Kultfigur“Euro Paule” Paul Effner - 85 Jahre und kein bisschen leise!

Michael Bagschik

 · 07.10.2022

Kultfigur: “Euro Paule” Paul Effner - 85 Jahre und kein bisschen leise!Foto: Michael Bagschik

“Euro Paule” Paul Effner ist 85, aber immer noch aktiver Windsurfer. Im Interview erzählt er, wie er mal ein Worldcup-Board bekam, eine Autogrammstunde abhielt und noch viel mehr Geschichten aus einem bewegten Leben.

“Mikel, ich habe dieses Jahr Westerland abgesagt. Fahre dafür zwei Wochen nach Fehmarn.“ „Wieso?“ „Wird immer schwieriger, in Westerland raus zu kommen, Kraft lässt nach. Auf Fehmarn komme ich leichter aufs Wasser.“ Telefonanruf von Euro, Anfang Januar 2022.

Alte Liebe rostet nicht. Das trifft auf jeden Fall auf die Beziehung von Paul Effner zum Windsurfen zu. Oder besser auf Euro Paule, wie ihn die Szene liebevoll nennt. Die Liebe hält länger als 40 Jahre, und das Feuer brennt noch immer.

Hmmm. Wie alt ist Euro eigentlich? Mensch, er wurde doch jetzt im Juli 85. Hammer! Paul ist ein Urgestein des Windsurfens und wird von allen nur Euro genannt. Er hat alles von Anfang an mitgemacht. Ich surfe selber ja auch schon seit über 40 Jahren, aber Euro war eigentlich schon immer da. Es gibt so viele Geschichten und Erlebnisse mit Euro, dass jetzt zum Geburtstag eigentlich mal ein guter Zeitpunkt für ein Interview über seine Lebensgeschichte wäre.

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Wir treffen uns an einem trüben Tag im Januar zum Interview, und ich merke: Euro fiebert schon dem nächsten Fehmarn-Trip im Frühjahr entgegen.

Mikel: Hi Euro, wie ist die Lage?

Euro: Alles astrein.

Erzähl doch mal, wie du damals zum Windsurfen gekommen bist.

Das war so in den Siebzigern. Ich war damals schon dem Wassersport verbunden, zunächst mit Tauchen. Dann gab es da allerdings ein kleines Problem: Als Heizungsbauer musste ich ja immer wieder auch über Kopf schweißen. Mitten beim Schweißen in einem großen Rohr machte es plötzlich pffffffft bei mir im Ohr. Da war dann eine Schweißperle durchs Trommelfell geschwirrt. Habe es dann beim Ohrenarzt behandeln lassen, das war allerdings kurz vor unserem Tauchurlaub auf Teneriffa. Bin dann wohl etwas zu früh wieder auf Tauchstation gegangen. Denn als der erste Druckausgleich anstand, blubberte die Luft gleich wieder aus dem Ohr raus. Nach einigen Tagen Pause und Langeweile am Strand sah ich dann jemanden auf einem Surfboard stehen. Bin dann gleich hin, habe mich drauf gestellt und wusste, das ist mein zukünftiger Sport! Allerdings musste ich mit einem Tretboot ans Ufer zurückgezogen werden (lacht).

Worldcup Sylt: Euro Paule trifft Robby Naish.Foto: Michael Bagschik
Worldcup Sylt: Euro Paule trifft Robby Naish.

Zwischen damals und heute gab es auch immer wieder Meetings mit den Windsurf-Heros Robby und Björn auf Sylt. Ich weiß noch, wie du 1987 beim Worldcup Sylt zu mir sagtest: Komm her, wir gehen mal zu Robby Naish. Ich dachte damals noch: Na klar, als ob wir da mal so eben hingehen können. Er war ja bereits der Hero schlechthin. Aber du hattest damals schon einen guten Draht zu ihm.

Na ja, wir hatten schon einige Begegnungen bei Hans und Trixi in der Surfhütte, oben an der Promenade in Westerland. Ich habe immer mal wieder kleinere Reparaturen für Hans gemacht und habe dann abends mit den WorldcupJungs dort gegessen. Das war ja damals das Fahrerlager und zentraler Treffpunkt für alle Cupper. Da war es immer rappeldicke voll. Spätabends gab es so manche Geschichte und manchmal auch Table Dance (lacht). Die erste Begegnung hatte ich 1984 mit Robby in Westerland auf dem Wasser, als wir beide mit Riesenlappen unterwegs waren. Robby war an diesem Tag immer im Gleiten, aber ich kam nicht so recht in Schwung. Abends habe ich dann mit ihm bei Hans und Trixi über die weitere Segelentwicklung im Windsurfen philosophiert. Später war ich beim Worldcup in der Nähe vom Hotel Miramar, als ganz plötzlich Robby um die Ecke kam, und ihm jemand einen großen Sack mit Inhalt übergab. Er hatte Geburtstag – und drin war: seine Tochter! War natürlich eine Riesenüberraschung, über die wir noch Jahre später immer wieder gesprochen und gelacht haben.

