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I-99: Interview mit Firmenboss Cesare Cantagalli

Stephan Gölnitz

 8/23/2021, Lesezeit: 5 Minuten

Cesare Cantagalli erweitert mit seiner Marke I-99 das Produktportfolio hin zu Segeln, Wings & Zubehör – und das in einer Zeit, die für die gesamte Industrie sehr herausfordernd ist. Welche Stolpersteine aktuell lauern und welche Philosophie hinter den Segeln von I-99 steht, verrät Cantagalli im Interview.

Cesare, mitten in einer von Lockdowns und unterbrochenen Lieferketten geprägten Zeit, treibst du das Wachstum der Produktfamilie von I-99 voran. Wie passt das zusammen?

Es sind sicher nicht die leichtesten Zeiten, um ein neues Projekt zu starten. Hier in Italien hatten wir mehrere harte Lockdowns, man lebt gefühlt in einer Wolke und sieht die Sonne nicht mehr. Es ist keine leichte Situation, wenn man nur noch arbeiten, aber nicht mehr ans Wasser darf. Es gibt aktuell in der gesamten Windsurfbranche das Phänomen, dass durch Corona einerseits der Surfsport boomt, andererseits aber die Nachfrage nicht bedient werden kann.

Woran liegt das genau?

Die Produktionsländer in Asien haben ebenfalls immer wieder Lockdowns verhängt, viele Arbeiter mussten in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Dadurch laufen die Produktionen nur gedrosselt. Auch die globalen Lieferketten sind ins Stocken geraten, Container sind Mangelware und extrem teuer geworden. All das führt dazu, dass die Lieferzeiten lang sind und viele Windsurfer gerade auf die neuen Produkte warten müssen. Unsere neuen Segellinien haben wir bereits im Herbst in Auftrag gegeben, erst jetzt sind die Produkte eingetroffen.

Der Großteil aller Windsurfprodukte wird in Asien produziert. Ist es auch vielleicht Zeit zum Umdenken – Zeit, die heimische Produktion wieder aufzubauen?

Ich denke schon. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Transportkosten jemals wieder auf das alte Niveau sinken werden, das kann sich früher oder später auch in den Verkaufspreisen bemerkbar machen. Auch die Tatsache, dass wir die Fabriken in Asien nicht besuchen können, um die Produktion zu überwachen, bereitet vielen Designern Kopfzerbrechen. Trotz aller Schwierigkeiten ist es aber wichtig, positiv zu bleiben und mit voller Hingabe weiterzumachen. Genau das versuche ich.

Lass uns über deine neue Segellinie sprechen. Wie setzt sich diese zusammen?

Die Segelrange hat drei Schwerpunkte: Wave, Foil und Freeride. Ich habe in meiner langen Regattakarriere viel Erfahrung gesammelt, erst bei ART und später bei Challenger Sails, wo ich meine eigene Kollektion namens G.O.T. Sails designt habe. Meine Idee war schon immer ein „progressives“ Segeldesgin zu machen, was bedeutet: Je nach Größe ändert sich die Charakteristik und Abstimmung eines Segelmodells.

Kannst du das genauer erklären?

Unser Wavemodell „Cheeseroll“ ist in den Größen 3,3 bis 5,3 qm ein Vier-Latten-Design, von 5,3 bis 6,3 kommt es dann als Fünf-Latter. Ich finde das sinnvoller als zwei komplette Segellinien parallel zu machen, aus denen der Kunde dann wieder wählen muss.

Ähnlich sieht es beim Modell Aria aus. In den kleinen Größen von 4,4 bis 5,6 qm bauen wir das als Freestylesegel mit vier Latten, in den Größen 5,8 und 6,3 dann als Fünf-Latter mit leicht veränderter Outline und für den Freemoveeinsatz optimiert.

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Du vermarktest das Modell Aria nicht nur als Freestyle- bzw. Freemovekonzept, sondern auch noch als Foilsegel. Wird da nicht zu viel in einen Topf geworfen?

Auf keinen Fall, denn ein gutes Freestylesegel ist auch zum Foilen perfekt. Das liegt daran, dass beide Segeltypen sehr ähnliche Designmerkmale haben. Man verzichtet weitgehend auf Loose Leech und hält das Achterliek straff. Beim Freestylen sorgt das dafür, dass man die Segel gut und neutral ducken kann. Beim Foilen hilft ein geschlossenes Achterliek, die Brettnase unten zu halten und ungewollte „Wheelies“ zu vermeiden. Außerdem müssen sowohl Freestyle- als auch Foilsegel recht weich sein, um sich schon bei wenig Wind aufzuladen und natürlich ein leichtes Handling haben. Was läge also näher, als diese beiden Einsatzbereiche in einem einzigen Segelkonzept abzubilden?

Das setzt sich auch beim Freeride- bzw. Freeracemodell Grandtour so fort, oder?

Genau. Auch hier ist die Idee, die kleineren Größen bis 7,0 qm als camberlose Freeridesegel mit sechs Latten zu designen, ab der Größe 7,4 kommt dann eine Latte hinzu und die Abstimmung ändert sich etwas mehr in Richtung Freerace. Ich denke, dass diese Art des Segeldesigns die Auswahl erleichtert. Ich versuche, nicht zu viele kleine Unterschiede zu machen, die den Endkunden am Ende nur verwirren, denn zu viel Auswahl kann auch abschrecken.

Neben deiner Segellinie gibst du auch bei Zubehör und auf dem Wing-Markt Gas. Hast du im Hintergrund weitere Leute, die dir bei den Designs helfen?

Ich habe natürlich Leute im Hintergrund, die mir helfen, vor allem beim Testen. Aber ich verzichte auf klassische Shaper und Segeldesigner, denn die romantische Vorstellung, dass ein Shaper noch mit dem Hobel im Shaperaum steht und schleift, ist heutzutage überholt. Es geht nur noch um 3-D-Dateien und die dazugehörigen Programme, am Ende spuckt die Fräse den Entwurf aus. Was ich vermeiden möchte, ist, in eine Situation zu kommen, wo mein Shaper oder Designer irgendwann seinen Hut nimmt und plötzlich ist das ganze Know-how weg. Und da ich die Erfahrung habe und ein gutes Testteam um mich herum, kann ich vieles selbst machen. Alle Fäden laufen bei mir zusammen. Die größte Bestätigung für mich ist es, wenn ein Endkunde zu mir kommt und sagt, dass er das Produkt mag. Das bedeutet mir mehr als finanzieller Erfolg. Am Ende steht mein Name auf jedem meiner Produkte. Für mich ist das eine persönliche Sache.

Infos unter www.i-99.it

„Auf den Produkten steht mein Name. Für mich ist das eine sehr persönliche Sache.“  Cesare CantagalliFoto: Hersteller
„Auf den Produkten steht mein Name. Für mich ist das eine sehr persönliche Sache.“ Cesare Cantagalli