Der Engländer John Smith lebt auf den Falklandinseln

 • Publiziert vor 13 Jahren

Interview mit John Smith während der Falklandreise von SURF-Redakteur Steve Chismar im Juli 2008.

John Smith

Sie kommen ursprünglich aus England und leben aber schon lange vor dem Falklandkrieg auf der Insel. Fühlen sie sich als Falkländer?

Aber sicherlich! Ich bin seit 1950 hier, ich bin hier zuhause. Es ist ein herrlicher Ort für eine Familie.

Wenn Falkländer reisen und gefragt werden, ob sie Briten oder Falkländer sind, was antworten sie?

Sie sind Briten aber ihre Identität ist falkländisch. Sie würden antworten, sie sind Falkländer.

Als die Argentinier 1982 die Inseln annektierten, muss das ein Schock gewesen sein. Hat man im Vorfeld so ein Vorgehen geahnt?

Es gab eine Art Vorahnung, weil die Argentinier schon Jahre zuvor mit ihren Schwertern gefuchtelt haben. Plötzlich war es aber eine Realität, als sie hier einmarschierten. Alles fing auf Südgeorgien an, wo an einer Walstation Metallmüll entfernt werden musste und die Argentinier dies taten und dies zum Anlass nahmen, die Falklandinseln zu erobern. Es war ein Schock für uns und ich glaube auch ein Schock für viele Argentinier.

Wie viele Argentinier lebten auf der Insel vor dem Krieg?

Vielleicht 20. Die argentinische Führung gaukelte den Argentiniern vor, Falkland hätte auch eine Latino-Kultur. Sie kamen, aber es gab so etwas wie eine südamerikanische Kultur nicht. Sie waren alle überrascht.

Die Argentinier glauben das bis heute noch. Vor dem Krieg kamen einige argentinische Touristen die sehr erstaunt waren eine englische Kultur vorzufinden. Sie kauften Dinge ein wie Marmite, Marmeladen, Bohnen aus der Dose, Whisky - englische Dinge halt. Sie mussten keinen Zoll zahlen, weil die Argentinier Falkland als ihre eigenes Land ansahen.

Wurden solche Touristen willkommen geheißen? Ja, es gab einige, die sagten: Schön habt ihr’s hier, schaut zu, dass es so bleibt. Das war für mich ein ehrliches Statement.

Wie wurde die Zivilbevölkerung vom Militär behandelt? Es hätte schlimmer sein können. Nein, es gab keine Gewalt oder Raub, aber die Angst, seiner Freiheit beraubt worden zu sein war groß. Eine neue Flagge wurde gehisst und das war ein Schock. All das, was wir liebten und schätzen, unsere Herkunft, wurde verneint.

Hattet ihr die Wahl zu gehen? Ja, wir hatten diese Wahl, aber keiner wollte seine Heimat und sein Haus verlassen, wir blieben. Das Militär war sehr hart aber vor allem mit ihren eigenen Männern. Ähnlich wie die Deutschen 1944. Die Soldaten taten uns leid. Es gab Offiziere, die alles hatten und Soldaten, die nichts hatten. Keine Kleidung, kein Essen, sie waren Futter fürs Feuer. Wenn hundert starben, kamen hundert nach. Es war eine sehr dumme Entscheidung, die Falklandinseln im Winter zu überfallen, das Wetter hier war scheußlich. Hätten sie die Inseln im Sommer überfallen, hätten sie vielleicht mehr Spaß dabei gehabt. Viele der Argentinier waren froh, als der Krieg zu Ende ging, weil sie wieder nachhause gehen durften.

Wie stellt man sich die Zeit während dem Krieg als Zivilist vor?

Wir hatten viel Zeit, wenig Essen und Wasser, Abends und Nachts eine Ausgangssperre. Aber Nachts beschossen die Artillerie der englischen Kräfte die Stellungen der Argentinier. Tagsüber bombardierten die Harrier-Flieger weitere Stellungen. Das ging 48 Tage, vom Tag der Ankunft der Engländer bis zum Kriegsende.

Hattet ihr Angst, dass die Engländer gegen Zivilisten vorgehen würden?

Wir waren alle zuversichtlich. Wenn Engländer Stellungen bombardierten, kletterten wir auf unsere Dächer, um zu sehen was passiert ist. Die Argentinier rannten alle um ihr  Leben. Wir waren eigentlich dumm. Statistisch gesehen ist es erstaunlich, dass nur vier Menschen von der Zivilbevölkerung starben. Die Argentinier waren überlastet. Sie hatten noch nie einen Krieg bestritten. Sie hatten Munition aber kein Essen, sie hatten einfach das Essen vergessen. Die Soldaten waren sehr hungrig. Das war traurig.

Wurde ihnen von der Zivilbevölkerung Essen gegeben? Ja, manchmal schon. Viele der Soldaten hätten in der Schule sein müssen und nicht im Krieg, sie waren gerade 16 Jahre alt. Viele waren aus Buenos Aires und das kalte Wetter nicht gewohnt. Der Diktator (Galtieri) hatte das Land schon ruiniert und wollte mit der Aktion von den eigenen politischen Problemen ablenken. Bis heute kann man mit dem Thema Malvinas die Argentinier aufregen. Dafür mussten 266 Briten sterben und fast 3000 Argentinier. Bis heute ist diese Zahl nicht bestätigt. Auf dem Argentinischen Kriegsfriedhof hier sind von den 200 bis 300 Soldaten 120 ohne Name. Traurig.

Haben Sie mit argentinischen Soldaten geredet? Nur wenn wir mussten. Aber wir hielten reichlich Abstand. Ich meine, das war unsere Heimat und nicht die ihrige. In Stanley lebten im Krieg 520 Menschen. Wir waren wie eine große Familie unter 1300 argentinischen Soldaten. Zu viele Soldaten für so eine kleine Insel.

Vor dem Krieg flogen die Falkländer über Buenos Aires nach England, heute über Chile. Würden Falkländer heute auch über Buenos Aires fliegen? Nein, solange Argentinien ihre Souveränitätsansprüche nicht aufhebt, wollen wir von den Argentiniern nichts wissen. Ich meine, den Argentiniern geht’s gut. Es ist ein großes Land. Vergessen wir die Sache doch. Aber für die Regierung der Argentinier sind die Malvinas noch immer ein guter Puffer, wenn innenpolitische Dinge falsch laufen. Werden die Malvinas erwähnt, ist Argentinien vereint.

Wie sehen die Falkländer die wenigen Argentinischen Touristen und Bewohner auf Falkland?

Wir halten Abstand, wir haben keine Liebesbeziehung. Solange sie keine Probleme machen ist alles gut.

Gab es Probleme? Nur kleine! Junge Argentinier brachten Flaggen mit. Das ist gegen das Gesetz. Ich würde es passive Resistenz der Falkländer nennen. Die Politik in Argentinien behauptet, England hätte die Falklandinseln kolonialisiert. Das stimmt nicht, denn es lebte niemand hier, als wir kamen. Die Menschen, die hier leben haben tiefe Wurzeln hier. Ich meine, die Argentinier waren die ersten, die alle Indianer töteten.

Das waren nicht die Argentinier, es waren die Spanier und Portugiesen. Aber waren es nicht kolonialistische Pläne, als die vielen englischen Schäfer hier eintrudelten? Nein, Britannien war für viele zu klein und Falkland eine Möglichkeit neu anzufangen. Die Schafzucht hatte sich hier etabliert und wurde sogar nach Patagonien erweitert. Die argentinische Schafzucht kommt von englischen Schäfern aus dem Falkland.

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    Fotostory: Falkland-Trip

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