Nur keine Scheu: Euro Paule gehört beim Worldcup auf Sylt quasi zum Inventar –  und die meisten Profis kennen ihn.Foto: privat
Nur keine Scheu: Euro Paule gehört beim Worldcup auf Sylt quasi zum Inventar – und die meisten Profis kennen ihn.

Du bist ja passionierter Tomatenzüchter, und deine legendäre Grillsoße als Kostprobe an den Surfspots kennt man ja auch. So, jetzt mal nur für uns Jungspunde: Was ist eigentlich das Geheimnis deiner körperlichen Fitness?

Rohkost, Tomaten und Sex (lacht sich schlapp). Nee, eigentlich war ich in meinem Job als Installateur immer viel unterwegs und habe gern gearbeitet. In unserer Siedlung kümmere ich mich immer noch um gefühlt alle tropfenden Wasserhähne und kleinere Reparaturen. Ich habe auch weiterhin noch viele Entwicklungen und Testprojekte im Windsurfen, das hält die Birne in Schuss.

Wie kam es eigentlich zu deinem Spitznamen Euro?

Oh, das war irgendwann Anfang der Siebziger in einer Kneipe mit den Kumpels. Wir hatten schon ein paar Bierchen und dann haben wir uns bei den Mädels vorgestellt.Ich sagte spontan: Hallo, ich bin Europa. Später wurde dann kurz Euro daraus. Das war aber noch alles weit vor dem Euro, den wir heute kennen.

Dann gab es ja auch eines Tages das berühmt-berüchtigte Treffen mit Victor Fernandez und den anderen Fanatic/North-Teamridern.

Ach so, du meinst die Autogrammstunde? Ja, da war eine lange Sitzreihe mit Tischen, an denen die ganzen Worldcupper und Victor Fernandez saßen. Daneben war noch ein Plätzchen frei, und ein alter Mann muss sich ja auch mal ausruhen.

Dabei blieb es aber nicht, oder?

Die Plakate wurden dann zur Unterschrift an dem Tisch für die Fans an alle durchgereicht. Irgendwann kam dann das Plakat auch an mir vorbei. Ich habe spontan den Stift von Victor gezückt und mal eben ein paar Autogramme auf die Poster gekritzelt – und natürlich auch mit Euro signiert. Erst nach einer ganzen Weile haben die Teamrider das bemerkt und nur gegrinst. Wir hatten dabei alle viel Spaß. Das Publikum dachte wohl, ich bin der Manager (lacht). Es sollte wohl noch das eine oder andere Teamposter mit der Signatur Euro im Umlauf sein.

“Die Zuschauer hielten mich wohl für den Manager der Profis.” Paul Effner gibt Autogramme aus.Foto: Michael Bagschik
“Die Zuschauer hielten mich wohl für den Manager der Profis.” Paul Effner gibt Autogramme aus.

Wenn man mit dir zusammen losgeht, gibt es ja immer wieder etwas Kurioses von dir zu erfahren – wie etwa die Geschichte mit der Schulter. Beim Ausziehen des Neos hat dich mal jemand von uns gefragt, was das für eine Delle im Rücken ist.

Ach, da wurde ich mal angeschossen! Ich war in den Sechzigern nach Australien ausgewandert und bin eines Tages mit den Kumpels im Outback auf der Jagd gewesen. Beim Reinigen des Gewehrs hat sich dann versehentlich ein Schuss gelöst. Ich hatte erst gar nichts bemerkt. Bis mein Kumpel immer wieder schrie: Du bist getroffen! Ich hatte nur ein leichtes Ziehen in der Schulter bemerkt. Wir sind dann sofort ins Krankenhaus gefahren, aber schon in der Notaufnahme wartete die Polizei. Weil ja jede Schussverletzung sofort gemeldet werden musste. War dann auch ziemlich tricky, das Ganze zu erklären.

Du warst ja gerade in der Anfangszeit des Windsurfens immer recht kreativ beim Verbessern und Umsetzen deiner Ideen.

Ich habe mir gleich nach Erscheinen der ersten Bauanleitung im surf Magazin die erste Speedmachine gebaut. Kurz darauf dann gleich das zweite Board hinterher. 1984 habe ich dann für den ersten Kanarentrip mit dem Hifly 333 ein eigenes Boardbag geschneidert. Es gab ja noch nichts in der Richtung. Das mit dem Transport war zu der Zeit mit den Boardgrößen und Gepäck wie den einteiligen Masten ein ziemliches Abenteuer.

