Suche nach neuen Fronten. Freund und Spinnenliebhaber Peter Garzke rief mich zufällig aus Südafrika an. Er sagte sofort zu. Andy, ein guter Kumpel aus der alten Windsurflehrer-Zeit am Gardasee zögerte, als alter Weltenbummler, ebenfalls nicht. Na ja, erst die Euphorie, dann wieder die Angst und der Zweifel. Die Schlagzeilen um den Iran halfen nicht gerade: „Geiseldrama“ der englischen Marinesoldaten im Persischen Golf, wir kennen die Geschichte ja. Mein Chefredakteur sah sich schon im Interview mit N-TV News, wie er das Entsenden seines verschollenen Redaktionsmitgliedes in einer Zeit politischer Instabilität im Iran rechtfertigte. Dann Andy mit seinen Infos vom Auswärtigen Amt und Peters Frust, schnell ein Visum (da er erst später von der Reise erfuhr) zu erhalten. Meine Selbstsicherheit über die Sicherheit und die Richtigkeit dieser Reise fing an zu wanken, wie eine Baum in einem Sturm. Am Ende war jede Angst unangemessen und das Fazit dieser Reise: Tolles Land, tolle Leute – let’s do it again.“ Eines von Mohammads vieler Mails an mich vor Abreise:

„Die englischen Soldaten? Wir kriegen von dem ganzen Unsinn nichts mit. Keiner hat was gegen Engländer. Es ist ruhig hier. Vor einer Woche waren zwei US-Journalisten vom amerikanischen Skimagazin bei mir. Ich habe für sie ein Journalistenvisum beantragt, weil sie über die Skigebiete um Teheran berichten wollten. Und es hat geklappt! Unglaublich. Die ersten zwei Tage waren sie total verunsichert, hatten immer Angst und Bedenken. Das hat sich sofort gelegt. Am Ende waren sie ganz entspannt, feierten mit den Leuten und waren vom Skifahren hier im Iran begeistert. Ihr braucht euch um die Sicherheit hier im Iran keine Sorgen machen. Ich würde mich freuen, euch an den See und ans Kaspische Meer zu begleiten.“

li.; Andy mit Führer Mohammad; mitte: Geldwechsel vor einer Bank in Teheran; re.: Andy spielt Monopoly

PIONIERFAHRT AN DEN SEE TALEJAN, MANDJIL UND DAS KASPISCHE MEER

SURF 8/2007: IRAN – Dufte Mufties, Check it out!

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SURF 8/2007: IRAN – Dufte Mufties, Check it out!

DIE SKIGEBIETE (geöffnet von November bis Mai):

SURF 8/2007: IRAN – Dufte Mufties, Check it out! No2

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SURF 8/2007: IRAN – Dufte Mufties, Check it out! No2

Zu guter Letzt ein Witz unter Iranern:

Im Iran betet man in der Regel Richtung Süden (Mekka). In der Politik gibt es Mullahs, die sich um Fragen der Neuzeit kümmern. Die Frage an diese Mullahs: Wenn ein Iraner an den Nordpol fährt, in welcher Richtung müsste er beten?

 

Peter Garzke, Windsurfprofi seit mehr als ein Jahrzehnt. Die Sommer verbringt der Globetrotter immer auf Oahu, Hawaii, im Winter trainiert er in Südafrika. Die Reise in den Iran war absolutes Neuland für ihn.

Andy Eberbach hat Jahrelang am Gardasee (Lido Blu und Conca) Surfunterricht gegeben. Eigentlich ist er Zahnarzt. Statt Zähne zu polieren poliert er jeden Winter lieber seine Wellenreittechnik im Westen Australiens.

Steve Chismar arbeitet seit zehn Jahren fest beim surf-Magazin. Als Surflehrer bei Naish Hawaii, Michi Bouwmeester, Mikel Slyke oder Schlittenbauer, bereiste er schon vor seiner Redakteurszeit die Welt. Studiert hat er eigentlich Politologie und wollte Diplomat werden. Der Entschluss bei surf einzusteigen war Diplomatie für die Seele.

Milka-Werbung mitten in Teheran – wer hätte das gedacht? Mohammad Hajabolfath lebt mit seiner Frau in der iranischen 15-Millionen-Metropole, von wo er die von ihm organisierten Expeditionen in die Gebirge seines Landes startet (Info: www.mountainzone.ir )

Pionierfahrt: Beide Karten findet Ihr am Ende des Artikels als PDF für größere Ansicht

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