Neopren Labor- und Praxistest 2012 Neopren Labor- und Praxistest 2012 Neopren Labor- und Praxistest 2012

Neopren Labor- und Praxistest 2012

  • Stephan Gölnitz
 • Publiziert vor 9 Jahren

Glatt oder kaschiert – für manchen ist das eine Ideologie. Eiskalt und objektiv haben wir die Unterschiede auch in einer Kältekammer gemessen. Ein Menschenversuch, der hoffentlich nicht umsonst war.

Stephan Gölnitz Der extra angefertigte Spezialanzug mit einer Seite glatt und einer Seite kaschiert ermöglicht erstmals den direkten Vergleich unter Laborbedingungen. Mehr als 4 Grad Temperaturunterschied zwischen den Körperseiten empfand Crushed-Ice-Dummy Kai als deutlich unangenehm spürbar.

Hanstholm, dänische Nordsee, Mitte Oktober. Wind fürs 4,7er und zwei Meter Welle sorgen für optimaleTestbedingungen: Für die dicken Waveboards und – bei tags rund 14 Grad – für unseren einzigartigen NP-Spezial-Neoprenanzug. Der Hybrid aus 5-Millimeter-Glatthaut auf der einen und ebenso dickem, textil kaschiertem Neopren auf der anderen Seite bietet erstmalig die direkte Vergleichsmöglichkeit auf dem Wasser und an Land.

Testphase eins, der Anzug ist noch trocken – beim Aufriggen spürt man kaum einen Unterschied, die Neoprendicke ist angemessen, von Frösteln keine Spur. Phase zwei – rausdümpeln, pumpen, Adrenalinauschüttung vor der ersten großen Rampe, dann Wellen abreiten, ausgehakt, Turn an Turn. Die Pumpe fördert ordentlich Blut durch den Körper, so in Wallung ist trotz kühler Außentemperatur der Anzug perfekt – rechte wie linke Seite. Nach einer Stunde folgt Phase drei – Verschnaufpause, Affensnickers einschieben, Testeindrücke der Boards aufschreiben. Langsam beginnt die linke Pobacke zu frösteln, die Schulter wirkt klamm, unter dem linken Arm wird es seitlich am Körper etwas unbehaglich. Unter der Glatthaut dagegen bleibt es wohlig warm, sämtliches Wasser ist abgeperlt und die Oberfläche fühlt sich angenehm warm an, die kaschierte Seite dagegen greift sich spürbar kalt und klamm. Das Gleiche spürt man beim Abtasten der Haut darunter – eine Seite ist kühl, die andere "normal". Also schnell wieder aufs Wasser. Im stärkeren Wind am Ufer macht sich jetzt das einseitig etwas unbehagliche Gefühl weiter breit. Weit davon entfernt, dass es richtig kalt wäre, aber gerade so, dass es einfach etwas ungemütlicher wirkt als auf der Glatthautseite – nach der ersten Welle ist aber alles wieder im Lot. Fazit: Bei guten sechs Windstärken und 14 Grad liegt offenbar die Grenze, wo ein Glatthautanzug langsam beginnt, seine Stärken auszuspielen. Die Grenzen wissenschaftlich ausloten – dafür besuchen wir einenOrt der Extreme. 

Globetrotter-Filiale München, Anfang Oktober 24 Grad, Tester Kai wirkt im Winterneo zwischen den daunenbejackten Kunden etwas gerupft. Und dann warten auf ihn auch noch minus 15 Grad bei acht Knoten Wind in der Kältekammer.

Stephan Gölnitz In kaltem Wasser helfen nur richtig dichte Nähte und ein gut passender Anzug, in dem sich keine größeren „Reservoirs“ bilden können.

Das wird nach dem berechneten Windchill etwas kühler empfunden als etwa null Grad bei acht Beaufort. Sechs Minuten dauert die Tortour und zusätzlich – als wenn das nicht reichen würde – wird der Tester nach drei Minuten leicht mit Wasser besprüht. 33 Grad gilt als "normale" Hauttemperatur, ab 31 Grad verdoppelt sich bereits der Grundumsatz für die Energieversorgung des Körpers, ab 28 Grad ist er dreimal so hoch wie normal. Anders als bei der Zimmertemperatur machen zwei, drei Grad Differenz auf der Haut auch gefühlsmäßig einen großen Unterschied. Grund genug, sich gut zu schützen. Unser Modell heizt sich nach dem Anziehen in der Umkleide erstmal noch auf (die Temperaturkurven auf Seite 53 steigen an), dann beginnt der Cool Down in der Kältekammer. Fünfmal muss er da durch, auch mit dem 3-Millimeter-Anzug. 

Stephan Gölnitz Beim Anzug wird es durch die Nähte unter 20 Grad Wassertemperatur bereits ziemlich kühl reinrieseln.

Den zweiteiligen Anzug (Seite 49) haben wir bereits vor Testbeginn reichlich eingeweicht, um möglichst praxisnahe Werte zu bekommen, das leichte Einsprühen der übrigen Anzüge erbrachte nicht ganz den praxisrelevanten Effekt. So ging der Kandidat mit dem Experimentalanzug bereits mit kühlen 29 Grad in die Kammer, der Temperaturabfall auf der kaschierten Beinseite ist dann im Vergleich zur Glatthautseite extrem steil. Im Labor haben wir nach dem Einfluss von Materialdicke und Oberfläche gesucht. Jeder Millimeter Neoprendicke bringt nach sechs Minuten etwa ein Gradhöhere Hauttemperatur und vor allem der Abfall der Temperatur – wie steil die Kurve nach unten läuft – zeigt, dass der weitere Wärmeverlust mit jedem Millimeter ebenfalls deutlich langsamer verlaufen wird. Die beiden wärmsten Anzüge zeigten einen erfreulich langsamen Temperaturabfall und auch das Modell im Anzug fühlte sich nach sechs Minuten noch fit. Da kann der nächste Winter kommen. 

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Themen: LaborNeoprenPraxistest

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