Beachlife in den Achzigern: Als Speedos noch Badehosen hießen und bärtige Männer nicht Hipster. Die Leidenschaft zum Windsurfen blieb aber gleich.Foto: privat
Beachlife in den Achzigern: Als Speedos noch Badehosen hießen und bärtige Männer nicht Hipster. Die Leidenschaft zum Windsurfen blieb aber gleich.

Ich erinnere mich auch noch an diese fantastische Deltafinne aus Alu.

Die war aus der Not heraus entstanden – für extremes Flachwasser. Ich habe mich an die ersten Windglider- Finnen gehalten und eine alte Finne etwas modifiziert. Weiterhin hatte ich dann eine Idee zum Vorläufer der heutigen Foils: meine Haifisch-Finne mit einem Steg drumherum. Eine weitere Verbesserung war dann meine Hosenträger-Hakenplatte, die nicht nur den Trapezhaken immer oben hält (lacht schallend).

Die weiteren Boards hast du dir dann aber später nicht mehr selbst gebaut.

Stimmt, da kamen ja auch langsam die ersten guten Serienboards von vielen Herstellern. Aber zu verbessern gab es da immer was. Ich habe dann immer mal wieder Modifikationen vorgenommen. Zum Beispiel habe ich den Hifly333 hinten abgeschnitten, um Gewicht zu optimieren. Ging aber leider nach hinten los – funktioniert eben nicht immer alles, was man sich so ausdenkt.

Bei unseren April-Mai-Sessions auf Fehmarn schläfst du immer noch in deinem Kombi. Sehr zum Leidwesen von Hanni, deiner Frau.

Am Anfang musste mein Honda Akkord herhalten mit ausgebauten Sitzen. Erst später kam dann der Kombi. Ich brauch immer so ein klein bisschen Kitzel. Damit man weiß, dass man auch noch lebt – und sich dann wieder über den Luxus eines festen Daches, einer warmen Dusche und so weiter freuen kann.

Auf der Surferwiese am Wulfener Hals auf Fehmarn kriecht Euro auch heute noch nachts zum Schlafen in seinen Kombi.Foto: Michael Bagschik
Auf der Surferwiese am Wulfener Hals auf Fehmarn kriecht Euro auch heute noch nachts zum Schlafen in seinen Kombi.

Und für die Morgenwäsche geht’s dann schon immer barfuß in die noch kalte Ostsee. Zuletzt waren wir Anfang Mai auf Fehmarn bei, sagen wir mal, sehr überschaubaren Temperaturen.

Ich mag es gern, bei Wind und Wetter draußen zu sein.Morgens schön Katzenwäsche in der noch kalten Ostsee, Ist doch herrlich! Und außerdem freue mich dann wieder umso mehr auf die Zivilisation zu Hause. Sich tagsüber mit den anderen Surfern unterhalten, am Grill sitzen und auch mal ein paar Bierchen trinken – abends nach dem Surfen selbstverständlich.

Was ist dein aktuelles Material?

Das letzte neue Board habe ich mir 2020 gekauft, ein Gecko 133. Basti vom Surfshop Fehmarn sagte mir danach: Das ist das erste neue Board, das wir an einen aktiven Windsurfer mit über 83 Jahren verkauft haben. Mein größtes Segel ist ein 7,5er, das kleinste ein 5,5er. Ach, ja, und dann habe ich ja noch den 113 Kode von Starboard, wenn es mal ganz besonders windig ist.

Hauptsache, es funktioniert – Euro hat so manche Eigenentwicklung kreiert, auch die Finne aus Alu.Foto: Michael Bagschik
Hauptsache, es funktioniert – Euro hat so manche Eigenentwicklung kreiert, auch die Finne aus Alu.

Und da ist ja auch noch das Board vom Worldcup.

Das war am Tag nach dem Worldcup, als alle Stände abgebaut wurden. Das Board gehörte zu dem Hauptsponsor und die Spedition wusste nicht, wie sie jetzt das Board ohne Schaden verpacken sollte. Ich machte dann den Vorschlag, dass ich das Board gleich mitnehme und eine Spende für die Kaffeekasse mache.

Lass mich raten – sie haben das dann auch gemacht?

Ja, genau. So kam ich dann zu einem fast nagelneuen 125er. Zwei kleine Dellen habe ich dann später allerdings noch ausgebessert.

Du gehst gern auf Menschen zu, lachst viel und verbreitest viel positive Stimmung nicht nur am Strand. Und wenn am Strand jemand ein Problem hat, bist du auch immer zu Stelle.

