Redaktion

Fahrbericht: Segel Severne Blade Pro 5,3

  • Stephan Gölnitz
14.08.2015

Das leichteste Rigg der Welt: Die Krone der Schöpfung, ein 5.3er- Rigg, knapp über sechs Kilo. Wir haben es ausprobiert.

Fahrbericht: Segel Severne Blade Pro 5,3

Segel: Severne Blade Pro 5,3 Gewicht: 2,8 Kilo; Preis: 949 Euro Das 5,3er Blade Pro wiegt gerade mal 2,8 Kilo. Designer Ben Severne setzt auf Laminat-Konstruktionen, also zwei hauchdünne Monofilmlagen zwischen die zugfesten Fasern aus Technora und Aramid eingelegt werden. Diese sind genau in Zugrichtung angeordnet und sollen die Kräfte im Segel aufnehmen. Der Monofilm verbindet gewissermaßen nur das tragende Gerüst und kann dementsprechend dünner (=leichter) ausfallen als bei herkömmlichen Monofilmsegeln.

Mast North Platinum Aero 400 RDM (1,05 Kilo)

Mast: North Platinum Aero 400 RDM Gewicht: 1,05 Kilo; Preis: 1015 Euro Der leichteste 400er-Mast der Welt kommt von North und ist mit 1,05 Kilo nochmal deutlich leichter als die Premiummodelle anderer Marken. Wie diese Gewichtsersparnis zustande kommt, haben wir Brand-Manager Raoul Joa gefragt: "Das wesentliche Qualitätskriterium bei Carbon ist die Dehnfähigkeit der Faser. Diese sogenannte ‚Elongation’ misst die auftretende Zugkraft während der Biegung, bis die Carbonfaser letztendlich bricht. Die Faserqualität liegt zwischen T300 (billig, unwesentlich "hochwertiger" als Glasfaser) bis hin zu T1000 (hochwertigste Carbonfaser). 80 Prozent aller Hersteller verwenden T400-600 für ihre teuersten Carbonmasten. Wir nutzen T900 für den Aero-Mast." Zudem soll, so Joa, durch höherwertiges Carbon der Harzanteil reduziert werden können, was ebenfalls Gewicht einspart.

Gabelbaum: North Platinum Aero 140-190 Gewicht: 1,85 Kilo; Preis: 880 Euro Den Titel "leichteste Gabel" holt sich ebenfalls North mit der Platinum Aero. 1,85 Kilo sind eine Ansage und satte 200 bis 300 Gramm leichter als die Konkurrenz. Laut North wird das Gewicht auch hier durch die Verwendung eines höherwertigeren Carbons erzielt, wodurch sich die  verwendete Harzmenge reduzieren lässt.  

"Wir wollen uns nicht mit dem Status quo abfinden, sondern die technischen Grenzen verschieben.” (North Brand-Manager Raoul Joa)

Nein, das Segel steht nicht unten an – 6,3 Kilo ist das leichteste 5,3er-Rigg auf dem Markt.

Auf dem Wasser: Unser Rigg mit sagenhaften 6,3 Kilo Gesamtgewicht ist schon auf dem Weg ans Wasser ein Genuss und fliegt mehr nebenher als dass man es tragen müsste. Auf der Geraden liegt das Segel kraftvoll und etwas weniger leicht und spielerisch als erwartet in der Hand - die Druckpunktlage ist hier spürbar entscheidender als das reine Gewicht. In Manövern fällt dann der subjektive Unterschied zu "normal" leichten Segeln deutlich größer aus als auf der Geraden, hier kullern auch bei verwöhnten surf-Testern ein paar Freudentränen. Die leichten Komponenten tragen dazu ihren Teil bei, ist doch die träge Masse am Gabelbaumende und im Topp spürbar reduziert. Duck Jibes, Halsen und Wellenritte gehen federleicht von der Hand, maximal leicht bedeutet – man kann es nicht leugnen – auch  maximalen Spaß. Doch wie sieht es mit einem anderen wichtigen Aspekt aus: Der Haltbarkeit?

Ja, wir haben es drauf angelegt, das Rigg an die Belastungsgrenze zu bringen – Backloop-Landungen aus dem dritten Stock, zahlreiche Waschgänge, bei denen wir in der Nordseewelle unsere gute Erziehung über Board warfen und die Wellen "einfach mal machen ließen". Natürlich sind wir uns im Klaren darüber, dass solch punktuelle Tests nicht objektiv sind und man bei Haltbarkeitsthemen einen reproduzierbaren Testaufbau im Labor benötigt, trotzdem verdeutlichen unsere Ergebnisse die Problematik recht treffend: Segel mit leichten Laminaten müssen bei Waschgängen keine Nachteile haben, da die eingearbeiteten Fasern die Zugkräfte komplett aufnehmen. Aus früheren Labortests wissen wir allerdings, dass geringe Materialstärken bei bestimmten Belastungen anfälliger sind als Segel mit dickerem Monofilm, z.B. wenn man beim Aufriggen an spitzen Hindernissen hängenbleibt oder mit dem Trapezhaken im Segel einschlägt. Bei punktueller Belastung ist also Vorsicht geboten, hier wird auch ein Blade Pro immer Nachteile haben.

Bei Carbon-Masten und Gabeln, die hinsichtlich Gewicht ans absolute Limit gehen, muss man mit geringeren Fehlertoleranzen leben, die wir auch zu spüren bekamen. Der Mast hielt problemlos, die Gabel brach uns bei einem Backloop am Endstück. North Brand-Manager Joa: "Je mehr man ans Limit geht, desto weniger Toleranzen hat man in der Produktion. Man darf nie vergessen, dass solche High-End-Produkte nicht komplett maschinell gefertigt werden können. Faserqualität und Harzmenge sowie das "Verpressen" sind zu 100 Prozent maschinell kontrolliert, das Auflegen der getränkten Fasermatten muss jedoch per Hand vorgenommen werden, was immer zu Toleranzen führt. Man muss sich das wie eine handgedrehte Zigarre vorstellen. Das setzt eine gute Qualitätskontrolle voraus. Ausschüsse sind trotzdem nie komplett  zu vermeiden."

Auf den Punkt gebracht bedeutet dies: Wenn sauber gearbeitet wird, kann maximal leicht auch maximal stabil bedeuten, kleine (menschliche) Fehler in der Produktion, die sonst oft folgenlos bleiben würden, wirken sich im High-End-Bereich in höherem Bruchrisiko aus.

surf-Fazit: Die Performance solcher Produkte auf dem Wasser ist über jeden Zweifel erhaben. Die zweifellos hohen Investitionskosten werden mit jeder Menge Fahrspaß zurückgezahlt. Pfleglich behandeln sollte man solche Produkte in jedem Fall, um Schäden zu vermeiden. Produktionsfehler bergen jedoch auch bei pfleglicher Behandlung ein erhöhtes Bruchrisiko, oft treten die Schäden dann während der ersten Einsätze auf. Generell gilt: Vor dem Kauf die Garantiebedingungen checken! Bekommt man zum Beispiel bei North als Erstbesitzer auf Produkte im mittleren Preisegement zwei Jahre bedingungslose Garantie, sind die exklusivsten Produkte der Aero-Linie davon generell ausgenommen. "Wir handhaben dies aber so kulant wie möglich", versichert Joa. "Solange wir davon überzeugt sind, dass das Produkt beim Windsurfen kaputt gegangen ist, kann man von einem Austausch ausgehen."

Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe SURF 8/2015 können Sie in der SURF App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.

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