Nicaragua

  • Manu Bouvet
 • Publiziert vor 15 Jahren

Wahre Surfabenteurer kennen keine Gefahr. Eine auf Hawaii stationierte, französische Clique wollte sich der Wellen wegen kriegerischen Banditos, politischen Guerillieros und blutrünstigen Süßwasserhaien stellen, um festzustellen, das nur der Name Nicaragua solche Klischees manifestiert.

Wir folgten der Holperpiste der Küste entlang, das schäumende Meer unter uns immer im Visier, während unsere Köpfe immer wieder an die Decke des Jeeps schlugen. Reggae-Musik dröhnte so laut aus dem Stereoblaster, dass Bauchdecken wie Basslautsprecher vibrierten. Das breite Grinsen schien auf Jujus Gesicht festgemeißelt. Nicht wegen den Wellen, deren Anblick uns jetzt von einem trockenen Bergkamm verwehrt wurde. Die Musik war seine Droge. Juju war unser nicaraguanischer Guide und Fahrer. Und er liebte Reggae-Musik. Laute Reggae-Musik.

Wie nervöse Hühner schauten wir irritiert und hektisch zum trockenen Hang, wo eigentlich das Meer und die Wellen zu sehen sein sollten. Außer meinem Magen grollte aber nichts, ein mögliches Meeresgrollen übertönt vom Reggae-Beat. Mit einem Ruck blieb Juju vor einem hohen Drahtzaun stehen. Auf einem großen, weißen Schild stand in dicken, bedrohlichen Buchstaben: Campo Militar – Militärgebiet. Verdammt, und ausgerechnet hier erspähten wir einen blauen Fleck hinter dem Hügel.

Unser Local Juju musste nicht lange raten, was wir dachten. Mit einem breiten Grinsen steckte er seinen Kopf aus dem Autofenster und schrie lauter als seine Rasta-Tunes: “Oye primo – hey Cousin!” Dabei drückte er lang anhaltend auf seine Hupe, als seien die Contras, die contrarevolutionäre Guerilla-Gruppe während der Revolution, hinter ihm her. Wir waren uns nicht sicher, ob man Militärpersonal so beeindruckt. Und weil Juju wahrhaftig niemanden zu beeindrucken schien, hupte er fanatisch mit seinem Grinsen weiter. Bei jedem Hupton zogen wir unsere Köpfe wie Schildkröten tiefer zwischen unsere Schultern.

Als gebürtiger Nicaraguaner, der bis 1990 nur Bürgerkrieg gekannt haben musste, wusste er wohl um die nationalen Sitten. Und tatsächlich sah man vom Tor eine dunkle Gestalt in Armeeuniform gemütlich auf uns zu schlendern. Nach einem kurzen aber freundlichen Wortwechsel mit Juju hieß uns der Soldat mit einem lässigen Armschwenker im Sperrgebiet mit Blick aufs Meer willkommen. Er fügte aber hinzu, dass wir nicht zum Surfen gehen könnten, da der Strand zum Militärgebiet gehöre und neuerdings als Naturschutzgebiet deklariert wurde. Als wir die perfekten Sets über das Riff unter uns brechen sahen und einen schrägablandigen Wind spürten, fühlten wir uns wie Verhungernde an einem Tisch voll Leckereien, die nicht angerührt werden durften.

Auch wenn Juju nichts von der perfekten linksbrechenden Welle verstand, die gerade am Strand detonierte wie eine Granate der Sandinisten, wusste er unseren Hunger zu stillen: Grinsend zauberte er eine Flasche “Flor de Cana 7 anos”, einen einheimischen Rum, unter seinem Sitz hervor und reichte sie dem stolzen Guerilliero. 20 Minuten später schlitzten wir die ersten Wellen vor dem Campo Militar.

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