Na klar, was denkst du denn? Als Heizungsbauer und Schlosser habe ich ja immer eine Zange und einen Hammer dabei. Damit lassen sich doch die meisten Probleme ganz schnell lösen.

Was sind denn deine liebsten Surfreviere?

Mein Bruder Fips ist Ende der Sechziger nach Australien in die Nähe von Brisbane ausgewandert. Ich fliege jetzt alle ein, zwei Jahre für einige Zeit an den Pazifik und habe dort auch zwei Boards vor Ort. Weiterhin natürlich Fehmarn und bis letztes Jahr immer Sylt im Sommer – und im Herbst zum Worldcup. Ab und zu auch das Steinhuder Meer und der Gardasee.

Auch auf den heimischen Seen war Euro schon früh flott unterwegs.Foto: privat
Auch auf den heimischen Seen war Euro schon früh flott unterwegs.

Du warst auch immer wieder Inspirator zum Windsurfen an den Stränden. Heute würde man das wohl als Opinion Leader bezeichnen.

Ja, mein erster Surfschüler war unser damaliger Lehrling Peter. Ich habe auf der Arbeit immer wieder von diesem neuen Wassersport Windsurfen erzählt, bis er sich das dann mal angesehen hat und seither auch begeisterter Windsurfer ist – und auch ein guter. Was man von mir nicht immer sagen kann. Ich habe einfach immer nur viel Spaß auf dem Wasser. Peter habe ich das Surfen bei uns auf dem Vienenburger Baggersee beigebracht. Er ist allerdings auch schon seit einigen Jahre in Rente. Mann, Mann, wie die Zeit vergeht.

Und Anfang der Achziger wart ihr ja noch bis kurz vor Weihnachten auf dem Wasser – und habt gleich Neujahr wieder angefangen.

Das war damals schon etwas crazy. Wir sind oft bis kurz vor Weihnachten auf dem Steinhuder Meer oder dem Salzgittersee gewesen. Die Leute haben uns damals wohl für verrückt erklärt. Heute mit den modernen Anzügen ist das ja nichts Besonderes mehr. Damals war das aber noch ziemlich sportlich. Wir hatten natürlich einige Anpassungen an den Taucheranzügen vorgenommen. Insbesondere die Handschuhe waren immer ein Problem. Aber Haushaltshandschuhe und Tape haben da zumindest kurzzeitig funktioniert.

Kommen wir nochmal auf den jährlichen Worldcup Sylt zu sprechen, bei dem du seit dem ersten Event fast ohne Unterbrechung warst. Ich erinnere mich daran, dass du einmal plötzlich mit Philip Köster auf der Bühne standest.

Philip stand da schon auf der Worldcup Bühne in Westerland und hat auf den Moderator Ingo Meyer gewartet. Ich dachte dann, ich könnte Philip mal wieder kurz Hallo sagen, bevor er gleich wieder verschwindet.

Das war aber nicht alles. Du bist auf die Bühne gegangen und hast schon mal mit der Moderation begonnen. Also ein ganz normales Euro-Erlebnis.

Ja, warum denn nicht (lacht)?

Beach- und Wasserstart und Halsen gehen immer noch. Aber seit ich 80 bin, verlängere ich immer nur noch für ein Jahr.

Du sagtest früher immer, du wolltest bis 80 windsurfen. Viele haben dich damals nur belächelt. Das ist ja nun auch schon ein paar Jahre her. Und heute sind viel erstaunt, wie fit du noch immer bist. Und dass du regelmäßig zum Windsurfen fährst.

Na ja, ganz so lange wie früher geht es nicht mehr. Aber die passenden Bedingungen – so zwischen vier und sechs Beaufort – bin ich gern ein, zwei Stündchen auf dem Wasser. Beach- und Wasserstart, Halsen und so weiter gehen schon noch alles. Aber seit ich 80 bin, verlängere ich immer nur noch für ein Jahr (lacht). Und wenn‘s mal mit dem Windsurfen nicht mehr so klappt, baue ich Leuchttürme und Vogelhäuser neben der Tomatenzucht.

Deine selbst gemachten Tomaten Grillsoßen mit Schuss sind ja legendär.

Wer mal etwas probieren möchte, soll dann gern mal zum Wulfener Hals auf die Surferwiese kommen. Gebe dann gern eine Kostprobe am Grill ab (lacht).

Du bist für junge und auch erfahrene Windsurfer wirklich eine Inspiration dafür, was auch noch im weiteren Surferleben möglich ist. Vielen Dank, hang loose. Wir sehen uns auf dem Wasser.

Over und out….. Euro!